Rassenschande

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Wilhelm Stuckart, Hans Globke: Kommentar zum Blutschutzgesetz (1936)
Blutschutzgesetz v.15.9.1935 - RGBl I 1146gesamt.jpg
Reichsgesetzblatt Nr. 100, ausgegeben am 16. September 1935: „Reichsbürgergesetz“ und „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“

Rassenschande (auch Blutschande) war im nationalsozialistischen Deutschen Reich ein verbreiteter Propagandabegriff, mit dem sexuelle Beziehungen zwischen Juden – nach der Definition der NS-Rassegesetze – und Staatsangehörigen „deutschen oder artverwandten Blutes“ verunglimpft wurden. Ehen zwischen Juden und „Deutschblütigen" wurden als Rassenverrat bezeichnet. 1935 wurden Eheschließungen und sexuelle Kontakte dieser Art verboten und mit Haftstrafen bedroht.

Eine wenig später erlassene Verordnung weitete das Eheverbot auf andere Gruppen aus: Es sollten grundsätzlich alle Ehen unterbleiben, die die „Reinerhaltung des deutschen Blutes“ gefährdeten. Ein Rundschreiben zählte dazu „Zigeuner, Neger und ihre Bastarde“ auf.[1]

Geschlechtsverkehr zwischen Angehörigen verschiedener „Rassen“ wurde zeitweilig auch in anderen Ländern unter Strafandrohung gestellt.[2]

Ideologiegeschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten]

Die Begriffe „Rassen-“ und „Blutschande“ waren bereits populäre Topoi in der völkischen Bewegung, die diese im Rahmen der eugenischen Rassentheorien diskutierte und propagierte. So ermahnte der geschäftsführende Bundesvorsitzende des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, Gertzlaff von Hertzberg, auf dem Deutschen Tag in Weimar im Oktober 1920 die Deutschen, keine Rassenschande zu begehen.[3] In einer von der Ortsgruppe Meißen des Schutz- und Trutzbundes herausgegebenen Broschüre mit dem Titel Eine unbewußte Blutschande – der Untergang Deutschlands. Naturgesetze über die Rassenlehre aus dem Jahr 1921 hieß es:

„Mischung der Rassen und Arten ist Sünde wider das Blut und führt zum Verderben. Blutschande hat die Völker der Erde vernichtet.“[4]

Der Führer der deutschvölkischen Freiheitspartei und zeitweiliger NSDAP-Landesleiter von Thüringen, Artur Dinter, nahm 1924 mit seiner Forderung wesentliche Inhalte der Nürnberger Gesetze vorweg:

„Das deutsche Volk muß gegen jüdische Schändung und Bastardisierung geschützt werden. Ehen zwischen Deutschen und Juden sind gesetzlich zu verbieten. Ein Jude, der ein deutsches Mädchen oder eine deutsche Frau verführt [...], wird mit Zuchthaus bestraft.“[5]

Prominenz hatten die Begriffe auch während der völkischen Agitation gegen die alliierte Rheinlandbesetzung nach Ende des Ersten Weltkriegs. Da hierbei auch französische Soldaten afrikanischer Herkunft zum Einsatz kamen, wurde von völkischer Seite eine regelrechte Propagandakampagne gegen die sogenannte „Schwarze Schmach“ geführt, worin die Kolonialsoldaten als brutale Wilde dargestellt wurden, die durch sexuelle Übergriffe auf deutsche Mädchen und Frauen das „deutsche Blut“ besudeln würden (vgl. „Rheinlandbastard“).[6] In den Deutschvölkischen Blätter des Schutz- und Trutzbundes hieß es zu diesem Thema unter anderem:

„Was sagt die Welt zu den sich immer mehr häufenden Verbrechen der wilden Bestien an wehrlosen deutschen Frauen und Kindern? Wissen die weißen Völker der Welt darum? Es muß bezweifelt werden, denn man kann nicht glauben, daß sie alle gar kein Gefühl für die Rassenschande haben, die uns und damit auch ihnen als weißen Völkern angetan wird.“[7]

Gesetze und Verordnungen[Bearbeiten]

Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 15. September 1935 (RGBl. I S. 1146; auch kurz „Blutschutzgesetz“ genannt) ist eines der beiden Nürnberger Rassengesetze. Das Gesetz wurde in großer Hast formuliert und kam für die Öffentlichkeit überraschend.

In antisemitischen Kreisen war der Grundgedanke aber nicht neu und lässt sich weit vor das Jahr 1933 zurückverfolgen. Nach der „Machtergreifung“ wurden „Rasseschänder“ öffentlich angeprangert; es kam in Einzelfällen zu Übergriffen der SA und zu Verschleppungen in „Schutzhaft“. Vorschläge und Gesetzentwürfe „zur Regelung der Stellung der Juden“, wie ihn zum Beispiel Rudolf Heß am 6. April 1933 an Julius Streicher schickte, nahmen schon Bestimmungen des späteren „Blutschutzgesetzes“ vorweg und enthielten teils schärfere Bestimmungen als die Nürnberger Gesetze.[8]

Bildtafel zum „Blutschutzgesetz“ (1935)

Das Blutschutzgesetz verbot Eheschließungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“. Die „Erste Verordnung des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 14. November 1935[9] präzisierte, dass auch die Eheschließung zwischen Juden und „jüdischen Mischlingen zweiten Grades“ mit nur einem jüdischen Großelternteil untersagt sei, da diese den „Deutschblütigen“ zugerechnet werden sollten. „Jüdische Mischlinge ersten Grades“, die von zwei jüdischen Großeltern abstammten, durften „Deutschblütige“ oder „jüdische Mischlinge zweiten Grades“ nur mit besonderer Genehmigung heiraten. Für die Entscheidung waren die „körperlichen, seelischen und charakterlichen Eigenschaften des Antragstellers, die Dauer der Ansässigkeit seiner Familie in Deutschland, seine oder seines Vaters Teilnahme am Weltkrieg und seine sonstige Familiengeschichte“ zu beurteilen. Eine Ehe zwischen zwei Vierteljuden „soll nicht geschlossen werden.“

Die im Rahmen des Gesetzes für illegal erklärten Eheschließungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“, welche unter Umgehung des Verbots im Ausland geschlossen wurden, konnten für nichtig erklärt werden und waren für die Beteiligten mit Zuchthausstrafe bedroht. Für den außerehelichen Geschlechtsverkehr lautete die Strafbestimmung im § 5(2): „Der Mann […] wird mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft.“ Die Bestimmung, dass nur der Mann einer Bestrafung unterliegt, soll auf eine Anweisung Hitlers eingefügt worden sein. Im maßgeblichen Kommentar des Gesetzes wird als Begründung angeführt, dass zur Überführung die Zeugenaussage der Frau erforderlich sei und dieser bei Straffreistellung kein Zeugnisverweigerungsrecht mehr zustehe.

Die Strafrahmen des Gesetzes waren ungenau und weit gefasst. Die Formulierung eröffnete Richtern gewollt die Möglichkeit, Juden strenger zu bestrafen als die „deutschblütigen“ Männer ("Gummiparagraph"). Mildernde oder erschwerende Tatbestände waren in diesem Gesetz nicht definiert und die Strafhöhe reichte von einem Tag Gefängnis bis zu Zuchthausstrafe von 15 Jahren. In der antisemitischen Zeitung Der Stürmer wurde weiterhin sogar die Todesstrafe gefordert.

Strafurteile[Bearbeiten]

Zwischen 1935 und 1943 wurden 2.211 Männer wegen „Rassenschande“ verurteilt.[10] Die Anzahl der eingeleiteten Ermittlungsverfahren war erheblich höher;[11] meist löste eine Denunziation die Ermittlungen aus. Eine regionale Auswertung der Urteile erweist, dass jüdische Männer deutlich höhere Strafen erhielten als „Deutschblütige“. Bei einem Drittel der Urteile gegen Juden wurden Zuchthausstrafen zwischen zwei und vier Jahren verhängt; annähernd ein Viertel der Abgeurteilten wurde noch strenger bestraft. Eine Höchststrafe von 15 Jahren wurde nur selten ausgesprochen.

Eine bereits 1936 erfolgte ausufernde Interpretation des Reichsgerichts zum Begriff „außerehelicher Verkehr“ stellte auch „solche Betätigungen“ unter das Gesetz, „durch die der eine Teil seinen Geschlechtstrieb auf einem anderen Wege als durch Vollziehung des Beischlafs vollziehen will.“ Diese Auslegung machte es möglich, sogar Zärtlichkeiten und Küsse als Rassenschande zu bestrafen.[12] Im berüchtigten Todesurteil gegen Leo Katzenberger zogen die Richter dann noch die „Verordnung gegen Volksschädlinge“ heran, weil die angebliche Tat im Schutze der Verdunklung stattgefunden habe. Es sind fünf weitere Fälle aus den Jahren 1941 bis 1943 bekannt, in denen Richter die eigentlich im Blutschutzgesetz nicht vorgesehene Todesstrafe verhängten, indem sie verschärfende Bestimmungen gegen „Verdunklungsverbrecher“ oder „gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ (wie im Fall Werner Holländer) heranzogen.

Obwohl dem Gesetz nach die Frau straflos gestellt war, konnte sie wegen Begünstigung oder Meineides bestraft werden, wenn sie ihren Partner zu schützen versuchte. Häufig wurde die Frau bis zum Abschluss der Verfahrens in Schutzhaft genommen, teils unter dem Vorwand, damit eine Wiederholungsgefahr ausschließen zu müssen. Dadurch wurde die Bestimmung des Gesetzes unterlaufen, bis Hitler selbst eingriff und am 16. Februar 1940 eine Ergänzungsverordnung erlassen wurde, nach der die Frauen wegen des Vorwurfs der Begünstigung ausdrücklich straffrei bleiben sollten. Davon unberührt blieb die Strafdrohung bei Meineid und Beihilfe. Die Gestapo war ab Mitte 1937 dazu übergegangen, ihr zu milde erscheinende Gerichtsurteile zu korrigieren und die „jüdischen Rasseschänder“ in Haft zu nehmen. Auch einige jüdische Frauen wurden ab 1937 nach Abschluss eines Verfahrens offenbar in ein Konzentrationslager eingewiesen,[13] wo es für diesen Personenkreis ein eigenes Kennzeichen gab.

Das Blutschutzgesetz trug maßgeblich zur wachsenden sozialen Isolierung der jüdischen Deutschen bei. Es legte damit ein Fundament für die spätere Verfolgung und Massenvernichtung im Holocaust.

Siehe auch[Bearbeiten]

Belegstellen[Bearbeiten]

  1. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und Die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933 - 1939. München 2000, ISBN 3-406-43506-8, S. 170.
  2. en:Anti-miscegenation laws
  3. Walter Jung: Ideologische Voraussetzungen, Inhalte und Ziele außenpolitischer Programmatik und Propaganda in der deutschvölkischen Bewegung der Anfangsjahre der Weimarer Republik: das Beispiel Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund (PDF; 5,4 MB). Universität Göttingen 2001, S. 70f.
  4. Zitiert nach Jung 2001, S. S. 65.
  5. Zitiert nach Cornelia Essner: Die Alchemie des Rassenbegriffs und die ‚Nürnberger Gesetze’. S. 201 in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 4(1995), Frankfurt/M, ISBN 3-593-35282-6
  6. Iris Wigger: „Schwarze Schmach“, in: Historisches Lexikon Bayerns.
  7. Deutschvölkische Blätter Nummer 21 vom 26. Mai 1921, S. 82, zitiert nach Jung 2001, S. 141.
  8. Wolf Gruner (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Bd. 1., Deutsches Reich 1933–1937. München 2008, ISBN 978-3-486-58480-6, Dok. 27, S. 123–129.
  9. 1. VO des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre (1935, RGBl I, 1334f)
  10. Alexandra Przyrembel: "Rassenschande". Reinheitsmythos und Vernichtungslegitimation im Nationalsozialismus. Göttingen 2003, ISBN 3-525-35188-7, S. 499.
  11. Nach A. Przyrembel: "Rassenschande"... ISBN 3-525-35188-7, S. 499, gab es in Berlin 5.152 Ermittlungsverfahren, die zu 694 Strafverfahren führten.
  12. hierzu Ingo Müller: Furchtbare Juristen... München 1987, S. 107f.
  13. A. Przyrembel: "Rassenschande"... ISBN 3-525-35188-7, S. 507 führt für Düsseldorf 7 Fälle Schutzhaft und 2 Fälle KZ an.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Cornelia Essner: Die "Nürnberger Gesetze" oder die Verwaltung des Rassenwahns 1933 - 1945. Schöningh, Paderborn 2002, ISBN 3-506-72260-3. (grundlegende wissenschaftliche Untersuchung)
  •  Irene Eckler (Hrsg.): A family torn apart by "Rassenschande". political persecution in the Third Reich ; documents and reports from Hamburg in German and English. Überarb. und erg., zweisprachige Auflage. Horneburg, Schwetzingen 1998 (Originaltitel: Die Vormundschaftsakte 1935 - 1958), ISBN 3-9804993-1-6.
  •  Jörg Friedrich: Freispruch für die Nazi-Justiz. Die Urteile gegen NS-Richter seit 1948. Eine Dokumentation. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1983, ISBN 3-499-15348-3, S. 261-321.
  •  Lothar Gruchmann: „Blutschutzgesetz“ und Justiz. Zur Entstehung und Auswirkung des Nürnberger Gesetzes vom 15. September 1935. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 31, Nr. 3, 1983, S. 418-442 (PDF).
  •  Gerhard Henschel: Neidgeschrei. Antisemitismus und Sexualität. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, ISBN 978-3-455-09497-8. (auch: historische Herleitung der Globke-Gesetze)
  •  Ingo Müller: Furchtbare Juristen. Die unbewältigte Vergangenheit unserer Justiz. Kindler, München 1987, ISBN 3-463-40038-3, S. 105–123.
  •  Alexandra Przyrembel: "Rassenschande". Reinheitsmythos und Vernichtungslegitimation im Nationalsozialismus. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-35188-7.
  •  Hans Robinsohn: Justiz als politische Verfolgung. Die Rechtsprechung in Rasseschandefällen beim Landgericht Hamburg 1936–1943. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1977, ISBN 3-421-01817-0.
  •  Franco Ruault: "Neuschöpfer des deutschen Volkes". Julius Streicher im Kampf gegen "Rassenschande". Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-54499-5.
  •  "Von Gewohnheitsverbrechern, Volksschädlingen und Asozialen ...". Hamburger Justizurteile im Nationalsozialismus / Justizbehörde Hamburg (Hg.). 1. Auflage. Ergebnisse, Hamburg 1995, ISBN 3-87916-023-6, S. 105 ff. (Zahlenangaben, Daten, Zitat Reichsgericht)
  •  Irene Eckler (Hrsg.): Die Vormundschaftsakte 1935 - 1958. Verfolgung einer Familie wegen "Rassenschande" ; Dokumente und Berichte aus Hamburg. Horneburg, Schwetzingen 1996, ISBN 3-9804993-0-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Rassenschande – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen