Sprachbund

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Der Begriff Sprachbund geht auf Trubeckoj zurück und bezeichnet eine Gruppe von Sprachen, die sich typologisch ähnlicher sind, als es aufgrund ihres genetischen Verwandtschaftsgrades zu erwarten wäre.[1] Dabei kann zwischen einem weiten und einem engen Sprachbundbegriff unterschieden werden.

Unter ersteren fallen alle Gruppierungen von Sprachen, denen mindestens ein Merkmal gemeinsam ist, das nicht durch Sprachverwandtschaft erklärt werden kann. Klassisches Beispiel ist Roman Jakobsons wegweisender Aufsatz Über die phonologischen Sprachbünde.[2]

Der engere Sprachbundbegriff stellt eine Reihe von Zusatzbedingungen. Gefordert wird eine gewisse Mindestferne, d.h. dass eng verwandte Sprachen (bspw. Russisch und Polnisch) generell allein keinen Sprachbund bilden können, eine möglichst große Zahl gemeinsamer Merkmale oder "Isoglossen" (mindestens zwei), eine Mindestrelevanz, also eine große Bedeutung der gemeinsamen Merkmale, sowie deren Vorhandensein in mindestens drei (nicht nur zwei!) Sprachen, da die Gemeinsamkeiten sonst als einfacher bilateraler Kontakt gelten.

Unterschieden werden weiterhin aktive und passive Merkmale. Aktiv bedeutet, dass in mindestens einer der Sprachbundsprachen ein Merkmal durch Kontakteinfluss innerhalb des Sprachbundes neu aufgebaut worden sein muss, z.B. der Artikel im Bulgarischen, während passiv ein durch Kontaktwirkung konserviertes Merkmal meint (das ohne diesen Kontakt abgebaut worden wäre), wie bspw. vermutlich der synthetische Sprachbau des Russischen.[3]

Die sich aus den gemeinsamen Merkmalen ergebende einmalige Kombination ist das Kennzeichen des jeweiligen Sprachbundes. Die Merkmale müssen aber nicht auf den Sprachbund beschränkt sein; wichtig ist nur, dass die Kombination aller Merkmale nur einmal vorkommt. Eine Sprache kann auch Mitglied mehrerer Sprachbünde sein.

In der neueren Forschung ist der Begriff des Sprachbundes umstritten.

Ein Sprachbund entsteht durch besonders intensiven Sprachkontakt, bei dem größere Gruppen von Sprechern verschiedener Sprachen über eine lange Zeit ein hohes Maß von Interaktion miteinander haben, wobei verbreitete Zwei- oder Mehrsprachigkeit als ein wichtiger Faktor angesehen wird.

Die durch die konvergente Entwicklung im Sprachbund entstandenen Ähnlichkeiten werden in Fällen, wo genetische Verwandtschaftsbeziehungen nicht klar ermittelt werden können, teilweise als Zeichen für genetische Verwandtschaft fehlinterpretiert. Ein gutes Beispiel dafür sind südostasiatische Sprachen wie Thai und Vietnamesisch, die Eigenschaften von benachbarten Sprachen angenommen haben: Ebenso wie das Chinesische haben sie einsilbige Wörter und die Tonhöhen sind bedeutungsunterscheidend (vgl. Tonsprache). Trotzdem geht man heute nicht (mehr) von einer Verwandtschaft zur sino-tibetischen Sprachfamilie aus.

Einige bekannte Sprachbünde[Bearbeiten]

Im Folgenden werden einige bekannte Sprachbünde kurz erläutert. Sie dienen als Beispiele dafür, wie relativ unterschiedliche Sprachen (ein Sprecher der einen Sprache kann den Sprecher der anderen Sprache nicht auf Grund der genetischen Verwandtschaft verstehen) sich grammatisch angleichen.

Der Balkansprachbund[Bearbeiten]

siehe Balkansprachbund

Der südasiatische Sprachbund[Bearbeiten]

siehe Südasiatischer Sprachbund

Der äthiopische Sprachbund[Bearbeiten]

Unter dem Begriff äthiopisches Konvergenzareal wird auch ein Sprachbund äthiosemitischer, kuschitischer, omotischer Sprachen diskutiert, zu dem auch das nilosaharanische Kunama gezählt wird. Merkmale diese Sprachbundes seien z.B. ejektive Konsonanten, Palatalisierung, SOV-Wortstellung, Konverben, Postpositionen und Verbkonstruktionen mit 'sagen'.[4]

Der baltische Sprachbund[Bearbeiten]

Manchmal wird ein baltischer Sprachbund genannt, zu dem die baltischen Sprachen sowie einige russische und weißrussische Dialekte gehören. Folgende Merkmale sind für die Sprachen dieses Sprachbunds typisch:

Man vermutet, dass diese Gemeinsamkeiten auf ein baltisches Substrat zurückgehen (s. auch Altnowgoroder Dialekt, Dniepr-Balten).

SAE-Sprachbund[Bearbeiten]

siehe Standard Average European

Der Alpensprachbund[Bearbeiten]

In der letzten Zeit wird der sog. Alpensprachbund erforscht, dem einige oberdeutsche und (räto-)romanische Dialekte vor allem in der Schweiz angehören (die Forschung beschränkt sich vorerst auf diese zwei Gruppen). Als typische Merkmale dieses Sprachbunds gelten zum Beispiel:

  • Passiv mit kommen (z. B. die Brücke kommt gebaut);
  • Futur mit kommen (z. B. das kommt heuer zum Auszahlen);
  • Dativkodierung durch Präposition+Dativ (gib’s an/in der Mutter);
  • geminierte Pronomina (betont+klitisch; vor allem im (Höchst-)Alemannischen, im Bairischen in der 1. Person Plural generell möglich, z. B. mir hamma ).

Auf dem Gebiet des historischen Karantanien werden ähnliche Interferenzerscheinungen für Südbairisch, Friaulisch und teilweise auch Slowenisch beobachtet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Henrich Hock, Brian D. Joseph: Language History, Language Change, and Language Relationship. An Introduction to Historical and Comparative Linguistics. Mouton de Gruyter, Berlin u. a. 1996, ISBN 3-11-014785-8.
  • Norbert Reiter: Grundzüge der Balkanologie. Ein Schritt in die Eurolinguistik. Harrassowitz, Wiesbaden 1994, ISBN 3-447-03522-6 (Balkanologische Veröffentlichungen 22).
  • Thomas Stolz: Sprachbund im Baltikum? Estnisch und Lettisch im Zentrum einer sprachlichen Konvergenzlandschaft. Brockmeyer, Bochum 1991, ISBN 3-88339-881-0 (Bochum-Essener Beiträge zur Sprachwandelforschung 13).
  • Sarah Grey Thomason, Terrence Kaufman: Language contact, creolization, and genetic linguistics. University of California Press, Berkeley 1992 (1988), ISBN 978-0-520-07893-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Sprachbund – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sprachbunddefinition auf glottopedia
  2. Über die phonologischen Sprachbünde
  3. Daniel Weiss: Das Russische als antianalytische Sprache. In: Uwe Hinrichs (Hrsg.): Die europäischen Sprachen auf dem Wege zum analytischen Sprachtyp. Harrossowitz, Wiesbaden 2004, ISBN 3-447-04785-2.
  4. Stefan Weninger: Ethio-Semitic in General. In: The Semitic Languages: An International Handbook, edd. S. Weninger et al. (HSK 36), Berlin 2011, S. 1118-1119 (mit Literatur)