Intellektueller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Intellektueller wird ein Mensch bezeichnet, der wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat, und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position bezieht. Dabei ist er nicht notwendig an einen bestimmten politischen, ideologischen oder moralischen Standort gebunden.[1]

Der Bedeutungsinhalt des Begriffs Intellektueller wechselte im Laufe der historischen Entwicklung, eine allgemein anerkannte Definition des Begriffs gab es nie.[2] Wichtige Definitionsversuche unternahmen Karl Mannheim mit der Freischwebenden Intelligenz und alternativ dazu Antonio Gramsci mit dem Organischen Intellektuellen.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Begriff Intellektueller wurde Georges Clemenceau durch Maurice Barrès zugeschrieben. Zwar kennzeichnet Clemenceau 1898 in einem Artikel die prominenten Unterstützer von Alfred Dreyfus, darunter Émile Zola, damit als Gruppe, tatsächlich aber benutzte er den Begriff nicht als Erster und auch nicht übermäßig häufig. Es kann sogar vermutet werden, dass der Begriff von den nationalistischen Gegnern der Dreyfusunterstützer als erstes in diesem Zusammenhang gebraucht wurde. In der Folge erhielt jedenfalls der Begriff eine abwertende Konnotation und wurde für Personen verwendet, die der eigenen Nation illoyal gegenüber stehen.

Gramsci prägte den Begriff „organischer Intellektueller“ für Menschen, die die Ideen einer bestimmten Klasse vertreten und reartikulieren.

„Am 14. und 15. Januar 1898 wurden [in Frankreich] zwei Listen veröffentlicht, in denen Wissenschaftler, gehobene Beamte, aber vor allem Künstler und Literaten gegen die begangenen Rechtsbrüche im Fall Dreyfus protestierten. Bis zum 4. Februar 1898 kamen etwa 2000 Personen zusammen (veröffentlicht in L’Aurore und Siècle auf etwa 40 Listen), die nicht wegen ihrer Zahl, aber wegen der Qualität der Unterschriften für Aufregung sorgten. Clemenceau nahm am 23. Januar 1898 einen bereits seit den 1870er benutzten Begriff auf, den er schließlich unter ‚La Protestation des intellectuels‘ am 1. Februar 1898 in der Zeitung Le Journal veröffentlichte. Darin wird ein für die Gesellschaft negatives Bestreben jener Gruppe beklagt, eine Elite bilden zu wollen.“[3]

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Ausdruck ebenfalls als abwertender Kampfbegriff für Vertreter des ideologisch abgelehnten „Intellektualismus“ gebraucht, um jüdische oder politisch unerwünschte Personen zu diskreditieren und/oder anzuprangern (siehe auch NS-Propaganda).

Einbettung in Gesellschaften[Bearbeiten]

Der Intellektuelle analysiert, hinterfragt und kritisiert laut Sartre in öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskursen gesellschaftliche Vorgänge, um deren Entwicklung zu beeinflussen. Dabei ist der Intellektuelle nicht an einen politischen oder moralischen Standort gebunden. Dies führt häufig zu Konflikten mit Politikern, Regierungen bzw. Machthabern.

In Bezug zu den Regierungen ihres jeweiligen Landes reicht ihre Haltung von offener Unterstützung der gerade anstehenden Reformen bis zu offener Ablehnung. Intellektuelle sind dabei zugleich Produzenten und Kritiker der Ideologie.

Sofern ihre eigenen Ideen mit denen der herrschenden Klasse übereinstimmen, können sie für diese sehr effektive Unterstützer sein; wo es an Übereinstimmung fehlt, können sie vom Staatswesen verfolgt und zu Dissidenten werden. Die erfolgreichen Dissidenten werden zum Teil wieder in ein Staatssystem eingebunden, wo sie für dieses nützlich sind. So sind Intellektuelle für Machthaber zugleich unbequeme wie effektive Mittel in der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft. Der französische Philosoph Julien Benda (1867-1956) betonte bereits 1927 in seinem berühmten Essay Der Verrat der Intellektuellen die Neigung vieler Intellektueller, zu Erfüllungsgehilfen gesellschaftlicher Interessen und Ideologien zu werden.

Intellektuelle entwickeln untereinander informelle Beziehungen, die über die üblichen Lebensmittelpunkte von Arbeit und Familie hinausgehen. Intellektuelle Machthelfer im Staatsdienst sind so oft besser informiert als ihre behördlichen oder politischen Mitstreiter (und haben so deren Respekt, auch wenn sie wegen ihrer Kontakte zu politischen Gegnern misstrauisch beäugt werden). Unabhängig davon sind auch intellektuelle Gegner oft besser informiert über gesellschaftliche Probleme als die durchschnittliche Bevölkerung, selbst wenn das vorliegende Staatssystem die Pressefreiheit stark beschränkt hat. Diese innere Kenntnis staatlicher Details macht sie auch häufig zum Ziel der Nachrichtendienste anderer Staaten.

Die Lebhaftigkeit, Schnelle, Meinungsfreude und Verklatschtheit haupt- und großstädtischer Intellektuellenkreise führte oft zur Feindseligkeit gegen ihre Subkultur. Diese verband sich in Deutschland und Österreich nach dem Ersten Weltkrieg auch mit antijüdischen Ressentiments.

Bernhard von Mutius (* 1949) (Herausgeber des Buchs Die andere Intelligenz, 2004) äußerte die These, es bilde sich ein neuer Typ des Intellektuellen heraus, der als Wissensarbeiter (egal ob fest angestellt oder freiberuflich) in diversen Organisationszusammenhängen mit komplexen Entwicklungsprojekten betraut ist - Projekte, die wissenschaftliche und technische Innovationsvorhaben ebenso wie soziale und kulturelle Veränderungs- und Lernprozesse umfassen. Er nennt ihn den „konstruktiven Intellektuellen“. Hierbei wird erwartet, die Wirklichkeit als einen – gemeinsam mit anderen zu konstruierenden und veränderbaren – Möglichkeitsraum zu begreifen und aus der Analyse daraus handhabbare Vorschläge zu generieren. Neben der organisatorischen Anbindung als Beratergruppe innerhalb größerer Institutionen gibt es auch die Ausgründung als formal selbständige Denkfabrik.

Sogenannte „Intelligenz“[Bearbeiten]

Als Die Intelligenz (wohl aus dem Russischen; siehe Intelligenzija) bezeichnet man zusammenfassend soziale Gruppen in einer Gesellschaft, in denen sich Intellektuelle zu Gruppen formieren. Teils sind damit Abgrenzungen und Privilegien verbunden.

Einzelne Gruppen bzw. Kategorisierungen sind:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dictionnaire des intellectuels français : les personnes, les lieux, les moments; hrg. von Jacques Julliard, Nouv. éd., revue et augm., Paris: Éd. du Seuil, 2009; ISBN 2020992051
  • Franco Basaglia u. a.: Befriedungsverbrechen. Über die Dienstbarkeit der Intellektuellen, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1980 ISBN 3-434-00427-0
  • Julien Benda: La trahison des clercs, 1927, dt. Der Verrat der Intellektuellen, 1978, 1983, ungek. Auflage: Frankfurt: Fischer TB, 1988 ISBN 3-596-26637-8
  • Dietz Bering: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes. Berlin, Wien 1982
  • Dietz Bering: Die Epoche der Intellektuellen 1898–2001. Geburt – Begriff – Grabmal, Berlin: Berlin University Press, 2010, ISBN 978-3-940432-91-9.
  • Hauke Brunkhorst: Der Intellektuelle im Land der Mandarine, Frankfurt am Main 1987
  • Hauke Brunkhorst: Der entzauberte Intellektuelle. Über die neue Beliebigkeit des Denkens, Frankfurt am Main 1990
  • Christophe Charle: Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahrhundert. Fischer, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-596-60151-7
  • Noam Chomsky: The Responsibility of Intellectuals. In: The New York Review of Books. Februar 1967[4]
  • Ralf Dahrendorf: Engagierte Beobachter. Intellektuelle in ihrer Zeit. Wien 2005. (Passagen)
  • Franz-Josef Deiters: Auf dem Schauplatz des „Volkes“. Strategien der Selbstzuschreibung intellektueller Identität von Herder bis Büchner und darüber hinaus. Freiburg i. Br., Berlin u. Wien: Rombach Verlag, 2006 (= Litterae 138). ISBN 3-7930-9444-8; 978-3-7930-9444-9
  • Jacques Derrida: Die Intellektuellen. Definitionsversuch durch sie selbst, in: Ders., Maschinen Papier, Wien 2006, S. 211 ff.
  • Wolfgang Eßbach: Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe. München 1988
  • Richard Faber/Christine Holste (Hgg.): Kreise – Gruppen – Bünde. Zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziation. Würzburg 2000
  • Theodor Geiger: Aufgaben und Stellung der Intelligenz in der Gesellschaft. Stuttgart 1949
  • Jacques Le Goff: Die Intellektuellen im Mittelalter. 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2001
  • Wilhelm Hofmeister (Hg.), Die Entzauberung des kritischen Geistes . Intellektuelle und Politik in Lateinamerika, - Bielefeld : Transcript, 2004.
  • Dai Jinhua: The imagination of Intellectuals and the Role of the Mass Media. In: Asian Exchange, Jg. 18, H. 2 + Jg. 19, H. 1, 2002/2003, S. 152–161
  • M. Rainer Lepsius: Kritik als Beruf. Zur Soziologie der Intellektuellen, in: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen 1990, ISBN 3-531-11879-X
  • Alfred von Martin: Die Intellektuellen als gesellschaftlicher Faktor. In: ders.: Mensch und Gesellschaft heute. Frankfurt am Main 1965
  • Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.): Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. Oldenbourg, München 1996, ISBN 3-486-56085-9
  • Bernhard von Mutius (Hrsg.): Die andere Intelligenz. Wie wir morgen denken werden. Klett-Cotta, Stuttgart 2004. ISBN 3-608-94085-5
  • Ingeborg Nordmann: Neunzehntes Bild: Der Intellektuelle. In: Julius H. Schoeps / Joachim Schlör (Hgg.): Bilder der Judenfeindschaft. Antisemitismus - Vorurteile und Mythen. Augsburg 1999, S. 252-259, ISBN 3-8289-0734-2.
  • Jean Paul Sartre/Philippe Gavi/Pierre Victor: Der Intellektuelle als Revolutionär, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1976.
  • Helmut Schelsky: Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen, Opladen 1975
  • Thomas Sowell: Intellectuals and Society. Basic Books, 2010. ISBN 046501948X.
  • Hans Speier: Die Intellektuellen und die moderne Gesellschaft, Wien/Graz 2007 (herausgegeben und eingeleitet von Robert Jackall).
  • Joseph Jurt: Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu. Wallstein, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1048-3
  • Martin Strickmann: L’Allemagne nouvelle contre l’Allemagne éternelle: Die französischen Intellektuellen und die deutsch-französische Verständigung 1944–1950. Diskurse, Initiativen, Biografien; Frankfurt am Main/New York 2004, ISBN 3-631-52195-2
  • Alan Maynard Wald: The New York intellectuals. The rise and decline of the anti-Stalinist left from the 1930s to the 1980s, University of North Carolina Press, Chapel Hill und London 21987
  • Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Uvk, Konstanz 2003, ISBN 3-89669-948-2
  • Martha Zapata Galindo: Der Preis der Macht, Intellektuelle und Demokratisierungsprozesse in Mexiko 1968-2000. edition tranvia, Berlin 2006, ISBN 3-925867-96-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dieser Definition wird in der Intellektuellenforschung eine gewisse Plausibilität zugesproche, vgl dazu Stephan Moebius: Intellektuellensoziologie: Skizze einer Methodologie; Sozial.Geschichte Online 2 (2010), S. 37–63; S. 42 (pdf; 173 kB).
  2. Vgl. Dietz Behring: „Intellektueller“: Schimpfwort – Diskusrsbegriff – Grabmal? In: Intellektuelle; Aus Politik und Zeitgeschichte. 40/2010, S. 5–12.
  3. Vincent Duclert S. 54ff
  4. http://www.chomsky.info/articles/19670223.htm