Magdalenenberg

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Der Magdalenenberg bei Villingen, Ansicht von Südwesten

Der Magdalenenberg ist ein eisenzeitliches Fürstengrab und liegt etwa 740 m ü. NN am südwestlichen Rand des Waldgebiets Laible auf dem Stadtgebiet von Villingen-Schwenningen, etwa zwei Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von Villingen. Großräumig gehört das Gebiet zur Ostabdachung des Schwarzwaldes. Der Magdalenenberg ist mit einem Volumen von 33.000 Kubikmetern der größte hallstattzeitliche Grabhügel Mitteleuropas.

Geschichte[Bearbeiten]

Kupferstich: Belaggerung der / Stadt Villingen. / A° 1704., oben der Magdalenenberg mit Lothringer Kreuz

Nach dendrochronologischen Untersuchungen der Zentralgrabkammer wurde der Hügel, der ehemals einen Durchmesser von 104 Metern und eine Höhe von 10-12 Metern besaß, um 616 v. Chr. aufgeschüttet. Über den hier bestatteten Fürsten und sein Volk ist wenig bekannt. Als zugehörige Siedlung wurde häufig eine befestigte Anlage auf einer Bergzunge beim Zusammenfluss von Kirnach und Brigach, heute Kapf genannt (Keltische Siedlung Kapf), vermutet, was jedoch nach jüngerem Forschungsstand als unsicher gelten muss. In den Jahrzehnten nach der Erstbestattung wurden in und um den Hügel mindestens 126 weitere Gräber angelegt, die allesamt in die eisenzeitliche Hallstattkultur (Ha D1) datieren. Um 500 v. Chr. wurde das Fürstengrab geplündert, wie sich anhand der noch erhaltenen Grabräuberspaten nachvollziehen lässt. Die Belegung hatte zu dieser Zeit wohl bereits geendet.

Im Mittelalter befand sich beim Magdalenenberg ein Richtplatz, später eine Maria Magdalena geweihte Kapelle, die dem Hügel seinen Namen gab. Auf einer Darstellung aus dem Jahr 1704 ist an dieser Stelle ein Lothringer Kreuz zu sehen. In der Bevölkerung galt der Magdalenenberg über lange Zeit als Hexentreff und Hort eines Schatzes. So geht aus Akten eines Hexenprozesses von 1633 hervor, dass ein Mädchen unter dem peinlichen Verhör gestand, auf dem Magdalenenberg mit dem Teufel getanzt zu haben.

Erforschung[Bearbeiten]

Die Fürstengrabkammer im Franziskanermuseum

Der Magdalenenberg wurde 1890 erstmals Ziel einer Grabung. Die Wissenschaftler kesselten den Hügel, d. h. sie gruben sich von der Spitze in die Tiefe voran, um lediglich die Hügelmitte zu untersuchen. Dabei stießen sie auf die Überreste des Fürstengrabes, die Aufschluss über die ehemals reiche Ausstattung gaben (u. a. Reste eines vierrädrigen Wagens). Aufgrund der historischen Plünderung blieben bemerkenswerte Funde jedoch aus. 1970 bis 1973 wurde unter Leitung des Archäologen Konrad Spindler, der später durch die Erforschung des Ötzi zu Berühmtheit gelangen sollte, der gesamte Hügel und dessen unmittelbare Umgebung im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft freigelegt. Dabei konnten neben 126 Nachbestattungen der Hallstattzeit mit reichen Beigaben auch die fast fundleere Bohlenkammer der beraubten Zentralbestattung dokumentiert und geborgen werden. Lange Zeit umstritten waren die dendrochronologischen Daten aus der hölzernen Grabkammer, da sie potentiell einen wichtigen chronologischen Fixpunkt am Beginn der späten Hallstattzeit bieten.

Im Juni 2011 veröffentlichte Allard Mees vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz einen Aufsatz mit dem Titel „Der Sternenhimmel vom Magdalenenberg“,[1][2] wonach die Anordnung der Gräber um den Grabhügel ein frühkeltisches Kalenderwerk darstelle. Mit Hilfe einer speziellen Software der US-Raumfahrtbehörde NASA habe der damalige Stand der Sternenbilder von der Winter- bis zur Sommersonnenwende nachgezeichnet werden können. Dadurch sei eine Datierung der gesamten Anlage auf 618 v. Chr. gelungen, was von der dendrochronologischen Datierung der Hölzer der Grabkammer (616 v. Chr) nur gering abweicht. Die 136 Gräber sind dieser Deutung zufolge nach nördlichen Sternbildern und dem Mondzyklus angeordnet[3] und nicht nach dem Sonnenzyklus wie Stonehenge.[2][4]

Funde[Bearbeiten]

Gefunden wurden neben einfachen Schmuckstücken (wie Gagat- und Bronzeblecharmreifen) zahlreiche Fibeln, darunter eine sogenannte Drachen- oder Dragofibel. Als außergewöhnlich sind auch einige Prunkdolche aus Bronze und Eisen zu bewerten.

Ausstellung[Bearbeiten]

Die Grabkammer (8 × 6,5 Meter), die dendrochronologisch in das Jahr 616 v. Chr. datiert wird, ist der größte hallstattzeitliche Holzfund in Mitteleuropa und kann heute im Franziskanermuseum in Villingen besichtigt werden. Zudem geben ca. 300 Exponate Einblicke in das Leben einer schriftlosen Kultur: Amulette und Kinderrasseln, Rasiermesser und Nagelschneider zeugen von der Kontinuität menschlicher Grundbedürfnisse. Den Besucher erwarten ebenfalls ein Hügelmodell und ein Diorama, Originalfotos und -filme der beiden archäologischen Grabungen sowie eine Einführung in die am Magdalenenberg eingesetzten archäologischen Methoden wie beispielsweise Dendrochronologie und Anthropologie.

Aktuell[Bearbeiten]

Im Stadtteil Südstadt im Stadtbezirk Villingen – entstanden in den frühen 1930er-Jahren – verläuft die Magdalenenbergstraße. Für die Zukunft ist ein erlebnisorientierter Wanderweg zum Grabhügel geplant, der so genannte „Keltenpfad“.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Konrad Spindler: Magdalenenberg I, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 1. Band, mit einem Vorwort von E. Sangmeister und Beiträgen von A. von den Driesch, G. Gallay, F. Schweingruber u. J. Fuchs. Neckar-Verlag, Villingen 1971. 119 S., 82 Taf., 2 Faltbeilagen.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg II, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald 2. Band, mit einem Vorwort von W. Kimmig und unter Mitarbeit von G. Gallay u. W. Hübener. Neckar-Verlag, Villingen 1972. 93 S., 72 Taf., 6 Faltbeil.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg III, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 3. Band, mit einem Vorwort von H. Zürn, unter Mitarbeit von G. Gallay u. mit e. Beitrag von R. Hauff. Neckar-Verlag, Villingen 1973. 71 S., 98 Taf., 5 Faltbeil.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg IV, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 4. Band. Neckar-Verlag, Villingen 1976, ISBN 3-7883-0817-6. 85 S., 144 Taf., 1 Faltbeil.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg V, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 5. Band, mit Beiträgen von S. Boesken-Hartmann, W. Fritz, G. Gallay, Th. E. Haevernick, H.-J. Hundt, U. Körber-Grohne, I. Kühl, S. Müller, W. Paul, K. D. Pohl, P. Volk u. O. Wilmanns. Neckar-Verlag, Villingen 1977, ISBN 3-7883-0818-4. 151 S., 2 Faltbeilagen.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg VI, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 6. Band, unter Mitarbeit von F. Schweingruber und mit Beiträgen von W. Fritz u. O. Rochna. Neckar-Verlag, Villingen 1980, ISBN 3-7883-0819-2. 217 S., 50 Taf., 17 Faltbeil.
  • Konrad Spindler: Der Magdalenenberg bei Villingen, Ein Fürstengrabhügel des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, mit Beiträgen von E. Hollstein u. E. Neuffer, Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern in Baden-Württemberg, Band 5. Theiss-Verlag, Stuttgart u. Aalen 1976, 2. Aufl. 1999, ISBN 3-8062-1381-X. 112 S., 1 Faltbeil.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Magdalenenberg – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Allard Mees: Der Sternenhimmel vom Magdalenenberg. Das Fürstengrab bei Villingen-Schwenningen – ein Kalenderwerk der Hallstattzeit. web.rgzm.de, Sonderdruck aus dem Jahrbuch des Römisch-Germanisches Zentralmuseum 54 [Mainz 2007 (2011 erschienen)], S. 217-264
  2. a b Die Enträtselung der Kelten-Gräber. In: Südkurier, 17. Juni 2011
  3. siehe Bild vom Informationsdienst Wissenschaft
  4. Keltenkalender in XXL. Nasa-Technik entschlüsselt Grabhügelfunktion. 3sat, nano-Sendung vom 11. Januar 2012; Video – abgerufen 12. Januar 2012
  5. Tourismus der Zukunft bei den alten Kelten. In: Schwarzwälder Bote, 15. Mai 2013

48.04438.4437Koordinaten: 48° 2′ 39″ N, 8° 26′ 37″ O