Spießbürger
Als Spießbürger oder Spießer werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen. In der Schweiz werden Spießbürger auch als Füdlibürger (Füdli = Hinterteil)[1] oder Bünzli bezeichnet.
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[Bearbeiten] Entstehung des Begriffs
Die Bezeichnung geht auf die im Mittelalter in der Stadt wohnenden Bürger zurück, die ihre Heimatstadt mit dem Spieß als Waffe verteidigten. Spießbürger unterschieden sich von den in der Vorstadt wohnenden Pfahlbürgern, gehörten jedoch innerhalb der Stadtgesellschaft zu den eher ärmeren Bürgern, da sie bei den städtischen Fußtruppen Dienst taten, während wohlhabendere Bürger hierfür Söldner bezahlen konnten. Der Spieß als Waffe war relativ günstig herzustellen und zugleich gegen die adligen Ritterheere des Hoch- und Spätmittelalters effizient einzusetzen (siehe Pikeniere). Er verhalf Bürgern und Bauern in den Bauern- und Hussitenkriegen zu hohen Siegen in den Schlachten gegen die adlige Kavallerie. Die Bezeichnung Spießbürger war früher durchaus positiv konnotiert, da der Dienst zur Verteidigung der Heimatstadt als Ehre angesehen wurde.
Ab dem 16. Jahrhundert waren die Bürger den im Formationskampf ausgebildeten Landsknechten und später den ersten stehenden Heeren unterlegen, die mit Schusswaffen bewaffnet waren. Mit der Zeit verschob sich daher die Konnotation der Bezeichnung zunehmend in Richtung „veraltet“ und „überholt“. In der Studentensprache wurde „Spießbürger“ wie auch der Ausdruck „Philister“ eine gängige Bezeichnung für kleinbürgerliche, engstirnige Menschen.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kamen die Kurzform Spießer und das Adjektiv spießig als Kampfbegriffe politisch linker Gruppierungen gegenüber dem Bürgertum auf. Neuerdings finden die Begriffe vereinzelt auch Anwendung auf ebendiese Gruppierungen, da Kritiker deren Position im Zuge des Marsches durch die Institutionen als neuen Mainstream sehen. Die taz, die in einer Artikelreihe die Neue Bürgerlichkeit erörterte, nutzte den Begriff Spießer in einer darauf bezugnehmenden Abo-Kampagne („Werden Sie Neo-Spießer“).
[Bearbeiten] Literarische Interpretationen
In seinem 1930 erschienenen Roman Der ewige Spießer charakterisiert der Schriftsteller Ödön von Horváth einen Spießer als einen „hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet“. Der Spießer reise in der Welt herum und würde doch nur sich selbst sehen. Was gut und böse sei, wüsste er, ohne nachzudenken.
Die Literatur des 19. Jahrhunderts scheint zwei Kategorien von Spießern zu kennen: Charles Dickens schildert den gutmütigen Spießer - gemeint sind Menschen, die einer oberflächlichen Geselligkeit frönen und sich zudem gerne in Vereinen aufhalten. Harmlose Scherze und eine Art familiäres Treiben herrschen vor. Die bösartigen Varianten von Spießern tauchen bei Honoré de Balzac in seinem Roman Die Kleinbürger auf, den Gehässigkeit, Klatschsucht, Verleumdung und Verrat, Dünkel, Besserwisserei und Aufgeblasenheit auszeichnen. Der Untertan in Heinrich Manns gleichnamigen Roman von 1918 ist ein autoritätshöriger Opportunist, Mitläufer und Konformist. Vieles daran erinnert an Adornos „Autoritäre Persönlichkeit“.
[Bearbeiten] Literatur
- Deutsches Wörterbuch Bd. 16 (neue Zählung) Sp. 2455, Artikel Spieszbürger. Auch online verfügbar.
- Hermann Glaser: Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert (1964). Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-24351-3.
- Karl Heisig: Dt. Philister = Spießbürger. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 83 (1964), S. 345–350.
- Laura Kajetzke: Der Spießer. In: Stephan Moebius, Markus Schroer (Hrsg.): Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-12573-1, S. 366–380.
- Gerd Stein (Hrsg.): Philister – Kleinbürger – Spießer. Normalität und Selbstbehauptung. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1985 (= Kulturfiguren und Sozialcharaktere des 19. und 20. Jahrhunderts. Bd. 4), ISBN 3-596-25038-2.
[Bearbeiten] Weblinks
- Wortkolumne von Bodo Mrozek über den Begriff Spießer (Spiegel-Online)
- „ZEIT Leben“-Artikel von Henning Sussebach zum „Bionade-Biedermeier“
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Füdlibürger engherziger, armseliger Spiessbürger, Eintrag im Mundartlexikon des Schweizer Radios DRS, abgerufen am 22. März 2013