Sewerny Westnik

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Sewerny Westnik (russisch Северный Вестник, deutsch Nördlicher Bote oder auch Nordischer Bote) war eine russische Monatszeitschrift, die von September 1885 bis 1898 in Sankt Petersburg erschien. Im Untertitel führte sie die Bezeichnung „Zeitschrift für Literatur, Politik und Gesellschaft“.[1] Viele Werke bekannter russischer Autoren, die sich auch immer als Journalist verstanden, wie beispielsweise Leo Tolstoi, Alexander Puschkin, Fjodor Dostojewski oder Anton Tschechow[2] wurden hier, zumindest in Teilen, erstveröffentlicht. Dem Nördlichen Boten gereicht es als ein Verdienst, die russische Moderne in Vermittlung und im Austausch mit zentraleuropäischer Literatur und Kunst aktiviert zu haben, indem sie viele zeitgenössische Dichter mitteleuropäischer Provenienz in russischer Übersetzung veröffentlichte.

Sein Name leitet sich von dem russischen kulturellen Selbstverständnis ab, dass das traditionell westlich orientierte Sankt Petersburg bezogen auf Russland als weit nördlich gelegen empfunden wird.

Geschichte[Bearbeiten]

Sewerny Westnik trat die Nachfolge von dem Heft Otetschestwennye Sapiski (Vaterländische Annalen) an, das 1884 aus politischen Gründen geschlossen und deren Redaktionsteam nahezu vollständig übernommen worden war. Parallel dazu war 1880 bereits Русская мысль („Russischer Gedanke“) auf den Markt gekommen, das einen ähnlich liberalen Ansatz wie Sěvernyj Vestnik verfolgte. Zwei weitere Blätter, Вестник Европы („Europas Bote“) und Русское богатство („Russischer Wohlstand“) aus ebendieser Zeit überdauerten sogar noch die Jahrhundertwende.[3]

Die Leitung hatten zunächst Anna Sabašnikova und Ljudmila Gurevič. In ihrer Erstausgabe titulierten die beiden Frauen die Ziele der Zeitschrift als „volksnah und den untersten Schichten der russischen Bevölkerung verpflichtet“. Ab Januar 1891 übernahmen Ljubowj Gurewitsch und Akim L. Wolynskij[Anmerkung 1][4] die Leitung des Heftes. Es wurde jetzt federführend für neuste westeuropäische Philosophie sowie das Œuvre russischer Symbolisten.[5][1] 1898 wurde das Projekt vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen seit zwei Jahren verschärften Zensurbedingungen aufgegeben. Die Anzahl der Abonnenten, die 1895 noch bei weit über 4000 gelegen hatte, brach zuletzt ein, weil durch die Übernahme eines anderen Blattes die Auslieferung nicht mehr zeitnah erfolgen konnte.

In Nachfolge erschien ab 1899 Mir Iskusstwa (Welt der Kunst), die in der vorletzten Ausgabe des Nördlichen Boten mit einer umfangreichen Rezension gewürdigt wurde und deren Herausgeber Akim Wolynskij wurde.

Vollständige Exemplare außerhalb Russlands sind heute Mangelware. Selbst die Finnische Nationalbibliothek, die in der Zarenzeit das Recht auf Pflichtexemplare erhalten hatte, überbrückt Lücken mit Mikrofilm. Einigermaßen vollständig ist die Sammlung in der Bibliothek des Slavischen Institutes der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Neun der vierzehn Jahrgänge sind dort vollständig erhalten.

Aufbau[Bearbeiten]

Der Umfang einer jeden Ausgabe betrug 500 Seiten und mehr pro Band; die Ausgaben waren nicht illustriert.

Jede Ausgabe des Sěvernyj Vestnik gliedert sich in zwei Abteilungen. Im ersten Teil finden sich Romane in Fortsetzung, dazu Erzählungen, Theaterstücke, Gedichte, Essays, philosophische Abhandlungen, Kulturberichte, Nachrufe, etc. Im Teil II fand der Leser zum Teil umfangreiche Beträge mit russisch-regionalem Bezug: so zum Beispiel über den Kapitalismus im Dorfe, die Anfänge der Industrialisierung im Kohlebergbau und der Erdölgewinnung oder die Situation der Frau im Osten des Reiches.

Zu den besonderen Meriten des Heftes gehört die erstmals in Russland herausgegebene Wiedergabe der Schriften von Søren Kierkegaard sowie von und über Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche sowie viele Buchbesprechungen der Werke von Henrik Ibsen, August Strindberg, Charles Baudelaire, Guy de Maupassant, Edgar Allan Poe und nicht zuletzt Gerhart Hauptmann. Aus Polen erschienen die sehr beliebten Werke von Henryk Sienkiewicz sowie von Stefan Żeromski und Bolesław Prus. Um dem selbstgesteckten allumfassenden Anspruch gerecht zu werden, gehörte auch Trivialliteratur zum regelmäßigen Thema. In der Bewertung der Zeitschrift wird ihr eklektizistische Kraft zugesprochen.

Literatur[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Pseudonym des bekannten Literatur-, Ballett- und Theaterkritikers Chaim Flekser (1863–1926)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Friedrich Fiedler, Konstantin Azadovskiĭ: Aus der Literatenwelt, Wallstein Verlag 1996; S. 574
  2. Kommentierte Geschichte zur Erstveröffentlichung von Tschechows „Die Steppe“ in Sěvernyj Vestnik 1888, № 3, S. 75-167
  3. Beschreibung der Veröffentlichungen Tschechows (russ.)
  4. Philosophische Fakultät Bonn
  5. Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts. In: Projekt Gutenberg-DE.