Hillel

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Dieser Artikel befasst sich mit dem jüdischen Schriftgelehrten Hillel; zu anderen Bedeutungen siehe Hillel (Begriffsklärung).

Hillel (der Ältere oder der Alte; hebr. הלל הזקן, Hillel ha-zaqen; * um 110 v. Chr.; † um 9 n. Chr.) war einer der bedeutendsten pharisäischen Rabbiner aus der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels, Vorsteher des Sanhedrin und Gründer einer Schule zur Auslegung der Schrift, auf den sich Juden bis heute oft berufen.

Jüdische Überlieferungen zu Hillel[Bearbeiten]

Hillel galt als weitherziger, geduldiger Lehrer, der die Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit lehrte und zahlreiche Schüler hatte. Sein „Gegenspieler“ war Schammai, der die Tora in mancher Hinsicht strenger auslegte. Bis heute sind Hillels Worte in der jüdischen Überlieferung von wesentlicher Bedeutung, vor allem in der jüdischen Ethik.

Hillel lehrt die Goldene Regel, Bildfeld an der Knesset-Menora in Jerusalem

Seinen Aussagen nach lässt sich die Tora in einer „Goldenen Regel“ zusammenfassen. Die Frage nach dem „Klal“, nach dem einen Gebot, in dem die ganze Tora enthalten ist, ist eine beliebte Frage unter rabbinischen Gelehrten. Jahrzehnte vor Jesus stellte ein Nichtjude eine solche Frage an Rabbi Hillel: Wenn du mir die Lehre des Judentums vermitteln kannst, solange ich auf einem Bein stehe, werde ich konvertieren. Die Szene ist auf der großen Menora vor der Knesset in Jerusalem im Relief dargestellt.

Rabbi Hillel antwortete:[1]

„Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung; geh und lerne sie.“

Der Babylonische Talmud: Lazarus Goldschmidt

Diese Goldene Regel ist gegründet auf dem Toragebot der Nächstenliebe [2] , 3. Buch Mose 19,18, die – neben den Geboten der Liebe zu Fremden und der Feindesliebe – ziemlich in der Mitte der Tora geschrieben steht.

Hierzu gibt es zwei maßgebliche, leicht variierende Übersetzungsmöglichkeiten ins Deutsche[3]:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich (bin) der EWIGE (bzw. HERR).“

oder

„Liebe deinen Nächsten, er ist wie Du. Ich (bin) der EWIGE (bzw. HERR).“

Die Sprüche der Väter enthalten mehrere Aussagen von ihm (siehe dazu auch den Abschnitt Zitate).

Hillel der Ältere und Schammai werden im Mischnatraktat Avot als Nachfolger des Schemaja und des Abtaljon in der Traditionskette genannt. Sie sind eines der fünf „Sugot“ (Paare) in der Überlieferungsgeschichte der Tora.

Die sieben Middot[Bearbeiten]

Von Hillel sind sieben exegetische Regeln (Middot) zur Auslegung der Tora überliefert, die aber vermutlich erst später nach seinen Grundsätzen formuliert wurden. Die christliche Exegese liegt ihm recht nahe. Neben diesen Middot des Hillel gibt es auch noch die 13 Middot des Rabbi Jischmael, eines großen Gelehrten aus der Zeit Bar Kochbas (um 135), und die 32 Middot des Elieser ben Jose ha-Gelili, eines im 2. Jahrhundert wirkenden Tannaiten.

  • Vom Leichteren auf das Schwerere (hebräisch: קל וחומר , qal wachomer) = vom minder Bedeutenden auf das Bedeutendere und umgekehrt.
  • Analogieschluss (hebräisch: גזרה שווה , gserah schawa, Gleiche Verordnung – gleiche Satzung.)
  • Verallgemeinerung besonderer Gesetze (hebräisch: בנין אב מכתוב אחד, binjan ab [ab = bet ab] mi-katub echad, Gründung einer Familie von einem Wort), „von einer einzigen Bibelstelle aus“: Unterordnung von Schriftstellen unter eine bestimmte, die richtige Erklärung bietende Stelle.
  • Obiges auf Basis zweier Stellen in der Thora (hebräisch: ובנין אב משני כתובים, binjan ab mi-schne ketubim, Gründung einer Familie von zwei Wörtern), Verallgemeinerung auf Grund doppelten Vorkommens, Sonderfall von 3.
  • Allgemeines und Besonderes (hebräisch: כלל ופרט ופרט וכלל, kelal u-ferat u-ferat u-kelal, Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere und umgekehrt), die 13 Middot des Jischmael machen daraus acht Regeln: Regel 4-11.
  • Quasi-Analogieschluss, (hebräisch: וכיוצא בו במקום אחר , kejotse bo be-maqom acher, Ähnliches an einer anderen Stelle.)
  • Schluss aus dem Kontext (hebräisch: דבר הלמד מעניינו dabar ha-lamed me-injano, Zusammenhänge der Situation); obwohl diese Schlussregel allgemein Zustimmung findet, kann sie zu fragwürdigen Schlüssen führen, indem sie formal nebeneinander Stehendes auch inhaltlich klammert.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Abermals ereignete es sich, daß ein Nichtjude vor Schammaj trat und zu ihm sprach: mache mich zum Proselyten unter der Bedingung, daß du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Fuße stehe. Da stieß er ihn fort mit der Elle. die er in der hand hatte. darauf kam er zu Hillel und dieser machte ihn zum Proselyten und sprach zu ihm: Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung; geh und lerne sie.“ (Der Babylonische Talmud. Band I. S. 522; Shabbath II,v; Fol. 31a, 12-15).
  2. "(..) Ich bin noch nicht mal sicher, ob bei diesem Kirchentag die allermeisten Menschen wissen, dass dieser wunderschöne christliche Satz "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" aus dem Judentum kommt. Und zwar Wort für Wort. In einer modernen Sprache würde man sagen, es ist ein Plagiat (lachen, Applaus) (..)" Dr. Dieter Graumann: da wird auch dein Herz sein. In: Wolfgang Fietkau und Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland. Deutschlandradio 05 06 2011. Abgerufen am 13. Juni 2012.
  3. [1], Andreas Schüle, kamoka - der Nächste, der ist wie Du. Zur Philologie des Liebesgebots von Lev 19, 18.34: KUSATU 2/2001, S. 97-129.