Ligue communiste révolutionnaire

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Ligue communiste révolutionnaire
Logo LCR rouge.png
Sprecher Olivier Besancenot, Alain Krivine, Roseline Vachetta
Gründung 1974
Sitz 2, rue Richard-Lenoir

93100 Montreuil

Ideologie kommunistisch, marxistisch, trotzkistisch
Internationale IV. Internationale (Vereinigtes Sekretariat)
Europäische Verbindung Europäische Antikapitalistische Linke
Farbe rot
Website www.lcr-rouge.org

(Stand: Mai 2008)

Die Ligue communiste révolutionnaire (Revolutionär-kommunistische Liga) war eine trotzkistische Partei in Frankreich, die von 1974 bis 2009 bestand. Sie löste sich im Februar 2009 auf, um in einer Neugründung, der sogenannten Nouveau Parti Anticapitaliste (Neue Antikapitalistische Partei), einer nicht mehr ausschließlich trotzkistischen Partei, aufzugehen.[1]

Geschichte und Programmatik[Bearbeiten]

Die LCR wurde 1968 als Ligue Communiste unter der Führung von Alain Krivine, Daniel Bensaïd und Henri Weber als französische Sektion der in der Tradition Leo Trotzkis stehenden Vierten Internationale gegründet und trägt seit einem kurzzeitigen Verbot 1973 (nach welchem sie sich kurzzeitig Front communiste révolutionnaire – FCR – nannte) den heutigen Namen.

Für die revoltierende Jugend, die im Mai 68 in Frankreich eine regelrechte Staatskrise auslöste, war die traditionelle Französische Kommunistische Partei (Parti communiste français) aufgrund ihrer bürokratisch-autoritären Strukturen und ihrer Orientierung auf den parlamentarischen Weg zum Sozialismus unattraktiv; der PCF seinerseits misstraute den „kleinbürgerlichen“ Radikalen zutiefst und versuchte die beginnende Solidarisierung vor allem junger Arbeiter mit der studentischen Revolte sogar zu unterbinden. In dieser Situation konnten in der neueren Linken der Maoismus und der Trotzkismus an Einfluss gewinnen.

Die vom Brüsseler Sekretariat der IV. Internationale und seinem führenden Theoretiker Ernest Mandel vertretene, relativ flexible und wenig dogmatische Interpretation des Trotzkismus übte eine starke Anziehungskraft auf Intellektuelle aus. Der Trotzkismus ist konsequent internationalistisch, rechtfertigte jedoch nicht die bürokratischen Regime in der Sowjetunion und Osteuropa. Mandels Richtung erlaubte (im Unterschied zu Versionen des Trotzkismus, die nur reine Arbeiterrevolutionen akzeptieren) eine kritische Solidarität mit Revolutionen in der Dritten Welt (China, Kuba) und zeigte deutliche Sensibilität für neue Fragestellungen außerhalb des rein ökonomischen Gegensatzes von Lohnarbeit und Kapital (Feminismus, Ökologie usw.). Die IV. Internationale versuchte immer, eine revolutionäre Alternative zu Kapitalismus und Stalinismus zu verbreiten.

Trotz der spektakulären Auftritte, mit denen die Vorgängerorganisationen der LCR 1968 Furore machte, blieben diese Bemühungen lange Zeit erfolglos. In den 70er und 80er Jahren gelangte sie nicht über ein Randdasein hinaus. Nach 1990 begann die LCR an Bedeutung zu gewinnen. Der Zusammenbruch des „realen Sozialismus“ in Osteuropa löste bei den traditionellen „moskautreuen“ Kommunisten des PCF eine tiefe Desorientierung aus. Zwar bereitete die Situation, in der weithin jede Alternative zum Kapitalismus als diskreditiert angesehen wurde, zunächst auch der LCR Schwierigkeiten, obwohl diese zu den untergegangenen Staaten des Ostens immer ein äußerst kritisches Verhältnis einnahm. Sie konnte sich von der Krise aber besser erholen als der zum parlamentarischen Reformismus tendierende PCF. Die LCR engagierte sich stark in den antirassistischen und antifaschistischen Bewegungen gegen den Rechtsextremisten Le Pen. Viele ihrer Mitglieder beteiligten sich am Aufbau der neuen linken Gewerkschaftsbewegung Union syndicale Solidaires, die als basisdemokratische und Bündnisse der Arbeiterbewegung mit ökologischen, feministischen und antirassistischen Initiativen anstrebende Alternative zu den als bürokratisch eingestuften Gewerkschaften vor allem im Bereich des öffentlichen Dienstes Bedeutung gewann.

Wahlpolitisch setzte die LCR im Laufe der 90er Jahre vorwiegend auf Bündnisse mit der erfolgreicheren anderen trotzkistischen Partei LO (Lutte Ouvrière, Arbeiterkampf). Die LO konzentrierte sich im Unterschied zur LCR lange Zeit ausschließlich auf Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit und konnte auf diese Weise eine Basis in der Arbeiterschaft, vor allem in den krisengeschüttelten Industrieregionen, gewinnen. Ihre charismatische Wortführerin Arlette Laguiller erlangte in Präsidentschaftswahlkämpfen wachsende Popularität. Zwischen LO und LCR konnten jedoch grundlegende Differenzen nicht überwunden werden. Die LCR ist von ihrer sozialen Zusammensetzung her eine Partei gebildeter Mittelschichten. Ihre Anhängerschaft besteht, anders als bei der LO, weniger aus dem traditionellen Industriearbeitermilieu, sondern vorwiegend aus Lohnabhängigen im öffentlichen Dienst, im Gesundheits- und Erziehungswesen, deklassierter und proletarisierter Intelligenz und politisch engagierter Jugend.

2002 trat für die LCR der bis dahin unbekannte 27-jährige Olivier Besancenot als Kandidat zur Präsidentschaftswahl an und erzielte sensationelle 4,3 Prozent der Stimmen (ca. 1.450.000 Stimmen). (Die seit langem bekannte Arlette Laguiller von der LO kam auf 5,7 Prozent.) Besancenot hat Geschichte studiert, arbeitet bei der Post als Briefträger und ist Aktivist der linksalternativen Postgewerkschaft SUD-PTT. Er ist zweifellos ein typischer Vertreter des LCR-Milieus: jung und trotz hoher Bildung nicht gesellschaftlich etabliert.

Mit der Losung Unser Leben ist mehr wert als ihr Profit engagiert sich die LCR stark in der globalisierungskritischen Bewegung. Ideologisch hat sie sich geöffnet, sie ist keine rein trotzkistische Partei mehr, sondern betrachtet auch libertäre und rätekommunistische Traditionen als legitime Elemente der Neuformierung einer nicht-stalinistischen, auf Selbstorganisation statt auf Bürokratien und Apparate setzenden revolutionären Bewegung. Besancenot hat an einigen Positionen von Trotzki, etwa seinem Eintreten für die Militarisierung der Arbeit, Kritik geübt. Die von Trotzki geführte Niederschlagung des gegen die Bolschewiki gerichteten Aufstands von Kronstadt (1921) wird in der LCR heute äußerst kontrovers beurteilt. In ihrem Programm hat die LCR im November 2003 den Begriff Diktatur des Proletariats durch die historisch weniger belastete Forderung nach „Arbeitermacht“ und „sozialistischer Demokratie“ ersetzt.

Die LCR, die gegenwärtig schätzungsweise 3.000 Mitglieder hat, strebt die Bildung einer neuen, größeren Organisation der antikapitalistischen Linken an und hat deshalb sowohl an die LO als auch an der PCF-Strömung der refondateurs (Neugründer) Angebote für einen Zusammenschluss gerichtet. Diese Bemühungen blieben bislang erfolglos, da die refondateurs sich nicht vom PCF trennen wollen und die LO zu einer Neubildung nur auf streng trotzkistischer Basis bereit ist, was den offeneren Zielsetzungen der LCR widerspricht.

Im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2007 erreichte der LCR-Kandidat Olivier Besancenot mit 1.498.581 Stimmen (4,08 %) ein ähnliches Ergebnis wie 2002. Eine auch von der LCR angestrebte „anti-neoliberale Einheitskandidatur“ war auf Grund von Differenzen zwischen den an der Diskussion hierüber beteiligten Kräften (darunter auch der PCF) nicht zustande gekommen, einige prominente LCR-Mitglieder wie der Ökonom Michel Husson verließen daraufhin die Partei oder riefen wie Christophe Aguiton zur Wahl von José Bové auf[2].

Quellen[Bearbeiten]

  1. „Dissolution officielle de la LCR pour créer le Nouveau parti anticapitaliste“, Agence France Presse, 5. Februar 2009
  2. http://inprekorr.de/ipk426.pdf, S. 3–19

Literatur[Bearbeiten]

  • Ligue Communiste: Der Sozialismus, den wir wollen, Berlin 1974 (Programm der LC(R) von 1972) ISBN 3-921241-05-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ligue communiste révolutionnaire – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien