Mittagsfrau

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Dieser Artikel behandelt die slawische Sagengestellt. Julia Francks Roman ist als Die Mittagsfrau verzeichnet.
Briefmarke: Mittagsfrau und Nochtenerin. Sorbische Sage

Die Mittagsfrau ist ein Naturgeist in weiblicher Gestalt in der slawischen Sagenwelt.

Erscheinung[Bearbeiten]

Die Mittagsfrau erscheint an heißen Tagen zur Mittagszeit, besonders zur Ernte, und verwirrt den Menschen den Verstand, lähmt ihnen die Glieder, fragt sie zu Tode,[1] oder tötet sie, indem sie ihnen mit der Sichel den Kopf abschneidet. Die von der Mittagsfrau Heimgesuchten können sich nur retten, indem sie ihr bis ein Uhr von der bäuerlichen Arbeit, insbesondere von der Flachsverarbeitung, erzählen.[2] Nach Ablauf der Ruhestunde zwischen zwölf und eins verliert die Mittagsfrau ihre Macht.

Offensichtlich erscheint die Mittagsfrau in verschiedener Form: entweder als schwarzbehaarte Frau mit Pferdefüßen oder als Wirbelwind. Der Wirbelwind hat als Wichor (niedersorbisch) eine weitere Personifikation. In Beschreibungen, etwa des niedersorbischen Pfarrers Bogumił Šwjela, wird sie als totenbleich, hohlwangig und mit eingefallenen Zügen geschildert. In vielen Abbildungen sieht man sie in ein weißes Gewand oder Tuch gehüllt. Auch dies gibt einen Hinweis auf Ihre Anbindung zum mythischen Totenreich – traditionell hüllen sich in der niedersorbischen Tracht Frauen in Tieftrauer in ein großes weißes Trauertuch.

Sie besitzt gemeinsame Merkmale mit den Vilen. Beide stehlen gerne Kinder und vertauschen sie durch Wechselbälge. In der Vorstellung der Sorben und Tschechen soll daher eine Wöchnerin um die Mittagszeit das Haus nicht verlassen. Als Wirbelwind steht die Mittagsfrau außerdem mit den Schwestern der bulgarischen Sturmgeister Vichri in Beziehung und wahrscheinlich mit dem altindischen Windgott Vayu.[3]

Entstehung[Bearbeiten]

Vermutlich entstand die Sage, da während der Erntezeit viele Knechte und Mägde auch in der Mittagshitze aufs Feld geschickt wurden und dort einen Hitzeschaden erlitten.[4]

Namen[Bearbeiten]

Im Obersorbischen kommt ihr Name in den beiden Varianten ezpoł(d)nica und ipoł(d)nica vor, im Niedersorbischen hat sie viele Namen, einer ist die pśezpołdnica mit lautgesetzlich zu ś verändertem ř. Andere niedersorbische Bezeichnungen sind serpownica oder serpašyja. In Polen ist sie unter dem Namen Południca bekannt. In Tschechien heißt sie Polednice; dabei handelt es sich auch um den Originaltitel der Sinfonischen Dichtung Die Mittagshexe des Komponisten Antonín Dvořák.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

 Dietrich Grau: Das Mittagsgespenst (daemonium meridianum). Untersuchungen über seine Herkunft, Verbreitung und seine Erforschung in der europäischen Volkskunde. Bonn 1965, „Der Mittagsdämon auf slawischem Boden“, S. 98–108 (143 S.; Bonn, Univ., Diss., 1965).

  1.  Rat der Stadt Bischofswerda (Hrsg.): Von Straßenräubern und mutigen Weibern. und anderen unheimlichen Dingen rund um das Städtchen Bischofswerda. Lessingdruckerei, Kamenz 1987, Die Mittagsfrau mit der Sichel, S. 54 (aufgestöbert in alten Archiven und Winkeln von Mathias Hüsni, mit Bildern herzhaft durchsponnen von Matthias Trauzettel u. für die schwarze Kunst zurechtgerückt von Herbert Bruna; 88 S.: Ill.).
  2.  Rat der Stadt Bischofswerda (Hrsg.): Von Straßenräubern und mutigen Weibern. und anderen unheimlichen Dingen rund um das Städtchen Bischofswerda. Lessingdruckerei, Kamenz 1987, Die Mittagsfrau, S. 53 (aufgestöbert in alten Archiven und Winkeln von Mathias Hüsni, mit Bildern herzhaft durchsponnen von Matthias Trauzettel u. für die schwarze Kunst zurechtgerückt von Herbert Bruna; 88 S.: Ill.).
  3. Norbert Reiter: Mythologie der Alten Slaven. In: Hans Wilhelm Haussig (Hrsg.): Götter und Mythen im Alten Europa. (Wörterbuch der Mythologie, Band 2. Erste Abteilung: Die alten Kulturvölker) Ernst Klett, Stuttgart 1973, S. 187
  4. Die Mittagsfrau. Abgerufen am 9. März 2010.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mittagsfrau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Mittagsfrau – Quellen und Volltexte