Maler Nolten

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Titelblatt des Erstdruckes
Zeitgenössischer Einband des Erstdruckes

Maler Nolten, eine Novelle in zwei Theilen, ist ein romantischer Künstlerroman von Eduard Mörike, der am 23. Juli 1830 im Manuskript vorlag und 1832 in Emanuel Schweizerbart's Verlagshandlung Stuttgart im Druck erschien.

Inhalt[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Theobald Nolten wächst in einem Pfarrhause auf. Die Mutter verstarb früh. Mit seiner Schwester Adelheid sucht Theobald den Rehstock, eine verfallene, gottverlassene Burgruine, auf. Darin trifft er auf Elisabeth, eine Jungfrau, die sich heimlich von ihrer Schar Zigeuner entfernt hat – obwohl ihr „nie ein Leid geschehen sei“. Elisabeth ist krank. Wenn ihr Leid sie überkommt, entfernt sie sich von den Menschen und vertreibt es mit Gesang. Elisabeth möchte nicht im Pfarrhause übernachten, sondern weiterziehen. Die Heimat kann sie nicht mehr finden. Man hat sie ihr verstellt.

Theobald hatte am Tage des Ausflugs zum Rehstock geahnt, dass er Elisabeth begegnen würde. Die Jungfrau gleicht in wunderbarer Weise einer Person auf einem Gemälde, das auf dem Dachboden des Pfarrhauses deponiert ist.

Theobald wird vom Vater über das verstaubte Gemälde informiert. Darauf ist Theobalds Tante Loskine abgebildet, die Ehefrau seines Onkels Friedrich väterlicherseits. Der Onkel war Maler und die Tante eine Zigeunerin, die nach der Geburt von Theobalds Cousine im Kindbett starb. Als die Cousine sieben Jahre alt war, wurde sie von den Verwandten ihrer Mutter entführt. Onkel Friedrich hat das nicht verwinden können und soll während einer Reise auf See umgekommen sein.

Bei Hofe[Bearbeiten]

Theobalds Vater stirbt. Der Förster von Neuburg nimmt die Waisen auf. Theobald, begabt und fleißig, wird Maler.

Herzog Adolph, der Bruder des Königs, fördert den talentierten jungen Maler Theobald Nolten und verschafft ihm Zutritt im Haus des Grafen von Zarlin. Dort lernt Theobald die schöne Schwester des Grafen, die junge Witwe Gräfin Constanze von Armond, kennen und lieben.

Daheim aber, in Neuburg, weit entfernt vom gräflichen Schloss, sitzt Agnes, Theobalds Braut, die „bescheidene Tochter“ jenes inzwischen altersschwachen Försters. Gesund ist Agnes auch nicht. Sie hat eine heftige Nervenkrankheit hinter sich, während der sie zuweilen den Bräutigam sogar verabscheute. Das hübsche junge Mädchen führt einen Briefwechsel mit seinem Bräutigam Theobald – wie es meint. Der Briefschreiber jedoch ist Theobalds bester Freund Larkens, zu Intrigen geneigt und Schauspieler von Beruf.

Gräfin Constanze, die Theobalds Liebe erwidert, bekommt durch einen ausgeklügelten Schachzug Larkens (der einen Keil zwischen Constanze und Nolten treiben und erreichen will, dass dieser sich auf Agnes zurück besinnt) Briefe von Agnes zu sehen, entdeckt dabei das „Verlobtenverhältnis“ und reagiert eifersüchtig. So wird sie mitverantwortlich dafür, dass Theobald und Larkens ins Gefängnis kommen, weil ihnen unterstellt wird, in einer Aufführung im Zarlinschen Hause den Vater des Regenten verspottet zu haben. Gräfin Constanze ist es ihrer Aussage nach aber auch, die später die Freilassung der beiden wegen Majestätsbeleidigung inhaftierten Künstler in die Wege leitet.[1] Fest steht – wieder aus dem Hintergrund heraus -, dass Constanze in Übereinkunft mit dem kunstsinnigen Hofrat den sich wieder seiner Freiheit erfreuenden Theobald kontinuierlich fördert.

Larkens' Bleiben bei Hofe ist nach der Freilassung aus der kränkenden Inhaftierung nicht länger möglich. Sehr empfindlich, wie er ist, entfernt er sich. Ein paar Tage danach findet Theobald den Briefwechsel Larkens-Agnes mit einem Geständnis des abgereisten Freundes vor. Larkens redet in einem Begleitbrief Theobald ins Gewissen. Er möge sich doch vom Adel abwenden und zu Agnes heimkehren.

Gräfin Constanze hat auch viel gut zu machen. Sie begrüßt die Umkehr Theobalds, gibt ihn edelmütig frei und schenkt zum Abschied „ein kostbares Collier“. Reuevoll beendet Theobald sein Verhältnis zur Gräfin und eilt in vier Tagereisen in die Arme seiner lieben Braut nach Neuburg.

Agnes leidet freilich an einer Gemütskrankheit, „einem stillen Wahnsinn“, der allerdings mit einer bemerkenswerten Hellsichtigkeit verbunden ist: Sie möchte nicht mehr heiraten, da sie sich von Nolten verstoßen fühlt. Vielleicht ahnt sie auch, dass die Liebesbriefe, die sie erhielt, gar nicht von Nolten stammten. Ihr Vater setzt sie freilich unter Druck, sie solle jetzt heiraten, deshalb reist sie mit Nolten zu dessen künftigen Arbeitsort.

Das Landgut[Bearbeiten]

Das Paar kommt nie an. Unterwegs trifft Theobald auf Larkens, der als Tischler Joseph[2] bei einem Tischlermeister arbeitet. Während der Begegnung in einer überfüllten Kneipe wechseln beide kein Wort. Larkens, des Lebens überdrüssig – er trägt sich vermutlich schon länger mit Selbstmordplänen – greift unmittelbar nach der Begegnung kurz entschlossen zum Gift. Das unvermittelte Erscheinen des Freundes gab den Ausschlag zur Selbsttötung. Der Präsident, der die künstlerischen Qualitäten Larkens' erkannt hat und dessen Inszenierung von Ludwig Tiecks Lustspiel „Die verkehrte Welt“ schätzt, freundet sich aufgrund ihrer gemeinsamen Trauer um Larken mit Nolten an. Die kleine Reisegesellschaft kommt im nahen Landgut des Präsidenten unter.

Agnes, das schwermütige Rätselwesen, ist wirklich sehr krank. Sie fühlt sich von der Zigeunerin Elisabeth verfolgt und betrachtet sie als Nebenbuhlerin, denn diese beansprucht Theobald für sich.

Theobald macht den Fehler seines Lebens. Er gesteht der geliebten Braut die Wahrheit. Er hat die Briefe nicht geschrieben. Sofort sieht Agnes den Bräutigam gespalten in Theobald und den toten Larkens. Fortan spricht sie nur noch wirres Zeug und wahrt Abstand zum besorgten, rücksichtsvollen Theobald. Als dann noch die gefürchtete Elisabeth in Landhausnähe gesehen wird, ist das Maß voll. Agnes begeht zwei Selbstmordversuche. Der zweite gelingt. Sie stürzt sich in den alten Brunnen. Es dauert nicht lange und auch Theobald stirbt auf dem Gelände des Landguts. Man findet den Entseelten vor der Tür der alten Kapelle. Der Maler erschrak wohl vor Elisabeths Geist zu Tode. So wollen es zumindest zwei Zeugen den Präsidenten glauben machen. Der Geist muss Theobald „wie eine Rauchsäule“ erschienen sein. Theobalds Seele verwandelte sich nach Zeugenaussagen in eine ebensolche Rauchsäule.

Erst nach Noltens Tod trifft der Brief eines seiner Gönner, des Hofrats, ein. Er teilt mit, er sei der „Onkel Friedrich“ und Elisabeth sei seine Tochter und somit Theobalds Cousine.

Es wird noch mitgeteilt, Elisabeth sei ein paar Tage vor Noltens Hinscheiden in der Nähe des Landguts tot aufgefunden worden – wahrscheinlich gestorben an Entkräftung. Auch Gräfin Constanze – seit lange krank und aller Welt abgestorben – überlebt die drei Sterbenden nicht lange.

Fazit[Bearbeiten]

Allgegenwärtige Lebensmüdigkeit greift um sich und die Todessehnsucht erfüllt sich. Schließlich sind alle jungen Leute zu Tode gekommen. Nur ein paar Alte bleiben am Leben.

Lyrik[Bearbeiten]

In den Prosatext hat Eduard Mörike Gedichte eingefügt, die berühmt und volkstümlich geworden sind.

Ausschnitt S. 330 im Erstdrucks des Romans


Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen;
Horch, von fern ein leiser Harfenton! - -
Frühling, ja du bist's!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!


Spätromantik[Bearbeiten]

Als charakteristisch für die Spätromantik erscheinen die Todessehnsucht aller Protagonisten; dann die Motive: eine verfallene Burgruine, ein verwunschener Brunnen, in den man sich zu Tode stürzt, eine abseits gelegene alte Kapelle mit den Geistern der Toten, das Land Orplid mit der gleichnamigen Stadt darin, dem Mummelsee, den Feenkindern, der glänzenden Frau. Vor allem wird mit Mondschein nicht gespart. Die geheimnisvollen Reize des Wohnens auf Türmen[3] werden angesprochen.

Auch über das Äußerliche hinaus ist der Text der Romantik zutiefst verpflichtet; vor allem in seiner Distanz zum Rationalismus und in seiner Nähe zur Mystik.

Zweitfassung[Bearbeiten]

1859 begann Mörike eine Überarbeitung des Maler Nolten. Dabei nahm er allzu schlecht motivierte Passagen heraus und glich die Sprachform seinem neuen Stilempfinden an. Doch er konnte keinen neuen zusammenhängenden Handlungsgang finden. Da er verfügt hatte, dass die Erstfassung nicht neu aufgelegt werden dürfe, unternahm es Julius Klaiber, mit so wenigen Eingriffen wie möglich eine Verbindung der Neufassung mit dem zweiten Teil der Erstfassung vorzulegen.

Rezeption[Bearbeiten]

  • Nietzsche[4] sagt im Sommer 1875 über Mörike: Gedanken nun hat er gar nicht: und ich halte nur noch Dichter aus, die unter anderm auch Gedanken haben, wie Pindar und Leopardi.
  • Hermann Hesse, einer der größten Verehrer Mörikes, hat 1911 mit wenigen Worten den Innenraum des Maler Nolten anschaulich ausgeschritten[5]. Hesse nennt das Werk ein Wunderbuch und lobt das sauber wiedergegebene Kolorit sowie den dauerhaft gegenwärtigen Schwebezustand von Vorgefühl und Schicksalsschwüle.
  • Hesse ist es auch, der am 27. März 1916 in seinem Gedicht Beim Wiederlesen des Maler Nolten[6] das Mörike-Lesegefühl liebevoll, poetisch und ganz präzise in aller Kürze altmeisterlich heraufbeschwört.
  • Nach Holthusen[7] ist der Maler Nolten, der sich bereits nach 1832 schlecht verkaufen ließ, kein Entwicklungs- und auch kein Künstlerroman.

Literatur[Bearbeiten]

Erstdruck[Bearbeiten]

Quelle[Bearbeiten]

  • Eduard Mörike: Maler Nolten. In: Ders.: Sämtliche Werke in vier Bänden. [Auf Grund der Original-Drucke hg. von Herbert G. Göpfert.] Hanser, Stuttgart 1981, ISBN 3-446-13464-6, Bd. 2, S. 423−818.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente 1875/76
  • Ulrich Kittstein: Zivilisation und Kunst. Eine Untersuchung zu Eduard Mörikes „Maler Nolten“ St. Ingbert 2001
  • Stefani Kugler: Kunst-Zigeuner. Konstruktionen des 'Zigeuners' in der deutschen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Trier 2004, S. 252-318
  • Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse: Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen. Frankfurt 1975, ISBN 3-518-36752-8
  • Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse: Die Gedichte. Frankfurt 1977, ISBN 3-518-36881-8
  • Hans Egon Holthusen: Eduard Mörike. Reinbek 2000, ISBN 3-499-50175-9
  • Jean Firges: Eduard Mörike. Dichter der Nacht. Sonnenberg, Annweiler 2004, ISBN 3-933264-38-3 (insbes. über die Frauengestalt der Zigeunerin in M.N.)
  • Kindlers Literatur Lexikon. Hg. von Heinz Ludwig Arnold. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. 18 Bde. Stuttgart: Metzler 2009, Bd. 11, S.489–491 (Werkartikel zu Maler Nolten von Stefan Börnchen). ISBN 978-3-476-04000-8

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sie schreibt: „Erfahren Sie's also, Constanze war's, durch deren Tücke Ihnen Ihr harmloser Anteil an jener letzten Abendunterhaltung in unserem Hause so schwer zu stehen kam, und – so wollte es die Wut eines Weibes, dessen entschiedene Liebe sich beispiellos hintergangen wähnte – [...] Der Himmel fand noch zeitig ein wunderbares Mittel, mich einzuschrecken, mich zu züchtigen. Nun auf einmal zum törichten Kinde verwandelt, von Göttern und Geistern verfolgt, eilt ich in meiner Herzensnot, Sie zu befreien. Es gelang, und durch dieselbe Hand zwar, an die ich Sie zuerst verraten.“ Maler Nolten 2. Teil bei zeno.org, S.235
  2. Quelle, S. 721
  3. Quelle, S. 452
  4. Nietzsche Fragmente 1875–1879, Band 2 - Kapitel 9
  5. Michels anno 1975, S. 273, 4. Z.v.o.
  6. Michels anno 1977, S. 410
  7. Holthusen, S. 92, 7. Z.v.o.