Mikronation

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'Fantasiestaat' ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Hier in abwertender Wortbedeutung. Idealisierend siehe auch Utopie und Politeia.
Freistadt Christiania (Kopenhagen)
Sealand (Nordsee)

Als Mikronation, Fantasiestaat oder Scheinstaat werden Gebilde bezeichnet, die wie eigenständige souveräne Staaten auftreten und den Anschein erwecken, mit staatlicher Autorität zu handeln, obwohl bei ihnen Eigenschaften fehlen oder wenigstens stark umstritten sind, die einen Staat nach Völkerrecht ausmachen. International anerkannte souveräne Staaten oder Institutionen verweigern daher die Anerkennung oder reagieren gar nicht, weil sie diese Gebilde und deren Ansprüche nicht ernst nehmen. Teilweise nehmen sich die Gründer selbst nicht ernst oder betreiben die Mikronation lediglich als Staatssimulation oder Spiel im Internet (virtuelle Nation).

Die Staatshandlungen einer Mikronation und von dieser herausgegebene Ausweise, Urkunden und Dokumente gelten im Rechtsverkehr als unwirksam oder bestenfalls als das zivilrechtliche Auftreten der privaten Interessengruppe oder Einzelperson, die hinter der Mikronation steht. Überwiegend handelt es sich dabei um Personen, die als exzentrisch gelten, oder damit eigentlich ganz andere, meist wirtschaftliche oder lokalpolitische Interessen verfolgen.

Begriff und Abgrenzung[Bearbeiten]

Die Herkunft und Bedeutung des Begriffs ist umstritten. Vor allem im deutschsprachigen Internet bezeichnen sich virtuelle Nationen, die lediglich als Simulation oder Online-Spiel existieren, selbst als Mikronationen oder abgekürzt MN bzw. µN. Seit einigen Jahren setzt sich Mikronation jedoch zunehmend als Oberbegriff für alle Erscheinungsformen von Schein- und Fantasiestaaten bis hin zu Cybernationen und Staatssimulationen durch und findet auch für historische Anomalien oder Staatsgründungen Verwendung, die gescheitert sind oder nur ein zweifelhaftes Maß an Erfolg und Aufmerksamkeit gefunden haben.

Mikronationen sind von Zwergstaaten klar zu unterscheiden, deren Staatsgebiet zwar extrem klein ist, die aber alle Merkmale eines echten Staates nach Völkerrecht aufweisen und von anderen Staaten anerkannt werden. Naheliegender wäre der Vergleich mit den atypischen Völkerrechtssubjekten Heiliger Stuhl, Souveräner Malteserorden oder Internationales Komitee vom Roten Kreuz, denen es ebenfalls an den Voraussetzungen zu einem Staat fehlt. Diese sind jedoch von allen oder zumindest einer Mehrheit der Staaten international anerkannt.

Problematischer ist die Unterscheidung von Gebilden, die gar nicht oder nur von wenigen Staaten offiziell als Staat anerkannt werden, wie z. B. Abchasien oder Republik China (Taiwan), die auch als stabilisiertes De-facto-Regime bezeichnet werden. Hier sind die Grenzen fließend. Auch bei De-facto-Regimen sind Staatsmerkmale gelegentlich zweifelhaft. Mikronationen verfügen in der Regel jedoch nicht annähernd über deren Größe und Bevölkerung oder sind zumindest nicht in der Lage, ein vergleichbares Maß an tatsächlicher Kontrolle (Staatsgewalt) auszuüben.

Erscheinungsformen[Bearbeiten]

Territoriale Scheinstaaten[Bearbeiten]

Meist findet sich eine kleine Gruppe von Menschen oder gar eine Einzelperson, die den Herrschaftsanspruch für einen neuen Staat erklärt. Das neue Gebilde beansprucht entweder ein völkerrechtlich unklares Gebiet oder behauptet die Unabhängigkeit durch Abspaltung aus einem bestehenden Staat. Charakteristisch für viele Mikronation-Projekte ist das Erklären von unbewohnten Inseln bzw. Atollen anderer anerkannter Staaten zum eigenen Staatsgebiet. Der Besitz eines Territoriums soll die Legitimität des Anspruchs als Staat unterstreichen. Aus demselben Grund haben die meisten Mikronationen eine Flagge, Nationalhymne oder auch Ehrenzeichen und geben Pässe, Briefmarken und Münzen heraus.

Einige Mikronationen, die territoriale Ansprüche erheben, haben damit größere Bekanntheit erlangt, wie z. B. die Hutt-River-Provinz (eine Farm in Western Australia, die sich von Australien für unabhängig und zu einem freien Fürstentum erklärt hat), die Freistadt Christiania bei Kopenhagen, Sealand (eine ehemalige Seefestung vor der britischen Südost-Küste in der Nordsee) oder die Conch Republic (Key West in Florida).

An der deutschen Grenze bei Aachen existierte bis 1919 die Mikronation Neutral-Moresnet, die durch Uneinigkeit bei der Grenzziehung zwischen Preußen/Deutschland und den Niederlanden/Belgien über hundert Jahre lang keinem der Länder zugeordnet werden konnte.

Virtuelle Mikronationen[Bearbeiten]

Siehe Hauptartikel: Virtuelle Nation

Oft ist es schwierig, eine Mikronation von einem imaginären Land zu unterscheiden. Rein virtuelle Nationen bezeichnen sich besonders in Deutschland selbst oft als Mikronationen und existieren nur im Internet als Website. Diese nehmen in der realen Welt keine staatlichen Rechte in Anspruch, sondern verstehen sich als Online-Spiel oder Simulation.

Mitglieder dieser virtuellen Mikronationen erwerben zunächst virtuelle Bürgerrechte und bilden dann ein komplettes Staatswesen und dessen wirtschaftliche Beziehungen als Politik- und Wirtschaftssimulation nach. Es gibt demokratische und diktatorische, auf die Gegenwart, aber auch auf Historie oder fiktive Zukunft bezogene Mikronationen. Aus privaten Foren, Wikis oder Portalseiten zu diesem Thema lässt sich schließen, dass allein im deutschsprachigen Internet zwischen 70[1] und 120 solcher Mikronationen existieren.[2] Teilweise unterhalten Mikronationen diplomatische Beziehungen untereinander und lassen sich gemeinsam auf virtuellen Karten von Internet-Welt-Organisationen verzeichnen.[3]

Einige virtuelle Mikronationen betreiben auch die Erforschung des virtuellen Weltraums oder beanspruchen außerirdische Territorien, z. B. auf dem Mars.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • John Ryan, George Dunford, Simon Sellars: Micronations. Lonely Planet Publications, Footscray u. a. 2006, ISBN 1-7410-4730-7.
  • Micronations: Castles in the air. In: The Economist, December 24th 2005 – January 6th 2006.
  • Fabrice O'Driscoll: Ils ne siègent pas à l'ONU. Revue de quelques micro-états, micro-nations et autres entités éphémères. Éditions des Presses du Midi, Toulon 2000, ISBN 2-87867-251-8.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Adressen der Mikronationen. In: Fan-Forum 'Marktplatz der Mikronationen'. Abgerufen am 1. Januar 2012.
  2. Kategorie: Staat. In: www.mnwiki.de. Abgerufen am 1. Januar 2012.
  3. Sammlung fiktiver Karten. In: The Micronational Cartography Society. Abgerufen am 1. Januar 2012.
  4. Marsregierung. Abgerufen am 1. Januar 2012. Marsimperator. Abgerufen am 9. März 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mikronation – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien