Die Mittagsfrau

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Die Mittagsfrau (2007) ist der bisher erfolgreichste Roman der deutschen Schriftstellerin Julia Franck (* 1970). Er erzählt die Lebensgeschichte von Helene Würsich: ihre Kindheit Anfang des 20. Jahrhunderts in Bautzen, die mit der älteren Schwester erlebten 1920er Jahre in Berlin, ihre erste Liebe, die unglücklich endet, und schließlich ihre Ehe, aus der ein Sohn hervorgeht. In den Wirren der Nachkriegszeit lässt Helene ihren Jungen allein auf einem Bahnhof zurück. Der Titel knüpft an die sorbische Legende von der Mittagsfrau an. Demnach erscheint die Mittagsfrau mit einer Sense und verlangt, dass die Menschen ihr eine volle Stunde etwas über die Verarbeitung des Flachses erzählen. Wer schweigt, wird verflucht und mit Verwirrung, Schwindel und schließlich dem Tod bestraft.

Der Roman wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2007 ausgezeichnet. Er wurde in 34 Sprachen übersetzt[1] und verkaufte sich dabei über eine Million Mal.[2]

Inhalt[Bearbeiten]

Stettiner Altstadt
Rathaus Bautzen

Der Prolog des Romans beginnt mit Impressionen der unmittelbaren Nachkriegszeit in Stettin. In zwei Rückblenden erfährt der Leser, wie der siebenjährige Peter die Bombenangriffe im Sommer 1944 und Anfang 1945 überlebt, aber seinen Schulfreund Robert verliert. Peter entdeckt einen Brief seines Vaters, der ihm verrät, dass der Vater Frau und Sohn noch während des Krieges verlassen hat. Im Sommer 1945 verspricht die Mutter ihrem Sohn, dass auch sie „verschwinden“ werden. Doch als Peter am besagten Tag aus der Schule nach Hause kommt, wird er unfreiwillig Zeuge, wie seine von ihm über alles verehrte Mutter von russischen Soldaten auf dem Küchentisch vergewaltigt wird. Während der folgenden Flucht in überfüllten Zügen in Richtung Westen müssen Mutter und Sohn in Pasewalk umsteigen. Die Mutter bittet ihren Sohn, auf dem Bahnhof einen Moment zu warten, da sie Fahrkarten kaufen will, kehrt aber nicht mehr zu Peter zurück. Sehnsüchtig buchstabiert das Kind den Namen seiner Mutter: Alice – erst viel später wird der Leser erfahren, dass es nicht ihr richtiger ist. In einer Rückblende wird nun das Leben der Mutter erzählt.

Helene, 1907 in Bautzen geboren, wächst mit ihrer neun Jahre älteren Schwester Martha in bürgerlichen und beengten Verhältnissen auf. Ihr Vater Ernst Ludwig Würsich betreibt eine Druckerei und verlegt kleinere Druckerzeugnisse. Er liebt seine Frau Selma abgöttisch, doch irgendetwas „stimmt mit ihr nicht“. Nicht nur gilt sie in der kleinen Stadt als „Fremde“, auch schottet sie sich zunehmend von ihrer eigenen Familie, ihren beiden Töchtern und dem Ehemann ab. Die Töchter wissen, dass ihre Mutter Jüdin ist, aber dieser Umstand erklärt den Mädchen nicht ihr sonderbares Verhalten, auch als sie erfahren, dass ihrer Mutter vier Söhne unmittelbar nach der Geburt gestorben sind. Literarisch gebildet, wendet sich Selma von den Menschen ab und zieht sich in eine spirituell inspirierte, kabbalistische Welt zurück. Sie entwickelt eine Sammelleidenschaft für skurrile Gegenstände, ihre jüngste Tochter Helene dagegen beginnt ihr stets lästiger zu werden. Immer wieder reagiert sie hysterisch und verliert zunehmend den Kontakt zur Realität.

Vor allem wegen ihrer schlesisch-jüdischen Herkunft wird Selma Würsich in der Stadt als Außenseiterin betrachtet, und auch ihre Töchter stehen unter starkem sozialen Druck. Die Bekannten des Vaters, Honoratioren der Stadt, lehnen dessen Verbindung mit einer Jüdin ab, grüßen Selma nicht und vermeiden Begegnungen mit ihr. Konfrontiert mit der Ablehnung durch die Mutter, ist Helene gezwungen, schon früh unabhängig und selbstständig zu werden. Ihre Schwester Martha erklärt ihr, die Mutter sei „blind am Herzen“. Gemeinsam bilden die Töchter gegen diese emotionalen Kühle eine Art Notgemeinschaft. Als der Vater in den Krieg ziehen muss, sorgen sie tatkräftig für den finanziellen Unterhalt der Familie: Martha arbeitet als Krankenschwester im Krankenhaus, Helene erledigt die Buchhaltung der Druckerei und bedient im Geschäft, während die Mutter im Dämmerzustand ihrer geistigen Verfassung, zurückgezogen wie in einer Höhle, in den oberen Stockwerken haust.

Der Erste Weltkrieg zerstört diese Familie vollends. Nach sechs Jahren kehrt der Vater schwer verletzt heim. Er hat an der Front ein Auge und ein Bein verloren. Er leidet an der schweren Entzündung seines Beinstumpfes, und sein Fieber lässt vermuten, dass er an Typhus erkrankt ist. Die Mutter verschließt sich jedem Kontakt zum sterbenden Vater und überlässt die Pflege den Töchtern. Nach dem Tode des Vaters bringt die Inflation schließlich auch das Geschäft mit der Druckerei zum Erliegen. Die Schwestern sind nun ganz auf sich allein gestellt. Helene wird von Martha zu erotischen Spielen verführt. Die ältere Schwester beginnt bereits während der Leidenszeit des Vaters, das für den sterbenden Patienten aus dem Krankenhaus entwendete Morphin sich selbst zu spritzen. Die Mädchen träumen von einer besseren Zukunft, Helene von einem Medizinstudium, für das jedoch das Geld fehlt. Auch in Bezug auf die Ausbildung und Zukunftsperspektive versagt die Mutter jede Unterstützung. Schließlich suchen Martha und Helene Kontakt zu einer entfernten Tante, einer Cousine ihrer Mutter, Fanny Steinitz, die in Berlin lebt und die Mädchen auffordert, zu ihr zu kommen. Da die finanzielle Situation der Mutter durch eine Erbschaft vorläufig gesichert scheint, lassen die Töchter sie mit dem Hausmädchen in Bautzen zurück und brechen für einen ersten Besuch nach Berlin auf.

Berliner Dom

Im Hause der Berliner Tante Fanny, die sich als wohlhabende und kokainsüchtige Lebedame erweist, treffen die Schwestern auf die Gesellschaft der wilden Zwanzigerjahre in Berlin, auf Künstler, etablierte und gescheiterte Existenzen. Martha bekommt eine Anstellung als Krankenschwester und nimmt erneut Kontakt zu ihrer lesbischen Jugendliebe Leontine auf, einer Medizinerin, die an der Charité arbeitet, an der Universität unterrichtet und in einer Pro-forma-Ehe lebt. Auf Vermittlung der Tante erhält Helene eine Stelle in einer Apotheke. Der Aufenthalt in Berlin dauert bald Jahre, in denen die Mädchen brieflich von dem alten Hausmädchen Mariechen über den Zustand der Mutter informiert werden und aus der Entfernung das Auskommen der Mutter in Bautzen sichern.

In Fannys Beletage sind stets einige Menschen länger zu Besuch. So leben dort Leontine und Martha, Helene, Fanny, ihre Liebhaber und ein Maler, dem Helene Modell sitzt. Die sexuellen Belästigungen von Erich, einem Liebhaber Fannys, die Helene stillschweigend erduldet, machen ihr die Aufenthalte in der Wohnung zur Qual. Helene lernt Carl Wertheimer, einen jungen jüdischen Studenten, einen Schüler Leontines, kennen und verliebt sich in ihn. Sie teilen ihre Leidenschaft für die Literatur. Helene zieht bald zu ihm in seine Dachkammer. Sie verloben sich und sind glücklich, trotzdem fühlt sich Helene fremd, wenn Carl über seine großbürgerliche Herkunft und seine Familie spricht und ist erst nach mehreren Jahren bereit, seine Eltern kennenzulernen. Wenige Tage vor dem geplanten Besuch bei ihren zukünftigen Schwiegereltern, ruft Carl sie aufgeregt an, er möchte Helene treffen. Er wird auf dem Weg zu ihrer Verabredung von einem Auto erfasst und ist sofort tot.

Helene verfällt nach Carls Tod in eine Art Starre. Als kurze Zeit später Martha in eine Entzugsklinik muss, ist Helene wieder allein mit Tante Fanny und Erich in der Berliner Wohnung. Sie findet Arbeit in einem Krankenhaus und zieht um in ein Schwesternwohnheim. Weder zu ihren Schwesternkolleginnen noch zu anderen Männern knüpft sie Kontakte. Als der hartnäckige Ingenieur Wilhelm sie umwirbt, verhält sie sich zunächst abweisend. Helene erfährt, dass die Mutter in eine Klinik eingeliefert wurde, und fährt mit Wilhelm zu ihr, kann sie aber wegen der Nürnberger Gesetze nicht zu sich nehmen. Nur durch Wilhelms forsches Einschreiten kann Schlimmeres verhindert werden. Danach gibt Helene schließlich Wilhelms Werben nach, zieht mit ihm nach Stettin und die beiden heiraten, was wegen Helenes jüdischer Herkunft nur mit falschen Papieren möglich ist.

Wilhelm verkörpert den kühlen, angepassten Erfolgsmenschen. Als er in der Hochzeitsnacht erkennt, dass Helene nicht jungfräulich in die Ehe gekommen ist, ändert sich sein Bild von ihr und somit ihre Beziehung grundlegend. Von nun an demütigt er seine Frau, wann immer er kann. Als Helene, trotz vieler Vorkehrungen und gegen ihren Willen, schwanger wird, kündigt Wilhelm an, nicht für „ihr Balg“ sorgen zu wollen. Er verbringt immer mehr Zeit außerhalb der Familie, bis er sie schließlich ganz verlässt. Helene arbeitet wieder als Krankenschwester im Krankenhaus, wo immer mehr Kriegsverletzte und Verwundete eintreffen. Ihren Sohn überlässt sie zunächst der Fürsorge ihrer Nachbarin, später lässt sie ihn während der Arbeit häufig völlig allein zu Hause. Helene erfährt von Leontine, dass Martha deportiert wurde und die Mutter im Sanatorium gestorben ist. Peter und sie überleben die Bombardierung Stettins und werden nach Kriegsende als Deutsche aus der nunmehr polnischen Stadt vertrieben. Helene trifft Vorkehrungen, dass Peter zu seinem Onkel nach Gelbensande an der Ostsee kommt.

Der Epilog, der wieder aus Peters Perspektive erzählt wird, schildert kurz, was in den Jahren nach Kriegsende geschehen ist: Helene lebt mit Martha in der Nähe von Berlin. Peter wird von seinem Onkel und seiner Tante zwar als Hilfe auf dem Hof geschätzt, trotzdem werfen sie ihm seine Anwesenheit als zusätzlichen Esser vor. Helene hat sich nie bei Peter gemeldet, jetzt möchte er sie nicht treffen. Er beobachtet sie, lässt sie aber abreisen, ohne sich gezeigt zu haben.

Biografischer Hintergrund[Bearbeiten]

Biografischer Ausgangspunkt des Romans ist die Lebensgeschichte von Julia Francks Vater, die sie schon früher literarisch aufgearbeitet hatte, etwa in der Kurzgeschichte „Streuselschnecke“. Julia Franck hat recherchiert, dass die Mutter ihres Vaters 1996 in Berlin starb und niemals über den verlassenen Sohn sprach.

„Es gab diese Begebenheit in meiner Familie – und ich sage ausdrücklich Begebenheit – da die Geschichte fehlt. Mein Vater wurde 1937 in Stettin geboren. Er ist 1945 im Zuge der Vertreibung mit seiner Mutter gen Westen aufgebrochen. Auf dem ersten Bahnsteig westlich der Oder-Neiße-Grenze hat sie ihn aufgefordert zu warten und gesagt, dass sie gleich wieder kommen würde. Das tat sie nie. Meinen Vater hat das sehr geprägt. Er war ein sehr feinsinniger und intelligenter Mensch. Mit 49 Jahren ist er an einem Hirntumor gestorben. In der Zeit hatte ich ihn gerade erst etwas kennengelernt. Ich besuchte ihn oft im Krankenhaus, wir besprachen vieles, redeten aber nie über seine Mutter.“

Julia Franck: Interview mit der Zeit, 2007[3]

Themen[Bearbeiten]

Henri Toulouse-Lautrec, im Bett, 1892

Kernthema des Romans ist die fehlende emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern. Wie kann es dazu kommen, dass Mütter ihre Kinder aufgeben? Wieso lässt Helene ihren Sohn mitten in den Nachkriegswirren auf dem Bahnhof zurück und kümmert sich nie mehr um ihn?

„Wenn wir über Familie sprechen, dann geht es meistens um zwei Fragen: Wo kann man tagsüber sein Kind abgeben? Und was ist, wenn sich die Eltern nicht mehr verstehen? Jetzt kommt eine Siebenunddreißigjährige aus Berlin daher und zeigt uns, was passiert, wenn mit den Banden zwischen Eltern und leiblichen Kindern, die wir für viel elementarer halten als die etabliertesten Patchwork-Strukturen, etwas nicht stimmt. Zwar wissen wir schon aus der Bibel, dass Kinder ausgesetzt werden, und aus den Kindsmördergeschichten des achtzehnten Jahrhunderts kennen wir noch Schlimmeres – aber wie es ist, wenn eine Mutter ihr Kind nun einmal nicht liebt, das wird in der Literatur selten verhandelt; das ist eher Stoff für die vermischten Meldungen in der Zeitung. Julia Francks Roman „Die Mittagsfrau“ bringt die Begriffe, die wir uns unter dem Beschuss durch wohlmeinende politische Verlautbarungsprosa von „Familie“ mittlerweile gebildet haben, so gehörig durcheinander, dass wir am Ende nicht mehr wissen, was das überhaupt ist und ob es das noch gibt“

Edo Reents: Das kalte Herz, a.a.O.

Das jüngste Kind, Helene, die Protagonistin des Romans, wird nach dem Tod ihrer vier Brüder kurz nach deren Geburt von der Mutter konsequent übersehen und – wenn überhaupt Kontakt entsteht – mit Kühle und Ablehnung konfrontiert. Sie entwickelt so selbst sehr früh eine kalt realistische Einstellung zur Mutter, deren psychische Störung der Roman nicht nur mit dem Tod der Kinder, sondern auch mit der systematischen gesellschaftlichen Ausgrenzung motiviert. Diese emotionale „Erbschaft“ gibt Helene an ihren Sohn weiter, und sie wächst seit dem dramatischen Akt des Verlassens. Dabei ist die biographische Quelle der Abgrenzung der Mutter vom Sohn stets zusätzlich determiniert durch aktuelle Ereignisse. Geht die Ablehnung der Männlichkeit des kleinen Peter zunächst auf den Alptraum zurück, bei der Mutter Selma stets mit den toten Brüdern konkurrieren zu müssen, so verstärkt sich diese Distanz mit der lesbischen Prägung durch die ältere Schwester Martha und die demütigende Beziehung zu ihrem Ehemann.[4] Schließlich wird Helene von russischen Soldaten vergewaltigt, bevor sie den Sohn endgültig verlässt.

Ein anderes Thema des Roman ist das Berlin der Weimarer Zeit und der Übergang zum Faschismus. Mit Helene streift der Leser durch die Berliner Nachtclubs und wirft einen Blick auf die verwirrende Szenerie aus Reich und Arm, aus bildenden Künstlern und Literaten. In den Dialogen werden die Debatten der Zeit angerissen: DADA, die Lyrik von Else Lasker-Schüler, aber auch der Bau der Reichsautobahn und der Beginn des Nationalsozialismus und seines Antisemitismus.

Literarische Form[Bearbeiten]

Julia Franck stellt das distanzierte Erzählen in plastischen Bildern in den Vordergrund ihres Schreibens. Dabei verbleibt die Erzählerin in einer nüchternen Position, die psychologische Deutung des Geschehens überlässt sie dem Leser. Diese Bildhaftigkeit führt regelmäßig zu Verfilmungsplänen, die sich dann aber doch als schwierig erweisen.

„Bei allen meinen Büchern tauchte bislang an irgendeiner Stelle einer Rezension der Gedanke auf, das Buch zu verfilmen. Das liegt an der Bildhaftigkeit der Sprache. Ich erzeuge Bilder, so dass der Leser das Gefühl hat, er sieht diese Menschen, wo sie sich aufhalten, wie sie sich bewegen, wie sie sprechen. Dieses plastische Erzählen entsteht durch einen relativ strengen Erzählgestus, der bedeutet, dass ich an der Textoberfläche keine psychologisierenden Erklärungen für deren Verhalten suche. Ich lasse den Leser die Dinge mit seinem inneren Auge sehen.“

Julia Franck: Interview mit der Zeit, 2007[3]

Der Prolog des Romans ist aus der Perspektive des kleinen Peter geschildert. Aus der Sicht des Jungen wird sehr dicht die Zeit um das Ende des Zweiten Weltkriegs in Stettin geschildert. Nachdem ihn seine Mutter verlassen hat, folgt ein unvermittelter Zeit- und Perspektivenwechsel. Erzählt wird nun in epischer Breite die Lebensgeschichte Helenes. Die Verbindung dieses Geschehens zum Prolog wird erst sehr spät offenkundig. Der Roman schließt mit einem wiederum sehr verdichteten Epilog, der ebenfalls Peters Perspektive einnimmt.

Rezeption[Bearbeiten]

Die Rezensenten nahmen Julia Francks Werk überwiegend positiv auf, nicht aber ohne kritische Bemerkungen.

Matthias Schreiber dazu im Spiegel:

„Ein stechender Realismus, der das Geisterhafte des Lebens immer wieder freisetzt; Situationen, die psychologisch genau beobachtet und zugleich exemplarisch für die Zeit sind, in der sie spielen – das gibt es reichlich in diesem vierten Roman der Berliner Autorin Julia Franck.“

Matthias Schreiber: Der Spiegel[5]

Klaus Zeyringer konstatiert dem „Zeit- und Familienroman“ im Standard[6] „große Intensität ohne jeden dichterischen Kraftakt, mit tiefen Einblicken in schwierige psychisches Verhältnisse und Beziehungen“:

„Bedrückend wirken die Familienszenen, mit dieser abweisenden Mutter, mit diesem geduldig liebenden und dann für den Kaiser ausrückenden Vater, verschämt die kindlich erotischen Handreichungen der kleinen Helene für die neun Jahre ältere Martha. Es ist ein Kindheitsreich, das hier ersteht. Es zerbricht mit dem Krieg. Der Vater kommt elend invalid zurück, ohne je heldenhaft eingegriffen zu haben. Beeindruckende Szenen schildern sein mühsames Sterbelager, Stimmung und Lage nach seinem Tod.“

Klaus Zeyringer: Andauernde Fluchtbewegung, Der Standard, a.a.O.

Elmar Krekeler stellt die literarische Darstellung der Mutterschaft in den Mittelpunkt seiner Rezension in der Welt:

„Mutterschaft musste man lange fast schon unter die verloren gegangenen Selbstverständlichkeiten des Lebens rechnen. Spurlos verschwunden war sie. Literarisch jedenfalls. Und wenn sie – abseits der Hera-Lind-Regale – überhaupt belletristisch manifest wurde, dann vor allem in Form von Dokumentationen des Scheiterns. (…) Julia Franck nun erzählt von einer, die immer und überall schräg steht zu ihrer Zeit. Die sich an ihr ein blutig Herz schlägt. Für die kein Trost mehr ist in dieser Welt. Die alles Leid erträgt, alles einsteckt, was ihr grausames Jahrhundert an Schlägen bereithält, bis sie – gerade in dem Moment, als das Übelste überstanden scheint -, ihren siebenjährigen Jungen zum Bahnhof bringt. Und da stehen lässt. (…) Man möchte das Buch Eva Hermann schenken, wenn man das Gefühl hätte, es würde etwas helfen.“

Elmar Krekeler: Das erkaltete Herz, Die Welt[7]

Edo Reents lobt in der FAZ den kühlen Realismus der Autorin, die Disziplin, angesichts der emotionalen Ereignisse stilistische Nüchternheit und Distanz zu wahren. Aber Reents moniert auch die mangelnde stilistische Sicherheit einiger Passagen.

„Ein fast eiserner Wille, nur ja keine Sentimentalität aufkommen zu lassen, der schon Julia Francks 2003 erschienenen Roman ‚Lagerfeuer‘ zu einem Vergnügen machte, erlaubt es, dass man diesen Roman neben die Beispiele großer realistischer, unerbittlicher Prosa stellt. Man wird einschränken müssen, dass die vierhundert Seiten, die zwischen den beiden Ereignissen liegen, über eine geringere stilistische Sicherheit und Selbstverständlichkeit verfügen.“

Edo Reents: Das kalte Herz, a.a.O.

Deutlicher formuliert es Katharina Dobler in der Zeit.[8] Schon im ersten Satz des Romans[9] reklamiere Julia Franck einen sprachlichen Anspruch, den sie nicht immer einlösen könne.

Bei Tobias Rüther von der FAS[10] gerät die Stilkritik fast zum Verriss. Julia Franck habe eine Tendenz, auch das bitterste Ereignis in gewählt-distanzierter Sprache darzustellen und so zu entschärfen. An vielen Stellen erscheint Rüther die Wortwahl prätentiös und künstlich, so als sei Franck stets auf der Suche nach dem ungewöhnlichen Wort, der künstlichen Formulierung. Die „Kunstsprache“ des Romans nenne „die Dinge nicht beim Namen“.

„‚Erbeuten‘ schreibt sie und nicht stehlen, ‚entrinnen‘ und nicht fliehen, ‚laben‘, nicht essen, ‚trunken‘ und nicht voll. Weint Helene, die Hauptfigur dieses historischen Romans, dann ‚entkamen Tränen ihren Augen‘. Bringt sie ihr Kind zur Welt, dann will sie es nicht ansehen, sondern ‚einen Blick erhaschen‘. Stehen Mutter und Sohn später im Wald, suchen Pilze und finden keine, dann gehen sie nicht einfach weiter ins Unterholz: ‚Sie mussten tiefer gelangen‘, schreibt Julia Franck, und spätestens da, gegen Ende des Romans, ist einem fast zum Lachen zumute. Stehen zwei im Wald, sagt der eine zum anderen: Komm, lass uns tiefer gelangen.“

Tobias Rüther: Komm, lass uns tiefer gelangen! FAS, a.a.O.

Katharina Dobler sieht die Stärken des Romans dort, wo es Julia Franck gelinge, in „gleichzeitig abgründigen und schlichten Sätzen“ Charakteristika der handelnden Personen zu vermitteln.

„Das feine Gespür dieser Autorin für Sinnlichkeit, Abhängigkeit, Liebe, Macht und Demütigung ist bewundernswert. In solchen Passagen des Romans blitzt er auf, der Funke der großen Literatur. Aber es blitzt eben nur. Es ist kein Leuchten über viele Seiten.“

Katharina Döbler: Peterchens Mutter, Rezension in der ZEIT, a.a.O.

Kern der Kritik Doblers ist aber der Vorwurf, Julia Franck bediene literarische Klischées. Die Figur des ergebenen sorbischen Dienstmädchens sieht Dobler so, ebenso Schilderungen der wilden 1920er Jahre in Berlin. Auch Kristina Maidt-Zinke bemängelt in der Süddeutschen Zeitung das Holzschnittartige einiger Nebenfiguren.

„Das unkultivierte sexuelle Gebaren dieses holzgeschnitzten Vorkriegsmachos soll offenkundig Helenes Gefühlskälte gegenüber dem daraus hervorgegangenen Sohn grundieren.“

Kristina Maidt-Zinke: Ein Macho wie die Axt im Walde, a.a.O.

Kristina Maidt-Zinke kritisiert im gleichen Sinne, die literarische Darstellung der Sinnlichkeit, für die Julia Franck sonst gelobt werde, erschöpfe sich in Die Mittagsfrau in der „detailwütigen Beschreibung körperlicher Vorgänge“. Weiterhin moniert sie in der Süddeutschen Zeitung[11] die mit dekorativen Details überladene Handlung, die sie an ein Filmmelodram erinnert.

„Da finden zwischen den Schwestern Helene und Martha nicht nur Machtspiele, sondern auch sexuelle Spielchen statt; da hat die Mutter nicht nur jüdische Vorfahren, sondern auch noch eine schwere psychische Störung; da ist die ältere Schwester nicht nur lesbisch, sondern auch noch morphiumsüchtig, und das Dienstmädchen, das die bäuerliche Sage von der unheilbringenden ‚Mittagsfrau‘ kolportiert, stammt nicht nur aus dem Volk der Sorben, sondern heißt auch noch Mariechen.“

Kristina Maidt-Zinke: Ein Macho wie die Axt im Walde, a.a.O.

„Atmosphärisch intensiv und sprachlich konzentriert“ seien die dichten Passagen wie im Prolog und im Epilog, Matthias Schreiber hält abschließend fest:

„In diesen Kapiteln aus Peters Sicht gelingt der Autorin ein psychologisches Meisterstück: Helene, die sympathische Heldin so vieler Leiden und Freuden, ein Opfer der Umstände, verwandelt sich zur egoistischen, kaltherzigen Hexe, zur Täterin – und bleibt doch ein und dieselbe Person. […] Die ‚Mittagsfrau‘ Helene ist warm und kalt, hell und dunkel, eine Lichtgestalt mit schwarzer Seele.“

Matthias Schreiber: Der Spiegel[5]

Deutscher Buchpreis 2007[Bearbeiten]

Die Mittagsfrau wurde 2007 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es: „Vor dem Hintergrund zweier Weltkriege erzählt Julia Franck die verstörende Geschichte einer Frau, die ihren Sohn verlässt, ohne sich selbst zu finden. Das Buch überzeugt durch sprachliche Eindringlichkeit, erzählerische Kraft und psychologische Intensität. Ein Roman für lange Gespräche.“[12]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Deutsche Ausgaben[Bearbeiten]

  • Julia Franck: Die Mittagsfrau. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-10-022600-3
  • Die Mittagsfrau. 6 Audio-CDs, gesprochen von der Autorin. Dhv der Hörverlag, 2007, ISBN 3-86717-153-X

Übersetzungen[Bearbeiten]

Die Mittagsfrau wurde in 34 Sprachen übersetzt. Das Buch erscheint in Albanien, Brasilien, Bulgarien, China, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Iran,[13] Japan, Korea, Kroatien, Litauen, Mazedonien, Niederlande, Norwegen, Polen, Rumänien, Schweden, Serbien, Spanien (Spanisch, Katalanisch, Galizisch), Taiwan, Tschechien, Türkei, Ungarn, Weißrussland (Stand: März 2009).

Theateradaptation[Bearbeiten]

Volker Hesses Theaterfassung des Romans wurde am 9. Oktober 2010 unter Hesses Regie am Deutschen Theater Göttingen uraufgeführt. Katharina Heyer spielte die Helene.[14][15]

Eine eigens für das Bautzener Theater geschriebene Bühnenfassung von Eveline Günther und Beatrix Schwarzbach erlebte am 1.Mai 2013 in der Regie von Beatrix Schwarzbach und der Ausstattung von Katharina Lorenz ihre erfolgreiche Uraufführung am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen. Lilli Jung spielt die Helene. www.theater-bautzen.de

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Police (Oder): In den chemischen Fabriken des Ortes Pölitz (heute Police) wurden Zwangsarbeiter beschäftigt. Wilhelm ist an nicht näher bezeichneten Bauwerken in Pölitz beschäftigt. Helene und Peter treffen bei der Pilzsuche im Wald auf einen Zug, mit dem Zwangsarbeiter nach Pölitz gebracht werden.
  • NS-Zwangsarbeit
  • Ahnenpass: Wilhelm besorgt Helene illegal einen Ahnenpass, den sie wegen ihrer jüdischen Abstammung nicht legal bekommen kann. Helene benötigt den Ahnenpass für die Heirat mit Wilhelm sowie später für ihre Anstellung im Krankenhaus in Stettin.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. fischerverlage.de
  2.  Der Kampf der Krähe. In: Der Spiegel. Nr. 46, 2011 (online).
  3. a b Schreiben zum Überleben. In: Zeit online, 10. Oktober 2007; Interviewerin: Susanne Geu
  4. Das Thema der lesbischen Geschwisterliebe thematisiert Julia Franck übrigens auch in ihrem Sammelband „Bauchlandung“ in der Geschichte „Bäuchlings“.
  5. a b  Matthias Schreiber: Düstere Lichtgestalt. In: Der Spiegel. Nr. 38, 2007 (online).
  6. Klaus Zeyringer: Andauernde Fluchtbewegung. In: Der Standard, 22. September 2007
  7. Elmar Krekeler: Das erkaltete Herz. In: Die Welt, 29. September 2007
  8. Katharina Döbler: Peterchens Mutter. In: Die Zeit, Nr. 37/2007
  9. Der erste Satz des Romans lautet: „Auf dem Fensterbrett stand eine Möwe, sie schrie, es klang, als habe sie die Ostsee im Hals, hoch, die Schaumkronen ihrer Wellen, spitz, die Farbe des Himmels, ihr Ruf verhallte über dem Königsplatz, still war es da, wo jetzt das Theater in Trümmern lag.“
  10. Tobias Rüther: Komm, lass uns tiefer gelangen!. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. Oktober 2007
  11. Kristina Maidt-Zinke: Ein Macho wie die Axt im Walde. In: Süddeutsche Zeitung, 27. September 2007
  12. Julia Franck erhält den Deutschen Buchpreis 2007 für ihren Roman Die Mittagsfrau. Deutscher Buchpreis, abgerufen am 9. Dezember 2010
  13. ibna.ir
  14. Die Mittagsfrau am Deutschen Theater Göttingen; abgerufen am 9. Dezember 2010
  15. Am Tag als der Grabplatten-Regen kam.Nachtkritik.de, abgerufen am 9. Dezember 2010