Landkreis Jägerndorf

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Landkreis Jägerndorf 1945

Der Landkreis Jägerndorf war eine Gebietskörperschaft, die von 1938 bis 1945 zum deutschen Reichsgau Sudetenland gehörte.

Geografie[Bearbeiten]

Der Landkreis erstreckte sich von den Osthängen des Altvatergebirges bis zum Fluss Oppa, der die Grenze zur Provinz Schlesien bildete. Bei Jägerndorf mündet die Goldoppa, ein weiteres markantes Gewässer des Kreises, in die Oppa. Bis auf den flacheren Nordosten prägten bewaldete Berghänge die Landschaft.

Infrastruktur[Bearbeiten]

Die Kreisstadt Jägerndorf (tschechisch Krnov) war Industriezentrum und Eisenbahnknoten. Die wichtigste Bahnlinie war die Mährisch-Schlesische Zentralbahn, die den Kreis sowohl mit Breslau als auch mit der Nordbahn Wien - Krakau verband. In Jägerndorf kreuzte sich die Strecke mit der Oberschlesischen Bahn mit Verbindung zu Ratibor in Schlesien und Olmütz in Mähren. Während im Bergland hauptsächlich Viehwirtschaft und im Nordosten Ackerbau betrieben wurde, hatte sich den Städten im bescheidenen Maße Industrie angesiedelt. In Jägerndorf waren Textilwerke und eine bedeutende Orgelfabrik beheimatet, in Olbersdorf arbeiteten ein Kupferhammer- und Walzwerk sowie eine Leinenbleicherei. Daneben waren im Kreis zahlreiche Brauereien und Brennereien in Betrieb. 1939 betrug die Einwohnerzahl 61.777, davon waren 54.255 katholischen und 6.570 evangelischen Glaubens. Lebten vor der deutschen Machtergreifung noch über 600 Juden im Kreis, wurde ihre Zahl 1939 nur noch 33 angegeben. Der Landkreis war in die vier Amtsgerichtsbezirke Hennersdorf, Jägerndorf, Hotzenplotz und Olbersdorf eingeteilt. Zum Kreisgebiet gehörten vier Städte und 61 Gemeinden (Ortsverzeichnis s. unten). Der Landkreis Jägerndorf hatte am 1. Dezember 1930 61.995 Einwohner, am 17. Mai 1939 63.125 und am 22. Mai 1947 34.522 Einwohner.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Territorium des Landkreises ist im Wesentlichen mit dem ehemaligen böhmisch-mährischen Herzogtum Jägerndorf identisch, das 1377 durch Herzog Johann I. von Troppau-Ratibor gegründet worden war. Deutsche Kolonisten hatten das Gebiet, das zuvor durch Mongoleneinfälle nahezu entvölkert worden war, im 13. Jahrhundert wieder besiedelt, und Deutsche bildeten auch bis 1945 neben der tschechischen Bevölkerungsgruppe die Mehrheit. Ab 1411 gehörte das Herzogtum zur Krone Böhmen, kam aber 1523 durch Kauf an das deutsche Markgrafengeschlecht der Hohenzollern. Markgraf Georg der Fromme verhalf dem Herzogtum zu wirtschaftlicher Blüte und zum Zentrum des evangelischen Glaubens im weiten Umfeld. Die Hohenzollern-Herrschaft dauerte bis 1622, als in der Folge der Schlacht am Weißen Berg das Herzogtum an Karl von Liechtenstein ging, mit dem die Rekatholisierung eingeleitet wurde. Zugleich kam das Herzogtum unter die Oberhoheit des habsburgischen Österreich und wurde Schlesien zugeordnet. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg wurde das Herzogtum 1742 Teil von Österreichisch-Schlesien. Mit der Einführung der österreichischen Verfassung von 1849 ging das Herzogtum in den neu gebildeten Kreis Troppau im nunmehrigen Kronland Österreichisch Schlesien auf.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam Österreichisch Schlesien zur Tschechoslowakei, die den Bezirk Krnov bildete. Infolge des Münchner Abkommens wurde das Gebiet im Oktober 1938 von deutschen Truppen besetzt, und am 20. November 1938 wurde der deutsche Landkreis Jägerndorf gebildet. Er gehörte ab dem 15. April 1939 zum Reichsgau Sudetenland und unterstand dem Regierungsbezirk Troppau. Am 6. Mai 1945 wurde das Kreisgebiet von der Roten Armee besetzt und wurde wieder in die Tschechoslowakei eingegliedert. Die 34.000 Deutschen wurde in Internierungslager verbracht und bis 1946 nach Deutschland antransportiert.

Verwaltungsgeschichte[Bearbeiten]

Tschechoslowakei / Deutsche Besatzung[Bearbeiten]

Vor dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938 gehörten der politische Bezirk Krnov zur Tschechoslowakei.

In der Zeit vom 1. bis 10. Oktober 1938 besetzten deutsche Truppen dieses Gebiet. Der politische Bezirk Krnov trug fortan die frühere deutsch-österreichische Bezeichnung Jägerndorf. Der politische Bezirk Jägerndorf umfasste die Gerichtsbezirke Hennersdorf, Hotzenplotz, Jägerndorf und Olbersdorf. Seit dem 20. November 1938 führte der politische Bezirk Jägerndorf die Bezeichnung „Landkreis“.

Deutsches Reich[Bearbeiten]

Am 21. November wurde das Gebiet des Landkreises Jägerndorf förmlich in das Deutsche Reich eingegliedert und trat zum Verwaltungsbezirk der Sudetendeutschen Gebiete unter dem Reichskommissar Konrad Henlein. Sitz der Kreisverwaltung war die Stadt Jägerndorf.

Ab 15. April 1939 galt das Gesetz über den Aufbau der Verwaltung im Reichsgau Sudetetenland (Sudetengaugesetz). Danach trat der Landkreis Jägerndorf zum Reichsgau Sudetenland und wurde dem neuen Regierungsbezirk Aussig zugeteilt. Zum 1. Mai 1939 wurde eine Neugliederung der teilweise zerschnittenen Kreise im Sudetenland verfügt. Dabei blieb der Landkreis Jägerndorf - bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs - in seinen bisherigen Grenzen erhalten.

Seit 1945 gehört das Gebiet zunächst wieder zur Tschechoslowakei. Heute ist es ein Teil der Tschechischen Republik und gehört größtenteils seit 1960 zum Okres Bruntál (Bezirk Freudenthal), die Orte Aubeln (Úblo) und Braunsdorf (Brumovice) gehören seit 1960 zum Okres Opava (Bezirk Troppau).

Landräte[Bearbeiten]

1939–1945: Bernhard Wuttke († 1944)

Kommunalverfassung[Bearbeiten]

Bereits am Tag vor der förmlichen Eingliederung in das Deutsche Reich, nämlich am 20. November 1938, wurde alle Gemeinden das Recht der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 verliehen. Es galten fortan die im bisherigen Reichsgebiet üblichen Bezeichnungen, nämlich statt:

  • Ortsgemeinde: Gemeinde,
  • Marktgemeinde: Markt,
  • Stadtgemeinde: Stadt,
  • Politischer Bezirk: Landkreis.

Ortsnamen[Bearbeiten]

Es galten die bisherigen Ortsnamen weiter, und zwar in der deutsch-österreichischen Fassung von 1918. Allerdings wurde 1943 eine Gemeinde umbenannt:

  • Liebenthal: Großliebental.

Städte und Gemeinden[Bearbeiten]

(deutscher Name, Einwohnerzahl 1939, tschechischer Ortsname)

Städte[Bearbeiten]

  1. Hotzenplotz, 2.138, Osoblaha
  2. Jägerndorf, 24.174, Krnov
  3. Johannesthal, 1.158, Janov
  4. Olbersdorf, 2.582, Město Albrechtice

Gemeinden[Bearbeiten]

  1. Alt Bürgersdorf, 247, Staré Purkartice
  2. Arnsdorf, 293, Arnultovice
  3. Aubeln, 439, Úblo
  4. Bartelsdorf, 386, Bartultovice
  5. Bransdorf, 1.561, Brantice
  6. Braunsdorf ,1.559, Brumovice
  7. Burgwiese, 150, Burkvíz
  8. Butschafka, 276, Bučávka
  9. Deutsch Paulowitz, 393, Slezské Pavlovice (Německé Pavlovice)
  10. Friedersdorf, 641, Čaková
  11. Füllstein, 732, Bohušov (Fulštejn)
  12. Geppersdorf, 372, Linhartovy
  13. Glemkau, 459, Hlinka
  14. Gotschdorf, 509, Hošťálkovy
  15. Grosse, 265, Hrozová
  16. Groß Raden, 555, Radim
  17. Heindorf, 356, Hejnov (Hajnov)
  18. Heinzendorf, 768, Hynčice
  19. Hennersdorf, 2.258, Jindřichov
  20. Hillersdorf, 1.171, Holčovice
  21. Hirschberg, 353, Jelení (Hyršperk)
  22. Kammer, 380, Komora
  23. Karlsdorf, 130, Karlov
  24. Kaschnitzberg, 120, Kašnice
  25. Kawarn, 189, Koberno
  26. Klein Bressel, 489, Vraclávek
  27. Kreuzberg, 194, Křížová (Kružberk)
  28. Kronsdorf, 980, Krasov
  29. Kuttelberg, 983, Spálené (Kutlberk)
  30. Langendorf, 377, Dlouhá Ves
  31. Langwasser, 125, Dlouhá Voda
  32. Liebenthal, 1.031, Liptaň
  33. Lobenstein, 1.798, Úvalno
  34. Mährisch Pilgersdorf, 304, Pelhřimovy
  35. Maidelberg, 253, Dívčí Hrad
  36. Matzdorf, 224, Matějovice
  37. Neudörfel I, 305, Česká Ves (Nová Ves)
  38. Neudörfel II, 163, Nová Ves
  39. Neuwald, 193, Nový Les
  40. Nieder Paulowitz, 308 Dolní Povelice
  41. Ober Paulowitz, 343, Horní Povelice
  42. Peischdorf, 106, Piskořov
  43. Petersdorf, 703, Petrovice
  44. Pickau, 346, Býkov
  45. Pittarn, 557, Pitárné
  46. Rausen, 359, Rusín
  47. Reigelsdorf, 357, Rudíkovy
  48. Röwersdorf, 1.611, Třemešná
  49. Roßwald, Dorf, 411, Ves Rudoltice
  50. Roßwald, Markt, 268, Rudoltice Městys
  51. Schönwiese, 600, Krásné Loučky
  52. Seifersdorf, 814, Zátor
  53. Seitendorf, 153, Životice
  54. Stubendorf, 176, Studnice
  55. Taubnitz, 249, Dubnice
  56. Tropplowitz, Markt, 243, Opavice (CZ), Opawica (PL)
  57. Waißak, 302, Vysoká
  58. Wallstein, 494, Valštejn
  59. Weine, 145, Víno
  60. Wiese, 790, Loučky
  61. Zottig, 384, Sádek

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich Schulig: Ein Heimatbuch für die Bezirke Jägerndorf und Olbersdorf. Herausgegeben vom Jägerndorfer Bezirkslehrerverein. Adolf Drechsler, Troppau 1923.
  • Erwin Winkler (Bearb.): Gemeindegrenzen und Sprachgrenze in Ostböhmen-Nordmähren-Schlesien. Josefstadt-Nachod, Kronstadt an der wilden Adler, Weidenau-Jauernig, Zuckmantel-Hotzenplotz, Reichenau-Tynist, Senftenberg, Freiwaldau, Jägerndorf, Hohenmauth-Leitomischl, Landskron - Mährisch Trübau, Mährisch Schönberg - Mährisch Neustadt, Freudenthal, Policka-Neustadt, Brüsau-Gewitsch, Olmütz, Mährisch Weißkirchen (= Teil des Kartenwerkes Gemeindegrenzenkarte der Sudetenländer - Böhmen und Mähren-Schlesien 1:300 000 mit deutsch-tschechischer Nationalitätengrenze (Sprachengrenze) nach dem Mehrheitsprinzip laut amtlicher tschechoslowakischer Volkszählung 1930 nach Gemeinden). Berlin 1938.
  • Kurt Langer: Lautgeographie der Mundart in den Landkreisen Freudenthal und Jägerndorf. Selbstverlag, Prag 1944.
  • Ernst Kober: Heimatbuch für den Kreis Jägerndorf, Ostsudetenland: Kulturgut des Ostsudetenlandes. Burgberg-Verl., Grettstadt über Schweinfurt 1956.
  • Ladislav Zapletal, Bohuslav Kubalec. Geografie okresu Krnov. Odbor pro šk. a kult. rady ONV, Krnov 1959.
  • Otakar Káňa. Historické proměny pohraničí: Vývoj pohraničních okresů Jeseník, Rýmařov, Bruntál a Krnov po roce 1945. Profil 1976.
  • Josef Bartoš, Jindřich Schulz, Miloš Trapl. Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848-1960. Sv. 13, okresy: Bruntál, Jeseník, Krnov. Univerzita Palackého, Olomouc 1994. ISBN 80-7067-402-4.
  • Ernst Kober: Jägerndorfer Ländchen 1951-1963. Burgberg Verlag, Grettstadt 1997.
  • Jaroslav Vencálek. Okres Bruntál. Okresní úřad, Bruntál 1998. ISBN 80-238-2542-9
  • Richard Hrček. Historie poštovnictví na Krnovsku. Městský úřad v Krnově, Krnov 2004. ISBN 80-254-2991-1.
  • Jadwiga Królikowska. Hlubčicko-krnovský region: dějiny, turistika, hospodářství = Region Głubczyce-Krnov: Geschichte, Touristik, Wirtschaft (PDF; 7,2 MB). Urząd Miejski w Głubczycach, Głubczyce 2004. ISBN 83-914926-5-6.
  • Přírodní atraktivity mikroregionu Krnovsko. Městské informační a kulturní středisko, Krnov 2009.
  • Radim Lokoč, Ondřej Dovala, Petr Chroust, Miroslav Přasličák. Ovoce Opavska, Krnovska a Osoblažska (PDF; 10,2 MB). Místní akční skupina Opavsko, Místní akční skupina Rozvoj Krnovska, Opava 2011. ISBN 978-80-254-5803-7.
  • Miroslav Lupač. Zpráva o stavu životního prostředí Krnovska. Krnov : Městský úřad Krnov a TIMUR.cz, 2012.
  • Vladimír Blucha. Klíč k domovu: Čtení o Krnovsku pro mládež i dospělé. Krnov : Město Krnov, 2013, 2. Ausgabe. ISBN 978-80-87826-01-0

Weblinks[Bearbeiten]