Männerwohnheim Meldemannstraße

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Das Männerwohnheim in der Meldemannstraße 27 war von 1905 bis 2003 ein Obdachlosenasyl in Wien im 20. Gemeindebezirk Brigittenau. Bekannt wurde es, weil dort von 1910 bis 1913 Adolf Hitler gewohnt hatte.

Das Männerheim um 1910[Bearbeiten]

Rückansicht von Pasettistraße
Seitenansicht von Stromstraße

Ende September 1904 wurde für die Errichtung des Männerlogierhauses die behördliche Baubewilligung erteilt und mit den Fundierungsarbeiten begonnen. Das Logierhaus, das auf vier Stockwerken in 24 Sälen 544 Männern gegen billiges Entgelt eine musterhafte Heimstätte bieten sollte, wurde nach dem System der Londoner Rowton Houses[1] ausgeführt: getrennte Schlafabteile, gemeinsame Tagesräume. Dem Neubau wurden die preisgekrönten Entwürfe der österreichischen Architekten Leopold Ramsauer (1874–1916) und Otto Richter (1875–1919) zugrunde gelegt.[2]

Das insgesamt sechsstöckige Männerheim gehörte bei seiner ohne Festlichkeiten am 15. Oktober 1905 vorgenommenen Eröffnung[3] zu den modernsten Europas.[4] Finanziert wurde es von der Kaiser Franz Joseph I.-Jubiläums-Stiftung für Volkswohnungen und Wohlfahrtseinrichtungen[Anm. 1], einen durch private Spenden getragenen Fonds. Kaiser Franz Joseph I. stattete der Institution, der bis dahin zweitgrößten der Stiftung, am 7. November 1905 einen Besuch ab.[5][Anm. 2] Verwaltet wurde das Haus von der Stadt Wien, die Leitung lag in Händen eines Verwalters, der im Haus selbst wohnte[Anm. 3].

Ein erstes Ziel des neuen Männerheims war es, die Zahl der Bettgeher zu verringern. 1910 gab es in Wien 80.000 Bettgeher.

Es hatte Gasbeleuchtung und zusätzlich als besonderen Komfort elektrische Glühlampen. Geheizt wurde mit einer modernen Dampfniederdruckheizung.

Im Erdgeschoss lagen der Speisesaal, ein Lesezimmer mit Tageszeitungen und einer Raucher- und Nichtraucherabteilung und eine ab 1. Oktober 1910[6] nutzbare Bibliothek. Im Keller gab es einen Kleider- und Schuhputzraum, einen Gepäckraum, einen Fahrradkeller sowie eine Schuster- und Schneiderwerkstatt. Es gab ein Krankenzimmer mit einem Hausarzt und eine Desinfektionskammer zur Entlausung der Neuankömmlinge. Zusätzlich zu Waschräumen und Rasierzimmer wurde den Heimbewohnern eine Badeanlage mit 16 Brausen und 4 Wannen geboten.

Für Selbstversorger gab es Kochnischen mit Gaskocher und Geschirr.

Der Schlaftrakt lag in den oberen vier Etagen. Er wurde abends um 20 Uhr geöffnet und musste gegen 9 Uhr morgens wieder geräumt werden. Das Heim hatte statt eines Massenschlafsaals Einzelkabinen für jeden der 544 Gäste. Die einzelnen Schlafabteile waren 1,4 Meter breit und 2,17 Meter lang. Darin stand ein Bett, ein Tischchen, ein Kleiderständer und ein Spiegel. Jede Koje hatte eine abschließbare Tür und als besonderen Luxus eine Glühbirne.

Die Miete betrug wöchentlich 2,50 Kronen und orientierte sich an der durchschnittlichen Miete, die ein Bettgeher in Wien zu dieser Zeit für einen Schlafplatz zahlen musste. Für einen alleinstehenden Hilfsarbeiter oder Handwerksgesellen mit einem Jahreseinkommen von 1000 Kronen war das Männerheim somit eine äußerst günstige Bleibe. In der Presse wurde es dementsprechend als „Märchen von einer himmlischen Unterkunft auf Erden“ und als „Wunder an Eleganz und Billigkeit“ gepriesen.

Adolf Hitler im Männerwohnheim[Bearbeiten]

Seitenansicht von Winarskystraße

Adolf Hitler wohnte drei Jahre in diesem Männerheim, laut polizeilichem Melderegister vom 9. Februar 1910 bis 24. Mai 1913. Dann zog er nach München um.[7]

Morgens las er regelmäßig in der Nichtraucherabteilung des Lesesaals die Zeitungen. Dort malte er auch seine Bilder, diskutierte mit den Heimbewohnern politische Themen und hielt Reden.[8]

Verschiedene Bewohner des Männerwohnheims verfassten später Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Hitler, namentlich der Landstreicher und Gelegenheitsarbeiter Reinhold Hanisch, dessen Bericht 1939 postum von der amerikanischen Zeitung The New Republican veröffentlicht wurde, ein Mann namens Karl Honisch, der 1938 einen Bericht für das Parteiarchiv der NSDAP in München niederschrieb, der Gelegenheitsarbeiter Josef Greiner, der 1938 und 1947 dünne Erinnerungsbücher präsentierte, sowie ein in der Forschung meist als „Brünner Anonymus" bezeichneter Unbekannter, dessen Erinnerungen in den 1930er Jahren in einer tschechischen Zeitung erschienen. Weitere Bewohner des Männerwohnheims, zu denen Hitler während seines Aufenthalts nachgewiesenermaßen zumindest zeitweise in engerer Beziehung stand, waren die Juden Josef Löffner und Eduard Neumann, mit denen Hitler befreundet war, der Drogist Rudolf Häusler, mit dem zusammen er 1913 nach Deutschland auswanderte, sowie der Kunstmaler Karl Leidenroth, den Hitler als seinen Konkurrenten und Feind ansah.

Schließung[Bearbeiten]

Ende der 1990er Jahre beschloss die Wiener Stadtregierung, das Heim aufgrund der veralteten baulichen Konzeption zu schließen und ein neues Heim in der Siemensstraße im 21. Wiener Gemeindebezirk zu errichten.

Am 28. November 2003 wurde das Obdachlosenheim geschlossen, worauf es zu einer Hausbesetzung kam. Am 5. März 2004 wurde das neue Heim in der Siemensstraße offiziell eröffnet.

Theaterschauplatz[Bearbeiten]

Das Männerwohnheim Meldemannstraße war vor seiner Schließung ab der Premiere am 24. September 2002 Schauplatz der Theaterproduktion Mein Kampf von George Tabori mit Alexander Waechter - Schlomo Herzl, Nicola Filippelli - Lobkowitz, Michael Smulik - Hitler; Regie Tina Leisch und Hubert Kramar. Wegen des großen Erfolges wurde 2003 das Stück im Jänner noch einmal in den Spielplan aufgenommen und bis 19. April 2003 zweimal wöchentlich aufgeführt.[9] Im gleichen Jahr wurde die Produktion mit dem Nestroy-Theaterpreis als beste Off-Produktion ausgezeichnet.

Umbau zum Altenpflegeheim[Bearbeiten]

Ehemalige Fensterfront
Bauschild
Das Stiegenhaus im Männerheim

Das ehemalige Obdachlosenheim wurde ab 2007 zu einem Altenpflegeheim mit fast 200 Zimmern umgebaut. Weil der historische Bau unter Denkmalschutz steht waren Eingriffe an seiner Fassade nicht zulässig.[10] Beim Umbau wurde die ehemalige gartenseitige Fensterfront in das Haus integriert. Der Park ist allerdings nicht öffentlich zugänglich.[11]

Die Wiedereröffnung des Gebäudes mit dem neuen Namen „Seniorenschlössl Brigittenau“ fand im September 2009 statt. Der Eingang wurde von der Meldemannstraße in die Winarskystraße verlegt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Max Winter: Berliner und Wiener Asylhäuser. Aus: Arbeiter-Zeitung vom 8. Jänner 1899. – Volltext online.
  • Männerheim (Wien XX. Bezirk, Meldemannstraße Nr. 27) errichtet von der Kaiser Franz Joseph I. Jubiläums-Stiftung für Volkswohnungen und Wohlfahrts-Einrichtungen. Selbstverlag der Stiftung, Wien 1905. (ZDB-ID 1443746-6).
  • „Männerheim“ in Wien, XX. Meldemannstraße 27. In: Wiener Bauindustrie-Zeitung / Österreichische Bauzeitung, Jahrgang 1906, S. 169–173. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wbz.
  • Leopold Ramsauer, Otto Richter: Allgemeine Baubedingnisse und Baubeschreibung samt Nachtrag für den Bau eines Männerheimes und eines Familienwohnhauses. Eventuell an Stelle des Letzteren, Männerheim II. Teil, auf der Liegenschaft E. Z. 1916, … und 1923 im XVII. Wiener Gemeindebezirke Hernals, … für Volkswohnungen und Wohlfahrts-Einrichtungen in Wien. Brakl, Wien 1909.
  •  Gerhard Roth: Die Archive des Schweigens, Band 7: Eine Reise in das Innere von Wien, Seiten 89-109, „Die Hitlervilla“. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11407-1.
  • Katharina Rauscher: Mehrere städtische Obdachlosenheime werden geschlossen – in einem davon spielt man zuvor noch Theater. Der letzte Vorhang im Männerheim. In: wienerzeitung.at, 9. September 2002 bzw. 6. April 2005, abgerufen am 6. September 2012.
  • Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. Neunte Auflage. Piper, München 2007, ISBN 978-3-492-22653-0.
  • Franziska Leeb: Zum Glück doch kein Schlössl. Das ehemalige Männerheim in der Wiener Meldemannstraße wurde zum Pflegeheim umgebaut. Es heißt zwar „Seniorenschlössl Brigittenau“, bietet aber ein schönes Ambiente aus Unaufdringlichkeit und Gelassenheit. In: Die Presse, Nr. 18711/2010, ZDB-ID 126422-9, Spectrum, S. XIII.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rowton Houses. (englisch). In: en.wikipedia.org.
  2. Lokalbericht. (…) Bau eines großen Männerlogierhauses. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 14409/1904, 5. Oktober 1904, S. 8, unten rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  3. Peter Pantucek: Die Meldemannstraße – Ein Straßenname für ein Haus. Aus: Hertha Hurnaus, Bernhard Kerbel, Peter Pantucek, Wolfgang Paterno (Hrsg.): Haus Meldemannstraße. Czernin, Wien 2003, ISBN 3-7076-0167-6. – Text online in: pantucek.com, abgerufen am 6. September 2012.
  4. Hamann: Hitlers Wien, S. 229–234.
  5. Besuch des Kaisers im Männerheim und im Heim für obdachlose Familien. In: Neue Freie Presse, Abendblatt, Nr. 14803/1905, 7. November 1905, S. 3 Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  6. Christian Stifter: „Library work is not philantropy“. Zur historischen Rolle der Volksbüchereien im Kontext der Volksbildung des 19. und 20. Jahrhunderts. Aus: Alfred Pfoser, Peter Vodosek: Zur Geschichte der öffentlichen Bibliotheken in Österreich. BVÖ-Materialien, Band 2, ZDB-ID 2002870-2, ZDB-ID 456164-8. Büchereiverbund Österreichs, Wien 1995, S. 70–87. – Text online. In: adulteducation.at, abgerufen am 6. September 2012.
  7. Hamann: Hitlers Wien, S. 227 und 568.
  8. Hamann: Hitlers Wien, S. 237.
  9. http://www.literaturhaus.at/cgi-bin/websuche/webglimpse.cgi?ID=1&query=hubsi
  10. berühmtestes Männerwohnheim der Welt nun ein Pflegeheim
  11. Park wird öffentlich

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Geschäftssitz: Wien-Innere Stadt, Börsegasse 11 (im Gebäude der Wiener Börse).
  2. Der Besichtigung des Männerheims folgte unmittelbar die erstmalige kaiserliche Begehung des nahe gelegenen Heimes für obdachlose Familien. Das Asyl, Wien-Brigittenau, Universumstraße 62, des 1899 privat gegründeten Vereins war nach den Plänen von Ernst Gotthilf (1865–1950) errichtet und am 18. Oktober 1902 durch eine feierliche Schlusssteinlegung eröffnet worden. – Siehe: Die Schlußsteinlegung im Heim für obdachlose Familien. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 13705/1902, 19. Oktober 1902, S. 12 Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  3. Während Hitlers Wohnzeit im Heim waren dies Johann Kanya beziehungsweise Robert Schaffer.

48.23933816.378873Koordinaten: 48° 14′ 22″ N, 16° 22′ 44″ O