Pancasila

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Dieser Artikel behandelt die „Fünf-Prinzipien“ der Verfassung Indonesiens. Für die gleichnamigen buddhistischen Tugendregeln siehe „Fünf Silas“.

Pancasila (alte Schreibweise: Pantja-Sila) bedeutet „Fünf-Prinzipien“ (Sanskrit). Dies sind die fünf Grundsätze der nationalen Ideologie und Verfassung der Republik Indonesien, denen in dem Vielvölkerstaat eine identitätsbildende und homogenisierende Wirkung zugedacht ist.

Die Pancasila – Staatsgrundlage der Republik Indonesien[Bearbeiten]

Die Pancasila wurde erstmals von dem späteren 1. Präsidenten Sukarno in seiner Rede am 1. Juni 1945 vor dem Untersuchungsausschuss zur Vorbereitung der Unabhängigkeit Indonesiens (BPUPKI) aufgeworfen. Er wollte mit den Fünf-Prinzipien der Absicht vieler Mitglieder des BPUPKI entgegentreten, Indonesien zu einem islamischen Staat zu machen. Sukarno befürchtete in diesem Fall die Sezession indonesischer Regionen mit nichtislamischer Bevölkerungsmehrheit wie zum Beispiel Bali.[1] Der Ausschuss war von der japanischen Besatzungsmacht einberufen worden, um von den Führern der Unabhängigkeitsbewegung die mögliche Weltanschauung für die zu gründende Republik Indonesien zu entwerfen. Die fünf Prinzipien, mit denen Sukarno auf Argumente seiner Vorredner Yamin und Supomo zurückgriff, lauteten in der ursprünglichen Reihenfolge:

  1. Nationalismus (Kebangsaan Indonesia)
  2. Humanismus/Internationalismus (Perikemanusian/Internationalisme)
  3. Beratung (Permusyawaratan)
  4. Soziale Wohlfahrt (Kesejahteraan Sosial)
  5. Prinzip der All-Einen Göttlichen Herrschaft (Ketuhanan Yang Maha Esa)

Das letzte Prinzip „der All-Einen Göttlichen Herrschaft“ ist ein Neologismus und stellt eine prädikative Verwendung (ke-...-an) des Substantivs „Herr“ (Tuhan) dar, was die Anerkennung der All-Einen Göttlichen Herrschaft zum Prinzip erhebt (Definition: M. J. Schindehütte). Dieser Begriff beschreibt eine Art Zivilreligion, nach der im überwiegend muslimischen Indonesien jeder Staatsbürger einer der fünf großen Weltreligionen (Islam, Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus) angehören muss; Glaubensformen, die keine schriftlicher Überlieferung besitzen, oder nicht religiöse Vorstellungen werden nicht akzeptiert.

Auf Drängen der Muslime – der zahlenmäßig stärksten Fraktion innerhalb des Ausschusses – wurde die Reihenfolge der Prinzipien jedoch durch die sogenannte Jakarta Charter Piagam Jakarta vom 22. Juni 1945 geändert und die Rolle der Religion gestärkt, indem das ursprünglich fünfte Prinzip an erste Stelle rückte. Die weitergehende Forderung der Muslime, auch die Befolgung der Scharia für ihre Anhänger festzuschreiben, war in der Jakarta Charter zwar vorgesehen, wurde jedoch nicht in die Verfassung aufgenommen. Am 17. August 1945 erklärte die Republik Indonesien ihre Unabhängigkeit auf der Grundlage der Pancasila, die in die Präambel der Verfassung aufgenommen wurde:

  1. Das Prinzip der All-Einen Göttlichen Herrschaft (Ketuhanan Yang Maha Esa)
  2. Humanismus/Internationalismus(Kemanusian/Internationalisme)
  3. Nationale Einheit (Persatuan Indonesia)
  4. Demokratie (Permusyawaratan/perwakilan)
  5. Soziale Gerechtigkeit (Keadilan Sosial)

Das Staatswappen der Republik Indonesien zeigt die fünf Symbole der Pancasila vor dem mythischen Garuda-Adler:

  1. Stern (Das Prinzip der All-Einen göttlichen Herrschaft)
  2. Kette (Internationalismus)
  3. Banyan-Baum (Nationalismus)
  4. Banteng-Büffel (Demokratie)
  5. Baumwolle und Reis (Soziale Wohlfahrt)

Seit den Diktaturen von Sukarno und Suharto hat die Pancasila ihre „freiheitliche Dynamik“ verloren. Auf der Formulierung beruhend werden Religionen, die weder einen allmächtigen Gott kennen, noch eine heilige Schrift aufzuweisen haben, diskriminiert; hierunter fallen vor allem die zahlreichen ethnischen Religionen von Irian Jaya, Kalimantan u.a.

Literatur[Bearbeiten]

  • Masykuri Abdillah: Responses of Indonesian Muslim intellectuals to the concept of democracy (1966 - 1993). Hamburg 1997, ISBN 3-931567-18-4 (=Austronesia, 2).
  • Dieter Becker: Die Kirchen und der Pancasila-Staat : indonesische Christen zwischen Konsens und Konflikt. Verl. der Ev.-Luth. Mission, Erlangen 1996, ISBN 3-87214-331-X (=Missionswissenschaftliche Forschungen; N.F., 1).
  • Benyamin F Intan: Public Religion and the Pancasila-Based State of Indonesia. An Ethical and Sociological Analysis. Peter Lang Pub Inc, 2006, ISBN 0-8204-7603-X (Englisch).
  • Achmad Ch Manullang: Die Staatssoziologie der Pancasila. History, 1988, ISBN 3-89247-035-9.
  • Matti J Schindehütte: Zivilreligion als Verantwortung der Gesellschaft - Religion als politischer Faktor innerhalb der Entwicklung der Pancasila Indonesiens. Abera Verlag, Hamburg 2006, ISBN 3-934376-80-0.
  • Andreas Ufen: Die Verfassungsreformen in Indonesien. In: Verfassung und Recht in Übersee (VRÜ). 36. Jg., 2003, S. 206–227.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Colin Brown: A short history of Indonesia. The unlikely Nation?. 2 Auflage. Talisman, Singapur 2011, ISBN 9789810885076, S. 152.