Pariser Tageblatt

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Pariser Tageblatt war der Name einer der wichtigsten Exil-Zeitungen in deutscher Sprache, die vom 12. Dezember 1933 bis zum 14. Juni 1936 täglich in Paris erschien. In ihr schrieben viele vertriebene deutsche Schriftsteller, Journalisten und Politiker. So konnten sie aus Frankreich den Nationalsozialismus politisch bekämpfen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der russische Emigrant Wladimir Poljakow (1864–1938), Vater von Léon Poliakov, war im Zarenreich ein erfolgreicher Zeitungsverleger gewesen und gründete Ende 1933 das Pariser Tageblatt als Tageszeitung des deutschen Exils. Teilhaber und Mitfinanzier war zunächst Isaak Grodzenski, der polnische Herausgeber der Pariser jiddischen Zeitung Pariser Haynt oder Haint (auf Deutsch Paris Heute).[1]

Chefredakteur wurde Georg Bernhard, der bis 1930 die Vossische Zeitung geleitet hatte und von 1928 bis 1930 Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewesen war. Stellvertreter war Kurt Caro, ehemaliger Chefredakteur der Berliner Volks-Zeitung.

Die Zeitung erschien ab der ersten Ausgabe am 12. Dezember 1933 täglich im Umfang von vier Seiten, ab Januar 1934 sonntags mit einer zweiseitigen Beilage. Die Zeitung hatte einen festen Aufbau. Die erste Seite enthielt politische Kommentare, Leitartikel, Berichte aus Deutschland. Auf der zweiten Seite gab es eine Rubrik mit Pressestimmen des Auslands, die dritte Seite hatte Aktuelles aus Paris. Auf der vierten Seite war u.a. der Fortsetzungsroman und der Veranstaltungskalender „Heute in Paris“. Extra-Rubriken wechselten an den Wochentagen wie der freitägliche Filmüberblick, samstags die Sportvorschau, montags Musikkritiken und der „Blick ins Reich“. Die Sonntagsbeilage enthielt die Kolumnen „Theater und Film“ von Alfred Kerr, Kunst, Reise und literarische Beiträge.[2] Die Zeitung finanzierte sich über den Anzeigenteil, der bis zu eineinhalb Druckseiten beanspruchte, und wurde per Post in verschiedene europäische Länder vertrieben. Die Zeitung warb um Abonnements, sie kostete am Kiosk 50 Centimes und hatte eine Auflage von 14.000 Exemplaren.[3] Dennoch war die Zeitung stark defizitär und wurde vom Verleger subventioniert.[3] Der einzige gut bezahlte Journalist war der Chefredakteur Bernhard. Die anderen Mitarbeiter waren schlecht- oder unterbezahlt. Trotzdem arbeiteten sie mit, da sie sonst arbeitslos und ohne jedes Einkommen gewesen wären. Die Zeitung wurde auch ins Ausland vertrieben, was die deutsche Botschaft in Budapest Ende 1935 veranlasste, ein Verbot der Zeitung in Ungarn zu erwirken.[4]

Zu den festen Mitarbeitern gehörten der unter Pseudonym schreibende Salomon Grumbach[1] und Paul Westheim, Korrespondent in Prag war Kurt Grossmann, zu den ausländischen Mitarbeitern zählten Upton Sinclair und Wickham Steed. Weitere Mitarbeiter waren unter anderen Paul Bekker, Robert Breuer, Manfred George, Anna Geyer, Erich Gottgetreu, Gertrud Isolani, Berthold Jacob, Harry Kahn, Rudolf Leonhard, Heinrich Mann, Paul Marcus, Carl Misch, Rudolf Olden, Alexander Roda Roda, Joseph Roth, Joseph Wechsberg, Alfred Wolfenstein und Georg Wronkow.[5]

Als Fortsetzungsroman gedruckt wurden u.a. Klaus Manns Flucht in den Norden, Balder Oldens Roman eines Nazi, Joseph Roths Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde, Georges Simenons Der Mann aus London und Heil Kadlatz von Paul Westheim.

In die Erscheinungszeit fiel die Saarabstimmung, deren Ergebnis von den Emigranten mit Sorge gesehen wurde, und der Beginn der Volksfrontverhandlungen in Frankreich, über die nur spärlich berichtet wurde.

Die Gegensätze zwischen Verleger und Redaktion wurden unterschwellig verschärft durch die Vorurteile der deutschen Emigranten gegen die ostjüdischen Emigranten in Paris.[1] Als es 1936 zum Bruch zwischen Poljakow, der einen Ausweg aus der finanziellen Krise suchte, und Bernhard kam, gründete dieser gemeinsam mit den Redakteuren Fritz Wolff und Kurt Caro die Pariser Tageszeitung, während das Pariser Tageblatt nach der 913. Ausgabe am 14. Juni 1936 eingestellt wurde.

Bernhard, Wolff und Caro hatten die Auseinandersetzung mit dem Verleger Poljakow gesucht, um die Zeitung unter ihre Kontrolle zu bekommen, und beschuldigten Poljakow fälschlicherweise der Kollaboration mit den Nationalsozialisten. Viele Emigranten fielen auf diese Denunziation herein. Bernhard konnte führende Intellektuelle der Emigration und aus Frankreich gegen Poljakow mobilisieren. Das Komplott wurde erst von Iwan Heilbut aufgedeckt, dem Telegramme der Verschwörer zugespielt worden waren. Ein zionistisches Ehrengericht unter der Leitung von Wladimir Jabotinsky, ein von Emigranten eingesetzter Untersuchungsausschuss und ein französisches Gericht kamen zwar in der Folgezeit zu dem Ergebnis, dass die Beschuldigungen haltlos waren, doch da war Poljakow bereits ausgebootet und hatte seinen Versuch, die Zeitung weiter erscheinen zu lassen, aufgeben müssen. Die Affäre riss Gräben des Misstrauens unter den Emigranten auf. Lion Feuchtwanger verarbeitete die Affäre im Roman Exil, in dessen Vorwort er 1939 betonen musste, dass der Verleger meiner „Pariser Nachrichten“ nicht das leiseste zu tun hat mit dem verstorbenen russischen Emigranten Poljakow …,[6] um die verhängnisvollen Streitereien unter den Emigranten nicht zu schüren.[7] Victor Basch war einer der wenigen, die ihre vorschnelle Parteinahme gegen Poljakow öffentlich eingestanden und zurückzogen.[1] Die Verurteilung Bernhards im Juni 1937 durch ein französisches Strafgericht führte dazu, dass er sich von der Pariser Tageszeitung zurückziehen musste.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hélène Roussel; Lutz Winckler (Hrsg.): Rechts und links der Seine. Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung 1933–1940. Niemeyer, Tübingen 2002
  • Willi Jasper: Die Affäre Poliakov. Das Scheitern der liberalen Publizistik. In: Menora – Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte (7/1996), S. 117–132.
  • Hélène Roussel; Lutz Winckler (Hrsg.): Deutsche Exilpresse und Frankreich, 1933–1940. Lang, Bern 1992, ISBN 3-261-04491-8
  • Liselotte Maas: Handbuch der deutschen Exilpresse 1933–1945, Band 4. Die Zeitungen des deutschen Exils in Europa in Einzeldarstellungen. Hrsg. Eberhard Lämmert, München 1990, ISBN 3-446-13260-0, S. 155–180
  • Angela Huß-Michel: Literarische und politische Zeitschriften des Exils. 1933–1945. Metzler, Stuttgart 1987, ISBN 3-476-10238-6, S. 82–85
  • Walter F. Peterson: The Berlin liberal press in exile. A history of the Pariser Tageblatt – Pariser Tageszeitung. 1933–1940. Niemeyer, Tübingen 1987, ISBN 3-484-35018-0
  • Hanno Hardt, Elke Hilscher, Winfried B. Lerg (Hrsg.): Presse im Exil. Beiträge zur Kommunikationsgeschichte des deutschen Exils 1933–1945. Saur, München 1979, S. 129–135

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Léon Poliakov: Die Affäre „Pariser Tageblatt“. In: Hélène Roussel (Hrsg.): Deutsche Exilpresse und Frankreich, 1933–1940, S. 105–115
  2. Angela Huß-Michel: Literarische und politische Zeitschriften des Exils. 1933–1945, Metzler, Stuttgart 1987, S. 83
  3. a b Hanno Hardt, Elke Hilscher, Winfried B. Lerg (Hrsg.): Presse im Exil. Beiträge zur Kommunikationsgeschichte des deutschen Exils 1933–1945. Saur, München 1979, S. 129
  4. René Geoffroy: Ungarn als Zufluchtsort und Wirkungsstätte deutschsprachiger Emigranten (1933–1938/39). Frankfurt am Main : Lang 2001, S. 261
  5. Liselotte Maas: Handbuch der deutschen Exilpresse 1933–1945, Band 4. Die Zeitungen des deutschen Exils in Europa in Einzeldarstellungen. Hrsg. Eberhard Lämmert, München 1990, ISBN 3-446-13260-0, S. 155
  6. Lion Feuchtwanger: Vorwort zu Exil: Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-351-02208-5, S. 7
  7. Gisela Lüttig: Zu diesem Band. Exil: Roman. S. 773.