Sowilo

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Sowilō () ist die sechzehnte Rune des älteren Futhark (die achte Rune im zweiten Ætt) und die elfte Rune des altnordischen Runenalphabets[1][2] mit dem Lautwert s. Der Name bedeutet „Sonne“ und erscheint in den Runengedichten als altnordisch sōl, altenglisch sigel bzw. gotisch sugil.[3]

Etymologie[Bearbeiten]

Die germanischen Worte für „Sonne“ alternieren zwischen einem l- und einem n-Stamm. Die rekonstruierte protogermanische Form *sowilō oder *sōwulō konkurriert mit der Form *sunnon. Es handelt sich hierbei wohl um Überreste einer heteroklitischen (unregelmäßigen) Deklination des Urindogermanischen (möglicherweise *seh₂-wōl, Genitiv *seh₂-wén-s o. ä.).[4] In den einzelnen germanischen Sprachen existierten Varianten beider Formen wohl zumindest im lyrischen Bereich auch nebeneinander:

Sol heitir meþ monnom, / enn svnna meþ goþom …

„‚Sol‘ sagen die Menschen / und ‚Sunna‘ die Götter …“

Alvíssmál, 16 [5]

Weitere Beispiele sind im Althochdeutschen sunna gegenüber suhil sowie im Altenglischen sunne gegenüber sigel.

Lautwert[Bearbeiten]

Hauptartikel: S#Lautgeschichte

Der Lautwert der -Rune ist das germanische s, also der stimmlose alveolare Frikativ [s], oder auch der im Althochdeutschen und im frühen Mittelhochdeutschen noch vorhandene stimmlose alveolo-palatale Frikativ [ɕ].

Die Transkription erfolgt üblicherweise durch den lateinischen Buchstaben s.

Entwicklung und Varianten[Bearbeiten]

Die Evolution der Sowilo-Rune im Lauf der Zeit (AD = n. Chr.).

Die Sowilo-Rune ist in zwei Varianten nachgewiesen: einer Sigma-förmigen mit vier, sechs oder sogar acht Strichen, die bevorzugt in älteren Inschriften (3. bis 5. Jahrhundert n. Chr.) auftaucht,[6] sowie einer S-förmigen mit drei Strichen (überwiegend in Inschriften aus dem 5. bis 7. Jahrhundert).[7]

Im jüngeren Futhark, sowohl in der skandinavischen (Sol) wie auch in der angelsächsischen Variante (Sigel), wird die Rune leicht gedreht, sodass die äußeren Linien senkrecht stehen.

Bei den Kurzzweigrunen, einer Variante des jüngeren Futhark, wurde das Zeichen zu einem oben liegenden senkrechten Strich vereinfacht, der an das Apostroph-Ersatzzeichen ( ' ) erinnert.

Runengedichte[Bearbeiten]

Runengedicht[8] Übersetzung

Altnorwegisch

Sól er landa ljóme;
lúti ek helgum dóme.

 

Sonne ist das Licht der Welt;
Ich beuge mich der göttlichen Entscheidung.

Altisländisch

Sól er skýja skjöldr
ok skínandi röðull
ok ísa aldrtregi.

 

Sonne ist der Schild der Wolken
und scheinender Strahl
und Zerstörer des Eises.

Angelsächsisch

Sigel semannum symble biþ on hihte,
ðonne hi hine feriaþ ofer fisces beþ,
oþ hi brimhengest bringeþ to lande.

 

Die Sonne ist ewig eine Freude für die Hoffnung der Seefahrer,
wenn sie über das Bad der Fische reisen,
bis das Gefährt über der Tiefe sie an Land bringt.

Verwendung in der Neuzeit[Bearbeiten]

Hauptartikel: Siegrune

Die Sig-„Rune“ ist eine Erfindung des völkischen Autors und Esoterikers Guido von List aus dem Jahr 1902[9] aus dem „Armanenfuthark“ (en), deren Form im Gegensatz zum erfundenen Namen und der ebenso fiktiven Deutung lose auf der Sowilo-Rune basiert.

Die Nationalsozialisten übernahmen von Lists Runenzeichen unter dem eingedeutschten Namen „Sieg-Rune“, unter anderem für das Logo der Schutzstaffel (SS) und in einfacher Form als Zeichen des Deutschen Jungvolks und der Hitlerjugend.

Zeichenkodierung[Bearbeiten]

Unicode Codepoint U+16CA U+16CB U+16CC
Unicode-Name RUNIC LETTER SOWILO S RUNIC LETTER SIGEL LONG-BRANCH-SOL S RUNIC LETTER SHORT-TWIG-SOL S
HTML ᛊ ᛊ ᛊ
Zeichen

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus Düwel: „Runenkunde“. Metzler, Stuttgart 2001, 3. erw. Aufl., ISBN 3-476-13072-X
  2. R. I. Page: „Runes“. University of California Press/British Museum, 1987. ISBN 0-520-06114-4
  3. Thesaurus Indogermanischer Text- und Sprachmaterialien
  4. Benjamin W. Fortson: „Indo-European Language and Culture“. Blackwell Publishing 2004, 4. Auflage. ISBN 1-4051-0316-7. S. 110 f.
  5. Sophus Bugge
  6. z. B. auf dem Kylverstein (schwed.: Kylversten)
  7. z. B. Goldhörner von Gallehus, Seeland-II-C
  8. Originaltexte und englische Übersetzungen von der Rune Poem Page.
  9. Guido v. List: „Das Geheimnis der Runen“. Zillmann, Groß-Lichterfelde 1907; Graz 2007. ISBN 978-3-902640-50-5