Pica-Syndrom

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Klassifikation nach ICD-10
F98 Andere Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
F98.3 Pica im Kindesalter
F50 Essstörungen
F50.8 Pica bei Erwachsenen
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Als Pica oder Pica-Syndrom – nach lat.: pica (Elster) – wird eine seltene Essstörung bezeichnet, bei der Menschen Dinge zu sich nehmen, die allgemein als ungenießbar oder auch ekelerregend angesehen werden. Die ebenfalls übliche Bezeichnung Pikazismus wurde früher für ungewöhnliche Essgelüste Schwangerer verwendet. Auch der Ausdruck Allotriophagie (von gr. allotrios ‚fremd‘ und phagein ‚essen‘) war eine Bezeichnung für dieses Syndrom.[1]

Vereinfacht könnte man sagen, dass es sich hierbei im Gegensatz zu Anorexie und Bulimie um keine „quantitative“, sondern um eine „qualitative“ Essstörung handelt.

Symptome und Beschwerden[Bearbeiten]

Es werden Dinge gegessen, die nicht primär dem menschlichen Verzehr dienen, wie etwa Erde, Asche, Kalk, Lehm, Sand, Steine, Papier, Farbschnipsel oder Pflanzenteile. Manchmal werden auch Dinge verzehrt, die im Allgemeinen als ekelerregend gelten, wie etwa Exkremente, Staub und Abfall.

Diagnosekriterien[Bearbeiten]

geborgener Mageninhalt

Das DSM-IV bezeichnet die Pica mit 307.52 als eine Essstörung, bei der keine Lebensmittel, sondern andere Dinge verzehrt werden, und verzichtet auf eine weitere Zuordnung, verlangt aber die Erfüllung folgender Kriterien:

  1. Substanzen ohne Nährwert werden für mindestens einen Monat zu sich genommen
  2. dies entspricht nicht einem altersgemäßen Entwicklungsstand (psychisch, geistig)
  3. das Essverhalten entspricht keiner kulturbedingten Norm
  4. wenn die Störung so schwerwiegend ist, dass sie eine besondere Beachtung erfordert (also auch bei gleichzeitig bestehenden anderen, in der Regel ursächlichen Störungen wie: Schizophrenie, kognitive Behinderung, extreme Verwahrlosung als Folge von Vernachlässigung und Misshandlung in der frühen Kindheit usw.)

Ausreichend schwerwiegend ist die Störung selbstverständlich, wenn die verzehrten Objekte zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Vergiftungen, Verletzungen oder mechanischen Beeinträchtigungen im Verdauungstrakt – wie einem Ileus (Darmverschluss) – führen oder es zu einer Unterernährung kommt.

Nicht um eine Pica handelt es sich, wenn beispielsweise spitze oder andere Gegenstände von Gefangenen alleine zum Zweck geschluckt werden, um eine Behandlung und damit alleine die Verlegung aus einer Strafvollzugsanstalt zu erzwingen. (Siehe dazu Selbstverletzung oder Suizid.)

Das Essen von Haaren (eine „Trichophagie“) wird vor allem bei einer Trichotillomanie beobachtet, die zu den Störungen der Impulskontrolle gezählt wird.

Ursachen[Bearbeiten]

Das Pica-Syndrom betrifft relativ häufig geistig behinderte Menschen, Demente, Autisten, Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen und Verwahrloste, die teilweise nicht wissen, was sie eigentlich zu sich nehmen.

Auch eine Mangelernährung kann im Extremfall zu einer Pica führen, zum Beispiel ein ausgeprägter Eisenmangel. Die Pica ist somit keine Erkrankung, die zweifelsfrei rein psychisch begründet ist, sondern kann auch somatische Ursachen haben.[2]

Folgen und Komplikationen[Bearbeiten]

Pikazismus kann schwerwiegende Folgen haben, zum Beispiel Verstopfung, Beschwerden des Verdauungstrakts (Ileus und andere Erkrankungen) und Vergiftungen durch giftige Pflanzen bzw. Pflanzenteile. Selbst der Verzehr von relativ „harmlosen“ Dingen wie Erde, Lehm oder Asche kann zu Infektionen führen. Lang anhaltender Pikazismus gilt als Fehlernährung und kann durch Unterernährung (etwa beim Erdeessen durch Bindung von Mineralstoffen) zu Eisenmangel und Vitaminmangel führen; dies ist besonders bei Schwangeren und Kindern schwerwiegend.

Behandlung[Bearbeiten]

Psychotherapeutische Maßnahmen können erwogen werden. Ansonsten ist eine entsprechende Beaufsichtigung, bei Gefahr für das eigene Leben eine Unterbringung, angezeigt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.zeno.org/Pierer-1857/A/Allotrioph%C4%83gie?hl=allotriophagie
  2. Eisenmangelanämie, Beschreibung der Symptomatik, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
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