Christianisierung

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Als Christianisierung (v. kirchenlat.: christianizare) bezeichnet man die Ausbreitung des Christentums in ganzen Regionen oder Kulturkreisen. Im Römischen Reich gab es nach der konstantinischen Wende im frühen 4. Jahrhundert kaum repressive Maßnahmen gegen Pagane, doch verbesserten sich für Christen die Aufstiegschancen ganz erheblich. Gesetze gegen pagane Kultpraktiken wurden erst ab Ende des 4. Jahrhunderts zunehmend erlassen, als das Christentum zur Staatsreligion im Imperium erhoben wurde. Im Frühmittelalter wurden die Zwangsbekehrung von kirchlicher Seite offiziell abgelehnt, doch waren die mit militärischen Mitteln vorangetriebenen Missionierungen teils mit erheblichen Zwang und Gewalt verbunden (wie die Sachsenkriege). Dagegen erfolgte die Missionierung in Nordeuropa und weiten Teilen Osteuropas weitgehend friedlich.

Zum Sprachgebrauch[Bearbeiten]

Im Unterschied zur individuellen Bekehrung eines Einzelnen beschreibt die Christianisierung den in historischer Dimension verlaufenden Prozess, bei dem ganze Völker oder Kulturkreise mehrheitlich den christlichen Glauben annehmen. Dies kann aus freien Willen geschehen, jedoch auch durch Gewalt erzwungen worden sein.

Mission und Christianisierung sind verwandte Begriffe, wobei Mission sich auf den theologischen Aspekt und Christianisierung sich auf den langfristigen kulturellen und historischen Aspekt bezieht. Christianisierung ist Mission ganzer Völker, im historischen Horizont betrachtet.

Christianisierung und Kultur[Bearbeiten]

Svantevitstein in Altenkirchen, Rügen
Fraubillenkreuz

Viele der ersten Kirchen wurden auf oder in ehemaligen paganen (heidnischen) Kultstätten wie Hainen errichtet, da diese Örtlichkeiten bereits als heilig galten und die zu Missionierenden sich dort versammelten. Andere heidnische Orte, wie viele der Hünengräber in Norddeutschland, wurden zu Zwecken der Abschreckung mit unheimlichen Namen versehen (Teufelssteine, Teufelsbackofen etc.), die sie teilweise bis heute tragen. Diese Entwicklung ist in Skandinavien nur stark abgemildert anzutreffen.

Manchmal wurden Götterbilder, heilige Steine oder ganze Monumente in Kirchen eingebaut, zu Kirchen umgebaut oder zu christlichen Symbolen umgestaltet. Beispiele sind die Christianisierten Megalithmonumente, der in der Kirche von Altenkirchen verbaute Svantevitstein und das aus einem Menhir herausgearbeitete Fraubillenkreuz auf dem Ferschweiler Plateau in der Eifel. Heidnische religiöse Bräuche erhielten sich nach der Christianisierung oft noch lange als Brauchtum.

Die Christianisierung war nach den ersten Jahrhunderten der Missionierung durch Mönche und Prediger später häufig auch eine Machtfrage, in Schlachten unterlegene Gruppen und Stämme des Frühmittelalters etwa ließen sich als Zeichen der Unterwerfung taufen oder wurden (kirchenrechtlich allerdings abgelehnt) zwangsgetauft. Weltliche und göttliche Macht gingen, wie bei Karl dem Großen, Hand in Hand. In vielen Fällen wurden bei der Christianisierung auch Elemente oder Teile der heidnischen religiösen Kultur übernommen.

Es gibt jedoch auch Beispiele wie das Christentum in den lokalen kulturellen Kontext übertragen und mit den Mitteln dieser Kultur ausgedrückt wurde. Dazu gehören der sächsische Heliand ebenso wie Navidad Nuestra in Südamerika, das Masai-Bekenntnis aus Ostafrika und insbesondere die Afrikanischen Kirchen.

In einigen Fällen entwickelten sich nicht nur neue Formen des Christentums im Kontext der lokalen Kultur, sondern diese Völker wurden durch die Christianisierung zu einer kulturellen Identität befähigt (z. B. die Slawische Christianisierung durch Kyrill und Method).

Andererseits wurden später auch intakte Kulturen zerstört (Malaiischer Archipel, Ozeanien). Oftmals gingen (ab der frühen Neuzeit) christliche Mission und Kolonialisierung Hand in Hand, während anderenorts scharfe Gegensätze zwischen Missionaren und Kolonisatoren aufbrachen.

Christianisierung in moderner Zeit geht oft einher mit Entwicklungshilfe. Es werden christliche Werte vermittelt und Infrastrukturen, wie etwa Schulen, Pflegeheime oder auch Krankenhäuser, errichtet. Zugleich werden Kirchen, Klöster oder Missionsstationen gebaut. Es erwachsen neue kulturelle Macht-Zentren, die in der Folge ganze Regionen dominieren. So stellte man in Lateinamerika die Religion der indigenen Völker als Aberglauben dar, ihren Lebensstil als primitiv, und glich sie europäischen Normen wie Sesshaftigkeit, Ackerbau, Kleidung an, was bereits Alexander von Humboldt in seinen Reiseberichten 1800 ff zu kritischen Bemerkungen veranlasste.

Erscheinungsweisen[Bearbeiten]

Christianisierung ist auf viele Arten geschehen, und in den meisten Fällen spielten mehrere Faktoren zusammen.

Faktoren auf religiösem Gebiet:

  • In den ersten Jahrhunderten nach Christus erfolgte Christianisierung paganer Gebiete fast ausschließlich durch christliche Vorposten (Einsiedeleien, Klöster, Missionsstationen) durch Mission oder Diakonie, wodurch innerhalb der Bevölkerungen für das Christentum geworben wird. Beispiele sind die Mission von einzelnen reisenden Missionaren (Paulus im Römischen Reich, Bonifatius in Deutschland, Patrick in Irland, Kyrill und Method unter den Slawen) oder Missionarinnen (Nino in Georgien), die in der Folge zu Gemeindegründungen führte (natürlich gab es immer wieder Rückschläge in diesem "von unten" wachsenden Prozess).
  • Einen großen Einfluss hatten auch freiwillige oder erzwungene Ortsveränderungen von Christen (Zerstörung von Jerusalem, Sklavenhandel und römische Armee in der Antike, Auswanderer und Siedler) die am neuen Ort ihren Glauben weiter pflegen und Einheimische dafür gewinnen.

Faktoren auf politischem Gebiet:

Die Gewinnung des jeweiligen Herrschers für das Christentum war in manchen Fällen ein wesentlicher Faktor für die Christianisierung, in anderen kam sie erst nach ziemlich vollendeten Tatsachen oder spielte überhaupt keine Rolle (z.B. Nordamerika). In Kulturen mit ausgeprägtem Gemeinschaftsbewusstsein konnte die Bekehrung des lokalen Oberhaupts auch fast selbstverständlich zur Bekehrung seiner Gefolgsleute führen, da die Gemeinschaft für alle wesentlicher war als die individuelle Entscheidung über die Religionszugehörigkeit.

In manchen Fällen führte die Christianisierung zur Eingliederung in die katholische Kirche, in anderen Fällen bildeten sich eigenständige lokale Kirchen (keltisches Christentum in Irland, bzw. in Russland, Nordamerika, afrikanische Kirchen). An manchen Orten wurde das Christentum zur Staatsreligion erklärt, andere weitestgehend christianisierte Länder lehnen staatlichen Einfluss auf die Religion prinzipiell ab.

Frühphase der Christianisierung[Bearbeiten]

Das erste christianisierte Reich war das Königreich Armenien. Um 301 kam es der Legende durch die Bekehrung des Königs Trdat III. zur Proklamation des Christentums als Staatsreligion, tatsächlich dürfte sich dieses Ereignis aber wohl erst 314/315 abgespielt haben, da sich um 301 die diokletianische Christenverfolgung zutrug.

Die Christianisierung des Imperium Romanum zog sich seit der konstantinischen Wende über Jahrhunderte hin und war erst am Ende der Spätantike abgeschlossen, wenngleich alle nichtchristlichen Religionen bereits 380 verboten worden waren.[1] Im 5. Jahrhundert waren die Anhänger der paganen Kulte bereits in der Minderheit und auch Mitglieder der Oberschicht wandten sich verstärkt dem Christentum zu.[2] Zwar wurden ab Ende des 4. Jahrhunderts zunehmend Gesetze gegen pagane Kulthandlungen erlassen, doch wurden sie zunächst anscheinend kaum ernsthaft umgesetzt. Pagane Amtsträger waren noch im 5. Jahrhundert im römischen Staatsdienst geduldet. Eine Zwangschristianisierung fand nicht statt, vielmehr verloren die paganen Kulte an Anziehungskraft, während sich für Christen neue Aufstiegschancen ergaben. Am Ende der Spätantike wurden jedoch auch stärker gegen die Überreste der paganen Kulte vorgegangen, so zur Zeit Justinians.

Eine herausragende Rolle in der frühmittelalterlichen Missionierung von Mitteleuropa um das 6. Jahrhundert spielten iro-schottische Mönche, sowie die Einflüsse Roms. Sie wurde unter anderem vorangetrieben durch die Missionare Gallus, Columban, Bonifatius und Kilian, wobei diese Tätigkeit keinesfalls als ungefährlich zu gelten hatte. Karl der Große besiegte um 800 die Sachsen in Norddeutschland, und erließ in der Capitulatio de partibus Saxoniae Vorschriften wie z.B.:

  • 8. Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden oder es verschmäht, zur Taufe zu gehen.
  • 21. Wer Gelübde nach heidnischem Brauch an Quellen, Bäumen oder Hainen darbringt oder nach heidnischem Brauch opfert und ein Gemeinschaftsmahl zu Ehren der Götzen veranstaltet, zahlt als Edeling 60, als Friling 30, als Late 15 sol. Und wenn er das Geld nicht hat, soll er es im Dienste der Kirche abarbeiten.

Wann die Christianisierung einer Region oder einer Gruppe abgeschlossen war und ab wann die vorchristlichen Kulte nur noch in Brauchtum und Aberglaube fortbestanden, lässt sich in der Regel kaum exakt bestimmen.

Im Mittelalter wurden Zwangschristianisierungen von kirchlicher Seite oft abgelehnt, da die Ansicht vorherrschend war, dass der mit Gewalt aufgezwungene Glaube nicht dauerhaft sein könne. So äußerte zur Zeit Karls des Großen etwa Alkuin Kritik am königlichen Vorgehen: Zur Taufe könne ein Mensch getrieben werden, nicht aber zum Glauben.[3] Kirchenrechtlich war die erzwungene Taufe ebenfalls untersagt; niemand sollte mit Gewalt zum Glauben gezwungen werden.[4] Die Christianisierung Nord- und weiter Teile Osteuropas erfolgte weitgehend friedlich und auch nicht im Rahmen militärischer Expansion (wie bei den Karolingern und einigen folgenden Königen Ostfrankens), sondern durch Missionierungen.[5] Dennoch kam es infolge der Kreuzzüge immer wieder auch zu gewaltsamen Übergriffen gegen Nichtchristen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Brown: The Rise of Western Christendom. 2. erweiterte Auflage. Blackwell, Oxford 2003.
  • Ramsay MacMullen: Christianizing the Roman Empire. New Haven 1984.
  • Lutz E. von Padberg: Die Christianisierung Europas im Mittelalter. Reclam Philipp Jun., Ditzingen 1998, ISBN 3-15-017015-X.
  • Michele Renee Salzman: The Making of a Christian Aristocracy. Social and Religious Change in the Western Roman Empire. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 2002, ISBN 0-674-00641-0.
  • Christoph Stiegemann u.a. (Hrsg.): CREDO: Christianisierung Europas im Mittelalter. 2 Bde. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. allgemein Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford/New York 2011.
  2. Michele Renee Salzman: The Making of a Christian Aristocracy. Social and Religious Change in the Western Roman Empire. Cambridge (Massachusetts) 2002.
  3. Alkuin, Epp. 110.
  4. Beschlüsse des 4. Konzils von Toledo 633, c. 57
  5. Christoph Stiegemann u.a. (Hrsg.): CREDO: Christianisierung Europas im Mittelalter. 2 Bde. Petersberg 2013.