Trotzkismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Leo Trotzki (um 1929)

Trotzkismus bezeichnet eine von Leo Trotzki ausgehende Richtung des Marxismus sowie einen politischen Kampfbegriff bei der Verfolgung politischer Gegner von Josef Stalin und seiner Nachfolger im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Inhalte[Bearbeiten]

Der Trotzkismus weicht insbesondere von der durch Josef Stalin vorgegebenen Linie des orthodoxen Marxismus-Leninismus vor allem hinsichtlich der Revolutionstheorie und der Parteilehre ab. Wesentlicher Bestandteil ist die Theorie der „Permanenten Revolution“, das heißt: die sozialistische Revolution als weltweiter, ständiger Prozess unter Führung von Arbeiterräten.

Nach eigenem Verständnis vertrat Trotzki die ursprünglichen, international ausgerichteten leninschen Lehren der russischen Oktoberrevolution im Gegensatz zur späteren Verdrehung durch den Stalinismus (Sozialismus in einem Land). Er definierte den Begriff in den 1920er Jahren als „die richtige Anwendung des Marxismus an die neue Etappe in der Entwicklung der Oktoberrevolution und unserer Partei.“[1]

Im Gegensatz zu der von Stalin vertretenen These vom möglichen „Sozialismus in einem Land“ stand Leo Trotzki für einen konsequenten Internationalismus. Nach seiner Theorie der permanenten Revolution kann der Sozialismus als Übergangsgesellschaft zum Kommunismus nur auf internationaler Ebene funktionieren, weswegen die ganze Welt durch eine Revolution vom Kapitalismus befreit werden müsse. Ausgangspunkt für den Trotzkismus ist aber vor allem auch die von Trotzki 1936 verfasste Studie Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie? Darin arbeitete er eine Analyse der Bürokratisierung der häufig als degenerierte Arbeiterstaaten bezeichneten Länder aus, in denen eine proletarische Revolution stattgefunden hatte. Trotzkisten verstehen sich, wie viele andere marxistische Strömungen auch, als Vertreter des Leninismus.

Eine unter anderem von trotzkistischen Bewegungen verwendete Methode ist jene des „Entrismus“, der offenen oder verdeckten Mitarbeit in Parteien und Organisationen. Ziel kann dabei sein, die eigene Ideologie zu verbreiten, Mitglieder zu gewinnen, den Kurs der Organisation zu verändern, in Zeiten der Marginalisierung beziehungsweise des Verbots revolutionärer Organisationen nicht vollständig vom politischen Geschehen isoliert zu sein oder eine legale politische Arbeitsmöglichkeit zu haben.

„Trotzkismus“ als politischer Begriff wurde vor 1917 in erster Linie innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands zur Charakterisierung von Trotzkis Auffassungen verwendet. Bei Stalin fungierte der Begriff nach 1923 als „Modellfall für sämtliche Formen der Linksopposition in der kommunistischen Bewegung bzw. der Sowjetunion“,[2] um dann schließlich ab Mitte der 1930er-Jahre hauptsächlich in der politischen Auseinandersetzung mit der Linken Opposition innerhalb der III. Internationale als Kampf- und Propagandabegriff verwendet zu werden. Abweichler von der Parteilinie der KPdSU wurden oft als Trotzkisten bezeichnet, so zum Beispiel in den Moskauer Prozessen 1936 bis 1938, in denen unter anderem ehemalige Mitglieder des Zentralkomitees verurteilt wurden.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff „Trotzkismus“ bezieht sich auf den kommunistischen Revolutionär Leo Trotzki, Mitglied des Zentralkomitees der Russischen Revolution, nach dem Sturz der bürgerlichen Regierung Kerenski Volkskommissar des Äußeren (Außenminister) und Kriegskommissar (Kriegsminister) im Bürgerkrieg auf der Seite der Bolschewiki. Laut Trotzki selbst ist der Ursprung des Terminus „Trotzkismus“ jedoch schon früher zu datieren, so wurde er erstmals 1905 vom damaligen russischen Außenminister Milkujow benutzt.[3] Nach dem Tod Lenins entwickelten sich ideologische Auseinandersetzungen zwischen der Linken Opposition um Trotzki und den Anhängern des Stalinismus über den zukünftigen Weg. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff „Trotzkismus“ vom herrschenden Triumvirat, Stalin, Sinowjew und Kamenew, zur Bekämpfung der politischen Gegner angewandt. Karl Radek gab dazu 1927 das Zeugnis ab:

„Ich war bei dem Gespräch mit Kamenew anwesend wo L.B.“ [gemeint ist Kamenew] „sagte, daß er vor dem Plenum des ZK offen erklären würde, wie sie, das heißt, Kamenew und Sinowjew, sich zusammen mit Stalin entschieden, die alten Uneinigkeiten zwischen L.D.“ [gemeint ist Trotzki] „und Lenin zu nutzen, um dadurch Genossen Trotzki nach Lenins Tod von der Führung der Partei fernzuhalten. Überdies habe ich wiederholt aus dem Munde von Sinowjew und Kamenew die Erzählung darüber gehört, wie sie den Trotzkismus als einen aktuellen Slogan ‚erfunden‛ hatten.“
K. Radek
25. Dezember 1927“ [4]

Zum Zweck der „Erfindung“ des Trotzkismus schreibt Trotzki selbst 1932 in „Lenins unterdrücktes Testament“ weiter:

„Ähnliche geschriebene Zeugnisse wurden von Preobrashinski, Pjatakow, Rakowski und Jelzin abgegeben. Pjatakow, der gegenwärtige Direktor der Staatsbank, fasste Sinowjews Zeugnis in den folgenden Worten zusammen:
‚‚Trotzkismus‛ war zu dem Zweck erfunden worden, die wirklichen Meinungsunterschiede durch fiktive Unterschiede zu ersetzen, das heißt, vergangene Unterschiede zu nutzen, die keine Auswirkung auf die Gegenwart hatten, die aber zu dem oben erwähnten, bestimmten Zweck künstlich wiederbelebt wurden‛.“ [4]

1925 rühmte sich Sinowjew auch gegenüber Rakowski seiner erfolgreichen Taktik gegen Trotzki und bedauerte nur, „dieses Kapital schlecht angewandt und vergeudet zu haben“.[5]

Ab 1926 kam es dann innerhalb der KPdSU, der III. Internationale und den in ihr zusammengeschlossenen Parteien immer wieder zu Säuberungen von oft als „Trotzkisten“ bezeichneten „Abweichlern“ von der herrschenden „Generallinie“ der KPdSU. Teilweise wurden die Anhänger der Linken Opposition aus der Partei entfernt, andere in die Verbannung geschickt, und weitere gingen ins Exil.

Nach den Parteiausschlüssen und dem Schock über die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland wurde 1938 die Vierte Internationale gegründet, die sich als marxistische weltumspannende Organisation verstand. Die inhaltliche Grundlage wurde durch Arbeiten Leo Trotzkis ergänzt.

Die Vierte Internationale erlebte 1953 eine Spaltung in zwei Flügel, Pablisten und orthodoxe Trotzkisten, die sich 1963 zum Teil wieder vereinigten. Splitter dieser Spaltung gründeten zum Teil eigene internationale Organisationen oder beanspruchen teilweise auch den Titel IV. Internationale.

Herrschende Diskurse im „Realsozialismus“ bezeichneten den Trotzkismus als „eine kleinbürgerliche Strömung“, die dem Marxismus-Leninismus, der internationalen kommunistischen Bewegung und dem sozialistischen Weltsystem – insbesondere der Sowjetunion – feindlich gegenübersteht.“[6]

Manche Trotzkisten haben sich ideologisch geöffnet und in einigen Punkten vom orthodoxen Marxismus abgegrenzt. Nach den Studentenbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre haben sich Trotzkisten auch den sogenannten „neuen Fragen“ zu Ökologie, Patriarchat und Frauenunterdrückung und Ähnlichem gestellt.

Bekannte Trotzkisten[Bearbeiten]

Erwin Heinz Ackerknecht, Tariq Ali, Daniel Bensaïd, Wolrad Bode, Pierre Broué, Alex Callinicos, James P. Cannon, Tony Cliff, Helmut Dahmer, Isaac Deutscher, Hal Draper, Raya Dunayevskaya, Chen Duxiu, Ted Grant, Anton Grylewicz, Duncan Hallas, Chris Harman, Gerry Healy, Walter Held, Oskar Hippe, C. L. R. James, Georg Jungclas, Frida Kahlo, Alain Krivine, Arlette Laguiller, Ken Loach, Michael Löwy, Livio Maitan, Ernest Mandel, Jakob Moneta, Nahuel Moreno, Pierre Naville, David North, Michel Pablo, Juan Posadas, Christian Rakowski, Vanessa Redgrave, Lucy Redler, Karl Retzlaw, Diego Rivera, Roman Rosdolsky, Leo Sedow, Max Shachtman, Peter Taaffe, Tạ Thu Thâu, Lynn Walsh, Wang Fanxi, Janine Wissler, Winfried Wolf, Alan Woods

Organisationen und Parteien[Bearbeiten]

Einige der heutigen trotzkistischen Organisationen beanspruchen, in der ungebrochenen Tradition der Vierten Internationale zu stehen, die aus ihrer Sicht entweder ununterbrochenen Bestand hatte oder Gegenstand einer Wiedergründung war. Manche davon haben viele Gemeinsamkeiten und überschneiden sich in ihrer Ausrichtung sehr stark, zudem ist die Anzahl der Mitglieder stark unterschiedlich. Gewisse Richtungen jedoch, die sich als trotzkistisch verstehen, argumentieren, dass die Vierte Internationale nicht mehr existiere, wobei sie auch keinen Wiederaufbau anstreben. Andere wiederum sind der Auffassung, dass die Bezeichnung „Vierte Internationale“ in einem Maße diskreditiert sei, dass eine „Fünfte Internationale“ gegründet werden müsse. Wichtige Unterscheidungsmerkmale sind das Verhältnis zur Sozialdemokratie und zum (Ex-)Stalinismus.

im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

Sektionen der wiedervereinigten Vierten Internationale

Sektionen der Vierten Internationale (Internationales Komitee)

Sektionen der Internationalen Kommunistischen Liga (Vierte Internationalisten)

Sektionen des Committee for a Workers’ International

Sektionen der Liga für die Fünfte Internationale

Mitglieder der International Socialist Tendency

  • Marx21 – Deutschland
  • Linkswende – Österreich

Mitglied der Internationale Marxistische Tendenz

  • Der Funke

Sonstige Organisationen

Aufgelöste trotzkistische Organisationen und Parteien

International[Bearbeiten]

siehe Liste trotzkistischer Organisationen

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Überblicksdarstellungen und Nachschlagewerke[Bearbeiten]

Zeitschriften für Trotzkismusforschung[Bearbeiten]

  • Cahiers Léon Trotsky, Herausgegeben vom Institut Léon Trotsky (ILT), Grenoble, 80 Ausgaben zwischen 1979 und 2003
  • Revolutionary History, 32 Ausgaben seit 1988, Webseite (Nicht mehr abrufbar, letzte Version vom 25. Juli 2011 im Web Archive)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Trotzkismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Trotzkismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Trotzki: Die Fälschung der Geschichte der russischen Revolution, Buchverlag und -vertrieb Wolfgang Dröge, Dortmund 1977, ISBN 3-88191-002-6, S. 68.
  2. Pierre Séverac: „Trotzkismus“, in: Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 7, Argument-Verlag, 1997, ISBN 3-88619-067-6
  3. Trotzki, Leo: Mein Leben, Berlin 1930, S. 273.
  4. a b Trotzki: „Lenins unterdrücktes Testament“, zitiert nach: [1] (englischer Text, eigene Übersetzung).
  5. Trotzki: Stalin Eine Biographie, 2.Auflage, Arbeiterpresse Verlag, Essen 2006, ISBN 3-88634-078-3, S. 446.
  6. Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin, 3. überarbeitete Auflage 1978, S. 901.