Japanisch-Ryūkyū

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Japanisch-Ryūkyū (jap. 日本語族, nihongozoku, dt. „japanische Sprachfamilie“) ist eine kleine Sprachfamilie, deren Sprachen auf den japanischen Inseln gesprochen werden. Sie umfasst das moderne Japanisch mit seinen regionalen Dialekten (insgesamt 125 Mio. Sprecher) und die fünf Ryūkyū-Sprachen oder -Dialektcluster, die auf den Ryukyu-Inseln – vor allem Okinawa – von etwa einer Million Menschen gesprochen werden. Bisweilen wird die Japanisch-Ryūkyū-Familie auch als japanische Sprachfamilie oder – in Anlehnung an den englischen Begriff Japonic languages – als japonische Sprachfamilie bezeichnet.

Japanisch und die Ryūkyū-Sprachen[Bearbeiten]

Einige Linguisten machen zwischen Japanisch und Japanisch-Ryūkyū keinen Unterschied und sprechen nur von der japanischen Sprache, die Ryūkyū-Sprachen werden dann als abweichende „Dialekte“ des Japanischen betrachtet. Allerdings ist eine wechselseitige Verständigung zwischen dem eigentlichen Japanisch und den Ryūkyū-Sprachen in der Regel nicht möglich.

Durch die geographischen Gegebenheiten haben sich in Japan viele regionale Dialekte erhalten: Neben der Aufteilung in vier große und einige tausend kleine Inseln hat das Land nur wenige große fruchtbare Ebenen, 80 % der Landesfläche sind Gebirge, die natürliche Grenzen für die Sprachräume bilden. Das verbindende Band war die Küstenschifffahrt. Gleiches gilt für die Ryūkyū-Sprachen, die auf einem langgezogenen Archipel mit vielen kleinen Inseln mit ihren Sprechergemeinschaften in Einzeldialekte aufgespalten sind. Eine genaue Trennung zwischen Japanisch und den Ryūkyū-Sprachen ist heute kaum noch möglich, da sich die Dialekte der Ryūkyū-Inseln dem modernen Japanisch umso mehr angleichen, je näher sie geographisch bei den Hauptinseln liegen. In Richtung Süden nimmt dagegen der Umfang der Ryūkyū-spezifischen Elemente zu.

Die Zahl der Ryūkyū-Bewohner, die nur noch Standardjapanisch sprechen, nimmt ständig zu, so dass die Ryūkyū-Sprachen in ihrer Sprecherzahl (heute noch etwa eine Million) entsprechend zurückgehen. Für die größte Ryūkyū-Sprache Okinawa gilt: erwachsene Sprecher sind in der Regel zweisprachig Okinawa-japanisch, die Altersgruppe zwischen 20 und 50 versteht Okinawa, benutzt aber generell – auch zu Hause – Japanisch. Die Unter-20-Jährigen sind einsprachig japanisch aufgewachsen. Monolinguale Okinawa-Sprecher gibt es auch in der ältesten Sprechergruppe kaum noch. Damit ist selbst diese Ryūkyū-Sprache (diejenige mit den meisten Sprechern) in ihrem Fortbestand gefährdet; dies gilt umso mehr für die kleineren Sprachen dieser Gruppe.

Die Gliederung der Sprachfamilie[Bearbeiten]

Nach der Darstellung der meisten Forscher umfasst die Japanisch-Ryūkyū-Familie folgende Sprachen und Dialekte:

  • Japanisch-Ryūkyū   (5 Sprachen bzw. Dialektcluster mit 126 Mio Sprecher)
    • Japanisch
      • Japanisch (125 Mio. Sprecher)
    • Ryūkyū (etwa 1 Mio. Sprecher)
      • Okinawa-Amami (etwa 900 Tsd. Sprecher)
        • Amami, Dialekte: Amami-Oshima, Kikai, Toku-no-shima
        • Okinawa, Dialekte: Shuri, Kunigami, Oki-no-erabu, Yoron
      • Sakishima (etwa 100 Tsd. Sprecher)
        • Miyako-Yaeyama, Dialekte: Miyako, Yaeyama (möglicherweise zwei Sprachen)
        • Yonaguni

Ursprungshypothesen[Bearbeiten]

Die Sprachen der Japanisch-Ryūkyū-Familie werden auf ein hypothetisches Proto-Japonisch zurückgeführt, auf dem die heutigen Sprachen (oder Dialekte) basieren sollen. Das Japonische hat sich möglicherweise aus einer Kreolsprache weiterentwickelt, die in einer Mischkultur entstand, die sich aus der japanischen Urbevölkerung – meist identifiziert mit den Trägern der Jōmon-Kultur – und Einwanderern aus Korea oder Zentralasien gebildet hatte.

Von manchen Forschern werden die japonischen Sprachen – zusammen mit dem Koreanischen – zur Gruppe der sogenannten altaischen Sprachen gezählt (siehe auch Makro-Altaisch). Ob das Altaische eine genetische Einheit (also eine Sprachfamilie) ist oder nur einen arealen Sprachbund bildet, ist umstritten. Die Mehrheitsmeinung tendiert zur Sprachbund-These. (Siehe unten japanisch-koreanisch-altaische Wortgleichungen.)

Syntax, agglutinierender Sprachbau und Höflichkeitssprache weisen auf eine Verwandtschaft mit den Altaisprachen, insbesondere dem Koreanischen hin. Allerdings fehlt die in sonstigen altaischen Sprachen – Turksprachen, Mongolische Sprachen und Tungusische Sprachen – weit verbreitete Vokalharmonie. Auch die Phonetik der japanischen Sprache passt nicht in das Bild, sie ähnelt eher dem Lautsystem der austronesischen Sprachen.

Ungeklärt ist auch, woher das „urjapanische“ Vokabular stammt, das heute die Kun-Lesung der japanischen Schriftzeichen bildet. Das moderne Koreanisch und das moderne Japanisch zeigen zwar große Übereinstimmung in den chinesischen Lehnwörtern, darüber hinaus jedoch nur geringe Ähnlichkeit in den Lexemen.

Studien versuchen, lexikalische Ähnlichkeiten zur Sprache des historischen koreanischen Staates Goguryeo (Koguryŏ) und sogar zu den dravidischen Sprachen nachzuweisen (letzteres im Rahmen der nostratischen Makrofamilie).

Die durch parallele Untersuchungen in der Archäologie und der Genetik am besten untermauerte Theorie ist die Verwandtschaft zur Sprache von Goguryeo. Die Hypothese von den Buyeo-Sprachen geht dabei soweit, Altjapanisch und die Goguryeo-Sprache zu einer Familie zusammenzufassen und von der Sprache des Reiches Silla abzugrenzen, die den stärksten Einfluss auf die Entwicklung des modernen Koreanisch hatte. Viele koreanische Linguisten sehen jedoch alle historischen koreanischen Dialekte als einer Familie angehörig, was der Buyeo-Theorie widerspricht.

Japanisch-altaische Wortgleichungen[Bearbeiten]

Die folgende Tabelle zeigt einige altaisch-koreanisch-japanische Wortgleichungen, die auf eine Verwandtschaft dieser Sprachen hinweisen könnten. Zusätzlich zu den japanischen und koreanischen Formen werden auch turkische, mongolische und tungusische herangegezogen. Allerdings beziehen sich die Wortgleichungen nicht nur auf Einzelbegriffe, sondern auf teilweise recht weite Bedeutungsfelder. Die Darstellung umfasst für jeden Begriff bzw. jedes Bedeutungsfeld in der ersten Zeile die rekonstruierten Proto-Formen der fünf Proto-Sprachen (beim Koreanischen und Japanischen die ältesten belegten Formen), außerdem die hypothetische altaische Proto-Form. In einer zweiten Zeile wird dann ein konkretes Beispiel aus einer Einzelsprache angeführt: Türkisch für die turkische Familie, Chalcha-Mongolisch für die mongolische Familie, Mandschu oder Ewenki für das Tungusische und neue (bzw. neuere) Formen des Koreanischen und Japanischen.

Da an den Wortgleichungen dieser Tabelle vieles sehr interpretierbar ist (z. B. die Rekonstruktion der Proto-Formen, die Breite des Bedeutungsfeldes), kann man sie trotz der Fülle an Daten nicht unmittelbar als einen Beweis der genetischen Einheit einer makro-altaischen Sprachgruppe betrachten. Viele Parallelen könnten auch auf frühe Sprachkontakte und Entlehnungen zurückzuführen sein. Auf der anderen Seite zeigt dieses Material – das man durchaus noch erweitern könnte –, dass eine genetische Einheit wenigsten des Altaischen im engeren Sinne, aber auch die Zugehörigkeit des Koreanischen und vielleicht sogar des Japanischen nicht einfach von der Hand zu weisen ist.

Wortgleichungen zwischen Türkisch, Mongolisch, Tungusisch, Koreanisch und Japanisch (vereinfachte phonetische Darstellung der Proto-Formen und einzelsprachlichen Beispiele):[1]

Bedeutungsfeld Proto-
Turkisch
Proto-
Mongolisch
Proto-
Tungusisch
Alt-
Koreanisch
Alt-
Japanisch
Proto-
Altaisch
Einzelsprachen Türkisch Chalcha Mandschu/
Ewenki
Koreanisch Japanisch .
Brust, Herz, saugen *gökür *kökön *kukun *kokai *kəkərə **koke
. göğüs χöχ oχo kogäŋi kokoro .
Rippe, Brust *bokana *bogoni *boka . *baki **boka
. boqono bogino boqšon . waki .
Armbeuge; Bein; Flügel; Flosse *kajnat *kai *kene . *kanai **kena
. kanat χa'a kenete . kane .
Kopf; Hut; Chef *tum *tom *tumŋu . *tum ? **tumu
. tomšuk tumlaj tuŋun . tsumuri ? .
Kehle *boguŕ *bagalžur *bukse . *pukum **boku
. boğaz bagalžur buχe . fukum ? .
Knie; Fußenkel *topık *tojig *topVg . *tu(m)pu **topu
. topuk tojg tobga . tumpu .
Rinde, Haut; Blatt *kapuk *kawda *χabda *kaph- *kapa **kapa
. kabuk χudas χabdata kaphar kawa .
(alte) Frau *eme *eme *emV *amh *mia ? **eme
. eme em emi(le) am me(-su) ? .
Vogelart *torgaj *turagu *turaki *tark *təri **toro
. turgaj turaγu turaki tark (M) tori .
Laus; Nisse *sirke *sirke *sire . *siramu **siajri
. sirke širχ sirikte . sirami .
Regen; Schnee; Nebel . *siγurga *sig . *sigure **sig-ur
. . šurga sigan . shigure .
Netz, Netzwerk *tor *towr *turku *tarachi *turi **tobru
. tor tor tur-ku tar-äki tsuri .
Salz; bitter *duŕ *dabusu *žujar *čjer *tsura **čiober
. tuz davs žušu čel tsura .
vollenden; genug *büt *möči *mute *mota *muta **muti
. büt (AT) möčis mute- modu muta ? .
beißen, nagen *gemür *kemeli *kemki . *kam **kema
. gemir χimle kemki . kam .
flechten, weben *ör *ör . *or *ər **ore
. ör- örmög . ol or .
schwach, krank; Diener-Krieger *alp *alban *alba *arpha *apar **alpa
. alp alba alba aphı aware .
wer *kem,ka *ken,ka *χia *ka *ka **ka(j)
. kim χen ai, ja -ka -ka .
ich; wir *be- *bi,min *bi,mün . *ba **bi
. ben bi bi . wa .

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. S. Starostin, A. V. Dybo u. O. A. Mudrak: Altaische Etymologie, Internet-Datenbank, 2005.

Literatur[Bearbeiten]

  • Miller, Roy Andrew: Die japanische Sprache. Geschichte und Struktur. Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien der Philipp Franz von Siebold Stiftung. Band 4 1967. (Nachdruck Iudicium-Verlag 2000.)
  • Miller, Roy Andrew: Languages and History: Japanese, Korean, and Altaic. White Orchid Press. The Institute for Comparative Research in Human Culture. Oslo (Druck Bangkok) 1996.
  • Shibatani, Masayoshi: The Languages of Japan. Cambridge University Press 1990.