Humanistische Bewegung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Humanistische Bewegung (HB) ist eine international tätige Weltanschauungsgemeinschaft, die auf Grundlage des sogenannten Neuen Humanismus, einer von ihr selbst entwickelten philosophisch-ideologischen Weltanschauung mit nur geringer Ähnlichkeit zum historischen Humanismus, verschiedene Projekte betreibt. Dadurch versucht sie, die Rahmenbedingungen zu einer von ihr angestrebten gesellschaftlichen und persönlichen Veränderung zu schaffen.

Die aus der Gegenkultur der 1960er Jahre in Argentinien hervorgegangene Bewegung wird wegen verschiedener spiritueller Elemente in der Ideologie zum Teil als neureligiös bezeichnet und ist in einigen Staaten, insbesondere in Frankreich, wo sie 1995 von einem Bericht der Nationalversammlung als „sektäre Bewegung“ und „alternative Gruppe“ eingestuft wurde,[1] umstritten. Doch ist die Lehre der HB laut eigener Darstellung durchaus mit anderen Religionen vereinbar.

Da die Bewegung auf Ideen des argentinischen Schriftstellers Mario Rodríguez Cobos, bekannt unter seinem Künstlernamen Silo, zurückgeht, wird die von ihr vertretene Weltanschauung auch als Siloismus bezeichnet, ihre Anhänger werden Siloisten genannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Entstanden ist die Humanistische Bewegung zwischen den Jahren 1965 und 1969 in Argentinien, motiviert durch die Schriften des argentinischen Schriftstellers Mario Rodríguez Cobos, Spitzname „Silo“. Offiziell gilt als Gründungsdatum der 4. Mai 1969, der Tag, an dem Silo in den Anden eine Rede mit dem Titel Die Heilung vom Leiden (span. orig.: La Curación del Sufrimiento) gehalten hat. Darin stellt er die These auf, dass die Menschheit mittels des wissenschaftlichen Fortschritts zwar das bestehende körperliche Leid bekämpfen könne, aber dass das seelische Leid nur durch die Überwindung des primitiven Verlangens, der Ursache der verschiedenen Formen der Gewalt, zu lindern sei. Außerdem fordert er die Zuhörerschaft zum Handeln auf.

Seit den 80er Jahren ist die Humanistische Bewegung auch weltweit aktiv. In Deutschland stieß sie nach anfänglichen Erfolgen auf starke Widerstände, besonders aus dem linken politischen Spektrum. Die Kritiker warfen der HB vor, politische Inhalte lediglich als Lockmittel zu benutzen.

2001 hat sich Silo aus der Humanistischen Bewegung zurückgezogen und widmete sich bis zu seinem Tod 2010 der Verbreitung der sogenannten „Botschaft“, einem spirituellen Lehrtext, bestehend aus Glaubensvorstellungen, Zeremonien und Anleitungen.

Philosophische Grundlagen[Bearbeiten]

Die Ideologie der Humanistischen Bewegung, der sogenannte Neue Humanismus, basiert vor allem auf den Ideen Silos sowie in geringerem Maße von anderen Schriftstellern, unter denen besonders der ebenfalls aus Argentinien stammende Luis Alberto Ammann mit seinen Untersuchungen zum Thema Selbstbefreiung zu nennen ist.

Silo wurde in seinem Werk vor allem von Herbert Marcuse, Wilhelm Reich, Erich Fromm und den New-Age-Ideen Georges I. Gurdjieffs beeinflusst, daneben von libertären und anarchistischen Elementen, die in Argentinien besonders Anfang des 20. Jahrhunderts eine große Bedeutung durch die Einwanderung aus Europa erlangt hatten.

Von Marcuse stammt eine der wichtigsten Grundlagen der neu-humanistischen Ideologie: Ein gesellschaftlicher Wandel sei nur dann zu erreichen, wenn er mit einem psychologischen Wandel des Individuums einher gehe. Vom selben Autor übernahm Silo Einstellungen zum Thema Glück sowie zur Systemkritik, die dieser sowohl am Kapitalismus als auch am Kommunismus übt: Beide ließen dem Menschen keine wirkliche Freiheit, sondern schränkten sie auf verschiedene Weise ein.

Fromm und Reich beeinflussten Silos Vorstellungen insbesondere in Hinblick auf den Begriff der Gewalt und des Leidens. Reich stellte die These auf, dass persönliches Leid meist eine Antwort auf die Unterdrückung sexueller Instinkte ist, während Fromm diese These auf eine Unterdrückung des Individuums durch alle Arten der Gewalt erweitert. Der New-Age-Schriftsteller Gurdjieff betont dagegen die Wichtigkeit einer bewussten Erfahrung des Lebens, um dieses wirklich genießen zu können.

Silo synthetisierte diese Thesen und verband sie mit der Einstellung von Marcuse in Hinblick auf gesellschaftlichen Wandel. Um diesen zu erreichen, soll der von Silo als notwendig geforderte psychologische Wandel im Individuum darin bestehen, das persönliche Leid zu bekämpfen. Dazu sollen die Ursachen in der Unterdrückung in der Vergangenheit gesucht, durch meditative Übungen überwunden und damit das Selbstbewusstsein gestärkt werden.[2] Aber noch mehr als in der Vergangenheit wurzelt das Leiden gemäß Silo in der Sinn-Leere, welche viele Menschen empfinden. In zahlreichen Schriften betont Silo deshalb die Notwendigkeit, dem Leben einen Sinn zu geben, und lädt seine Anhänger ein, Gewalt und Leiden in sich und in ihrer gesellschaftlichen Umgebung zu überwinden, was er in seinem Aufruf Die Erde menschlich machen zusammenfasst.

Organisation[Bearbeiten]

Die Humanistische Bewegung ist in Deutschland ein eingetragener Verein und unterscheidet zwischen aktiven Mitgliedern und Anhängern. Die Basis der Struktur der Humanistischen Bewegung besteht aus Teams von bis zu zehn Personen. Teams sind zu sogenannten Räten gruppiert. Die Räte agieren weitgehend unabhängig voneinander und koordinieren sich über die Ratsversammlung.

Die Grundaktivitäten der Teams umfassen wöchentliche Teamtreffen und andere soziale Aktivitäten, wie sozial-politische Kampagnen in den jeweiligen Stadtvierteln, basierend auf den lokalen Gegebenheiten und Konflikten.

Mitgliederbasis[Bearbeiten]

Laut eigener Darstellung hat die Bewegung weltweit etwa zwei Millionen Anhänger (als Stand wird 2005 angegeben). Laut von gruppenfremden Quellen herausgegebenen Schätzungen ist die wirkliche Mitgliederzahl weit geringer. So schätzte etwa die Evangelische Informationsstelle für neureligiöse Bewegungen im Jahr 1998 die Zahl auf weltweit etwa 30.000 bis 50.000.[3]

Interne Organisationsstruktur[Bearbeiten]

Bei der Gestaltung der internen Organisationsstruktur war es Ziel der Organisation, dass jedes aktive Mitglied für die von ihm angeworbenen Personen verantwortlich ist. Laut Kritikern soll die Energie auf die Bekanntmachung der Bewegung nach außen aufgewendet werden, was dann gemäß dieser Kritiker durch einen „Aufstieg in der Struktur“ belohnt werde. Die Exponenten der Humanistischen Bewegung betrachten die interne Organisationsstruktur in Ebenen allerdings als einfache „Beteiligungsebenen“, innerhalb derer sich Mitglieder mit einer ähnlichen organisatorischen Erfahrung treffen und austauschen.

So kann jeder, der mit einem kompletten Team von zehn Personen arbeitet, „Teamdelegierter“ werden, während ein Teamdelegierter, sofern er bereits zehn weitere Teamdelegierte in seinem Team aufweist, wiederum eine Ebene nach oben rückt und Generaldelegierter wird, usw.[4] Alle Mitglieder haben also im Prinzip dieselben Aufstiegschancen, dennoch handelt es sich um eine prinzipiell nicht von traditionellen Hierarchien abweichende Struktur, mit der Ausnahme, dass die „Aufgestiegenen“ jederzeit durch einfaches Mehr des Rates, dem sie vorstehen, abgewählt werden können. Weibliche Mitglieder können bereits bei sieben Personen in der untergeordneten Gruppe eine Stufe nach oben rücken. Dies wurde laut der Bewegung eingeführt, um die Frauenquote auf den höheren Ebenen zu erhöhen.

Die Hierarchie ist in Räten gegliedert, in denen sich die entsprechenden Stufen von Gruppenmitgliedern versammeln und die Strategien der Bewegung in ihrem jeweiligen Aktionsraum planen:

  • Rat der Generalkoordinierer
  • Räte der Koordinierer
  • Räte der Generaldelegierten
  • Räte der Teamdelegierten (Gruppen- oder Teamleiter)
  • Räte der Gruppendelegierten (einfache Mitglieder)

Der Rat der Generalkoordinierer ist das oberste Gremium der Bewegung und wird von den Mitgliedern selbst als „Versammlung der Generalkoordinierer“ bezeichnet und legt Grundsatzfragen fest. Bis 2001 stand ihr Silo selbst vor. Seit seinem Rückzug wird alle zwei Jahre ein Delegierter Generalkoordinierer gewählt, der aber keine Machtposition, sondern nur organisatorische Aufgaben hat.

Jede der vier unteren Hierarchieebenen erhält 25 % der Mitgliedsbeiträge der Basismitglieder.[5]

Finanzen[Bearbeiten]

Die Mitglieder der Humanistischen Bewegung entrichten halbjährlich einen Mitgliedsbeitrag, der von der Ratsversammlung je nach Durchschnittseinkommen in einem Land festgelegt wird. Er beträgt in Deutschland rund 90 €, in der Schweiz rund 100 €. In ärmeren Ländern ist der Beitrag viel niedriger, so beträgt er zum Beispiel in Sierra Leone weniger als 1 €. Das Geld wird für die laufenden Kosten der Organisation verwendet, wobei jedes Team eigenständig über die Verwendung entscheidet.

Projekte[Bearbeiten]

Die Humanistische Bewegung unternimmt verschiedene kulturelle, soziale und politische Aktivitäten, die teilweise für Außenstehende nicht sofort als Projekte der HB zu erkennen sind. In mehreren Ländern versuchte sie sich als Grüne Bewegung oder Partei zu profilieren, was von authentischen Vertretern der Grünen Parteien scharf kritisiert wurde. Heute

  • betreibt sie Nachbarschaftszentren,
  • koordiniert finanzielle Unterstützungsprojekte für Menschen in der Dritten Welt,
  • betreibt Bürgerrechtskampagnen,
  • beteiligt sich in unterschiedlicher Form an Wahlen,
  • organisiert lokale, nationale und regionale Foren,
  • lanciert weltweite Kampagnen, in denen Forderungen der Gewaltfreiheit vorgebracht werden.

Humanistische Partei[Bearbeiten]

Das Logo der Humanistischen Partei

1984 gründeten Mitglieder der Humanistischen Bewegung die Humanistische Partei (HP), welche seitdem unregelmäßig zu Wahlen antritt. Das Wahlprogramm ist im politischen Spektrum links einzuordnen, mit anarchistischen, sozialistischen und libertären Ansätzen. Verschiedene Humanistische Parteien schlossen sich 1989 in Florenz zur Humanistischen Internationalen zusammen.

AfroAid[Bearbeiten]

Das humanistische Projekt AfroAid aus der Schweiz unterstützt Menschen in verschiedenen Ländern Afrikas (Kamerun, Liberia, Ghana, Benin, Kenia, Sierra Leone, Guinea) in Sachen Bildung und Gesundheit vor Ort und organisiert in der Schweiz Informationsstände und Spendenparties.

Zentrum der Kulturen[Bearbeiten]

Das humanistische Zentrum der Kulturen fördert durch Diskussionsabende und Veranstaltungen den Dialog unter den Kulturen und setzt sich gegen Diskriminierung der Flüchtlinge und Migranten ein.

Negative Kritik[Bearbeiten]

Die Humanistische Bewegung ist in einigen Medien zum Teil scharfer und polemischer Kritik ausgesetzt. So wurde sie des Öfteren mit negativ wertenden Begriffen wie „Sekte“ oder Psychogruppe bedacht und von der Enquete-Kommission der französischen Nationalversammlung als „sektäre Bewegung“ eingestuft.

Größeres Aufsehen erregte zu Beginn der 1990er Jahre eine im Rahmen eines „Sektenberatungsprogrammes“ an der FU Berlin herausgegebene Broschüre einer Religionswissenschafts-Studentengruppe mit dem Namen Führerkult als Parteiprogramm, in der die Bewegung als faschistisch bezeichnet wird und Zusammenarbeit mit Rechtsradikalen behauptet wird. Obwohl die Broschüre wissenschaftlichen Maßstäben nicht genügt, wurde sie im Laufe des Jahrzehnts im deutschen Sprachraum immer wieder in verschiedenen, meist kleineren Medien zitiert[6] und hatte nach eigener Darstellung Anteil am geringen Wachstum und dem schlechten Image der Bewegung in Berlin.[7]

Stellung Silos und Hierarchie der Organisation[Bearbeiten]

Besonders in der Anfangszeit der Bewegung hatte der Gründer Silo einen nahezu uneingeschränkten Einfluss auf die Bewegung. Noch heute stammt von ihm ein Großteil der Literatur, die in den Gruppentreffen verwendet wird; vorgeworfen wird des Öfteren eine unreflektierte Darstellung derselben durch die Gruppenleiter.[3] Ebenfalls sei die Organisationsstruktur relativ hierarchisch und habe nur wenige wirklich demokratische Elemente. Dies kollidiere nach Meinung von Kritikern mit den basisdemokratischen Idealen der Bewegung[3] und war auch einer der Hauptgründe für die Einstufung als „sektäre Bewegung“ durch die französische Enquete-Kommission.

Dagegen hält die Bewegung selbst, dass die einzelnen Gruppen und Räte fast vollständig autonom in ihren Aktionen sind, von den oberen Hierarchiestufen also nur wenige Grundsatzentscheidungen ausgehen. So heißt es auf der Homepage der Bewegung in Deutschland: „Wir wählen keine Führer! Wir glauben an die Demokratie der Arbeit. Jeder, der einen Basisrat mit mindestens 10 Mitgliedern aufbaut, orientiert diesen Basisrat als Teamdelegierte(r). Dieser ursprüngliche Basisrat wächst, wenn seine Mitglieder weitere solche Basisräte aufbauen. Jede Person orientiert das, was sie aufgebaut hat.“[8]

Machtmissbrauch und Ausnutzung von psychisch Schwachen[Bearbeiten]

Es kommt immer wieder zu Austritten einzelner enttäuschter Mitglieder, die Fehlverhalten von Seiten ihrer Teamleiter beklagen. Dazu gehöre insbesondere, dass einige der Teamleiter, um schnell neue Mitglieder anzuwerben und so in der Organisationsstruktur aufsteigen zu können, angeblich fragwürdige Techniken anwenden. So sollen von einigen Mitgliedern psychisch labile Personen ausgenutzt worden sein, die sich in persönlichen Krisensituationen befanden und daher als „leichte Beute“ für die Anwerbung galten.[9] Der Grund für derartige Fälle von Fehlverhalten kann einerseits in der Vorgabe, möglichst viele Mitglieder anzuwerben, andererseits in der hohen Autonomie der einzelnen Gruppen gesehen werden, die eine Kontrolle erschwert. Die Humanistische Bewegung stellt dem Vorwurf entgegen, dass in der Struktur der Organisation bei Fehlverhalten eines höherrangigen Mitglieds Möglichkeiten zur Abwahl von der Funktion durch die untergebene Gruppe gegeben sind.[10]

Gegner der Organisation behaupten, es handele sich dabei nicht um vereinzelte Fälle von Fehlverhalten, sondern um eine systematische Politik der Humanistischen Bewegung, um mehr zahlende Mitglieder zu erhalten.

Systemfeindlichkeit und schädlicher Einfluss auf die Gesellschaft[Bearbeiten]

Einer der ersten und gleichzeitig einer der gravierendsten Kritikpunkte, die an der Bewegung geäußert wurde, war der, dass sie einen schädlichen Einfluss auf die Jugend und damit auf die Gesellschaft ausübe. Dies ist vor allem im Kontext mit der grundlegenden Systemkritik sowohl am Kapitalismus als auch am Kommunismus, die von ihr vorgebracht wird, zu sehen. Silo selbst nannte schon in seiner bekannten Ansprache in Mendoza als sein Ziel die „totale Revolution“, die nicht nur die äußeren gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch die Psyche des Menschen erfassen solle.

Eine Untersuchung von Patrick Barr-Melej von der Iowa State University über den Einfluss des Siloismus in Chile in den 1960er und 1970er Jahren kam zum Ergebnis, dass die Organisation sowohl vom politisch linken wie auch vom rechten Lager als Gefahr angesehen wurde. Der linken Regierung unter Salvador Allende waren die Beziehung zur Hippie-Bewegung sowie die antikommunistischen Tendenzen (s.o.) suspekt, während das rechte Lager Parallelen zum Sozialismus erkannte und auch die äußerst liberale Haltung zum Thema Sexualität ablehnte. Somit kommt Barr-Melej zu dem Ergebnis, dass dieser Punkt vor allem aus Interessenkonflikten mit den jeweils herrschenden politischen Ideologien herrührt.[2] Exemplarisch nennt Barr-Melej einen Artikel in der Zeitung El Siglo, dem Presseorgan der Kommunistischen Partei Chiles, zur siloistischen Organisation Poder Jóven aus dem Jahr 1971, dessen Grundhaltung bis heute in der Gegnerschaft der Humanistischen Bewegung weit verbreitet ist:

„Hinter Silo stehen sinistere Absichten. Es werden nicht nur Hippie-Rituale ausgenutzt und demente Kriminelle wie Charles Manson nachgeahmt. Silo will die Jugend zerstören und von jeder Sorge ablenken, sie vom Kampf und dem Kompromiss mit dem Volk entfernen. Die Bewegung ist im Viertel der Oberschicht entstanden und ihr Ideologe ist ein Faschist mit psychischen Deformationen. Das Gefährliche ist, dass sich das von Silo Gepredigte ausgebreitet hat. Es hat die Universitäten und Arbeiterviertel erreicht. Das Beste wäre, wenn die Jugend selbst sich organisierte, um seine Verfehlungen auseinanderzunehmen.[11]

El Siglo

Ein wesentlicher Faktor für die harsche Kritik am Siloismus war die sehr liberale Einstellung zur Sexualität, was den Siloisten die Feindschaft aus allen politischen Lagern des katholischen Chiles einbrachte. Gerüchte wurden verbreitet, nach denen Silo seine Anhänger zur sexuellen Experimentation und zum Drogenkonsum animiert haben soll, und dieses Gerücht brachte der Bewegung ebenfalls 1971 in Chile die Verhaftung von fünf Mitgliedern ein, denen vorgeworfen wurde, Jugendliche zu „entführen“ oder zu „verführen“. Der Oberste Gerichtshof sprach jedoch alle Mitglieder frei, da sich keiner der Vorwürfe bestätigte.[12] Einige chilenische Anhänger wurden später, während der chilenischen Militärdiktatur Augusto Pinochets, in Konzentrationslagern inhaftiert.

Ineffizienz der Aktionen[Bearbeiten]

Andere Kritiker sind der Ansicht, dass die Bewegung von ihren selbstgesteckten Zielen bisher trotz ihrer aufwendigen Projekte kaum etwas erreicht habe, da die Organisationsstruktur allein bereits die finanziellen Mittel sowie den Arbeitsaufwand übermäßig belasteten. Zudem werde in einigen Fällen zu viel Zeit mit Grundsatzdiskussionen und den spirituellen Übungen aufgewendet, anstatt die Energie in konkrete Projekte zu stecken.[10] Dem hält die Bewegung entgegen, dass zum Erreichen eines gesellschaftlichen Wandels die Bewegung zunächst einmal bekannt gemacht werden müsse, was die Organisationsstruktur rechtfertige.[3]

Sonstiges[Bearbeiten]

Laut einer Untersuchung der Evangelischen Informationsstelle der Schweiz zum Thema Neue Religiöse Bewegungen versteht sich die Bewegung als areligiös und atheistisch, mit der Begründung, die Existenz eines Gottes stehe ihren antiautoritären und antihierarchischen Zielen entgegen; zudem seien insbesondere kirchliche Organisationen Teil des von der Bewegung abgelehnten Systems.[3] Dies wird allerdings von Exponenten der Bewegung dementiert und dagegen betont, die Mitgliedschaft in der Bewegung stehe nicht in Konflikt mit einer wie auch immer gearteten Religionszugehörigkeit. In Silos Schriften selbst finden sich allerdings weder antikirchliche, areligiöse noch atheistische Aussagen, vielmehr lässt er die Frage Gottes offen und weist lediglich darauf hin, Gott sei etwas Ungewisses und man dürfe nicht a priori von der Existenz eines Gottes ausgehen, um den Menschen zu erklären, sondern müsse dazu vielmehr vom konkreten menschlichen Dasein ausgehen.

Positive Außenansichten[Bearbeiten]

Es gibt Denker, Politiker und Institutionen, welche der Humanistischen Bewegung und dem von Silo begründeten Neuen Humanismus positiv gegenüberstehen. Als Beispiele seien erwähnt:

Zur Humanistischen Bewegung[Bearbeiten]

  • Michail Gorbatschow schreibt in seinem Artikel Humanismus und Neues Denken: „Das Wichtigste ist, daß die Humanistische Bewegung und das Neue Denken – über bestimmte Unterschiede hinsichtlich zweitrangiger Fragen hinaus – im Wesentlichen zu übereinstimmenden Schlußfolgerungen gekommen sind: Der realistische und notwendige Weg in die Zukunft muß den Menschen als zentralen Bezugspunkt haben, als Hauptziel der sozialen Entwicklung an sich. Genau darin, glaube ich, drückt sich die Notwendigkeit der Entstehung dieser beiden Phänomene aus; und nicht nur ihrer Entstehung, sondern auch ihrer zunehmenden Annäherung, da die Humanistische Bewegung und die Stiftung für sozioökonomische und politische Studien bereits seit 1992 ihre erste Kontakte anfingen, die dann durch aktive Zusammenarbeit gediehen sind. Eine Zusammenarbeit, die – davon bin ich überzeugt – sich im Namen der gemeinsamen Suche nach Entwicklungswegen für die weltweite menschliche Gemeinschaft fruchtbar entfalten wird.“[13]
  • In einem Brief an die Humanistische Internationale vom 18. November 1992 schreibt Gorbatschow: „Es sollte sich um einen Übergang zu einer neuen Zivilisation vom Menschen und für den Menschen handeln. (...) Ich bin überzeugt, dass die Humanistische Internationale – da sie eine Organisation einer neuen Art ist – grundsätzlich in der Lage ist, zur Bildung einer solchen Zivilisation einen wirklichen Beitrag zu leisten".[14]
  • Evo Morales schreibt im Vorwort zum Buch des Humanisten und Chilenischen Präsidentschaftskandidaten Tomas Hirsch, Das Ende der Vorgeschichte: „[…] zum Schluss möchte ich Tomas zu seiner Initiative gratulieren, zu seinem Willen und seiner Verpflichtung mit dem Humanistischen Denken und seinem Beitrag zur Befreiung der Völker Lateinamerikas".[15]

Zu Silo[Bearbeiten]

  • Würdigung durch Volodia Teitelboim, früherer Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles, am 14. Mai 1994, anlässlich der Präsentation der Briefe an meine Freunde. Hier exemplarisch ein Auszug: „Seine Bücher – die allerdings mehrere sind – schließen eine Alternative zum Gespräch mit ein. In der letzten Zeit hat er einen guten Teil seiner Zeit dafür verwendet, Briefe an seine Freunde zu schreiben. Das macht er nicht, um persönliche oder familiäre Nachrichten zu übermitteln oder zu erfahren, sondern mit dem Zweck, sein Denken bezüglich der Probleme, die die heutige Menschheit beunruhigen, zu erläutern. Das bedeutet, daß er sich als Politphilosoph verhält. Er formuliert seine eigene Theorie über die Gesellschaft und ergänzt sie mit praktischen Vorschlägen, die von der lokalen bis zur weltweiten Ebene reichen. Er ist darüber besorgt, daß der Planet einer kleinen Minderheit gehört und diese von Tag zu Tag das letzte Wort hat, indem sie sich die Technologie des Jahrs 2000 zunutze macht. Er gehört weder zu den Unabhängigen noch zu den Neutralen. Er ist kein einsamer Denker, er folgt nicht dem Beispiel Montaignes. […] Diese zehn Briefe bilden kein Phantasie-Buch. Sie stellen eine Gesamtheit konkreter Untersuchungen dar, aus denen politische Vorschläge gewonnen werden. In diesen Zeiten, die durch die Abwesenheit handlungsausgerichteter Ideen und durch den Pragmatismus, der alles zur Banalität werden läßt, herabgesetzt sind, sind die Menschen, die sich der Aufgabe gewidmet haben, tief nachzudenken und eine scharfe Kritik an der gegenwärtige Ordnung bzw. Unordnung zu formulieren, und im Wesentlichen ihre Umwandlung vorschlagen, mehr denn je notwendig. Silo fürchtet sich auch nicht vor dem Wort ‚Revolution‘. Er erklärt, daß sein Interesse darin liegt, zum Kern der Probleme vorzudringen. Haargenau und in allen Details seziert er sogar die monströsen Erscheinungen des Umfeldes, in dem wir zappeln. Er nimmt Phänomene und Situationen, die vom menschlichen Standpunkt her anormal sind, unter die Lupe. Dieses Briefbündel ist in einer einfachen Sprache und mit einem natürlichen, umgangssprachlichen Stil geschrieben, weil man auf diese Art mehr Leute erreicht. […] Zu dieser Aufklärung möchte der Mann beitragen, der die Anden überquert hat, um uns sein Denken darzulegen. Hören wir ihm aufmerksam zu. Er bringt eine treffende Botschaft: seine humanistische Sprache.“[16]
  • Michail Gorbatschow schreibt im Vorwort zum Buch Historische Interpretationen des Humanismus von S.Puledda: „Da aber eine Aufzählung der gegenwärtigen Schwierigkeiten allzu umständlich wäre, erlaube ich mir, auf die Briefe an meine Freunde von Silo zu verweisen, in denen er all diese Probleme sehr ausführlich behandelt, und zwar gerade vom Standpunkt des echten Humanismus aus betrachtet.“

Literatur[Bearbeiten]

  • Patrick Barr-Melej: Siloísmo and the Self in Allende's Chile: Youth, "Total Revolution," and the Roots of the Humanist Movement. In: Hispanic American Historical Review, Nr. 86, 2006; S. 747-784
  • Salvatore Puledda: Interpretazioni dell’Umanesimo, Multimage, Florenz 2005, ISBN 88-86762-13-5

Referenzen[Bearbeiten]

  1. Offizieller Bericht zur Untersuchung der französischen Nationalversammlung 1995 (französisch)
  2. a b Patrick Barr-Melej: Siloísmo and the Self in Allende’s Chile: Youth, “Total Revolution,” and the Roots of the Humanist Movement, S. 755 ff.
  3. a b c d e Kritische Analyse der Bewegung bei relinfo.ch
  4. Beschreibung der Organisationsstruktur (englisch)
  5. The Other Humanists, Einladung zum Dialog zwischen traditionellen und siloistischen Humanisten
  6. Beispiele: Junge Welt vom 3. November 2000 [1] (RTF; 6 kB), Wiener Wochenzeitung Akin vom 13. Oktober 1994 [2] und Berliner Mieter-Echo Jan/Feb 2001 [3]
  7. AGPF-Broschüre, siehe Einleitung
  8. Eigendarstellung (Version vom 29. Oktober 2009 im Internet Archive) der Humanistischen Bewegung Deutschlands
  9. Humanoidex – Seite, auf der Einzelfälle von enttäuschten Aussteigern aus der Bewegung dargestellt sind (spanisch)
  10. a b Wiener Wochenzeitung Akin vom 13. Oktober 1994
  11. Artikel in El Siglo (Santiago), 7. Oktober 1971. Originalzitat auf Spanisch: “Detrás de Silo hay intenciones siniestras. No se trata sólo de explorar ritos hippies, de imitar a dementes criminales como Charles Manson. Silo pretende destruir a la juventud, apartarla de cualquier preocupación válida, alejarla de la lucha y el compromiso con el pueblo. El movimiento nació en el Barrio Alto y su ideólogo es un fascista con deformaciones siquiátricas. Lo peligroso es que la prédica de Silo se ha extendido. Ha penetrado a los liceos hasta en los barrios populares…Lo mejor sería que los propios jóvenes se organizaran para desarmar sus falacias.”
  12. Barr-Melej, S. 765 f.
  13. Michail Gorbatschow: Humanismus und Neues Denken (PDF; 55 kB)
  14. Brief von Michail Gorbatschow an die Teilnehmer der vorbereitenden Konferenz zur II. Humanistischen Internationale, Moskau
  15. Tomas Hirsch: El Fin de la Prehistoria. 2007, Tabla Rasa, ISBN 978-84-96320-27-7.
  16. Ansprachen von Volodia Teitelboim und Silo, Chile, 1994 (PDF)

Weblinks[Bearbeiten]