Charisma

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Der Ausdruck Charisma ([ˈçarɪsma, çaˈrɪsma, ˈkarɪsma oder kaˈrɪsma], von griech. χάρισμα chárisma: „Gnadengabe“, „aus Wohlwollen gespendete Gabe“) findet sich ursprünglich vor allem in der jüdisch-christlichen Tradition (Philo, Septuaginta, Neues Testament) und bezeichnet dort von Gott dem Menschen Geschenktes, wobei durch das Wort das Wohlwollen als Motivation der Gabe betont wird. Der Ausdruck wird dann vor allem bei Paulus für geistliche Fähigkeiten verwendet.

In der Religionswissenschaft wird der Begriff einerseits für die Begabung oder Befähigung zum Empfang von Offenbarungen, Inspirationen oder Erleuchtungen verwendet, andererseits – verbunden mit religiöser Devianz und Innovation – für die Schaffung einer eigenen von einer bestimmten Gruppe anerkannten numinosen Autorität. Im Management gilt das Konzept der Transformationalen Führung als eine Möglichkeit, diesen Begriff in der Praxis zu operationalisieren und bei der Entwicklung von Führungskompetenzen im Rahmen der Führungskräfteentwicklung anzuwenden. In der Soziologie bezeichnet es eine der drei Formen von Herrschaft.

An diese Bedeutung schließt sich auch die alltagssprachliche Verwendung des Begriffs an, die unter dem „Charisma“ eines Menschen dessen gewinnende „Ausstrahlung“ bezeichnet.

Religiöser Begriff[Bearbeiten]

Hauptartikel: Gaben des Heiligen Geistes

Im Neuen Testament und im älteren Christentum bezeichnet Charisma eine Gnadengabe des Heiligen Geistes (1 Kor 12,7 EU). Zu den Charismen zählen Weisheit mitteilen, Erkenntnis vermitteln, Glaubenskraft, Prophetie, Krankenheilungen, Wundertaten, Geisterunterscheidung, Zungenrede und Auslegung der Zungenrede. Unter besonderer Betonung einiger dieser Charismen (auch: Charísmata) entstanden in der Neuzeit geistliche Aufbruchsbewegungen wie die Pfingstbewegung oder die charismatische Bewegung.

Sozialwissenschaftlicher Begriff[Bearbeiten]

In der Soziologie nutzte Max Weber den Begriff „Charisma“, um eine der von ihm unterschiedenen drei Formen der Herrschaft zu bezeichnen – neben „traditionaler“ und „rationaler“ Herrschaft teilte er auch die charismatische Herrschaft ein. Im Anschluss an Weber bezeichnet Charisma eine soziale Beziehung von Herrschaft, welche die Sozialstruktur grundlegend verändert, eine außeralltägliche „revolutionäre Macht“, und zwar so, wie sie von den charismatisch Beherrschten, den Anhängern („Jüngern“), gewertet wird.

„Über die Geltung des Charisma entscheidet die durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – gesicherte freie, aus Hingabe in Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten. Aber diese ist (bei genuinem Charisma) nicht der Legitimitätsgrund, sondern sie ist Pflicht der kraft Berufung und Bewährung zur Anerkennung dieser Qualität Aufgerufenen. Diese Anerkennung ist psychologisch eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene ganz persönliche Hingabe.“

Wirtschaft und Gesellschaft. Kapitel III. Die Typen der Herrschaft. §10: Charismatische Herrschaft

Die Veralltäglichung des Charismas: Wird die charismatische Beziehung zu einem Dauerverhältnis, ändert sie ihren außeralltäglichen Charakter und wird zu traditionaler oder rationalisierter (legaler) Herrschaft (§11). Neben dem „Personen-Charisma“, wo ein „Schöpfer“ überkommene Gerechtigkeitsvorstellungen ersetzt oder neu interpretiert, kann jedoch auch von einem „Institutionen-Charisma“ gesprochen werden, wodurch neue Institutionen kreiert werden.[1]

Der Politikwissenschaftler Franz Neumann führte in seinem Behemoth die Idee der Legitimierung durch Charisma auf die Theologie Calvins zurück.[2] Nach seiner Analyse führte die Ideologie des Nationalsozialismus die charismatische Macht des Führers auf das „Volkstum“ zurück.[3] In Demokratie in Deutschland hat M. Rainer Lepsius die Anwendbarkeit eines solchen Erklärungsversuchs auf den Führerstaat Adolf Hitlers überprüft.[4] In seiner Arbeit Revolution und Veralltäglichung (1977) hat Dirk Kaesler die Anwendbarkeit dieser Theorie für die Beantwortung der Frage: „Was wird aus Revolutionen?“ geprüft; er kam zum Ergebnis, dass Webers Theorie von der „Veralltäglichung“ des Charismas ein brauchbares Analysekonzept für Verständnis und Erklärung postrevolutionärer Prozesse liefert.

In seinem Buch Charismatiker und Effizienzen: Porträts aus 60 Jahren Bundesrepublik verglich Franz Walter 2009 (bezugnehmend auf Max Webers Unterscheidung zwischen charismatischer und der bürokratischer Herrschaft) exemplarisch charismatische Politiker der bundesdeutschen Geschichte – Konrad Adenauer, Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Helmut Kohl – mit ihren effizienten Mit- und Gegenspielern: Hans Globke, Horst Ehmke, Edmund Stoiber, Rudolf Seiters und vielen anderen.

Wirtschaftspsychologie und Managementlehre[Bearbeiten]

In der Wirtschaftspsychologie findet sich ein Ansatz, der Charismaaffinität und die Wahrnehmung von Charisma in die Nähe des Narzissmus stellt (siehe Dammann, 2007). Wichtig dabei sind, wie sich „Stigma“ und „Charisma“ zueinander verhalten (siehe dazu Wolfgang Lipp), und die Möglichkeit der sozialen Reversion bzw. Dramatisierung prototypischer Attribute.

Laut Richard Wiseman verfügt eine charismatische Person über drei Eigenschaften:[5]

  1. Emotionen werden von ihr sehr stark empfunden.
  2. Sie ist in der Lage, auch andere Menschen derart starke Gefühle erleben zu lassen.
  3. Sie ist resistent gegenüber Einflüssen anderer charismatischer Menschen.[6]

In der Managementwissenschaft wurde das Phänomen Charisma lange Zeit als obskure Erscheinung betrachtet bis unter anderem J. A. Conger und R. N. Kanungo im Jahr 1987 diesen Begriff in einer empirischen Studie anhand konkreter Verhaltensbeschreibungen operationalisiert und messbar gemacht haben. Demnach werden Führungskräfte als charismatisch wahrgenommen, wenn Sie zum Beispiel (1) eine attraktive und zugleich überzeugende Vision vermitteln, (2) ihre Vorbildfunktion wahrnehmen, (3) ihre Mitarbeiter herausfordern und zu besonderen Leistungen inspirieren, (4) ihre persönlichen Stärken und Fähigkeiten weiter entwickeln und sie (5) zu eigenständigen, kreativen Problemlösungen anregen.[7] Eine weitere Operationalisierung ist das Konzept der Transformationalen Führung von B. M. Bass und B. J. Avolio. [8] mit konkreten Verhaltensbeschreibungen der (charismatischen) Führungskompetenzen.

Die charismatische Führung lebt von der Identifikation der Mitarbeiter mit der Führungsperson. Diese Art der Führung bringt nach Neubauer mehrere Vorteile mit sich.[9]

  1. Die Führung wirkt sich positiv auf die objektive Gruppenleistung und auf die subjektive Wahrnehmung dieser Leistung aus.
  2. Sie erzeugt eine intellektuelle Stimulierung durch die positiven Gefühle der Geführten
  3. Die Gruppenzusammengehörigkeit wird gestärkt. In Krisensituationen hält die Gruppe besser zusammen. Die Basis zur Zusammenarbeit ist eine gegenseitige Wertschätzung.

Der höhere Grad an Identifikation hat weitergehende psychologische Konsequenzen, die sich allerdings positiv als auch negativ auf die Organisation auswirken können. Die hohe Identifikation erzeugt automatisch den psychologischen Effekt der Konformität. Durch die Selbst-Kategorisierung der Gruppe entsteht eine Unterscheidung in Mitglieder und Nicht-Mitglieder. Außenseiter und anders denkende, nicht konforme Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden ausgegrenzt.[10] Dabei lassen sich normative Einflüsse und Einflüsse von Informationen festmachen, die eine Konformität vorantreiben.[11] Diese sozialen Gruppennormen können sich verselbstständigen. Dies birgt für das Unternehmen die Gefahr, dass äußere Informationen nicht mehr aufgenommen werden und die Gruppe nicht mehr bereichsübergreifend denkt, also über den Tellerrand schaut. Deshalb liegt die Verantwortung der charismatischen Führungsperson auch darin, das Ausmaß der [Konformität] unter gewollter Kontrolle zu halten und zeitweise äußere Einflüsse einzustreuen.

Der Denkkreis kann auch zu Lewin et. al. (1939) und seinen Untersuchungen zur Gruppendynamik geschlossen werden. Die charismatische demokratische Führung birgt weniger die Gefahr der Abschottung als eine charismatisch autoritäre Führung, da sich die geführten Untergebenen nicht ausschließlich auf die Führungsperson sondern auch auf das eigenständige Denken konzentrieren.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kurt E. Becker: „Der römische Cäsar mit Christi Seele“. Max Webers Charisma-Begriff. Frankfurt am Main u.a. 1988.
  • Kurt E. Becker: Charisma. Der Weg aus der Krise. Lübbe, Bergisch Gladbach 1996.
  • Jörg Felfe: Transformationale und charismatische Führung. Stand der Forschung und aktuelle Entwicklungen. In: Zeitschrift für Personalpsychologie. Jg. 5, (2006), Heft 4, S. 163-176.
  • Walter Neubauer, Bernhard Rosemann: Führung, Macht und Vertrauen in Organisationen. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2006.
  • Michael Günther: Masse und Charisma. Soziale Ursachen des politischen und religiösen Fanatismus. Peter Lang, Frankfurt am Main u.a. 2005, ISBN 3-631-53536-8.
  • Götz Hartmann: Selbststigmatisierung und Charisma christlicher Heiliger der Spätantike, Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 3-16-149114-9.
  • Dirk Kaesler: Revolution und Veralltäglichung. Eine Theorie postrevolutionärer Prozesse. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1977, ISBN 3-485-01844-9.
  • Karola Kleinschmidt: Erfolgsgeheimnis Charisma. Warum können manche Menschen besser als andere die Massen mobilisieren? Lässt sich diese Fähigkeit vielleicht sogar erlernen? In: P.M.-Welt des Wissens. Nr. 4, 2010, ISSN 1863-9313, S. 26–31.
  • Carl Heinz Ratschow, Ludwig Schmidt, Nico Oswald, John H. Schütz, Rudolf Landau: Charisma/Charismen I. Zum Begriff in der Religionswissenschaft II. Altes Testament III. Judentum IV. Neues Testament V. Praktisch-theologisch. In: Theologische Realenzyklopädie. 7 (1981), S. 681-698. (Überblick für relig. Verständnis)
  • Bernhard Schäfers, Justin Stagl (Hrsg.): Kultur und Religion, Institutionen und Charisma im Zivilisationsprozess. Festschrift für Wolfgang Lipp. Hartung-Gorre, Konstanz 2005.
  •  Franz Walter: Charismatiker und Effizienzen: Porträts aus 60 Jahren Bundesrepublik. edition suhrkamp, 2009, ISBN 978-3-518-12577-9.
  • Philip Zimbardo, Richard Gerrig: Psychologie. 7. Auflage. Springer Verlag, New York 1999.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Schluchter: Die Entstehung des modernen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Entwicklungsgeschichte des Okzidents. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1988. ISBN 3-518-28947-0. S. 107, 109, 134.
  2. Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 1984 (zuerst: Oxford University Press 1942, 1944). ISBN 3-596-24306-8. S. 122.
  3. Der charismatische Führer im Führerstaat. In: Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1984, (zuerst: Oxford University Press 1942, 1944). ISBN 3-596-24306-8. S. 114ff.
  4. Vgl. auch M. Rainer Lepsius: Max Weber, Charisma und Hitler. FAZ v. 24. August 2011. Seite N 3.
  5. Christina Steinlein: Charisma: Angeboren oder erlernbar? auf: Focus online.
  6. Tom Geoghegan : A step-by-step guide to charisma. auf: BBC news. 26. Mai 2005.
  7. J. A. Conger u.a.: Charismatic leadership and follower effects. In: Journal of Organizational Behavior. Vol. 21 (2000) und die dort angegebene Literatur
  8. B.M. Bass, B. J. Avolio (Hrsg.): Improving Organizational Effectiveness Through Transformational Leadership. Thousand Oaks, 1994.
  9. Vgl. Walter Neubauer, Bernhard Rosemann, 2005, S. 34.
  10. Vgl. Walter Neubauer, Bernhard Rosemann, 2005, S. 104
  11. Vgl. Zimbardo, Gerrig. 1999, S. 412.