Stereotyp

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Dieser Artikel erläutert den Begriff Stereotyp im geistes- und sozialwissenschaftlichen Kontext, zur Bedeutung in der Informatik siehe Stereotyp (UML), zu dem Begriff der Kognitionspsychologie siehe Automatische Stereotype

Ein Stereotyp (griech. στερεός stereós ‚fest, haltbar, räumlich‘ und τύπος týpos ‚Form, in dieser Art, -artig‘) ist eine Beschreibung von Personen oder Gruppen, die einprägsam und bildhaft ist und einen als typisch behaupteten Sachverhalt vereinfacht auf diese bezieht. Stereotype sind verbalisierbar, sie erlauben allein durch die Nennung des stereotypen Begriffs den zugehörigen komplexen Inhalt schnell präsent zu machen. Dabei ist die Kategorisierung von Personen anhand bestimmter Merkmale (wie z. B. Haartracht, Hautfarbe, Alter, Geschlecht, etc.) ein für Menschen völlig normaler, schnell und nahezu automatisch ablaufender Prozess. Automatische Stereotype sind im Bereich der sozialen Kognition von großem Interesse. Der breit und interdisziplinär angewendete Begriff ist nicht einheitlich im Sinne einer exakten Operationalisierung definiert.[1] Zu den verwandten Begriffen im Wortfeld gehören unter anderem VorurteilKlischeeSchema − Frame − und Schimpfwort.

Eingeführt wurde der Begriff 1922 von Walter Lippmann. Seine Arbeit „Public Opinion" − Die Öffentliche Meinung − war bahnbrechend für die Stereotypenforschung. In seinem Verständnis wird das Stereotyp als „eine erkenntnis-ökonomische Abwehreinrichtung gegen die notwendigen Aufwendungen einer umfassenden Detailerfahrung" (Dröge 1967, 134) definiert.

Sozialwissenschaftliche Verwendung[Bearbeiten]

Am geläufigsten ist die Verwendung des Begriffes in einem sozialwissenschaftlichen Kontext. Hier beruhen Stereotype auf Abgrenzung und der Bildung von Kategorien um Personengruppen, denen Komplexe von Eigenschaften oder Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Damit grenzen sie sich klar von Schemata ab, welche nicht primär soziale Informationen beinhalten (z. B. Prototypen). Stereotype sind des Weiteren (im Gegensatz zu Soziotypen) vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie oft besonders abgegrenzte und offensichtliche Eigenschaften karikierend hervorheben und z. T. falsch verallgemeinern. Eine dermaßen vereinfachte Repräsentation anderer Personengruppen erleichtert die alltäglichen Interaktionen mit unbekannten Personen sehr. Durch äußere Merkmale (z. B. Alter, Kleidung, Auftreten, Geschlecht) ausgelöste Stereotype dienen als Hinweisstrukturen für erwartete und zu erwartende Verhaltensweisen (→ selbsterfüllende Prophezeiung). Die dadurch gewährleistete Vereinfachung hat jedoch auch Nachteile und kann z. T. soziale Ungerechtigkeiten manifestieren. Sobald Merkmale wie das Geschlecht oder die Hautfarbe mit negativen Bewertungen besetzt sind, welche die Interaktionsmöglichkeiten von Personen in vielen Lebensbereichen deutlich begrenzen, spricht man von Vorurteilen.

In der Psychologie bezeichnet man Verhaltensweisen oder Bewegungen als Stereotype, die unabhängig von der konkreten Umweltsituation häufig und meist scheinbar sinnlos wiederholt werden.

Im Gegensatz dazu stehen Vorurteile − einerseits als abstrakt-allgemeine Vorurteile, andererseits als Einstellung gegenüber Individuen. Stereotype dagegen beinhalten nicht per se eine (negative oder positive) Bewertung, sie reduzieren Komplexität und bieten auch Identifikationsmöglichkeiten.

Volkskunde[Bearbeiten]

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Stereotype sind nach Albrecht Lehmann relativ starre überindividuell geltende Vorstellungsbilder. Diese beziehen sich als Eigen- wie als Fremdstereotyp auf Personen und Personengruppen, Nationen, Ethnien, „Rassen“, soziale Gruppen, Religionen, Regionen, Kulturlandschaften und so fort. Was als Stereotyp bezeichnet wird, entsteht in der Wahrnehmung und Bewertung eines Detail, welches in unkritischer Überverallgemeinerung einer tatsächlich gegebenen Wirklichkeit verwendet wird. Stereotype dienen dazu, komplexe Realität zu vereinfachen und neu zu ordnen. Dergestalt fungieren sie als Identifikationsangebot und können den Zusammenhalt von „Gruppen“ unterschiedlicher Form und Größe fördern, von der Familie bis zum supranationalen Bündnis. Die Volkskunde betrachtet Grundlagen der Stereotype in ihren diversen kulturellen Umfelder und sucht die Auswirkungen tradierter Stereotype in die Gegenwart anhand von Themen wie Tourismus, politische Beziehungen, Nahrungsverhalten und interkulturelle Kommunikation zu erkennen.

Zu den Methoden gehören unter anderem Befragen und Medienauswertungen. Stereotype und Ethnophaulismen wie deutsche Krautesser, französische Gecken und niederländische Händler und Geizkragen kursieren teilweise schon seit dem Jahrhunderten und sind unter anderem in Karikaturen und Gebrauchsgrafiken aus dem 18. Jahrhundert nachzuweisen.[2]

Historische Stereotypenforschung[Bearbeiten]

Nach dem Historiker und Osteuropaspezialisten Hans Henning Hahn sind Stereotype verfestigte kollektive Zuschreibungen mit vorwiegend emotionalem Gehalt, die nur in ihren sprachlichen bzw. bildlichen Repräsentationen zu fassen sind. Die Stereotypenforschung versucht nicht, den Wahrheitsgehalt von Stereotypen zu ermitteln oder zu widerlegen, sondern ihre Funktion und Wirkung in gesellschaftlichen Diskursen die Genese, Funktion und Wirkung von Stereotypen bei kollektiver Identitätsbildung zu deuten. Die Wechselwirkung zwischen selbstzugeschriebenen Autostereotypen und fremdzugeschriebenen Heterostereotypen ist dabei von besonderem Interesse, was er unter anderem am Beispiel der Sudetendeutschen betrachtet.[3]

Literatur und Sprachwissenschaft[Bearbeiten]

Die Interkulturelle Hermeneutik (früher: Imagologie) untersucht das „Bild vom anderen Land“, was Kenntnisse fremder Kulturen, Sprachen und Mentalitäten wie eine intensive Beschäftigung mit den Werten und Ansichten der eigenen Kultur verlangt. Ziel der interkulturellen Hermeneutik ist auch eine Selbstanalyse durch Fremdanalyse. Interessant ist dabei die Frage, wie Stereotype entstehen. Gerade literarische Texte haben dazu beigetragen, andere Kulturen dem heimischen Publikum nahezubringen und ein lange wirksames Bild des anderen zu entwerfen. Stereotype Vorstellungen über andere Nationen sind aufs Engste verbunden mit dem Selbstbild der urteilenden Nation.

Bekannt ist unter anderem Madame de Staëls Über Deutschland, welches mit dem Bild eines regionalistisch vielfältigen, gefühls- und phantasiebetonten, mittelalterlich-pittoresken, und rückständigen und harmlosen Deutschlands und dem Stereotyp der Dichter und Denker nach 1815 jahrzehntelang die Sicht der französischen Eliten prägte.

Bedeutende Nachwirkungen hatte auch das Amerikabild Cornelis de Pauw, der die Kolonisation Amerikas Ende des 18. Jahrhunderts als unnatürlich und verwerflich sowie die Ureinwohner als einfältige und impotente Waldschrate beschrieb. Die Neue Welt habe mit inflationstreibendem Edelmetall und dem Suchtmittel Tabak nur Nachteile eingebracht.[4] Pauw setzte damit, ohne jemals Amerika oder Amerikaner gesehen zu haben, einen heftigen Wissenschaftlerstreit über die „Natur der Amerikaner“ in Gang.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Alter, Sprache, Geschlecht.: Sprach- und kommunikationswissenschaftliche Perspektiven auf das höhere Lebensalter. Caja Thimm Campus Verlag, 2000
  2. Die Deutschen und ihr Sauerkraut ? wie kulturelle Stereotype entstehen Bild der Wissenschaft 2001
  3. Historische Stereotypenforschung. Methodische Überlegungen und empirische Befunde, hg.v. Hans Henning Hahn (= Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft, H. 2), Oldenburg 1995
  4. Antonello Gerbi: The Dispute of the New World. The History of a Polemic, 1750-1900. University of Pittsburgh Press, Pittsburgh 1973, ISBN 0822932504, S. 52ff

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Franz W. Dröge: Publizistik und Vorurteil. Regensberg Verlag, Münster 1967.
  •  Elizabeth und Stuart Ewen: Typen & Stereotype. Parthas Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86601-205-9.
  •  Eva und Hans Henning Hahn: Nationale Stereotypen. In: Hans Henning Hahn (Hrsg.): Stereotyp. Identität und Geschichte. Frankfurt a.M. 2002, S. 17–56.
  •  Debora Gerstenberger: Iberien im Spiegel frühneuzeitlicher enzyklopädischer Lexika Europas. Diskursgeschichtliche Untersuchung spanischer und portugiesischer Nationalstereotypen des 17. und 18. Jahrhunderts (= Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Bd. 110). Franz Steiner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-09051-3.
  •  Hans Jürgen Heringer: Interkulturelle Kommunikation. UTB, Tübingen 2004, ISBN 3-8252-2550-X.
  •  Walter Lippmann, Elisabeth Noelle-Neumann (Hrsg.): Die öffentliche Meinung. Brockmeyer, Bochum 1990 (Originaltitel: Public Opinion), ISBN 3-88339-786-5 (auch als online-text).
  •  William Anthony Nericcio: Tex[t]-Mex. Seductive Hallucinations of the “Mexican” in America. University of Texas Press, 2006, ISBN 0-292-71457-2.
  •  Lars-Eric Petersen, Bernd Six: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Beltz, Weinheim 2008, ISBN 978-3-621-27645-0.
  •  Gisela Steins: Identitätsentwicklung. Die Entwicklung von Mädchen zu Frauen und Jungen zu Männern. Pabst Science Publishing, Lengerich 2003.
  •  W. Stroebe, K. Jonas, M. Hewstone: Sozialpsychologie. Springer, Heidelberg 2002, ISBN 3-540-42063-0.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Stereotyp – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen