Klaviersonate Nr. 2 (Chopin)

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1839/40 schrieb Frédéric Chopin seine zweite Klaviersonate op. 35. So erregend wie rätselhaft, gehört „die b-Moll“ zu den größten Dramen der Klaviermusik.

Aufbau[Bearbeiten]

Ungewöhnlich an dieser Sonate ist unter anderem, dass alle Sätze in Moll stehen.

1. Satz: Grave; Doppio movimento, alla breve
In der Tonart offen und weitgespannt, grave, aber schon im alla breve, lassen die vier Einleitungstakte den „Geist“ des Satzes und der ganzen Sonate erkennen. Die gepaarten Achtel in den ersten vier Takten des Doppio movimento geben den Drive des Hauptthemas vor; agitato, aber noch leise und einstimmig folgt es in acht Takten alten Klassikregeln. Die Verstärkung in Oktaven und Quarten im taktweisen Wechsel von forte und piano, zweimal wiederholt, wirkt wie zaghafter Zweifel. Synkopierte Sext- und Septakkorde wischen ihn beiseite. In drei Akkorden findet der Sturm zur „Atempause“ im wunderbaren Sostenuto, in der Paralleltonart Des-Dur.

„Es ist der denkbar schärfste Gegensatz. Mit seiner breit gelagerten Akkordik ist es eines der bestgesteigerten Themen der Klaviermusik: zunächst in halben und ganzen Noten mit einer Viertelnotenwendung des Basses im 4. Takt, dann halbe und viertel Noten mit leichter Triolenbeschleunigung der Baßfigur, darauf eine mächtig sich hebende und senkende Welle mit zweimaligem Anhub, reicherer Harmonik und (teilweise punktiertem) Rhythmus. Bei der Wiederholung des Gesamtgedankens wird die erwähnte Baßfigur zunächst zu durchgehenden Triolen und weiterhin zu rollenden Achteln. Dem Thema wachsen drängende Triolen und schließlich Achtel in der Bewegung, Sexten- und Oktavenparallelen im Klang sowie kraftvollere Stärkegrade zu. Die Schlußgruppe besteht aus lauter in Viertel-Triolen geschmiedeten Akkordketten voll flimmernder, funkelnder Harmonierückungen und Dissonanzen. Die verhältnismäßig kurze Durchführung ist leidenschaftlich gespannt durch das unablässige Wühlen des unrastigen Hauptthemas. Wohl klingt das Kopfmotiv des Grave und auch eine Andeutung des Seitenthemas hinein; aber das kommt bei der wilden Besessenheit des Hauptthemas niemals zur Geltung. Einige in der Schlußgruppe enthaltene Takte leiten über zu einem B-Dur-Teil (einer Art Reprise), der das Seitenthema noch einmal in seiner ganzen Schönheit aufblühen läßt, sodann die Schlußgruppe wieder aufnimmt und in eine kurze akkordisch breite Koda mit dem im Baß erdröhnenden Hauptmotiv einströmt.“

Otto Schumann [1]

2. Satz: Scherzo (Presto, ma non troppo), 3/4
Wie sonst nur das op. 4 von Johannes Brahms steht das Scherzo im „finsteren“ es-Moll. Dem 1. Satz folgt es nicht nur in seiner wilden Wut, sondern auch in seinem melancholisch-zarten Mittelteil, più lento, Ges-Dur, halb Traum, halb Walzer. In der Wiederholung ermattet der „barbarisch ausgelassene Oktavenjubel“ mit seinen weiten Sforzato-Sprüngen im Pianissimo des Triothemas – bezaubernd.

3. Satz: Marche funèbre: Lento, 4/4
Der Trauermarsch entstand zwei Jahre vor den anderen Sätzen. Dass er allbekannt ist, dürfte nicht zuletzt seiner (vermeintlichen) Zugänglichkeit für Dilettanten geschuldet sein. Die Struktur ähnelt dem Trio des Scherzos: Zum schweren Glockenklang der gleichmäßigen Bassakkorde und zum punktierten Rhythmus des engstufigen Themas wechseln die ständigen Sekundschritte der Mittelstimme zwischen b-Moll und Ges-Dur. Sparsam in den Mitteln, tröstet der Des-Dur-Mittelteil mit seinem leisen Gesang.

4. Satz: Finale. Presto, alla breve
Kein Thema, kein Akkord. In Triolen und unisono, sotto voce e legato (una corda), ohne jede Pause und senza pedale huscht das fahle Finale vorüber. In diesem dämonischen Spuk die versteckten Akzente und Phrasierungen durchklingen zu lassen, ist großen Pianisten vorbehalten. Natürlich sind die vier Seiten kein „regelhafter“ Sonatenschluss; aber was anderes als dieses wesenlose Toten- oder Schattenreich hätte dem Tumult der Kopfsätze und der Trübnis des 3. Satzes folgen können? Dass „nach dem Marsch die linke und rechte Hand unisono plaudern“,[2] kann man als Chopins nachsichtige Antwort auf die Frage eines Ignoranten verstehen.

Rezeption[Bearbeiten]

Eric Satie verwendet eine Variation des Trauermarsches im 2. Satz von Embryons desséchés. Das Motiv erscheint auf dem Bathory-Album Under the Sign of the Black Mark als Teil des Gitarrensolos in Call from the Grave.

„Daß Chopin es Sonate nannte, möchte man eher eine Kaprice heißen, wenn nicht einen Übermut, daß er gerade vier seiner tollsten Kinder zusammenkoppelte, sie unter diesem Namen vielleicht an Orte einzuschwärzen, wohin sie sonst nicht gedrungen wären.“

Robert Schumann

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. O. Schumann (1979)
  2. Brief an J. Fontana, Poststempel 10. August 1839, in Ernst Burger: Frédéric Chopin. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten. München 1990, ISBN 3-7774-5370-6, S. 220

Literatur[Bearbeiten]

  • Otto Emil Schumann: Handbuch der Klaviermusik, 4. Auflage. Wilhelmshaven 1979, S. 351–353.

Weblinks[Bearbeiten]