Muridiyya

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Wandmalerei in Dakar, Senegal, mit dem Muridiyya-Führer Amadou Bamba (in weiß), Ibra Fall und Malick Sy

Die Muridiyya ist eine im späten 19. Jahrhundert gegründete Sufi-Bruderschaft (Tariqa), die heute eine der wirtschaftlich und gesellschaftlich einflussreichsten Kräfte im Senegal darstellt. Sie beherrscht ganze Branchen der Wirtschaft, zum Beispiel das Transportwesen. Ihre Anhänger leben auch in Gambia und werden Muriden (Mouriden) genannt. Die Muriden verehren Amadou Bamba, den Gründer der Gemeinschaft, als Heiligen.

Organisationsstruktur[Bearbeiten]

Die Muridiyya besteht aus einer Anzahl von Clanen und Familien, die die Brüder, Söhne und Schüler von Amadou Bamba begründet haben. Jedem Clan steht ein Kalif (chalīfa) vor, der die Autorität über die Marabouts und Schüler dieses Clans besitzt. Diese Kalifen wiederum sind dem General-Kalifen gegenüber rechenschaftspflichtig, der an der Spitze der Bruderschaft steht, und müssen ihm den Treueid (jebellu) leisten.[1] Derzeitiger General-Kalif ist Serigne Cheikh Maty Lèye (*1924), zweiter Enkel von Amadou Bamba, Sohn von Serigne Bara Borom Gouye Mbind.[2] Von 1943 bis 2003 gab es in der Bruderschaft auch eine Kalifin, Sokhna Magat Diop. Sie stand dem von ihrem Vater Abdalaye Yakhine Diop gegründeten Muridiyya-Clan in Thiès vor.

Die Führer der Clane verfügen über ausgedehnten Ländereien, auf denen ihre Anhänger auf Kollektivgütern, die dara genannt werden, arbeiten, ohne dass sie dafür größeren Lohn erhalten.[3] Die Anhänger der Muridiyya versuchen, durch schwere körperliche Arbeit, oft auf Erdnuss-Feldern, Gott näher zu kommen. Eine große Konzentration von maraboutischen Farmen befindet sich in der Region von Djourbel.[4]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Muridiyya wurde 1883 von Amadou Bamba gegründet. 1887 erbaute er mit seinen Anhängern eine eigene Stadt, die er nach einem Koranvers (Sure 13:29) Touba (arab. „Segen“) nannte. 1892 gründete Scheich Ibra Fall eine erste Niederlassung der Muriden in Saint-Louis, dem Sitz der französischen Kolonialverwaltung. Im Laufe der Zeit wurde die Bruderschaft zu einem Verbündeten der französischen Kolonialmacht. Die Muriden bauten auf ihren Plantagen Erdnüsse für die Franzosen an und verpflichteten ihre Anhänger zur Loyalität gegenüber dem Kolonialherren. Amadou Bamba erhob die Feldarbeit zur höchsten Tugend seiner Bruderschaft. Dies führte zu einem starken wirtschaftlichen Aufschwung.

Nach dem Tode von Amadou Bamba im Jahre 1927 wurde sein ältester Sohn Mamadou Moustapha zum erstan General-Kalifen, d.h. Nachfolger seines Vaters, ausgerufen. Die ersten Jahre des Kalifats waren aber von ständigem Zwist unter den Anführern der Bruderschaft geprägt. Ein gewisser Scheich Anta erkannte das Kalifat von Mamadou nicht an und gewann mit seinem Anspruch, der "wahre" Kalif zu sein, einige Unterstützung, so auch bei Amadu Bambas zweitem Sohn Falilou, mit dem er 1928 auf Wallfahrt nach Mekka ging.[5]

Als Mamadou 1945 im Sterben lag, bestimmte er seinen Sohn Scheich Mbacké Gainde Fatma zum Nachfolger. Da dieser jedoch als anti-französisch galt und Sympathien mit panarabischen Gruppen und senegalischen Oppositionsgruppen hatte, intervenierte die Kolonialverwaltung und sorgte dafür, dass Falilou Mbacké zum General-Kalifen erhoben wurde.[6] Bei dieser Gelegenheit wurde als Gremium kollektiver Führung der Conseil d'Administration Mouride geschaffen.[7] Scheich Mbacké erkannte das Kalifat von Falilou nicht an und stellte mit Aktionen seiner Anhänger dessen Autorität immer wieder in Frage. Als 1946 zum Beispiel Falilou den Magal, die jährliche Wallfahrt nach Touba, auf Bitten der Kolonialverwaltung verlegte, weil zur gleichen Zeit Wahlen stattfanden, weigerte sich Scheick Mbacké, diese Datumsänderung zu akzeptieren, und führte die Wallfahrt zum ursprünglichen Datum durch.[8] Im Frühjahr 1947 ließ Falilou die Bauarbeiten für die noch unvollendete Moschee von Touba wieder aufnehmen. Diese Maßnahme diente vor allem der Festigung seiner religiösen Autorität.[9] Die Moschee wurde 1961 vollendet[10] und 1963 im Beisein von Präsident Léopold Sédar Senghor feierlich eröffnet.

Ab 1945 begannen Muriden, sich auch in Dakar anzusiedeln.[11]In Frankreich lebende junge Anhänger der Gemeinschaft gründeten 1977 eine studentische Auslandsorganisation der Muridiyya, die Association des Étudiants et Stagiaires Mourides d'Europe (AESME).[12]

Liste der Führer der Muriden[Bearbeiten]

  • Von der Gründung 1883 bis 1927: Amadou Bamba
  • 1. General-Kalif (1927-1945): Mamadou Moustapha, ältester Sohn von Amadou Bamba
  • 2. General-Kalif (1945-1968): Serigne Falilou Mbacké, 3. Sohn
  • 3. General-Kalif: Serigne Abdoul Ahad Mbacké, 6. Sohn
  • 4. General-Kalif: Serigne Abdou Khadr Mbacké, 7. Sohn
  • 5. General-Kalif von 1990 bis 28. Dezember 2007: Serigne Saliou Mbacké, 8. Sohn
  • 6. General-Kalif von 29. Dezember 2007 bis 30. Juni 2010: Serigne Mouhamadou Lamine Bara Mbacké (1925-2010), erster Enkel von Amadou Bamba, Sohn von Serigne Fallou Mbacké
  • 7. General-Kalif seit 1. Juli 2010: Serigne Cheikh Maty Lèye

Literatur[Bearbeiten]

  • Cheikh Anta Mbacké Babou: Fighting the greater jihad: Amadu Bamba and the founding of the Muridiyya of Senegal, 1853 - 1913. Ohio 2007.
  • Donal B. Cruise O'Brien: The Mourides of Senegal. The political and economic organization of an Islamic brotherhood. Clarendon Press, Oxford 1971, ISBN 0-19-821662-9
  • Donal B. Cruise O'Brien: "Charisma Comes to Town: Mouride Urbanization 1945-1986" in Donal B. Cruise O'Brien and Chritian Coulon (ed): Charisma and Brotherhood in African Islam. Oxford 1988. S. 135-157.
  • Rüdiger Sesemann: Aḥmadu Bamba und die Entstehung der Murīdīya Analyse religiöser und historischer Hintergründe; Untersuchung seines Lebens und seiner Lehre anhand des biographischen Werkes von Muḥammad al-Muṣṭafā Ān. Berlin 1993.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Christian Coulon: "Women, Islam and baraka" in Donal B. Cruise O'Brien and Chritian Coulon: Charisma and Brotherhood. Oxford 1988. S. 113-135. S. 125.
  2. http://beuguebamba552.skyrock.com/3.html
  3. Vgl. O'Brien 1971, 3.
  4. Vgl. O'Brien 1971, 205.
  5. Vgl. O'Brien 1971, 62.
  6. Vgl. O'Brien 1971, 127.
  7. Vgl. O'Brien 1971, 132f.
  8. Vgl. O'Brien 1971, 129.
  9. Vgl. O'Brien 1971, 137.
  10. Vgl. O'Brien 139.
  11. Vgl. O'Brien 1988, 138.
  12. Vgl. O'Brien 1988, 147.