Kalif

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt den islamischen Herrschertitel, zum Ehrentitel im Stierkampf siehe dort.

Kalif ist die Eindeutschung des arabischen Begriffs chalīfa (arabisch ‏خليفة‎, DMG ḫalīfa Aussprache?/i), der im allgemeinen Sinn einen Stellvertreter oder Nachfolger bezeichnet, jedoch häufig in einer spezifischen Funktion als Titel für religiös-politische Führer verwendet wird. Wenn er als Kurzform für die Ausdrücke chalīfat Allāh (Stellvertreter Gottes / ‏خليفة الله‎ / ḫalīfat Allāh) oder chalīfat rasūl Allāh (Nachfolger des Gottesgesandten / ‏خليفة رسول الله‎ / ḫalīfat rasūl Allāh) steht, dann ist damit üblicherweise der Anspruch auf die Führung der gesamten islamischen Gemeinschaft verbunden. Daneben gibt es den Titel des Kalifen aber auch in Sufi-Orden und in der Ahmadiyya. In diesen Zusammenhängen verweist der Kalifentitel darauf, dass die betreffende Person als Nachfolger und Stellvertreter des spezifischen Ordens- oder Gemeinschaftsgründers anzusehen ist.

In diesem Artikel wird die Geschichte des Kalifentitels behandelt, über die politische Geschichte der verschiedenen Kalifate informiert der Artikel Kalifat.

Entstehung des Kalifentitels[Bearbeiten]

Das Substantiv chalīfa leitet sich ab aus dem arabischen Verb chalafa (خَلَفَ), welches „nachfolgen, die Stelle einnehmen“ bedeutet. Das abgeleitete Abstraktum chilāfa (‏خلافة‎ / ḫilāfa) bedeutet „Stellvertretung, Nachfolge, Kalifat“.

Der Begriff chalīfa kommt schon im vorislamischen Arabien vor, und zwar in einer arabischen Inschrift aus dem Jahre 543, in der damit eine Art Vizekönig gemeint ist, der die Aufgaben eines anderen Souveräns wahrnimmt.[1] Im Koran begegnet der Begriff an zwei Stellen: An der einen (Sure 2:30) bezieht er sich auf Adam, der von Gott als „Statthalter“ auf Erden eingesetzt wird, an der anderen (Sure 38:26) wird er für David in seiner Eigenschaft als Herrscher und Richter verwendet:

„Oh David, siehe, wir machten dich zu einem Stellvertreter (chalifa) auf Erden; So richte zwischen den Menschen in Wahrheit.“

Zu der Entwicklung des Begriffs im frühen Islam ist ein Bericht aufschlussreich, der von verschiedenen arabischen Schriftstellern überliefert wird. Demnach wurde Abu Bakr, als er nach dem Tode des Propheten Mohammed zum Oberhaupt der muslimischen Gemeinschaft wurde, chalīfat rasūl Allāh („Nachfolger des Gesandten Gottes“) genannt. Als Umar ibn al-Chattab ihm als Oberhaupt der Muslime nachfolgte, redete ein Mann ihn als chalīfat Allāh an, was Umar aber mit dem Hinweis, dass dieser Titel David vorbehalten sei, zurückwies. Als der Mann ihn daraufhin als chalīfat rasūl Allāh ansprach, lehnte Umar ebenfalls ab, mit dem Argument, dass dieser Titel allein Abu Bakr gebühre. Den hierauf von dem Mann benutzten Titel chalīfat chalīfat rasūl Allāh („Nachfolger des Nachfolgers des Gottesgesandten“) hielt Umar zwar für korrekt, wandte jedoch ein, dass so der Titel immer länger würde. Als Alternative zu diesem langen Titel, forderte er die Gläubigen dazu auf, ihn amīr al-muʾminīn („Beherrscher der Gläubigen“) zu titulieren.[2]

Der Titel chalīfat Allāh („Stellvertreter Gottes“), der einen viel weitergehenden Anspruch erhob als chalīfat rasūl Allāh, ist zum ersten Mal für Umars Nachfolger Uthman ibn Affan (644-656) bezeugt. Allerdings taucht dieser Begriff nur in panegyrischen Gedichten auf.[3] Der erste muslimische Herrscher, der den Begriff in Inschriften und auf Münzen und damit in offiziellem Zusammenhang verwendete, war der Umayyade Abd al-Malik (685-705).[4] Später nahmen auch die Abbasiden (750-1517) und die Fatimiden (909-1171) den Kalifentitel für sich in Anspruch.

Verwendung im Osmanischen Reich[Bearbeiten]

Hauptartikel: Osmanisches Kalifat

Auch einige der osmanischen Sultane verwendeten den Kalifentitel. So rühmte sich zum Beispiel Süleyman II. (reg. 1520-1566) in einem Kānūn-nāme als "der Chagan des Erdkreises und chalīfa des Gottesgesandten".[5] Dem Abendland gegenüber traten die osmanischen Sultane erstmals 1774 in den Verhandlungen zum Friede von Küçük Kaynarca als Kalifen auf. Sultan Abdülhamid I. bezeichnete sich bei dieser Gelegenheit als "Imam der Gläubigen und Kalif der Einheitsbekenner", um damit zum Ausdruck zu bringen, dass er, nachdem die Krimtataren durch diesen Frieden die politische Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangen sollten, sich weiter als ihr geistliches Oberhaupt betrachtete.[6] Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Kalifentitel im Osmanischen Reich sogar Verfassungsrang. In der Osmanischen Verfassung von 1876 hieß es in Artikel 4: „Der Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif ist der Schutzherr für die muslimische Religion“. Nach dem Sturz der Osmanen 1923 durch Mustafa Kemal Atatürk erklärte die Türkische Republik am 3. März 1924 jedoch das Kalifat für abgeschafft.

Der Kalifentitel bei Sufi-Orden und in der Ahmadiyya[Bearbeiten]

Der zweite Kalif der Ahmadiyya und zwei Missionare für Westafrika

Nach Aufkommen der Sufi-Orden erhielt der Kalifentitel eine neue Bedeutung, indem er dort von den Nachfolgern des Ordensgründers angenommen wurde. Bis heute gibt es in Senegal zum Beispiel einen General-Kalifen der Muridiyya (Khalife général des mourides; KGM) und einen General-Kalifen der Tidschaniyya (Khalife général des Tidianes; KGT). Ersterer residiert in Touba, letzterer in Tivaouane.

In diesem Sinne bezeichnete sich auch Abdallahi ibn Muhammad, der Nachfolger des sudanesischen Mahdis Muhammad Ahmad al-Mahdi als al-Khalifa.

Mirza Ghulam Ahmad gründete 1889 in Qadian die Ahmadiyya-Bewegung. Nach seinem Ableben 1908 folgten ihm die Khalifat ul-Massih („Kalif des Messias“) genannten spirituelle Führer der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Die Kalifen der AMJ werden von einem Wahlkomitee auf Lebenszeit gewählt und residieren seit 1984 am Gelände der Fazl-Moschee befindlichen „Mahmud-Hall“ in London. Seit dem 22. April 2003 ist Mirza Masrur Ahmad als Khalifat ul-Massih V. das geistliche Oberhaupt der AMJ.

Literatur[Bearbeiten]

  • Patricia Crone, Martin Hinds: God's Caliph. Religious Authority in the First Centuries of Islam. Cambridge 1986.
  • Bernard Lewis: Die politische Sprache des Islam. Übers. S. Enderwitz. Berlin 1991. S. 79-91.
  • Tilman Nagel: Staat und Glaubensgemeinschaft im Islam. Geschichte der politischen Ordnungsvorstellungen der Muslime. 2 Bde. Zürich-München 1981.
  • Rudi Paret: "Signifaction coranique de ḫalīfa et d'autres dérivés de la racine ḫalafa" in Studia Islamica 31 (1970) 211-217.
  • Art. "Khalīfa" in Encyclopaedia of Isam. New Edition. Bd. IV, S. 937-953. (Verschiedene Autoren)

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Lewis 80, 212.
  2. Vgl. Lewis 80f.
  3. Vgl. Crone/Hinds 6, Lewis 82.
  4. Vgl. Lewis 82.
  5. Vgl. Nagel II 173.
  6. Vgl. Nagel II 177

Siehe auch[Bearbeiten]