Psychopharmakon

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Ein Psychopharmakon (Plural: Psychopharmaka; von altgriechisch ψυχή / psychḗSeele“, und altgriechisch  φάρμακον / pharmacon „Arzneimittel“) ist ein psychoaktiver Arzneistoff, welcher die neuronalen Abläufe im Gehirn beeinflusst und dadurch eine Veränderung der psychischen Verfassung bewirkt. Psychopharmaka werden zur Behandlung von psychischen Störungen eingesetzt.

Wortherkunft[Bearbeiten]

Vermutlich benutzte im Jahr 1920 der amerikanische Pharmakologe D. Macht diese Wortneuschöpfung als erster im heute gebräuchlichen Sinne. Ab den 1950er Jahren verbreitete sich der Begriff zunehmend in der psychiatrischen Fachliteratur im Zusammenhang mit den Substanzen Chlorpromazin und Imipramin.

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits in der griechischen Antike wurden psychotrope Substanzen zur Therapie psychischer Störungen eingesetzt. Die moderne Psychopharmakologie wurde allerdings erst durch Kraepelin begründet. Im Jahr 1883 veröffentlichte er eine Arbeit "Über die Einwirkung einiger medikamentöser Stoffe auf die Dauer einfacher psychischer Vorgänge". Kraepelin führte wichtige methodische Neuerungen wie Plazebokontrolle und systematische Untersuchung von Dosierungsvarianten ein. Der eigentliche Durchbruch erfolgte allerdings erst im Jahr 1952 mit der Entdeckung des Chlorpromazin zur Behandlung von Psychosen. Es folgte im Jahr 1957 die Entdeckung von Imipramin zur Behandlung der unipolaren Depression und im Jahr 1958 die Entdeckung des Haloperidol. Heute stehen ungefähr 120 Wirkstoffe zur Behandlung von verschiedenen psychischen Erkrankungen zur Verfügung. Die meisten Psychopharmaka wurden zufällig am Patienten entdeckt. Viele Psychopharmaka sind lediglich Abwandlungen der chemischen Grundstruktur bereits bekannter Wirkstoffe. Nur in seltenen Fällen konnten Wirkstoffe alleine durch Tierexperimente oder alleine durch gezielte Aufklärung der menschlichen Rezeptorstruktur neu entdeckt werden.

Wirkmechanismus[Bearbeiten]

Krankheitsmodell[Bearbeiten]

Die von Descartes (1596-1650) postulierte Trennung zwischen reiner Materie und Geist hatte zwar enorme Auswirkungen auf die westliche Kultur, ist jedoch nicht mit neueren Forschungsergebnissen vereinbar. Diese zeigen, dass psychische Prozesse an körperliche Prozesse gebunden sind. Selbst dann, wenn nachweisbare biochemische Veränderungen vorliegen, kann ein innerer Konflikt die Ursache dafür sein. Umgekehrt können rein organische Störungen zu psychosozialen Veränderungen mit Krankheitswert führen. Weiterhin besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der sozialen Umwelt. Häufig kann nur das in den 1970ern entworfene bio-psycho-soziale Modell die Entstehung von psychischen Störungen adäquat beschreiben.

Die komplexe Beeinflussung durch Psychopharmaka zeigte Knutson et al. im Jahr 1998. Die Wissenschaftler ließen 26 gesunde Freiwillige für vier Wochen den Wirkstoff Paroxetin einnehmen. Der Wirkstoff erzeugt bei den Probanden eine positive Grundstimmung. Eine anderen Gruppe aus Freiwilligen bekam Tabletten ohne Wirkstoff. Danach mussten die Gruppen jeweils Puzzleaufgaben lösen. Die Teilnehmer, welche den Wirkstoff einnahmen, waren weniger gereizt und feindselig und legten in der Gruppe mit höherer Wahrscheinlichkeit ein positives Sozialverhalten an den Tag. Die Veränderung der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens wurde von den Forschern dabei nicht auf eine direkte Wirkung des Psychopharmakons zurückgeführt, sondern darauf, dass negative Erfahrungen abgemildert wurden.

Neurobiologische Grundlagen[Bearbeiten]

Grundlage für die höheren Funktionen des zentralen Nervensystems wie Bewusstsein, Wahrnehmung und Affekt ist das Zusammenspiel von Netzwerken aus Nervenzellen im Gehirn. Hierfür ist eine Informationsweiterleitung und Informationsbewertung innerhalb des zentralen Nervensystems notwendig. Die Informationsleitung erfolgt innerhalb der einzelnen Nervenzellen durch Gehirnströme, worunter Potentialveränderungen entlang der Nervenzellmembran zu verstehen sind (Aktionspotentiale). Zwischen den Nervenzellen befindet sich ein Spalt, da diese nicht direkt miteinander verbunden sind. Die Übertragung der Aktionspotentiale von Nervenzelle zu Nervenzelle über diesen Spalt hinweg kann durch chemische oder elektrische Synapsen erfolgen, wobei die chemische Synapse die weitaus häufigere ist. In chemischen Synapsen erfolgt die Übertragung durch Neurotransmittermoleküle. Gelangt ein Aktionspotential zum Ende der Synapse (praesynaptische Membran), werden die Neurotransmitter in den synaptischen Spalt freigesetzt, welche sich verteilen und so zu den Rezeptoren der nächsten Nervenzelle (postsynaptische Membran) gelangen. Auf diese Weise kann ein Signal von einer Nervenzelle über den Spalt hinweg zu einer anderen Nervenzelle übertragen werden.

Je nach Art des Rezeptors und des Neurotransmitters wird die nachfolgende Nervenzelle durch den Neurotransmitter entweder ebenfalls erregt oder im Gegenteil daran gehindert, Aktionspotentiale weiterzuleiten. Erregende Neurotransmittersyteme werden exzitatorische, hemmende als inhibitorische Neurotransmittersysteme bezeichnet. Bindet ein exzitatorisch wirkender Transmitter an einen spezifischen Rezeptor, führt dies an der postsynaptischen Membran zur Bildung eines exzitatorischen postsynaptischen Potentials (EPSP), das heißt es kommt zu einer Depolarisation der Zellmembran. Wenn das Membranpotential einen bestimmten Schwellenwert überschreitet, wird ein Aktionspotential ausgelöst. Wenn dagegen ein inhibitorischer Transmitter an seinen spezifischen Rezeptor bindet, entsteht ein inhibitorisches postsynaptisches Potential (IPSP). Hierdurch kann es zu einer Hyperpolarisation der Zellmembran kommen, was der Auslösung eines erneuten Aktionspotentials entgegenwirkt.

Die freigesetzten Neurotransmittermoleküle werden danach schnell wieder aus dem synaptischen Spalt entfernt, um eine erneute Signalübertragung zu ermöglichen. Hierfür können die Neurotransmittermoleküle entweder enzymatisch abgebaut, in die ursprüngliche Nervenzelle wiederaufgenommen oder in die umgebenden Gliazellen aufgenommen werden.

Angriffspunkte der Psychopharmaka[Bearbeiten]

Fast alle Psychopharmaka wirken auf die Funktionen des Gehirns ein, indem sie Einfluss auf die chemische Signalübertragung am synaptischen Spalt nehmen. Dabei ahmen einige Psychopharmaka die Funktion des physiologischen Transmitters nach und reizen den Rezeptor der nachfolgenden Nervenzelle (Agonisten). Andere verhindern, dass der physiologische Transmitter den Rezeptor erreichen kann, indem sie den Rezeptor blockieren (Antagonisten). Wiederum andere erhöhen die Konzentration des physiologischen Transmitters im synaptischen Spalt, indem sie den enzymatischen Abbau blockieren (Enzymhemmer) oder die Aufnahme des Transmitters nach erfolgter Signalübertragung in die ursprüngliche Nervenzelle verhindern (Wiederaufnahmehemmer). Dadurch wird der Transmitter nicht mehr aus dem synaptischen Spalt entfernt, was zu der Erhöhung der Konzentration führt. Eine Veränderung der Konzentrationen des Transmitters kann auch dadurch erreicht werden, dass die Autorezeptoren der erregten Nervenzelle, welche für die Menge des freigesetzten Transmitters oder dessen Syntheserate verantwortlich sind, beeinflusst werden.

Durch Hemmung oder Aktivierung werden die durch die biogenen Neurotransmitter vermittelten Funktionen des Gehirns beeinflusst. Um die Funktionen des Gehirns gezielt beeinflussen zu können, ist es notwendig, dass Psychopharmaka nur einige wenige spezifische Abläufe beeinflussen. Dies ist nur dann möglich, wenn entweder die Rezeptorendichte sich in den einzelnen Hirnarealen stark unterscheidet oder aber das Psychopharmakon in einen biochemischen Mechanismus eingreift, der in einem Hirnareal funktionell relevant, in den anderen jedoch irrelevant ist. Auch wenn über die molekularen pharmakologischen Mechanismen der Psychopharmaka gute Kenntnisse bestehen, so können die klinischen Wirkungen wie Änderungen der Erlebnisfähigkeit, Emotionalität, Vigilanz oder motorischen Aktivität oft nur hypothetisch erklärt werden. Die Grundlagen von psychischer Vorgänge und psychopathologischer Prozesse sind oft noch unklar.

Spezielle Wirkmechanismen[Bearbeiten]

Einigen psychischen Erkrankungen liegen Störungen des Neurotransmitterhaushalts (insbesondere Dysbalancen der Monoamine Dopamin, Noradrenalin und Serotonin) und – teils als deren Ursache, teils als deren Folge – neurophysiologische Veränderungen zugrunde (wie z. B. von der Dichte und der Sensibilität von Rezeptoren, sowie von intrazellulären Strukturen). Einige Psychopharmaka zielen darauf ab, den gestörten Neurotransmitterhaushalt auszugleichen, andere richten sich mehr auf die Neujustierung physiologischer Effektorstrukturen.

Wirkstoffspiegel[Bearbeiten]

Bei den meisten Psychopharmaka wird ein gleichmäßig hoher Wirkstoffspiegel im Körper angestrebt. Um ein Fließgleichgewicht zu erreichen müssen folgende Punkte beachtet werden:

  • Dosierungsintervall
  • Dosis
  • Eliminationshalbwertszeit

Gründe für stark abweichende Plasmaspiegel können sein:

  • Non-Compliance bzw. Verweigerung oder Falschanwendung des Medikaments
  • Unterschiedliche Arzneimittelstoffwechsel, insbesondere am Zytochrom P-450-System aufgrund genetischer Polymorphismen
  • Induktion oder Hemmung des Zytochrom-P450-System aufgrund gleichzeitig verabreichter Arzneimittel oder Nahrungsbestandteile. Dies kommt besonders häufig dann vor, wenn weitere psychoaktive Substanzen verabreicht werden oder wenn aufgrund einer internistischen Krankheiten eine weitere Medikamentation erforderlich ist

Eine Überprüfung, ob die Medikamentation den gewünschten Erfolg erreicht, ist durch Plasmaspiegelbestimmung möglich, welche vor allem im stationären Bereich bei Neuroleptika und Antidepressiva durchgeführt wird. Patienten mit zu niedrigen Plasmaspiegel können hierdurch vor Unwirksamkeit der Therapie bewahrt werden. Patienten mit zu hohen Plasmaspiegel können vor Intoxikationen und unerwünschten Nebenwirkungen geschützt werden. Unabhängig davon ist bei Psychopharmaka zu beachten, dass einige Patienten bereits bei sehr niedrigem Plasmaspiegel reagieren, während andere erst bei sehr hohen Plasmaspiegel die gleiche gewünschte Wirkung erreichen.

Unerwünschte Wirkungen[Bearbeiten]

Als unerwünschten Wirkungen des Psychopharmakons können auftreten:

  • physische oder psychische Abhängigkeit
  • Toleranzentwicklung
  • Beeinflussung physiologischer Schlafmuster
  • Wechselwirkung mit anderen Arzneistoffen
  • Reboundphänomene
  • Gedächtnisprobleme
  • stark schwankende Wirksamkeit
  • Wirkung auf Herz, Leber, Niere
  • Atemdepression
  • Einschränkung der Fahrtüchtigkeit

Klassifikation[Bearbeiten]

Die Einteilung der Psychopharmaka kann nach sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten vorgenommen werden. Ein Klassifikationskriterium könnte zum Beispiel die Ähnlichkeit in der chemischen Struktur sein. Am Häufigsten werden Psychopharmaka jedoch nach dem klinischen Anwendungsbereich eingeteilt. Dies hat den Vorteil eines direkten Praxisbezuges, aber den Nachteil, dass eine Reihe von Substanzen nicht eindeutig klassifiziert werden können. Zum Beispiel können viele Benzodiazepinderivate sowohl als Tranquilizer, wie auch als Hypnotika eingesetzt werden.

Eingeteilt nach dem angestrebten therapeutischen Effekt ergeben sich sieben Gruppen:

  • Antidepressiva wirken stimmungsaufhellend und antriebssteigernd
  • Neuroleptika haben eine antipsychotische Wirkung
  • Tranquillanzien haben eine angst- und spannungslösende Wirkung
  • Hypnotika wirken schlafinduzierend
  • Antidementiva (Nootropika) werden gegen altersbedingten geistigen Abbau eingesetzt
  • Phasenprophylaktika (z. B. Lithium oder Carbamazepin) verhindern oder reduzieren das Wiederauftreten zukünftiger Krankheitsphasen bei affektiven und schizoaffektiven Psychosen
  • Sonstige Psychopharmaka

Kritik[Bearbeiten]

Gefahren ergeben sich, wenn Psychopharmaka zur "Ruhigstellung" zum Beispiel in Altersheimen oder zum Zudecken von normalen Alltagsproblemen eingesetzt werden. Darüber hinaus wird es problematisch, wenn Tranquilizer den für eine Psychotherapie notwendigen Leidensdruck reduzieren. In der Vergangenheit kam es gehäuft zu einer missbräuchliche Anwendung von Tranquilizern, was die Psychopharmakotherapie in der Öffentlichkeit in Misskredit brachte.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einführungen:

  • Klaus Aktories u. a.: Psychopharmaka – Pharmakotherapie psychischer Erkrankungen. In: Derselbe, Ulrich Förstermann, Franz Hofmann, Klaus Starke (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 11., überarbeitete Auflage. Urban & Fischer, München/Jena 2013, ISBN 978-3-437-42523-3, S. 293–328.
  • Hippius Benkert: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. Springer, Berlin 2010, ISBN 978-3-642-13043-4.
  • Carola Burkhardt-Neumann: Wegweiser Psychopharmaka. Wirkstoffe für die Seele. Zenit, München 2005, ISBN 978-3-928316-23-1.
  • Asmus Finzen: Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen. Einführung in die Therapie mit Psychopharmaka. 14. Auflage. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2004, ISBN 3-88414-372-7.
  • Nils Greve, Margret Osterfeld, Barbara Diekmann: Umgang mit Psychopharmaka. Ein Patienten-Ratgeber. Balance Buch+Medien, Bonn 2007, ISBN 978-3-86739-002-6.

Unerwünschte Wirkungen:

  • F. L. Tornatore, J. J. Sramek, B. L. Okeya, E. H. Pi: Unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka. Thieme, Stuttgart/New York 1991, ISBN 3-13-754601-X.

Kritische Betrachtung der Verordnungspraxis:

  • Cornelia Krause-Girth: Schein-Lösungen. Psychiatrie-Verlag, Bonn 1989, ISBN 3-88414-099-X.

Geschichte:

  • Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4.
  • Frank Hall: Psychopharmaka – ihre Entwicklung und klinische Erprobung: zur Geschichte der deutschen Pharmakopsychiatrie von 1844–1952. Kovac, Hamburg 1997.
  • David Healy: The Antidepressant Era. 3. Auflage. Harvard University Press, Cambridge 2000.
  • H.-U. Melchert: Einnahme von Psychopharmaka. In: H. Hoffmeister , B. Bellach (Hrsg.): Die Gesundheit der Deutschen. Ein Ost-West-Vergleich von Gesundheitsdaten. In: RKI-Hefte. Nr. 7, Robert Koch-Institut, Berlin 1995, ISBN 3-89606-008-2.
  • Johannes Pantel, Gisela Bockenheimer-Lucius u. a.: Psychopharmakaversorgung im Altenpflegeheim. Eine interdisziplinäre Studie unter Berücksichtigung medizinischer, ethischer und juristischer Aspekte. Lang, Frankfurt 2006, ISBN 3-631-55095-2 (= Reihe Frankfurter Schriften zur Gesundheitspolitik und zum Gesundheitsrecht).

Nachschlagewerke für Synonyme, INN und systematische Stoffnamen:

  • Walter Pöldinger, François Wider: Index Psychopharmacorum. Huber, Bern/Stuttgart/ Toronto 1990, ISBN 3-456-81770-3 (englisch - deutsch - französisch - italienisch - spanisch).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]


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