Niccolò Piccinni

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Niccolò Piccinni

Niccolò Vito Piccinni, auch Piccini, auch Nicola Marcello Antonio Giacomo Picci(n)ni[1] (* 16. Januar 1728 in Bari; † 7. Mai 1800 in Passy bei Paris) war ein italienischer Komponist der Klassik. Sein Hauptgebiet war die Oper.

Leben[Bearbeiten]

Neapel[Bearbeiten]

Seine musikalische Erziehung erhielt Niccolò Piccinni in Neapel, 1742–1744 durch den Opernkomponisten Leonardo Leo und danach bei Francesco Durante bis 1754 am Conservatorio di Sant’ Onofrio. Sein Vater war Musiker, seine Mutter war die Schwester des Opernkomponisten Gaetano Latilla.[2] In Neapel debutierte er 1754 am Theatro dei Fiorentini mit seiner ersten Opera buffa Le donne dispettose. Es folgten 1756 und 1757 die Opere serie Zenobia und Nitetti.[3] Am 30. Juli 1756 heiratete er seine 14-jährige Gesangsschülerin Sibilla Vincenza.[4][5]

Rom[Bearbeiten]

1758 wurde Piccinni nach Rom eingeladen und hatte von hier aus seinen ersten europäischen Erfolg mit der Opera buffa La buona figliuola (La Ceccina, 1760), deren Text von Carlo Goldoni nach Richardsons Roman Pamela stammte. In Rom komponierte er weiterhin sowohl Opern im Stile der opera seria nach Texten Pietro Metastasios als auch opere buffe. 1773 kehrte er nach Neapel zurück, wo er zweiter Domkapellmeister und zweiter Organist der königlichen Kapelle wurde.[3]

Paris und der Piccinnistenstreit[Bearbeiten]

Zur Zeit Piccinnis spielte sich in Paris ein öffentlich ausgetragener Streit um Stilfragen der Oper ab. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts, seitdem der Abbé und Kirchenjurist François Raguenet bei einer Italienreise die italienische Oper kennengelernt und 1702 in Paris öffentlich dafür Partei genommen hatte, diskutierten der königliche Hof und die Pariser Gesellschaft leidenschaftlich die Frage nach dem Vorrang der italienischen vor der französischen Oper, und umgekehrt.[6] Fünfzig Jahre später flammte die öffentliche italienisch/französische Kontroverse wieder auf im sogenannten „Buffonistenstreit“, nachdem eine erfolgreiche italienische Buffotruppe mit La serva padrona (Die Magd als Herrin) von Giovanni Battista Pergolesi in Paris für Begeisterung gesorgt hatte.[7] Weitere zwanzig Jahre später verlangte das Pariser Opernpublikum – eine speziell italianisierende Partei – erneut nach einem italienischen Komponisten, der das italienische Melos vertreten sollte. Der Neapolitanische Botschafter in Paris, Domenico Caracciolo, empfahl seinen Landsmann Piccinni. Da inzwischen der französische König, Ludwig XV., gestorben war, gab es Verzögerungen, sodass aus Wien Christoph Willibald Gluck berufen wurde.[8][3] Piccinni wurde nun selbst – nach seiner Ankunft 1776 in Paris – in den erneuten Opern-Streit, nun zwischen den Gluckisten und den rivalisierenden, ihn als Aushängeschild benutzenden Piccinnisten hineingezogen. Dieser Streit machte Geschichte im Zusammenhang mit der „Gluckschen Opernreform“.

„In diesem Konflikt, der unter dem Namen „Piccinnisten-Streit“ in die Musikgeschichte eingegangen ist, behielt Piccinni fast als einziger Würde und Glaubwürdigkeit. Seine Fähigkeit, sich den Erfordernissen der französischen Opernbühne anzupassen (was er übrigens in weit höherem Maße tat, als Gluck), zeugt von großem kompositionstechnischen Können und Selbstvertrauen.[9]

Gerhard Allroggen

Gluck kehrte 1779 nach Wien zurück, während Piccinni in Paris blieb und als Opernleiter an der Académie royale eine italienische Operntruppe leitete. Ebenso vertonte er sechs Opern im Stil der Tragédie lyrique, der Hauptform der französischen Oper. 1783 hatte seine Didon großen Erfolg.[10]

Als italienischer Gesangslehrer wurde er 1784 Professor an der neugegründeten École Royale de Chant et de Déclamtion (Königlichen Schule für Gesang und Deklamation) in Paris. Nach Ausbruch der Französischen Revolution 1789 verlor er sein Gehalt und kehrte nach Italien zurück, wo er wechselnd in Venedig, Rom und Neapel lebte (hier hatte er aus politischen Gründen eine Arreststrafe abzusitzen) und weiterhin Opern aufführte. 1798 kehrte er jedoch nach Paris zurück.

Piccinni war Mitglied einer Freimaurerloge, der sogenannten Philosophenloge Neuf Sœurs in Paris.[11] 1800 starb er in Passy bei Paris.

In seiner Geburtsstadt Bari wurde nach seinem Tod an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel angebracht, eine Straße („Via Piccinni“) sowie das „Conservatorio di Musica N. Piccinni“ nach ihm benannt.[12]

Werke[Bearbeiten]

Sein Gesamtwerk ist, seinem Umfang nach, noch nicht erschlossen. Ausführliche Listen seiner Werke sind in MGG 2 2005, in New Grove Dictionary of Opera 1998 und in Rivista musicale italiana, viii. 75 veröffentlicht. Die in den Quellen angegebene Anzahl seiner (italienischen) Opern – sie zeigen in späteren Jahren französische und deutsche Einflüsse – schwankt zwischen 80 und 120. Weitere Vocal-Kompositionen, darunter Oratorien, gehören zur Kirchenmusik.

Opern (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Le Donne dispettose (Neapel 1754)
  • Zenobia, opera seria (Neapel 1756)
  • Nitetti, opera seria (Neapel 1757)
  • Alessandro nell'Indie, opera seria nach Pietro Metastasio (Rom 1758, Neufassung Neapel 1774)
  • La buona figliuola, opera buffa nach Carlo Goldoni (Rom –1760)
  • Olimpiade, opera seria nach Metastasio (1761, 2. Fassung 1768)
  • La buona figliuola maritata, opera buffa (Bologna 1761)
  • Le donne vendicate, opera buffa (Rom 1763)
  • La pescatrice, opera buffa nach Goldoni (Rom 1766)
  • Catone in Utica, opera seria nach Metastasio (1770, Wiederaufführung in Mannheim 2007)
  • Iphigénie en Tauride (1781, Opera seria)
  • Didon (Fontainebleau 1783)
  • Pénélope (Fontainebleau 1785)

Instrumental[Bearbeiten]

  • 1799 Hymne a l’hymen pour la célébration des mariages (Text: Ginguené)
  • Flötenkonzert in D-Dur
  • 2 Andantino für Violine und Klavier
  • Sinfonia in B-Dur
  • 3 Sonaten

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Allroggen: Opernreform und Publizistik in Paris. In: Sabine Ehrmann-Herfort, Ludwig Finscher, Giselher Schubert (Hrsg.): Europäische Musikgeschichte 1. Bärenreiter/Metzler Kassel 2002, ISBN 3-7618-2024-0 (Bärenreiter), ISBN 3-476-01909-8 (Metzler), S. 551–585.
  • Sabine Ehrmann-Herfort, Ludwig Finscher, Giselher Schubert (Hrsg.): Europäische Musikgeschichte 1. Bärenreiter/Metzler Kassel 2002, ISBN 3-7618-2024-0 (Bärenreiter), ISBN 3-476-01909-8 (Metzler).
  • Wolfram Ensslin: Niccolò Piccinni: Catone in Utica. Quellenüberlieferung, Aufführungsgeschichte und Analyse (= Quellen und Studien zur Geschichte der Mannheimer Hofkapelle . Bd. 4). Lang, Frankfurt am Main u. a. 1996, ISBN 3-631-49810-1 (Zugleich: Heidelberg, Universität, Magisterarbeit, 1994).
  • Pierre Louis Ginguené: Notice sur la vie et les ouvrages de Nicolas Picinni. Panckoucke, Paris An. IX (1800/1801), Digitalisat.
  • Riemann Musik Lexikon. Bd. 4, Schott Verlag 2012, ISBN 978-3-7957-0006-5.
  • Elisabeth Schmierer: Artikel Piccini, Niccolò in Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG 2), Personenteil 13, Bärenreiter Kassel, 2005 (→ hauptmaßgeblich für die Vita).
  • Elisabeth Schmierer: Die Tragèdies lyriques Niccolò Piccinnis. Zur Synthese französischer und italienischer Oper im späten 18. Jahrhundert (= Thurnauer Schriften zum Musiktheater. Bd. 18). Laaber-Verlag, Laaber 1999, ISBN 3-89007-497-9 (Zugleich: Berlin, Technische Universität, Habilitations-Schrift, 1996).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Niccolò Piccinni – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Elisabeth Schmierer: Artikel Piccini, Niccolò. in Musik in Geschichte und Gegenwart.
  2. The New Grove Dictionary of Opera. Vol. 3, 1998. Artikel Piccinni, (1) Niccolò, der sich auf alte Quellen stützt.
  3. a b c Artikel Piccinni. In: Riemann Musik Lexikon. 2012, Bd. 4.
  4. 30 July 1756. auf musicandhistory.com, abgerufen am 19. Februar 2014.
  5. Piccini (Nicolo-Louis). in: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Band 8. Brockhaus, Leipzig 1827, OCLC 311708826, S. 537. (online)
  6. Wilhelm Seidel: Der Streit um die italienische und die französische Oper um 1700. In: Europäische Musikgeschichte 1. S. 320.
  7. Gerhard Allroggen: Opernreform und Publizistik in Paris. (Darin: Der Buffonisten-Streit. S. 552ff). In: Europäische Musikgeschichte 1.
  8. Gerhard Allroggen: Der Streit zwischen Gluckisten und Piccinnisten. In: Europäische Musikgeschichte 1. S. 568.
  9. Gerhard Allroggen: Europäische Musikgeschichte 1. S. 569.
  10. Elisabeth Schmierer: MGG (2) 2005
  11. Niccolò Piccinni auf mvmm.org, abgerufen am 19. Februar 2014.
  12. Conservatorio di Musica N. Piccinni auf nuke.conservatoriopiccinni.it, abgerufen am 19. Februar 2014.