Slawenaufstand von 983

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Der Slawenaufstand von 983 war eine Erhebung der Elb- und Ostseeslawen gegen die Christianisierung und die Eingliederung in den Machtbereich der römisch-deutschen Kaiser. Federführend an der Erhebung war der Liutizenbund, dessen Stämme im Wesentlichen im Osten des heutigen Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt waren.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Trotz der Kriegszüge Heinrichs I. und Ottos I. hatten die Bemühungen um eine Christianisierung der Elb- und Ostseeslawen, soweit überhaupt vorhanden, nur mäßigen Erfolg. Zuletzt hatte Otto I. am 16. Oktober 955 in der Schlacht an der Raxa eine antisächsische Koalition aus Abodriten,[1] Tollensanen, Zirzipanen und Redariern besiegt,[2] die jedoch für die unterlegenen Stämme politisch folgenlos blieb und eher Züge eines traditionellen sächsischen Rachefeldzuges oder Vergeltungsschlages trug und kein zu einer Unterwerfung der slawischen Stämme oder gar einer Eroberung ihres Territoriums geeignetes Unternehmen darstellte.[3] Eine Christianisierung war mit dem Feldzug nicht beabsichtigt. Um die christliche Mission voranzutreiben, stiftete Otto I. im Jahr 948 zunächst die Bistümer Havelberg und Brandenburg, die zusammen mit den Bistümern Zeitz, Merseburg und Meißen 968 dem neu geschaffenen Erzbistums Magdeburg unterstellt wurden. Damit war eine feste Eingliederung der slawischen Gebiete in den Reichs- und Kirchenverband beabsichtigt.[4] Auf dem Gebiet des Abodritenreiches hatte der Schleswiger Bischof Marco auf Anweisung des Hamburg-Bremer Erzbischofs Adaldag bereits erfolgreich mit der Slawenmission begonnen. Für das Abodritengebiet wurde deshalb zwischen 968 und 972 als Hamburg-Bremer Suffraganbistum das Bistum Oldenburg eingerichtet.

Verlauf des Aufstands[Bearbeiten]

Während im Reich um die Nachfolge des Erzbischofs Adalbert von Magdeburg und des Kaisers Ottos II. gestritten wurde, erhoben sich im Sommer 983 slawische Verbände unter der Führung der Liutizen und vertrieben die kirchlichen und politischen Vertreter des Reiches. Der Aufstand soll im liutizischen Hauptheiligtum Rethra geplant und vorbereitet worden sein.[5] Am 29. Juni überfielen liutizische Heerhaufen überraschend Havelberg und zerstörten den dortigen Bischofssitz. Drei Tage später nahmen sie Brandenburg ein. Auch hier war das Hauptangriffsziel die christliche Mission. Während Bischof Volkmar und die Besatzung entkommen konnten, wurde die Geistlichkeit gefangengenommen und der Kirchenschatz geplündert. Alle Ortschaften bis zur Tanger wurden von den Aufständischen verwüstet. Ein in Eile aufgestelltes sächsisches Aufgebot, angeführt durch Erzbischof Giselher von Magdeburg, Bischof Hildeward von Halberstadt und Markgraf Thiedrich konnte die Slawen in einem Zusammenstoß Ende Juli oder Anfang August im Balsamerland hinter die Elbe zurückdrängen.[6]

Die Lausitz und die sorbischen Marken hatten sich nicht am Aufstand beteiligt. Ob sich auch die Abodriten bereits 983 den Liutizen angeschlossen hatten, ist in der Forschung umstritten. Nach älterer Lesart der Quellen sollen sie während des Aufstandes Hamburg überfallen und ein Laurentiuskloster geplündert haben, das (ebenfalls nicht unumstritten) in Kalbe an der Milde lokalisiert wird. Die Datierung dieser Ereignisse ist jedoch unsicher. Die Abodriten haben sich zwar in den folgenden Jahrzehnten der Aufstandsbewegung angeschlossen und ebenfalls vom Christentum abgewandt. Der Überfall auf Hamburg hat sich aber möglicherweise erst nach der Jahrtausendwende zugetragen. Nach neuerer Auffassung ist er eher in die Jahre 1012/1018 anzusiedeln.[7]

Folgen[Bearbeiten]

Ab 985 unternahmen die Reichsfürsten gemeinsam mit den polnischen Fürsten Mieszko I. und später Boleslaw I. jährliche Kriegszüge, um das Gebiet der Lutizen zu unterwerfen. Die Feldzüge erwiesen sich als wirkungslos.

König Heinrich II. entschloss sich zu einem Wechsel der Politik: Er schloss im Jahre 1003 ein Bündnis mit den heidnischen Liutizen und führte ab 1004 stattdessen Kriege gegen das bisher verbündete christliche Herzogtum Polen unter Boleslaw I. Die slawisch-heidnische Herrschaft der Liutizen konnte sich so bis ins 12. Jahrhundert halten.

Die unmittelbare Folge des Slawenaufstandes war ein Stopp der Christianisierung für die nächsten 200 Jahre. Die Bischöfe von Brandenburg und die Bischöfe von Havelberg lebten fortan als Titularbischöfe außerhalb ihrer Bistümer, zumeist am königlichen Hof. Erst im 12. Jahrhundert wurde nach erneuter Eroberung und diesmal mit teilweiser Einbindung slawischer Fürsten mit der deutschen Ostsiedlung die Christianisierung jenseits der Elbe wirksam.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Fritze: Der slawische Aufstand von 983 – eine Schicksalswende in der Geschichte Mitteleuropas. In: Eckart Henning, Werner Vogel (Hrsg.): Festschrift der landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg zu ihrem hundertjährigen Bestehen 1884–1984. Berlin 1984, S. 9–55.
  • Herbert Ludat: An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slawischen Mächte in Mitteleuropa. Köln 1971, ISBN 3-412-07271-0.
  • Christian Lübke: Slavenaufstand. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 7, Sp. 2003 f.
  • Lutz Partenheimer: Die Entstehung der Mark Brandenburg. Mit einem lateinisch-deutschen Quellenanhang. Köln/Weimar/Wien 2007 (mit Quellen zum Slawenaufstand S. 98–103), ISBN 3-412-17106-9.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Sehr wahrscheinlich nur der abodritische Teilstamm der Kessiner, so daß in der Koalition ein Vorläufer des Lutizenbundes zu erblicken ist.
  2. Widukind von Corvey: Rerum gestarum Saxonicarum libri tres. in: Paul Hirsch et al. (Hrsg.): MGH SS rer. Germ. 60, Hannover 1935, S. 132 ff.
  3. Gerd Althoff: Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century. In: The New Cambridge Medieval History. Band 3: Timothy Reuter (Hrsg.): c. 900 – c.1024 Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1999, ISBN 0-521-36447-7, S. 267–292, hier S. 282.
  4. Wolfgang Brüske: Untersuchungen zur Geschichte des Lutizenbundes. Böhlau-Verlag, Münster/Köln 1955, S. 22 und 36-38.
  5. Roderich Schmidt: Rethra. Das Heiligtum der Lutizen als Heidenmetropole. In: Das historische Pommern. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2007, ISBN 978-3-412-27805-2 S. 75.
  6. Wolfgang Brüske: Untersuchungen zur Geschichte des Lutizenbundes. Böhlau-Verlag, Münster/Köln 1955, S. 39-45.
  7. Fred Ruchhöft: Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei. Die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter (= Archäologie und Geschichte im Ostseeraum. Bd. 4). Leidorf, Rahden (Westfalen) 2008, ISBN 978-3-89646-464-4, S. 124-128.