Rudolf Kaufmann

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Stolperstein für Rudolf Kaufmann in Greifswald

Rudolf Kaufmann (* 3. April 1909 in Königsberg; † wahrscheinlich Sommer 1941[1][2]) war ein deutscher Geologe und Paläontologe.

Leben[Bearbeiten]

Kaufmann war ein Schwager von Curt Teichert. Er hatte in München, Königsberg und an der Universität Greifswald bei Serge von Bubnoff studiert und promoviert. Da er jüdische Vorfahren hatte, verließ er 1933 Deutschland und ging nach Kopenhagen. Da er keine Anstellung als Geologe fand, arbeitete er als Fotograf und erteilte Unterricht in Leichtathletik. Er konnte aber weder in Dänemark noch kurz darauf in Italien oder Danzig Fuß fassen und kehrte nach Deutschland zurück, wo er ab Oktober 1935 Lehrer an einer jüdischen Schule (Internat von Hermann Hirsch im Haus Hohe Straße 30 Coburg) war, bis er kurz darauf wegen „Rassenschande“ verhaftet wurde (er ließ sich wegen einer Geschlechtskrankheit behandeln, die er sich bei einer Prostituierten holte und wurde durch den behandelnden Arzt angezeigt).[3][4] 1936 verurteilte ihn das Landgericht Coburg deshalb zu drei Jahren Zuchthaus. Sein engagierter Verteider war Thomas Dehler.[5] Im Oktober 1939 wurde er nach Jahren harter Zwangsarbeit freigelassen und ging nach Kaunas in Litauen. Dort arbeitete er ab 1940 bei der geologischen Landesaufnahme, wurde aber 1941 (oder danach) von deutschen Soldaten erkannt (eine Verwandte eines der Soldaten war Hausangestellte bei den Kaufmanns in Königsberg gewesen), als er im Rahmen seiner geologischen Feldarbeit mit dem Rad übers Land fuhr und als Jude erschossen.[6]

Kaufmann ist für Untersuchungen über Trilobiten bekannt. Ihm gelang es in Schweden, in Alaunschiefern aus dem späten Kambrium (Profil Andrarum in Schonen, das schon Anton H. Westergård untersuchte), die dort lückenlos erhalten waren, an den dort enthaltenen Trilobitenfossilien der Gattung Olenus die einzelnen Schritte einer Artenbildung durch räumliche Trennung nachzuweisen (allopatrische Artbildung). Er führte seine Untersuchungen über kambrische Trilobiten auch in Bornholm fort.[7] Der Evolutionsforscher Niles Eldredge sah später in Kaufmann einen Vorläufer des Punktualismus. Kaufmanns Beobachtungen in den Andrarum Profilen wurden später von Euan Clarkson bestätigt.

Er befasste sich auch mit Quartärgeologie, wobei er statistische Analyse von Leitgeschieben für die stratigraphische Einordnung in Litauen benutzte und Jurageschiebe in Ostpreußen untersuchte,[8] und befasste sich mit der Strukturgeologie von Granit, bei seinen Arbeiten über die Tektonik von Bornholm.[9] Er veröffentlichte auch über die regionale Geologie Schwedens.[10]

Ehrungen[Bearbeiten]

Stolpersteine in Coburg vor dem Haus Hohe Straße 30 und in Greifswald vor dem Pharmakologischen Institut der Universität in der Friedrich-Löffler-Straße 23d erinnern an Rudolf Kaufmann. Der 2008 in Greifswald verlegte Gedenkstein wurde am Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 2012 zusammen mit 10 weiteren Stolpersteinen von Unbekannten aus dem Straßenpflaster gebrochen und gestohlen, aber am 23. Mai 2013 neu verlegt.

Postum wurde Kaufmann 2012 Ehrenmitglied der Paläontologischen Gesellschaft.

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Kaemmel: Der Bubnoff-Schüler Rudolf Kaufmann (1909-1941?). Eine notwendige Erinnerung, Z. geol. Wiss., Berlin, Band 37, 2009, S. 373
  • Antoni Hoffmann, Wolf-Ernst Reif: Rudolf Kaufmanns work on iterative evolution in the upper cambrian trilobite Genus Olenus: a reappraisal, Paläontologische Zeitschrift, Band 68, 1994, S. 71
  • Richard Fortey: Trilobites !, Flamingo, 2000, S. 159ff
  • Reinhard Kaiser: Königskinder, Fischer Taschenbuch 1998 (behandelt die Beziehung von Rudolf Kaufmann mit seiner schwedischen Freundin Ingeborg Magnusson)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nachruf Dansk Geolog. For. 1946.
  2. http://www.stadtgeschichte-coburg.de/desktopdefault.aspx/tabid-4/3_read-742/
  3. Zu seiner Zeit als Lehrer in Coburg
  4. Weitere Einzelheiten kamen 1991 durch Reinhard Kaiser den aufgefundenen Briefwechsel von Kaufmann mit seiner schwedischen Freundin, die er in Bologna 1935 kennenlernte, ans Licht. Siehe Fortey Trilobites, 2000 oder Reinhard Kaiser Königskinder, Fischer TB, 1998
  5. Carl-Christian Dressel: Anmerkungen zur Justiz in Coburg von der Errichtung des Landgerichts Coburg bis zur Entnazifizierung. In:Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 1997, ISSN 0084-8808, S. 60
  6. Hubert Fromm Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal. Herausgegeben vom Evangelischen Bildungswerk Coburg und der Initiative Stadtmuseum Coburg. Neustadt bei Coburg. Patzschke 2001.
  7. Kaufmann Variationsstatistische Untersuchungen über die Artabwandlung und Artumbildung an der oberkambrischen Trilobitengattung Olenus, Abh. Paläont. Geolog. Institut Universität Greifswald, Heft 10, 1933, S. 1-54, Kaufmann Die Einstufung der Olenus Arten von Bornholm, Paläontologische Zeitschrift, Band 15, 1933, S. 57-63. Kaufmann Exakt nachgewiesene Stammesgeschichte, Naturwissenschaften, Band 22, 1933, S. 803-807. Kaufmann Exakt statistische Biostratigraphie der Olenus Arten von Südöland, Geol. Fören. Stockholm Förhandl., 1935, S. 19-28.
  8. Über Jurageschiebe in Ostpreußen, Zeitschrift für Geschiebeforschung, Band 8 1932, S. 73-75.
  9. Kaufmann Zur Tektonik des Grundgebirges von Bornholm, Geologische Rundschau, Band 24, 1935, S. 379-389.
  10. Kaufmann Die Klufttektonik des Kambrosilurs von Gotland, Oeland und dem Kalmargebiet, Geologische Rundschau, Band 21, 1931, S. 292-306.