Königsindische Verteidigung

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Königsindische Verteidigung
Solid white.svg a b c d e f g h Solid white.svg
8 a8 b8 c8 d8 e8 f8 g8 h8 8
7 a7 b7 c7 d7 e7 f7 g7 h7 7
6 a6 b6 c6 d6 e6 f6 g6 h6 6
5 a5 b5 c5 d5 e5 f5 g5 h5 5
4 a4 b4 c4 d4 e4 f4 g4 h4 4
3 a3 b3 c3 d3 e3 f3 g3 h3 3
2 a2 b2 c2 d2 e2 f2 g2 h2 2
1 a1 b1 c1 d1 e1 f1 g1 h1 1
a b c d e f g h
Züge Weiß: d4, c4, Sc3, e4; Schwarz: Sf6, g6, Lg7, d6
ECO-Codes E60 – E99
Benannt nach Fianchetto des schwarzen Königsläufers
Älteste Quelle Wettkampf Adolf Schwarz - Louis Paulsen
Zuerst gespielt 1879

Bei der Königsindischen Verteidigung handelt es sich um eine Eröffnung des Schachspiels. Sie zählt zu den Geschlossenen Spielen und geht aus der Indischen Verteidigung hervor.

Die Eröffnung beginnt, oft unter Zugumstellung, mit den Zügen

1. d2-d4 Sg8-f6
2. c2-c4 g7-g6
3. Sb1-c3 Lf8-g7
4. e2-e4 d7-d6

Geschichte[Bearbeiten]

Die Königsindische Verteidigung wurde Ende des 19. Jahrhunderts durch Louis Paulsen in die Turnierpraxis eingeführt, fand jedoch erst ab den 1930er Jahren größere Verbreitung. Zu ihren bedeutendsten frühen Verfechtern gehörten Richard Réti und Max Euwe.

Nach 1945 erhielt die Verteidigung wichtige Impulse von sowjetischen Meistern wie z. B. David Bronstein und Efim Geller und jugoslawischen Meistern.

In den 1950er bis 1970er Jahren war sie eine der bevorzugten Spielweisen in der Weltelite der Schachspieler und wurde von einer Reihe von Weltmeistern (darunter Tigran Petrosian, Boris Spassky und vor allem Bobby Fischer) angewandt.

In den 1980ern und 1990ern nahm ihre Popularität ab, sie war aber immer noch die meistgespielte Erwiderung auf 1. d2-d4 im Repertoire des damaligen Weltmeisters Garri Kasparow und wurde von ihm mit wichtigen Ideen und Neuerungen bereichert. Das bisher letzte Mal in einem WM-Match kam sie 1990 zwischen Anatoli Karpow und Kasparow aufs Brett.

Anfang des 21. Jahrhunderts ist sie in der Weltspitze noch immer anzutreffen, auch wenn die Schwarzspieler häufig auf 1. d2-d4 als solider geltende Systeme ohne Fianchetto des Königsläufer bevorzugen, wie die Nimzowitsch-Indische Verteidigung, die Damenindische Verteidigung oder durch d7-d5 eingeleitete Damenbauernspiele, die dann oft zum Damengambit führen. Aktuelle Vertreter der Königsindischen Verteidigung sind die jungen Aserbaidschaner Teymur Rəcəbov und Şəhriyar Məmmədyarov sowie der US-amerikanische Weltklassespieler Hikaru Nakamura.

Eröffnungsideen[Bearbeiten]

Je nach der von Weiß gewählten Fortsetzung gibt es zwei zentrale Strategien für Schwarz: das weiße Zentrum entweder mit e7-e5 oder mit c7-c5 anzugreifen.

  1. Strategie mit dem Zentrumsvorstoß e7-e5: Dies ist die originale königsindische Strategie, die nach der Zentrumsabrieglung d4-d5 sehr oft zum typischen Aufmarsch von Weiß am Damenflügel (b4, c5, Tc1 …) gegen den schwarzen Angriff am Königsflügel (f5, f4, g5 etc.) führt. Diese Spielweise ist typisch für alle Systeme außer dem Vierbauernangriff und Varianten mit sehr frühem Lc1-g5. Die schwarze Hypothek ist stets der von der eigenen Bauernkette eingemauerte Läufer auf g7. Gelingt es Schwarz nicht, seinen Königsangriff gewinnbringend umzusetzen, führt dieser schlechte Läufer oft zu aussichtslosen Endspielen.
  2. Strategie mit dem Zentrumsvorstoß c7-c5: Dies ist der Benoni-Ansatz, bei dem die Diagonale des Läufers g7 nicht versperrt, sondern erweitert werden soll. Hier wird für gewöhnlich Schwarz eher am Damenflügel aktiv, während Weiß Vorteile im Zentrum besitzt. Diese Spielweise ist gegen den Vierbauernangriff und alle Varianten mit frühzeitiger Entwicklung des Lc1 populär.

Seltenere Strategien stellen diese Bauernzüge noch zurück, zeitweise waren Systeme mit frühem Sa6 populär (Klassisches System, Vierbauernangriff), c6 und a6 bereiten b5 vor, ab und zu wird frühes Lg4 im Klassischen System gespielt, gegen das Fianchettosystem oder die Sämisch-Variante wird oft Sc6 in Verbindung mit dem Vormarsch am Damenflügel mit a6, Tb8 und b5 gespielt. Erst als Reaktion auf den weißen Plan kommt es hierbei später zu e5 oder c5.

Hauptvarianten[Bearbeiten]

Folgende Hauptvarianten sind bekannt:

Klassisches System[Bearbeiten]

Das Klassische System ist auf Großmeisterniveau ein beliebtes und viel diskutiertes Eröffnungssystem gegen die Königsindische Verteidigung.

  • 4. e2-e4 d7-d6 5. Sg1-f3 0-0 6. Lf1-e2

Vierbauernangriff[Bearbeiten]

  • 4. e2-e4 d7-d6 5. f2-f4

Der Vierbauernangriff ist eine aggressive Methode, dem zurückhaltenden schwarzen Spielaufbau entgegenzutreten. Der Vorstoß e7-e5 ist nach f2-f4 erschwert, weshalb Schwarz nach der kurzen Rochade in den meisten Fällen mit c7-c5 fortfährt und längerfristig versucht, die im weißen Lager durch die aufgezogenen vier Bauern entstandenen Schwächen auszunutzen. Das nach dem amerikanischen IM William Edward Martz benannte Abspiel im Vierbauernangriff beinhaltet die Zugumstellung 5. Lf1-e2 0-0 6. f2-f4.

Weiß strebt hier nach 6. … c7-c5 7. Sg1-f3 cxd4 8. Sf3xd4 Sb8-c6 9. Lc1-e3 ein Maroczy-Zentrum in der Beschleunigten Drachenvariante mit einem im Doppelschritt vorgerückten f-Bauern an.

Nach 8. … Db6 9. Lc1-e3 erweist sich der Bauer b2 als vergiftet. 9. ...Db6xb2?? 10. Sc3-a4 Db2-a3 11. Le3-c1 Da3-b4+ 12. Lc1-d2 Db4-a3 13. Sd4-b5 verliert die Dame.

Sämisch-Variante[Bearbeiten]

  • 4. e2-e4 d7-d6 5. f2-f3

In der Sämisch-Variante (benannt nach dem deutschen Meisterspieler Friedrich Sämisch) entstehen häufig scharfe Stellungen mit entgegengesetzten Rochaden. Weiß stützt mit dem Zug f2-f3 den Bauern auf e4 und bereitet beispielsweise einen Königsangriff mit g2-g4 und h2-h4 vor. In Boris SpasskyDavid Bronstein, Kandidatenturnier Amsterdam 1956, wurde nach 5. … e7-e5 6. d4-d5 Sf6-h5 7. Lc1-e3 Sb8-a6 8. Dd1-d2 das unklare Damenopfer Dd8-h4+ 9. g2-g3 Sh5xg3 10. Dd2-f2 Sg3xf1 11. Df2xh4 Sf1xe3 eingeführt.

Awerbach-System[Bearbeiten]

Die Zugfolgen

  • 4. e2-e4 d7-d6 5. Lf1-e2 0-0 6. Lc1-g5
  • oder seltener 4. e2-e4 d7-d6 5. Lc1-g5,

sind benannt nach Juri Awerbach. Ähnlich zur Sämisch-Variante plant der Weiße eine Attacke am Königsflügel mit den g- und h-Bauern. Auf den Zug Lc1-g5 folgt oft c7-c5.

Makogonow-Variante[Bearbeiten]

  • 4. e2-e4 d7-d6 5. h2-h3 0-0

Die Variante mit frühem h3 ist nach dem Großmeister Wladimir Makogonow benannt. Mit dem Zug h2-h3 unterbindet Weiß zum einen den Läuferzug oder den Springerausfall nach g4 und bereitet zum anderen den Vorstoß g2-g4 vor, wodurch an der Bauernkette das typische schwarze Gegenspiel f7-f5 erschwert werden soll. Der weiße Plan wird häufig mit der langen Rochade verbunden. Dieses Szenario entsteht z. B. nach 6. Sg1-f3 e7-e5 7. d4-d5 (Im Falle von 7. d4xe5 d6xe5 wird weiteres 8. Dd1xd8 Tf8xd8 9. Sf3xe5 wie im klassischen System mit Sf6xe4 beantwortet.) Sf6-h5 8. Lc1-e3 Dann wäre nach f7-f5 9. e4xf5 das Wiedernehmen g6xf5 wegen des Abzugs 10. Sf3xe5 Lg7xe5 11. Dd1xh5 verhindert. Auf das sichere 7. … Sf6-e8 würde 8. g2-g4 f7-f5 9. g4xf5 g6xf5 10. e4xf5 Lc8xf5 11. Sf3-g5 Se8-f6 12. Lf1-g2 das Blockadefeld e4 erobern.

Fianchetto-System[Bearbeiten]

Der neutrale Entwicklungszug 4. Sg1-f3 führt meist zum Fianchetto-System oder zum Klassischen System

Smyslow-Variante[Bearbeiten]

Die Smyslow-Variante, benannt nach dem Ex-Weltmeister Wassili Smyslow, ist selten anzutreffen und entsteht nach der Zugfolge

  • 4. Sg1-f3 d7-d6 5. Lc1-g5

Ungarischer Angriff[Bearbeiten]

Nach 4. e2-e4 d7-d6 leitet 5. Sg1-e2 in einen Aufbau über, der zuerst in den 1960er Jahren von ungarischen Spielern angewandt wurde. Eigenständige Bedeutung erlangt diese Zugfolge nur durch die unmittelbare Überführung des Springers nach g3 (6. Se2-g3), ansonsten kann durch Zugumstellung (6. oder 7. f2-f3) auch die Sämisch-Variante erreicht werden. Von g3 aus überdeckt der Springer einmal den Bauern e4, zum anderen erschwert er den thematischen schwarzen Vorstoß f7-f5. Unter Umständen unterstützt der Springer auch den weißen Aufzug des h-Bauerns (h2-h4-h5) mit Öffnung der h-Linie und nachfolgendem Königsangriff. Schwarz kann dies mit h7-h5 auf Kosten der Schwächung des Feldes g5 verhindern.

Literatur[Bearbeiten]