Laminare Strömung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Laminar Flow)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Laminare Strömung

Die laminare Strömung (lat. lamina „Platte“) ist eine Bewegung von Flüssigkeiten und Gasen, bei der (noch) keine sichtbaren Turbulenzen (Verwirbelungen/Querströmungen) auftreten: Das Fluid strömt in Schichten, die sich nicht miteinander vermischen. In diesem Fall handelt es sich (bei konstanter Strömungsgeschwindigkeit) meistens um eine stationäre Strömung.

Das Gegenteil einer laminaren Strömung ist die sogenannte turbulente Strömung.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem technischen Fachbegriff der laminaren Strömung in der sogenannten hydrodynamischen Grenzschicht, die das sich senkrecht zur Strömungsrichtung ausbreitende Übergangsgebiet zwischen zwei unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten beschreibt. Nicht behandelt wird die umgangssprachlich und unscharf als laminare Strömung oder auch Laminarströmung bezeichnete ausgebildete oder anliegende Strömung. Diese ist dadurch charakterisiert, dass sie außerhalb der (laminaren oder turbulenten) Grenzschicht dem Verlauf einer Wand oder eines Profils folgt und dabei nicht abreißt oder verwirbelt. Von der Wortbedeutung her ist die Bezeichnung nicht zu beanstanden, es ist jedoch ein völlig anderes hydrodynamisches Phänomen mit anderen Ursachen und Wirkungen gemeint.

Eigenschaften[Bearbeiten]

Ausbildung einer laminaren Grenzschicht an einer flachen Oberfläche. Rex ist hier bei jedem x kleiner als Rekrit ≈ 105. Die Plattenlänge x muss daher endlich sein.

Zur Darstellung des Unterschiedes zwischen laminarer Strömung und turbulenter Strömung hat der Physiker Osborne Reynolds im Jahr 1883 einen Färbeversuch einer Wasserströmung in einer Rohrleitung vorgenommen und festgestellt, dass sich die Verwirbelung in der Rohrleitung erst ab einer bestimmten Strömungsgeschwindigkeit einstellt. Als Beurteilungskriterium wird hierzu die Reynolds-Zahl Re angewandt. Diese ist wie folgt definiert:

 \mathrm {Re} := \frac{v \cdot l}{\nu} = \frac{v \cdot l \cdot \rho}{\mu} ,

wobei v der Betrag einer charakteristischen Strömungsgeschwindigkeit, l eine charakteristische Länge sowie \nu die kinematische Viskosität bzw. \mu (oder auch \eta) die dynamische Viskosität und \rho die Dichte des strömenden Fluids ist.

Ab einem kritischen Wert \mathrm{Re_{krit}} wird die laminare Strömung instabil gegenüber kleinen Störungen. Dieser Wert liegt beispielsweise bei der Rohrströmung bei etwa

\mathrm{Re_{krit}} = \frac{v_\mathrm{m} \cdot d}{\nu} \approx 2320

wobei v_m die mittlere Strömungsgeschwindigkeit ist, und als charakteristischen Länge der Rohrleitungsdurchmesser d heranzuziehen ist. Bei überströmten Platten liegt die kritische Reynoldszahl bei

\mathrm{Re_{krit}} = \frac{v_0\cdot x}{\nu} \approx 10^5.

Dabei ist x der Abstand von der Vorderkante bis zur Hinterkante der Platte und v_0 die Geschwindigkeit der ungestörten Anströmung.

Ist in einem Rohr die Strömung laminar, so gilt das Gesetz von Hagen-Poiseuille. Es beschreibt den Volumenstrom \tfrac{\mathrm dV}{\mathrm d t} durch das Rohr in Abhängigkeit zum Innenradius des Rohres.

Ursache einsetzender Turbulenz[Bearbeiten]

Prinzip eines Wirbelrings
Poiseuille profile.png
Zustandekommen von Wirbeln in einer zunächst laminaren Strömung
Human smoke rings.jpg
Rauchringe als in sich rotierender Torus

Primäre Ursache der ab einem bestimmten Wert von \mathrm{Re_{krit}} instabil und anschließend turbulent werdenden laminaren Strömung ist die Tatsache, dass das Strömungsfeld einer solchen Strömung auch schon davor nicht wirbelfrei im mathematischen Sinne ist. Wirbelfreiheit bedeutet dort u.a., dass ein sich entlang einer geschlossenen Kurve, z.B. im Kreis, bewegender Körper dabei weder Energie gewinnt noch verliert - im nebenstehenden Bild aber würde ein Teilchen, das sich in der Strömungsmitte schnell nach rechts und anschließend langsam an der Wand entlang zurück nach links bewegt, dadurch permanent Energie zugeführt bekommen, die schließlich zur Bildung der eingezeichneten Wirbel führt [1]: Sind in der Umgebung des Teilchens Störungen vorhanden, was praktisch immer der Fall ist, werden diese durch die Energiezufuhr solange angefacht, bis die anfangs geordnete Bewegung (Schichtströmung) schließlich in eine ungeordnete turbulente Strömung übergeht.

Ein bekanntes Beispiel dieses Effekts ist die Entstehung von Rauchringen (siehe Abb.), bei dem die Umgebungsluft die Rolle der ruhenden Gefäßwandung übernimmt. Bläst man nun nicht zu hastig in die Mitte einer kleinen vor dem Mund gebildeten Rauchwolke (Energiezufuhr), verformt diese sich zu einem in sich rotierenden Torus (Wirbelring, englisch vortex ring), dem bekannten Rauchring.

Vorkommen in der Natur und Technik[Bearbeiten]

Laminare Strömungen treten in der Natur zum Beispiel im Grundwasser und im Blutkreislauf auf, sind bei technischen Anwendungen aber eher die Ausnahme, etwa bei der Mikroverfahrenstechnik, wo man sich dieses Phänomen bereits zu Nutze macht. Auch bei Feuerwehren wird bei der Brandbekämpfung immer häufiger auf laminare Strömungen zurückgegriffen, da sich damit erheblich größere Reichweiten als mit normal turbulentem Wasser erzielen lassen (wichtig z. B. bei Hochhausbränden)[2].

Auch für moderne Wasserspiele werden laminare Strömungen in den letzten Jahren (Stand 2014) vermehrt eingesetzt. Für sog. Wasserwürste, d. h. springende Wasserstrahlen, sind sie sogar unabdingbare Voraussetzung[3].

Laminare Grenzschichten weisen meistens gegenüber turbulenten Grenzschichten eine geringere Wandreibung auf, insbesondere im Bereich der kritischen Reynolds-Zahl. Daher wird beispielsweise im Segelflugzeugbau auf sogenannte Laminarprofile zurückgegriffen, die formbedingt eine hohe laminare Lauflänge (der Abstand zwischen Vorderkante und dem laminar/turbulenten Umschlagspunkt) aufweisen, um geringe Strömungswiderstände zu erreichen. Die Verlängerung der laminaren Grenzschicht wird durch eine Gestaltung des Profils erreicht, bei der der Umschlag in eine turbulente Grenzschichtströmung möglichst lange herausgezögert wird. Laminarprofile sind aber intolerant für zu große Anströmwinkel, was zum Strömungsabriss führt.

In turbulenter Strömung können sogenannte Riblets den Reibungswiderstand verringern, ebenso die Dimples genannten kleinen Vertiefungen auf der Oberfläche von Golfbällen.

Laminar Flow [Bearbeiten]

Strömungsprinzip „Laminarströmungs-Reinraum“

Bei der Beschreibung technischer Einrichtungen stößt man gelegentlich auf die englischsprachige Bezeichnung Laminar Flow. Darunter versteht man im Allgemeinen eine (meist vertikal) gerichtete, turbulenzarme Luftströmung. Eine so erzeugte turbulenzarme Strömung verwirbelt an Hindernissen wie Maschinen oder Tischen. In Sicherheitswerkbanken werden Laminar-Flow-Verhältnisse mittels spezieller Anlagen erzeugt, die über Ventilatoren, Filter und Luftverteiler (sog. Laminarisator) verfügen. Der Raum, der ohne Rückströmung durchströmt wird, besitzt eine definierte Reinraumqualität (abhängig von den eingesetzten Filtern), da nur sterile Luft im Raum verbleibt bzw. mögliche Partikel gerichtet weggeblasen werden.

In der Industrie finden turbulenzarme (quasi-laminare) Strömungen überall dort Anwendung, wo Verschmutzungen der Produkte durch in der Luft vorhandenen Partikel vermieden werden sollen. Dabei werden durch die Luftströmung Aufwirbelungen vorhandener Partikel reduziert und durch den nach unten geführten Luftstrom abgeleitet. Dies macht sie für Anwendung interessant, bei denen das erhöhte Risiko von Partikelbildungen (z. B. durch Reibung sich bewegender Teile) kompensiert werden muss, also z. B. bei der Abfüllung von Pharmazeutika. Typische Beispiel sind Reinräume in der Halbleitertechnologie oder der Medizin sowie der Pharmazie.

Eine weitere Anwendung sind Arbeitsstationen, an denen mit grundsätzlich explosionsfähigen Pulvern gearbeitet wird (Pulver aus organischen Materialien, wie Mehl). Durch den Laminar Flow können sich diese Pulver nicht in der Luft verbreiten und den Status eines explosionsfähigen Luft-Feststoff-Gemisches erreichen.

Eine wesentliche Neuerung der Apothekenbetriebsordnung 2005 ABO ist, dass die Herstellung steriler Arzneimittel – insbesondere Augentropfen oder parenteral zu verabreichender Arzneimittel – im Labor unter Verwendung eines Laminar-Flows oder eines Isolators nach dem Stand der Wissenschaften und Technik erfolgen muss, sofern nicht die Herstellung in einem eigenen Sterilraum erfolgt.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Joseph H. Spurk, Nuri Aksel: Strömungslehre. Eine Einführung in die Theorie der Strömungen. 6. Auflage. Springer, Berlin 2005, ISBN 3540262938.

Weblink[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Grimsehl: Lehrbuch der Physik, Bd. I; Leipzig 1954, S.271-273.
  2. Wunder der Technik - Der Super Tower. Sendung auf N24 vom 24.08.2014
  3. Wunder der Technik - Der Super Tower. Sendung auf N24 vom 24.08.2014