Muzaffer Şerif

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Muzaffer Şerif Başoğlu (Muzafer Sherif) (* 29. Juli 1906 in Ödemiş, Izmir, Türkei; † 16. Oktober 1988 in Fairbanks, Alaska, USA) war ein türkischer Sozialpsychologe, der zu den Begründern und führenden Wissenschaftlern seines Fachs gehörte.

Besonders beschäftigte er sich mit Inter- und Intragruppenkonflikten (vgl. Konfliktforschung). Neben seinen „Ferienlagerexperimenten“ („Robber's-Cave“-Experiment) von 1949, 1953 und 1954 erlangte er internationale Anerkennung für seine Untersuchung zu Gruppendruck und Konformität unter Verwendung des autokinetischen Effekts im Jahre 1935.

Leben[Bearbeiten]

Şerif absolvierte das amerikanische College in Izmir (İzmir Amerikan Koleji). Sein Hochschulstudium schloss er im Bereich Philosophie an der Fakultät für Literaturwissenschaft der Universität Istanbul ab. Nach der Übersiedlung in die USA machte er seinen Master an der Harvard University; seinen Doktortitel erwarb er an der Columbia University. Später forschte und lehrte er an der Yale University, der University of Oklahoma und der Pennsylvania State University.

Forschung und Experimente[Bearbeiten]

Şerif beschäftigte sich intensiv mit dem Verhalten von Gruppen, mit der Einflussnahme der Gruppe auf die Einzelperson und dem daraus resultierenden Konformitätsverhalten des Einzelnen.

Experiment zum informationalen sozialen Einfluss[Bearbeiten]

Eines seiner bekanntesten Experimente basierte auf dem autokinetischen Effekt. Dieser Effekt ist eine Bewegungstäuschung eines stationären Lichtpunktes bei Dunkelheit. Da Anhaltspunkte für die Position des Lichtpunktes fehlen, scheint der Lichtpunkt sich subjektiv zu bewegen. Şerif ließ Versuchspersonen in einen dunklen Raum führen und wies sie an, Schätzungen zum Ausmaß der Bewegungen des Lichtpunktes zu geben. In jeder Sitzung wurde der Punkt 100-mal dargeboten. Hierbei bildete Şerif drei Gruppen. Die erste Gruppe als Kontrollgruppe sollte die Bewegungen des Punktes in Einzelsitzungen einschätzen. Dabei erwies sich, dass jede Person für sich einen Standard entwickelt, welcher sich von Person zu Person unterscheiden kann, jedoch bei anschließenden Sitzungen beibehalten wird. Die zweite Gruppe sollte die Schätzungen zunächst alleine abgeben und danach bei weiteren Durchgängen in Gruppen von zwei bis drei Personen. Die dritte Gruppe sollte die Schätzungen zuerst in einer Gruppe und erst danach alleine abgeben.

Şerif konnte zeigen, dass die Versuchspersonen der zweiten Gruppe ziemlich rasch eine Standardschätzung abgaben, ihre sogenannte persönliche Norm. Sobald sie aber in der Gruppe schätzten, näherten sich ihre vorher sehr unterschiedlichen Urteile in Richtung einer gemeinsamen Position, der Gruppennorm.

Die Schätzungen der dritten Gruppe hingegen verlief in die Gegenrichtung. Dadurch, dass die Versuchspersonen zuerst innerhalb der Gruppe ihre Schätzungen abgaben, entwickelte sich die Gruppennorm von Anfang an. Die Versuchspersonen hielten sich auch dann noch an die Gruppennorm, als sie ihre Schätzungen alleine abgaben.

Diese und viele darauf folgende Studien zeigten, dass in uneindeutigen Situationen andere Gruppenmitglieder als Informationsquelle herangezogen werden. Dies nennt man informationaler sozialer Einfluss. Zur anderen Art des Konformitätsdrucks, dem normativen sozialen Einfluss, stammen die Grundlagenarbeiten von Solomon Asch.

Robber’s-Cave-Experiment[Bearbeiten]

Şerif führte außerdem das sog. Ferienlagerexperiment durch. Dabei brachte er Jungen in einem Ferienlager zusammen, die sich zuvor noch nicht kannten. Nachdem die Jungen mehrere Tage als große Gruppe verbracht hatten, teilte sie Şerif in zwei gleich große Gruppen (die "Ich Gruppe" und die "wir Gruppe"), wobei er gegebenenfalls dafür sorgte, dass Jungen, die sich angefreundet hatten, nicht in dieselbe Gruppe kamen. Nun unternahmen die Gruppen vorerst getrennt voneinander Ausflüge, bis sie ein Gruppengefühl entwickelt hatten. Danach ließ man die Gruppen gegeneinander in Wettbewerben antreten, welche jedoch zu gunsten von immer derselben Gruppe manipuliert wurden. Es dauerte nicht lange, bis die Mitglieder der einen Gruppe die Mitglieder der anderen Gruppe beschimpften und ihnen gegenüber aggressiv wurden.

Nachdem man zwei rivalisierende Gruppen geschaffen hatte, begann das eigentliche Experiment. Zuerst ließ man beide Gruppen gemeinsam essen oder Filme sehen, jedoch reduzierte dies nicht die Stereotype und Gehässigkeiten zwischen den Gruppen. Erst als man den Gruppen Aufgaben stellte, die sie nur gemeinsam lösen konnten (z. B.: durften sie einen Film nur sehen, wenn sie es alle gemeinsam taten), reduzierten sich die Stereotype nach und nach.

Mit diesem Experiment wurde gezeigt, dass es zum Abbauen von Stereotypen nicht reicht, genügend Kontakt zwischen den verschiedenen Gruppen herzustellen, sondern auch u. a. gemeinsame Ziele und aktive Zusammenarbeit notwendig sind. Diese Erkenntnisse bildeten die Grundlage u. a. für Elliot Aronsons Gruppenpuzzle-Konzept.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • S. Batur und E. Aslıtürk (Hrsg.): Muzaffer Şerif'e Armağan: Muzaffer Şerif'ten Muzafer Sherif'e. İletişim, Istanbul 2007, ISBN 978-975-05-0533-1 (Türkisch)
  • M. Sherif und C. W. Sherif: Experimentelle Untersuchungen zum Verhalten in Gruppen. In: J.-J. Koch (Hrsg.): Sozialer Einfluss und Konformität. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1977, S. 167–192.
  • M. Sherif und C. W. Sherif: Social Psychology (Int. Rev. Ed.). Harper & Row, New York 1969.
  • M. Sherif, O. J. Harvey, B. J. White, W. R. Hood und C. W. Sherif: Intergroup conflict and cooperation: the Robbers Cave experiment. University of Oklahoma Book Exchange, Norman 1961.
  • M. Sherif, B. J. White und O. J. Harvey: Status in experimentally produced groups. In: American Journal of Sociology. Band 60, 1955, S. 370–379.
  • M. Sherif und C. W. Sherif: Groups in harmony and tension. Harper & Row, New York 1953.
  • M. Sherif und H. Cantril: The Psychology of Ego-Involvements. Wiley & Sons, New York 1946.

Weblinks[Bearbeiten]