Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

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Die Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der medizinischen Weiterbildung seit 1993 als Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (KJPP) festgeschrieben, ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Prävention, Diagnostik und Therapie der psychischen, psychosomatischen und neurologischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und ggf. heranwachsenden Schülern und Auszubildenden befasst. Das Fach ist somit Nachbardisziplin vieler mit Kindern und Jugendlichen und ihren Familien befassten Disziplinen (wie z. B. der Pädiatrie, der Neuropädiatrie, der Sozial- oder Entwicklungspädiatrie, der allgemeinen Psychiatrie, der Psychotherapie, aber auch der Pädagogik).

Geschichte[Bearbeiten]

Die erste klinische Einrichtung für Kinderpsychiatrie in Deutschland wurde 1926 in Bonn begründet und von Otto Löwenstein geleitet. Sie war wohl auch die erste dieser Einrichtungen in der Welt. [1]

Aufgabengebiete[Bearbeiten]

Kinder- und Jugendpsychiater sind in der Regel entweder niedergelassen oder in einem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) tätig, darüber hinaus natürlich in einschlägigen Kliniken und Universitäten. Diagnosen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sind im ICD 10, Kapitel F9, das heißt im Kapitel zu psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters nach der Internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), aufgelistet. Diagnostik erfasst aber darüber hinaus die Gesamtheit der psychosozialen Bezüge eines Kindes oder Jugendlichen. Die ganzheitliche Betrachtung – orientiert an wissenschaftlichen Standards des Fachgebietes – ist Grundlage für die kinder- und jugendpsychiatrische, -psychotherapeutische und auch pharmakotherapeutische Intervention.

Beispiele für Situationen, in denen eine Diagnostik und Therapie durch den Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie angezeigt sein können, sind:

  • Psychische Probleme nach akuten Belastungen oder nach traumatogenen Ereignissen (Misshandlung und sexuelle Ausbeutung, familiäre Konflikte)
  • Aufmerksamkeitsprobleme, umschriebene Entwicklungsstörungen (Teilleistungsstörungen), massivste Schulprobleme
  • Entwicklungsauffälligkeiten in der Motorik, Sprache, auch im Zusammenhang mit Hirnfunktionsstörungen und anderen neurologischen Entwicklungsauffälligkeiten
  • Probleme der Sauberkeitserziehung
  • Störungen der emotionalen Entwicklung,
  • Essstörungen wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Adipositas
  • Psychosomatische Beschwerden und reaktive seelische Probleme bei chronischen Erkrankungen
  • Tiefgreifende Entwicklungsstörungen, z. B. Autismusspektrumstörungen
  • Erkrankungen aus dem Formenkreis der Psychosen
  • Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit Intelligenzstörung, z. B. einer geistigen Behinderung
  • Verhaltensschwierigkeiten im Sinne einer Störung des Sozialverhaltens
  • Auffälligkeiten in der sexuellen Entwicklung, Probleme mit der eigenen sexuellen Entwicklung
  • Suchtprobleme
  • Tic-Störungen / Tourette-Syndrom
  • Epilepsien
  • Hilfe bei Sorgerechts- und Umgangsregelungen, bei Fremdunterbringung und bei gerichtlichen Fragestellungen

Facharztausbildung[Bearbeiten]

Um nach einem absolvierten Medizinstudium in Deutschland als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie tätig zu werden, bedarf es einer fünfjährigen Weiterbildungszeit:

die Weiterbildung erfolgt nach einem im Logbuch festgelegten Pensum, aus dem Muster-Logbuch der Bundesärztekammer sind die gültigen Logbücher der einzelnen Bundesländer abgeleitet. Die Bezeichnung wurde 1993 im Zuge der neuen Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer eingeführt und löste den 1968 eingeführten Titel „Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie“ ab.

Statistiken[Bearbeiten]

  • 2010 waren in Deutschland ca. 1600 Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie berufstätig, von denen ca. 750 niedergelassen waren.[2]
  • Bei der Versorgung mit niedergelassenen Fachärzten und Therapeuten für Kinder-/Jugendpsychiatrie und –psychotherapie gibt es große regionale Unterschiede. Im Bundesdurchschnitt kommen auf 100.000 Personen bis 18 Jahre etwa 29 Spezialisten für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Mehr als 70 % aller deutschen Kreise und kreisfreien Städte liegen jedoch unter diesem Durchschnittswert. In 15 Kreisen hat sogar kein einziger Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut oder –psychiater seinen Praxissitz. Der bundesweite Durchschnittswert wird stark durch eine kleine Zahl von Städten mit deutlich höherem Versorgungsangebot – in der Spitze bis zu etwa 150 Spezialisten pro 100.000 Kinder und Jugendliche – bestimmt. [3]

Orte: Praxen, Heime, geschlossene Heime[Bearbeiten]

Ein Heim ist eine pädagogisch betreute Wohneinrichtung für Kinder.

Die Geschlossene Heimunterbringung ist eine Sonderform der Heimerziehung. Ein Kind oder Jugendlicher kann nur mit richterlicher Genehmigung auf Antrag des Sorgeberechtigten (Eltern, -teil oder Vormund) in einem geschlossenen Heim untergebracht werden. Es handelt sich um eine mit Freiheitsentziehung verbundene Unterbringung nach § 1631b BGB.

Literatur[Bearbeiten]

  • Annette Waibel: Prof. Dr. Otto Löwenstein und die Gründerjahre der Provinzialkinderanstalt für seelisch Abnorme in Bonn: 1926 - 1933, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, 1998
  • Castell, R., Nedoschill, J., Rupps, M., Bussiek, D.: Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland in den Jahren 1937 bis 1961 , Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2003, 584 S., ISBN 3-525-46174-7
  • Nissen, G.: Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 978-3608941043
  • Helmut Remschmidt: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine praktische Einführung, Stuttgart: Thieme Verlag, 3. Auflage 2005, ISBN 3-13-576603-9
  • Helmut Remschmidt, Martin Schmidt, Fritz Poustka (Hrsg.): Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO. Vierte Auflage, Huber, Bern, 2001. ISBN 3-456-83516-7

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. LVR-Klinik BN-Geschichte
  2. Bundesärztekammer, KBV
  3. Faktencheck Gesundheit. Regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung. Bertelsmann Stiftung, 2011.

Weblinks[Bearbeiten]