Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik

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Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) ist ein psychodynamisches Diagnosesystem, welches vorwiegend für psychoanalytisch und tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Psychotherapeuten konzipiert ist. Das diagnostische Manual wurde als Ergänzung zu den bestehenden psychiatrischen Diagnosemanualen (dem DSM-IV und dem ICD-10) mit dem Ziel entwickelt, ein verlässliches und valides diagnostisches Instrumentarium zur Verfügung stellen zu können und so der reinen Deskription bzw. Phänomenologie der internationalen Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV eine Alternative zur Seite zu stellen.[1]
Durch die Operationalisierung, das heißt Messbarmachung, der wesentlichen Variablen für psychodynamische Theorien, nämlich Übertragungsmuster, innere Konfliktkonstellationen und strukturelle Bedingungen wird eine bessere Objektivität, Reliabilität und Validität der Diagnose möglich. Damit versucht die OPD den Gütekriterien psychodiagnostischer Verfahren gerecht zu werden.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik wurde Anfang der 90er Jahre entwickelt und das erste diagnostische Manual wurde 1996 veröffentlicht.[2] Seither sind weit über 100 Veröffentlichungen[3] in Fachbüchern und Fachzeitschriften erschienen. Etwa 40 Kliniker und Forscher arbeiten an der Weiterentwicklung des diagnostischen Instrumentariums. 2006 erschien ein weitgehend neu überarbeitetes und ergänztes Manual mit der Bezeichnung OPD-2.[4] In dieser Version werden auch Instrumente für die Psychotherapieplanung zur Verfügung gestellt. Aktuell werden von der Arbeitsgruppe zusätzlich die Bereiche Forensik, Rehabilitation, Abhängigkeitssyndrom und weitere bearbeitet.

Autoren[Bearbeiten]

Markus Burgmer, Manfred Cierpka, Reiner W. Dahlbender, Stephan Doering, Matthias Franz, Harald J. Freyberger, Tilman Grande, Karsten Hake, Gereon Heuft, Sven Olaf Hoffmann, Thorsten Jakobsen, Paul L. Janssen, Marianne Junghan, Joachim Küchenhoff, Reinholde Kriebel, Elmar Mans, Claudia Oberbracht, Doris Pouget-Schors, Gerd Rudolf, Henning Schauenburg, Gudrun Schneider, Wolfgang Schneider, Gerhard Schüßler, Michael Stasch, Matthias von der Tann.

Sprecher und Kontaktpersonen[Bearbeiten]

  • Achse I: Wolfgang Schneider, Rostock
  • Achse II: Manfred Cierpka, Heidelberg
  • Achse III: Gerhard Schüßler, Innsbruck
  • Achse IV: Gerd Rudolf, Heidelberg
  • Achse V: Harald J. Freyberger, Greifswald
  • Arbeitsgruppe Forensik: Matthias von der Tann, London
  • Arbeitsgruppe Rehabilitation: Reiner W. Dahlbender, Bad Saulgau
  • Arbeitsgruppe Abhängigkeit: Thorsten Jakobsen, Basel

Klassifikation der Diagnostik[Bearbeiten]

Das diagnostische Manual ermöglicht, die individuelle seelische Konstitution des Patienten auf fünf unterschiedlichen Achsen zu beschreiben, bzw. einzuschätzen. Dazu werden Erhebungsbögen [5] [6] für jede Achse zur Verfügung gestellt, auf denen der Diagnostiker vorgegebene Items beurteilen kann. Zum Beispiel Item 17 auf der Achse I:
Persönliche Ressourcen des Patienten = nicht vorhanden (0)/ = niedrig (1)/ = mittel (2)/ = hoch (3)/ = nicht beurteilbar (9)
Die Erhebungsbögen enthalten insgesamt über 40 solcher Einschätzungsskalen und frei formulierbare Felder.

  • Achse I erfasst das Krankheitserleben und die Behandlungsvoraussetzungen.
  • Achse II erfasst die Beziehungsdiagnostik wobei neben der Übertragung und Gegenübertragung zwischen Therapeut und Patient im Schwerpunkt Beziehungsepisoden analysiert werden.
  • Achse III erfasst lebensbestimmende unbewusste innere Konflikte des Patienten.
  • Achse IV erfasst das Strukturniveau, das heißt grundsätzliche Fähigkeiten des psychischen Funktionierens.
  • Achse V erfasst psychische und psychosomatische Störungen in Bezug auf die etablierte deskriptiv-phänomenologische Diagnostik (ICD-10, DSM-IV)

Achse I – Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen[Bearbeiten]

[7] Die Achse I besteht aus einem Basismodul, das mit weiteren nach Bedarf mit spezifischen Zusatzmodulen verzahnt werden kann.

  1. Gegenwärtige Schwere der Störung/des Problems
    1.1 Schwere der Symptomatik
    1.2 GAF
    1.3 EQ-5D Summe
  2. Dauer der Störung/des Problems
    2.1 Dauer der Störung
    2.2 Alter bei Erstmanifestation der Störung
  3. Krankheitserleben und -darstellung
    3.1 Leidensdruck
    3.2 Darstellung körperlicher Beschwerden und Probleme
    3.3 Darstellung psychischer Beschwerden und Probleme
    3.4 Darstellung sozialer Probleme
  4. Krankheitskonzepte des Patienten
    4.1 An somatischen Faktoren orientiertes Krankheitskonzept
    4.2 An psychischen Faktoren orientiertes Krankheitskonzept
    4.3 An sozialen Faktoren orientiertes Krankheitskonzept
  5. Veränderungskonzepte des Patienten
    5.1 Gewünschte Behandlungsform: körperliche Behandlung
    5.2 Gewünschte Behandlungsform: psychotherapeutische Behandlung
    5.3 Gewünschte Behandlungsform: sozialer Bereich
  6. Veränderungsressourcen
    6.1 Persönliche Ressourcen
    6.2 (Psycho-)Soziale Unterstützung
  7. Veränderungshemmnisse
    7.1 Äußere Veränderungshemmnisse
    7.2 Innere Veränderungshemmnisse

Zusätzlich gibt es hierzu noch ein gesondertes Psychotherapiemodul.

Achse II – Beziehung[Bearbeiten]

Mithilfe einer Itemliste wird den nachfolgenden vier Erlebensperspektiven je eine Position in einem Zirkumplexmodell zugeordnet. Den jeweils 16 Items liegt ein Zirkumplexmodell interpersonellen Verhaltens zugrunde, das sich an Benjamin (1974; 1993) anlehnt. [8]

Perspektive A: Das Erleben des Patienten
Patient erlebt sich Patient erlebt andere
Perspektive B: Das Erleben der anderen (auch des Untersuchers)
Andere erleben den Patient Andere erleben sich

Beziehungsdynamische Formulierung

… wie der Patient andere immer wieder erlebt:

… wie er in seinem Erleben darauf reagiert:

… welches Beziehungsangebot er anderen mit dieser Reaktion (unbewusst) macht:

… welche Antwort er anderen damit (unbewusst) nahelegt:

… wie es der Patient erlebt, wenn andere so, wie ihnen nahegelegt, antworten:

Achse III – Konflikt[Bearbeiten]

[9]

Fragen zur Abklärung der Voraussetzungen der Konfliktbeurteilung

A) Konflikte sind nicht zu raten, diagnostische Sicherheit fehlt.

B) Aufgrund geringer struktureller Integration handelte es sich […] nicht um distinkte […] Konfliktmuster […] als vielmehr um Konfliktschemata.

C) Wegen abgewehrter Konflikt- und Gefühlswahrnehmung […] nicht beurteilbar.

D) […] (Aktualkonflikt) ohne wesentliche dysfunktionale repetitive Konfliktmuster.

Repetitiv-dysfunktionale Konflikte:

  1. Individuation versus Abhängigkeit
  2. Unterwerfung versus Kontrolle
  3. Versorgung versus Autarkie
  4. Selbstwertkonflikt
  5. Schuldkonflikt
  6. Ödipaler Konflikt
  7. Identitätskonflikt

In der klinischen Anwendung werden die beiden wichtigsten lebensbestimmenden Konflikte markiert. Zeitfenster ist das letzte Jahr, wobei die im Schwerpunkt die konkrete Aktualisierung eingeschätzt werden soll.

Hauptkonflikt:

Zweitwichtigster Konflikt:

Modus der Verarbeitung des Hauptkonfliktes:

(1)vorwiegend aktiv (2) gemischt (3) gemischt eher passiv (4) vorwiegend passiv (9) nicht beurteilbar

Achse IV – Struktur[Bearbeiten]

„Struktur kann […] auf vier Dimensionen beschrieben werden, welche jeweils den Bezug zum Selbst und den Bezug zu den Objekten unterscheiden.“ (S.118) [10]

Bezug zum Selbst Bezug zum Objekt
1a Selbstwahrnehmung 1b Objektwahrnehmung
2a Selbstregulierung 2b Regulierung des Objektbezugs
3a Kommunikation nach innen 3b Kommunikation nach außen
4a Bindung an innere Objekte 4b Bindung an äußere Objekte
5 Struktur gesamt

Achse V – Psychische und psychosomatische Störungen[Bearbeiten]

[11]

Va: Psychische Störungen

Vb: Persönlichkeitsstörungen

Welche Störung steht klinisch im Vordergrund? (Achse Va oder Vb)


Vc: Körperliche Erkrankungen

Zusätzliche Informationen[Bearbeiten]

Zusätzlich werden noch demografische Daten von Patient und Diagnostiker erhoben und aufgrund des Datenschutzes mit einem Code anstelle des Namens versehen.

Patient: Code, Alter, Geschlecht, Erhebungsdatum

Diagnostiker: Code, Alter, Geschlecht, Zentrum

OPD in der psychotherapeutischen Praxis[Bearbeiten]

Auch für die ambulante psychotherapeutische Praxis stellt die OPD vom Grundsatz her ein wertvolles diagnostisches und therapeutisches Instrument dar. Allerdings ist die OPD aus der Sicht niedergelassener Psychotherapeuten zu zeitaufwändig, um routinemäßig breite Anwendung zu finden. Den begrenzten zeitlichen Möglichkeiten der ambulanten Psychotherapiepraxis Rechnung tragend entwickelten Udo Boessmann und Arno Remmers ein vereinfachtes fragebogengestütztes psychodynamisches Diagnose- und Therapieplanungskonzept, das auf der OPD basiert, aber mit sehr viel geringerem Zeitaufwand und ohne das spezielle aufwändige Training, das die OPD verlangt, eingesetzt werden kann.[12], [13]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rolf Adler (Hrsg.): Psychosomatische Medizin. Modelle ärztlichen Denkens und Handelns. Begründet von Thure von Uexküll. Urban & Schwarzenberg, München 2003, 1564 Seiten, Kap. 24 Kritische Stellungnahme zum Gebrauch der Internationalen Diagnoseschlüssel, Abs. 6, Seite 394
  2. Arbeitskreis OPD (Hrsg.). (1996). Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik. Grundlagen und Manual. Bern: Huber.
  3. http://www.opd-online.net
  4. Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung von Arbeitskreis OPD von Huber, Bern 2006
  5. Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-2) Erhebungsbogen im PDF-Datei
  6. OPD-2 Bogen für die Fokusauswahl im PDF-Datei
  7. Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung von Arbeitskreis OPD von Huber, Bern 2006, (S. 145-189 und S. 61-82)
  8. Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung von Arbeitskreis OPD von Huber, Bern 2006, (S. 189-206 und S. 82-95)
  9. Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung von Arbeitskreis OPD von Huber, Bern 2006 ,(S. 206-255 und S. 95-113)
  10. Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung von Arbeitskreis OPD von Huber, Bern 2006, (S. 255–280 und S. 113–123)
  11. Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung von Arbeitskreis OPD von Huber, Bern 2006, (S.123-132)
  12. Udo Boessmann, Arno Remmers: Das Erstinterview, Bonn: Deutscher Psychologen Verlag, 2011
  13. Udo Boessmann, Arno Remmers: Behandlungsfokus, Bonn: Deutscher Psychologen Verlag, 2008

Literatur[Bearbeiten]

  • Arbeitskreis OPD: Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung Huber, Bern 2006 ISBN 978-3456842851, ²2009 ISBN 978-3-456-84753-5
  • Rudolf, G./ Horn, H.: Strukturbezogene Psychotherapie. Leitfaden zur psychodynamischen Therapie struktureller Störungen Stuttgart: Schattauer 2004 ISBN 978-3794525317
  • Jaeggi, E./ Gödde, G./ Hegener, W./ Möller, H.: Tiefenpsychologie lehren - Tiefenpsychologie lernen Stuttgart: Klett-Cotta 2003, ISBN 978-3608940602
  • Leichsenring, Falk (Herausgeber): Lehrbuch der Psychotherapie, Bd. 2 Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie 2004 ISBN 3-932096-32-0

Website[Bearbeiten]

  • OPD Online, Website des Projekts mit Trainingsseminaren