Selbstverwirklichung

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Selbstverwirklichung bedeutet in der Alltagssprache die möglichst weitgehende Realisierung der eigenen Ziele, Sehnsüchte und Wünsche mit dem übergeordneten Ziel, „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ (Oscar Wilde), sowie – damit verbunden – die möglichst umfassende Ausschöpfung der individuell gegebenen Möglichkeiten und Talente. Der Begriff hat für seine konservativen Kritiker einen negativen Beiklang von Egoismus (Christian Erle) und mangelndem Familiensinn. Andererseits wird in der Maslowschen Bedürfnispyramide Selbstverwirklichung gerade mit Altruismus in Verbindung gebracht. Auch der Humanismus, der als erste Philosophie der Selbstverwirklichung des Menschen betrachtet werden kann, legt eher diese Verbindung nahe. Ein Philosoph, der für die völlige und grenzenlose Selbstverwirklichung des Individuums eintrat (ohne den Begriff zu gebrauchen) war Max Stirner.

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Der Neurologe Kurt Goldstein befasste sich 1934 in seinem Hauptwerk Der Aufbau des Organismus ebenfalls ausführlich mit dem Konzept der Selbstverwirklichung. Er stellt fest, dass der Organismus bestrebt sei, eine bestimmte Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt aufrechtzuerhalten, in der er sich seinem Wesen gemäß am adäquatesten verwirklichen kann.[1] Diese Tendenz zur Verwirklichung seines Wesens nennt er später Selbstverwirklichung.[2] Unter „Wesen“ versteht Goldstein die dem Organismus zugehörigen Eigentümlichkeiten seiner Individualität und die „Aufrechterhaltung der relativen Konstanz des Organismus“.[3]

In der Psychologie hat Abraham Maslow den Begriff prominent gemacht. Innerhalb einer Hierarchie der Bedürfnisse setzte er ihn an die oberste Stelle bzw. die letzte Stelle in der Reihung Körper/Sicherheit/Liebe/Anerkennung/Selbstverwirklichung.

In der Psychoanalyse zeigte Carl Gustav Jung, dass der Mensch in der zweiten Lebenshälfte um die Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile bemüht ist.

Nach Marx sollte die Selbstverwirklichung vor allem durch die menschliche Arbeit geschehen. Er unterschied dabei die Selbstverwirklichung als Gattung in der Natur und die Selbstverwirklichung als Individuum in der Gesellschaft.

Rogers sieht Selbstverwirklichung als grundlegendes Motiv menschlichen Handelns und gebraucht den Begriff Aktualisierungstendenz für sein spezifisches Konzept.

In Philosophie, Religion und Wissenschaft gibt es viele weitere Auffassungen, was Selbstverwirklichung, meist ohne den Ausdruck explizit zu verwenden, ausmache. Sie ergeben sich aus dem Menschenbild, das zugrundegelegt oder entwickelt wird, und der daraus entwickelten Theorie oder Lehre vom Selbst oder dem Selbstkonzept. Oft wird Individualismus als Voraussetzung für Selbstverwirklichung angesehen, wobei aber die Selbstverwirklichung letztlich nur gemeinsam mit anderen Menschen gelinge, insofern der Mensch ein soziales Wesen sei und eine soziale Identität habe, die der Bestätigung und Anerkennung durch die Mitmenschen bedürfe. Max Stirner steht für eine Auffassung von Selbstverwirklichung, die solcher Anerkennung nicht bedarf, ebenso etwa der Existenzialismus Sartres. Die Zuwendung zu den Mitmenschen gründet nach solcher Ansicht dann nicht in einem Bedürfnis des Menschen als sozialem Wesen, sondern geschieht aus Freiheit (Verantwortung, Liebe, Gestaltung des „guten“ Lebens etc.). Religiöse Lehren erachten die Verbindung mit einem Göttlichen als notwendig für Selbstverwirklichung, die ansonsten misslinge.

Oftmals wird der Generation von 1968 ihr Streben nach Selbstverwirklichung vorgeworfen. Für viele Jugendliche stellt die Selbstverwirklichung jedoch weiterhin ein Ideal dar. Außerdem gibt es aktuelle Strömungen innerhalb der kommunistischen Bewegung, die in der Selbstverwirklichung eines jeden das Ziel einer zukünftigen Gesellschaft sehen.

Nach Johan Galtung wird Gewalt über Selbstverwirklichung definiert: Gewalt liege dann vor, wenn die aktuelle Selbstverwirklichung geringer sei, als sie aufgrund der gesellschaftlichen Ressourcen sein könnte.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • August Flammer: Entwicklungstheorien. Huber-Verlag, Bern 2003.
  • Frank Goble: Die Dritte Kraft. A.H. Maslows Beitrag zu einer Psychologie seelischer Gesundheit. Olten 1979.
  • Jolande Jacobi: Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978
  • Julius Kuhl, Andreas Luckner: Freies Selbstsein. Authentizität und Regression. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007
  • Erich Fromm: Das Menschenbild bei Marx. Mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx. Frankfurt am Main 1975
  • Oscar Wilde: Der Sozialismus und die Seele des Menschen (The Soul of Man under Socialism). 1891
  • Ludvik Pocivavsek: Selbstverwirklichung: Eine Analyse aus psychologischer und ethischer Sicht. Lang, Frankfurt am Main 2002
U. a. Analyse der Auffassungen der wichtigsten Theoretiker der Selbstverwirklichung (Alexander Pfänder, Martin Buber, Kurt Goldstein, Ludwig Binswanger, Victor Emil von Gebsattel, Viktor von Weizsäcker, Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Karen Horney, Viktor E. Frankl, Charlotte Bühler, Gordon W. Allport, Erich Fromm, Abraham H. Maslow, Carl R. Rogers)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kurt Goldstein: Der Aufbau des Organismus. Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen. Nijhoff, Den Haag 1934 (fotomechanischer Nachdruck: Nijhoff, Den Haag 1963), S. 235
  2. Kurt Goldstein: Selected Papers / Ausgewählte Schriften. The Hague 1971, S. 420
  3. Kurt Goldstein: Der Aufbau des Organismus. Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen. Nijhoff, Den Haag 1934 (fotomechanischer Nachdruck: Nijhoff), Den Haag 1963, S. 220.