Jossele Rosenblatt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Josef „Jossele“ Rosenblatt (* 9. Mai 1882 in Belaja Zerkow, Ukraine, damals Russisches Kaiserreich; † 19. Juni 1933 in Jerusalem) war ein ukrainischer Chasan (Kantor) und Komponist. Er gilt als „der größte der Kantoren“ und wurde „König der Chasanim“ genannt.

Leben[Bearbeiten]

Josef Rosenblatt wurde als zehntes Kind (und erster Sohn) einer jüdischen Familie im ukrainischen Schtetl Belaja Zerkow geboren. Von seinem Vater, der in Kiew Kantor war, erlernte er die Notenschrift. Zu seiner weiteren Verwandtschaft gehörten die bedeutenden Kantoren Jerucham ha-Koton (1798-1891) und Nissan Spiwak (auch: Nissi Belzer, 1824-1906). Auch zwei seiner Onkel waren Kantoren. Schon früh sang Jossele Rosenblatt im Chor seines Vaters und reiste als Wunderkind durch viele Synagogen in Österreich-Ungarn. Im Alter von acht Jahren zog er mit seinen Eltern nach Sadagura, wo er sich im Umkreis des chassidischen Rebben bewegte, dessen Gefolge auch seine Eltern angehörten. Mit 13 war er ausgebildeter Kantor.

Da er eine ausnehmend schöne Tenorstimme mit einem riesigen Tonumfang und einem flexiblen Falsett besaß, Koloraturen scheinbar mühelos singen konnte und aufgrund seiner von Jugend an genossenen theoretischen Ausbildung perfekt vom Blatt sang, wurde er schnell zu einem Star der synagogalen Musik. Mit 18 Jahren heiratete er nach sechs Jahren Bekanntschaft Taubele Kauffman, kurz darauf wurde er Kantor im damals ungarischen Munkács. Kurz darauf setzte er sich, noch immer nur 18 Jahre alt, gegen 56 Mitbewerber um den Posten des Oberkantors in Pozsony (Bratislava) durch, wo er fünf Jahre lang blieb und zum ersten Mal Kompositionen von Synagogenmusik veröffentlichte. Auch seine erste Schallplatte nahm er 1905 dort auf. Seine nächste Station war Hamburg, wo er sechs Jahre lang wirkte. Durch seine Schallplatten und durch Teilnehmer des Zionistischen Kongresses 1909 in Hamburg verbreitete sich sein Ruf schnell auch nach Nordamerika.

1912 folgte er einer Einladung der Ersten Ungarischen Gemeinde Ohab Zedek in New York City, für die er mit großem Erfolg sang. Schon bald ließ er seine Frau und seine Kinder nachkommen. Neben dem Kantoramt in der Gemeinde sang er bei zahlreichen anderen Veranstaltungen; zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung für europäische Juden im Hippodrome Theatre lockte er im Kriegsjahr 1917 über 6.000 Zuhörer an. Der riesige Erfolg dieses Konzerts, das auch in der New York Times besprochen wurde, regte die Veranstalter zu einer Wohltätigkeitstournee durch 30 Städte an. Von der Chicago Opera wurde Rosenblatt sogar die Rolle des Eleazar in Halévys La Juive angeboten. Trotz eines verlockenden Vertrags, der ihm auch erlaubt hätte, seinen Bart zu behalten und den Sabbat zu achten, konnte sich Rosenblatt nicht dazu entscheiden, auf einer Opernbühne aufzutreten, da es die Würde des Kantorenamts verletzt hätte. Nach einem Konzert vor der New York Public Library küsste ihn der damals bekannteste Opernsänger der Welt, Enrico Caruso, gerührt. Rosenblatt wurde zu einem Star der New Yorker Kulturszene, seine Gemeinde zahlte ihm eine Rekord-Jahresgage von 10.000 US$, um den auch von anderen Gemeinden gefragten Publikumsmagneten zu halten, und Rosenblatt konnte seine Familie mit inzwischen acht Kindern gut ernähren und darüber hinaus wohltätigen Organisationen nicht nur mit Benefizkonzerten, sondern auch mit Geldspenden helfen.

In den USA nahm Rosenblatt viele Schallplatten auf, deren erfolgreichste seine Interpretation des 126. Psalms Shir Hama'alot (dessen Melodie entweder von Rosenblatt selbst oder von dem Kantor Pinchas Minkwoski komponiert wurde). Seine über 180 Schallplatten, meist Aufnahmen eigener Kompositionen, machten ihn in ganz Nordamerika bekannt. Nachdem eine Investition in eine dubiose jiddische Zeitung nicht gut ging, ging er auf eine Tournee durch die Vaudeville-Theater der USA, um seine Schulden zurückzahlen zu können. 1925 musste er jedoch sogar Bankrott erklären. Beim Tingeln durch die Varieté-Theater bewahrte er seine Würde als Kantor dadurch, dass er nur auf leerer Bühne ohne Ablenkung durch Tanzdarbietungen o. ä. sang. 1926 gab er sein Kantorenamt in der Ohab-Zedek-Gemeinde auf und sang an Festtagen in Chicago für eine riesige Gage von 15.000 US$.

1927 trat er in einer kleinen Rolle unter seinem wirklichen Namen mit einem jiddischen Lied in The Jazz Singer auf, dem ersten Tonfilm in Spielfilmqualität überhaupt. Das Angebot, die größere Rolle des Kantors Rabinowitz (des Vaters der Hauptfigur) zu spielen, hatte er trotz einer in Aussicht gestellten exorbitanten Gage von 100.000 US$ abgelehnt, da er das im Drehbuch vorgesehene liturgische Kol Nidre nicht in einem Unterhaltungsfilm singen wollte.

1927 wurde er wieder Kantor, als ihn die Anshe-Sfarad-Gemeinde in Brooklyn, New York, für ein Jahresgehalt von 12.000 US$ engagierte. Durch die Weltwirtschaftskrise war die Gemeinde jedoch 1929 nicht mehr in der Lage, ihn zu bezahlen, so dass er für kurze Zeit wieder an seine angestammte Gemeinde in New York wechselte. Wegen seiner Schulden blieb Rosenblatt jedoch bis ans Ende seines Lebens verarmt, und die jüdischen Gemeinden der USA konnten sich seine Dienste nicht mehr leisten, so dass er in akute Finanznot geriet.

1933 nahm Rosenblatt ein Angebot der Palestine-American Film Company an, für die Aufnahme des halbdokumentarischen Films Halome Ami (auch bekannt als Dream of My People) ins Heilige Land zu reisen. Rosenblatt sollte an den biblischen Stätten thematisch passende eigene Kompositionen singen. Neben seiner Arbeit für den Film gab er Konzerte und sang in Synagogen u. a. in Jerusalem und Tel Aviv. Rosenblatt wollte sich in Palästina ansiedeln und plante, um genügend Geld dafür zu verdienen, eine Konzertreise durch Europa. Am 17. Juni 1933 sang er zum Abschied in der Hurva-Synagoge in Jerusalem. Am nächsten Tag starb er mit nur 51 Jahren an den Folgen eines Herzanfalls, den er bei Dreharbeiten am Toten Meer erlitten hatte.

Bei Rosenblatts Beerdigung auf dem Ölberg, unter der Leitung von Rabbiner Kook, nahmen über 5.000 Menschen von ihm Abschied. Auch in dem bei Rosenblatts Tod noch nicht fertiggestellten Film wurden Szenen davon gezeigt. Einige Tage später besuchten rund 2.500 Menschen einen Gedächtnisgottesdienst in der New Yorker Carnegie Hall, bei dem zweihundert Kantoren Rosenblatts Werke sangen.

Rosenblatts Schallplattenaufnahmen werden bis heute in verschiedenen Zusammenstellungen auf LP und CD wiederveröffentlicht.

Literatur[Bearbeiten]

  • Samuel Rosenblatt: Yossele Rosenblatt. The story of his life as told by his son. Farrar, Straus and Young, New York 1954 (Biographie)
  • Anon.: Jossele Rosenblatt. In: Der Israelit, Nr. 26, 29. Juni 1933, S. 10–11 (Weblink PDF; 5,06 MB)

Weblinks[Bearbeiten]