St. Remigius (Ingelheim)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
St. Remigiuskirche, Südansicht

Die katholische Pfarrkirche St. Remigius in Ingelheim reicht in ihren Anfängen bis in das 8. Jahrhundert zurück. Im Jahre 741/43 das erste Mal urkundlich erwähnt. Vermutlich besteht sie jedoch schon länger als Teil eines fränkischen Königshofes. Der Bau steht unter dem Schutz der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten.

Architektur[Bearbeiten]

Das gesamte Grundstück ist bereits seit 1387 durch eine Mauer umfasst. Eine Gedenktafel am südlichen Eingang erinnert an Sebastian Münster, der 1488 unweit der Kirche im damaligen Heilig-Geist-Spital geboren wurde. Die heutige Kirche ist ein einschiffiger Saalbau aus dem Jahre 1739.

Turm[Bearbeiten]

Der fünfgeschossige Turm wurde zwischen 1155 und 1160 durch Kaiser Barbarossa erbaut. Über dem Eingang befindet sich ein romanischer Türsturz, der ein Lamm Gottes zeigt. Dieser Türsturz ist, wie an den abgeschnittenen Kreuzen zu erkennen, ursprünglich nicht für diesen Platz gedacht gewesen. Von einem zweiten Turm ist lediglich das Fundament erhalten und es ist nicht anzunehmen, dass er jemals erbaut wurde.

Romanischer Türsturz am Kirchturm

Langhaus[Bearbeiten]

Nördlich des Turmes schließt sich das 1739 durch Kaspar Valerius aus Heidelberg errichtete einschiffige Langhaus an. Die Längsseiten sind durch vier Rundbogenfenster unterbrochen und außen durch Pilasterlisenen gegliedert. An der Westseite spenden zwei Ellipsenfenster Licht für die Orgelempore. Auf dem Bogen am Übergang zum Chor ist die Jahreszahl 1739 sowie darüber in einem Medaillon eine Darstellung des hl. Remigius zu sehen.

Der fünfeckige Chor ist zwei Stufen über das Langhaus erhoben und teilweise durch Überreste der alten Kommunionbank von diesem abgetrennt. An der Nordseite des Chores befinden sich ein Fresko mit Abendmahlsszene sowie eine Figur des heiligen Remigius von Reims. Gegenüber auf der Südseite finden sich ein weiteres Fresko mit dem Opfer Abrahams, eine Figur des heiligen Kilian sowie das Epitaph des Pfarrers Franz Joseph Förschter. Die Decke ist mit einer Dreifaltigkeitsdarstellung ausgestaltet.

Der 1775 durch Johann Jakob Junker geschaffene Hochaltar aus dem Rokoko zeigt in Sandstein eine Kreuzigungsszene. Links und rechts wird das Kreuz flankiert von Figuren der Maria sowie des Johannes. Zwischen Marienfigur und Kreuz eine kniende Maria Magdalena. Unter dem Kreuz ein Schädelrelief.

Aus dem gleichen Material wie der Hochaltar ist der 1721 geschaffenen Taufstein in Kelchform mit Kandelaberfuß.

Am nördlichen und südlichen Chorgenick befindet sich jeweils ein um 1745 entstandener Seitenaltar:

    • Im Norden ein frühbarocker Mutter-Gottes-Altar mit dem Relief einer Verkündigungsszene im Giebel sowie
    • im Süden ein dem heiligen Nepomuk geweihter Seitenaltar mit Tabernakel und Relief einer Brückensturzszene im Giebel.

An die Tätigkeit der Jesuiten, die in der Nähe der Kirche ein Missionsgut unterhielten, erinnern die Figuren des hl. Franz Xaver sowie des hl. Aloysius unter der Orgelempore.

Kurpfälzisches Wappen über dem Südportal

Auf die Zugehörigkeit des gesamten Ingelheimer Gebietes zur Kurpfalz weist heute noch das kurpfälzische Wappen über der Südtür hin.

Anfang der 90er Jahre wurde das Innenschiff renoviert; die Deckengemälde folgten 2003.

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits zu fränkischer Zeit stand am Ort der heutigen Kirche ein erstes, dem heiligen Remigius geweihtes, Gotteshaus. Dieses kann als eine der frühesten merowingerzeitlichen Kirchengründungen am Mittelrhein bezeichnet werden.[1]

Die erste urkundliche Erwähnung der Kirche findet sich in einer Urkunde Kaiser Ludwigs aus dem Jahre 822[2]. Hierin bestätigt er eine Schenkung Karlmanns aus dem Jahre 741 in der bestimmte Kirchen dem neu gegründeten Bistum Würzburg zugeschlagen werden. (…,et ecclesiam in villa Hengilonheim in honore sancti Remegii,…)[3]. In der Folge erhält die Kirche ein Patrozinium des Würzburger Bistumsheiligen Kilian.

Im Zuge der Errichtung der Kaiserpfalz wird die Kirche als Palastkapelle verwendet.

Im Juni 948 tagt in ecclesia beati Remigii die Universalsynode von Ingelheim unter Vorsitz des päpstlichen Kardinallegaten Marinus von Bomarzo, an der auch König Otto und Ludwig von Frankreich teilnehmen.


In den Jahrhunderten vor der Reformation bestand der Sprengel der Nieder-Ingelheimer Kirche aus der Kirche St. Nikolaus in Frei-Weinheim, der Kirche St. Margaretha in Sporkenheim sowie der Kapelle des 1535 aufgehobenen Klosters Ingelheimerhausen.

Laut Saalwächter gab es In der Pfarrkirche in diesem Zeitraum drei Altäre:

  • Heilig-Kreuz-Altar 1336–1540
  • Liebfrauen-Altar 1399–1523
  • Nikolaus-Altar 1497–1501

Ebenfalls im Pfarrsprengel lagen vier Kapellen:

  • Altar zum Heiligen Geist
gelegen im Heilig-Geist-Spital, dem Geburtsort Sebastian Münsters, das von 1316 bis zu seiner Versteigerung am 14. August 1835 existierte.
  • Michaelskapelle ab 1336
In unmittelbarer Nähe zur Kirche gelegen und über dem Beinhaus der Kirche errichtet
  • Peterskapelle im Saal
Nicht zu verwechseln mit der alten Palastkapelle der Kaiserpfalz
  • Kreuzkapelle oder Kreuzkirche
Von 1497 bis 1565. Einige Teile aus der Abrissmasse wurden wahrscheinlich 1739 für den Bau der neuen Remigiuskirche verwendet.

Die letzte urkundliche Erwähnung des Kilianspatroziniums datiert aus dem Jahre 1486:

II viertel ackers am heydeßheimer wege gefor Schußhen und zu gibt ein halp punt olys der kirchen sant Kylian

Cuius regio, eius religio[Bearbeiten]

Im Zuge der Reformation wurde die Kilianskirche zwischen 1556 und 1565 von lutherischen Pfarrern betreut. Seit im Jahre 1565 durch Friedrich III. der reformierte Glaube eingeführt wurde, musste der lutherische Pfarrer einem reformierten weichen.

Im dreißigjährigen Krieg wurde den Katholiken 1626 erneut ihre alte Kirche übergeben, jedoch mussten bereits 1630, als schwedische Truppen das Gebiet besetzten, die katholischen Lehrer und Priester den Ort verlassen.

1705 wurden mit der kurfürstlichen Düsseldorfer Religionsdeklaration alle drei christlichen Bekenntnisse im Gebiet der Kurpfalz zugelassen. In der Folge erhielt die katholische Gemeinde die damalige St. Kilianskirche zurück, während die reformierte Gemeinde in den Besitz der heutigen Saalkirche kam.

Neubau[Bearbeiten]

Westseite der Kirche St. Remigius

Als im Laufe der Jahrhunderte die Bedeutung Nieder-Ingelheims zurückgeht, wird auch die Kirche immer weiter vernachlässigt. Das Taufbuch vermerkt am 5. März 1739: Die Kirche war eine Ruine und mußte abgerissen werden. Bei diesem Abriss werden am 18. März zwei Arbeiter von einstürzenden Trümmern erschlagen. Bereits ein Jahr später, 1740, war die neue Kirche fertiggestellt und wurde dem heiligen Remigius geweiht. Die Weihe der neuen Kirche fand jedoch erst im Oktober 1767 durch den damaligen Mainzer Weihbischof Christoph Nebel statt. Der Mainzer Bischof Ludwig Maria Hugo gestattete den hl. Kilian als zweites Patrozinium.

Pfarrer seit 1300[Bearbeiten]

  • 1320 N.N.
  • 1336 Diethmar von Herborn
  • 1330–1355 Arnold von Ba(o?)benhausen sowie Nikolaus von Frankfurt als Geselle des vorgenannten pfarrers
  • 1391–1398 Kraft von Eltville
  • 1418–1427 N.N.
  • 1438–1451 Johann Kannengießer
  • 1457 Gerlach Frankenberg
  • 1473–1474 Goar (?)
  • 1476–1479 Johann Beyerling/Beynling
  • 1488–1518 Wiegand Pistor(is)
In den Zeiten der Reformation waren zuerst lutherische, dann reformierte Pfarrer an der Kirche
    • –1565 D. Petrus (luth.)
    • 30. Juni 1565– Josias Stingel (ref.)
  • 1521–1527 Philipp Malsenberg (-burg?)
  • 1531–1536 Johann Bytzel (?)
  • 1540 Nicolaus Acker
  • 1627–1628 Petrus Cuttolinus/Cutelinus
  • vor 1693 Deppes/Doppes
  • 1693–1702 Heinrich Dippel
  • 1707–1718 C. W. Fischer (Landechant seit 1702)
  • 1719 Caspar Croll
  • 1724–1737 Erwin Johann Fabricius
  • 1737–1740 Andreas Hammer († 18. Juli 1740), Erbauer der heutigen Kirche.
  • 1740–1765 Johann Friedrich Franz Förschter
  • 1765 Philipp Adam Graus
  • 1776 Ludwig Riester
  • 1803–1805 Heinrich Graf
  • 1805–1820 Johann Adam Baumgarten, O.S.B.
  • 1820–1833 Peter Anton Greipp
  • 1833–1858 Adam Wagner
  • bis 1898 Karl Alexander Cloßmann
  • 1898–1901 Michael Jäger
  • 1901–1914 Friedrich Waller
  • 1914–1929 Franz Helbig
  • 1929 Wilhelm Carl Weil

Gräber[Bearbeiten]

innerhalb der Kirche[Bearbeiten]

  • Andreas Hammer († 18. Juli 1740), Pfarrer. Erbauer der heutigen Kirche.
  • Johann Friedrich Franz Förschter († 9. April 1765), Pfarrer.
  • Anton Otto von Closs († 1737), kurpfälzer General und Wohltäter der Pfarrei
Die ungekennzeichneten Gräber dieser befinden sich im Chorraum.
  • Gerhard von Schrieck
  • Maria Anna von D'Elvaz, Witwe des Gerhard von Schrieck
  • Johann Leopold von Lorang, zweiter Ehemann der Maria Anna von D'Elvaz

außerhalb der Kirche[Bearbeiten]

Kreuzigungsgruppe
  • Pfr. Johann Erwin Fabricius († 1737), Erbauer der Kreuzigungsgruppe.
  • Pfr. Karl Alexander Cloßmann (*1828 † 1898)
  • Pfr. Friedrich Waller (* 26. Juni 1853 † 29. Oktober 1922)
  • Pfr. Franz Helbig (*1873 † 1929)
  • Pfr. Wilhelm Karl Weil (*1883 † 1962)
  • Pfr. Heinrich Schuster (*1913 † 1980)
  • Freiherr Heinrich Joseph du Mont von Monten, geb. Heinrich Joseph Dumont († 9. Dezember 1813), KuK-Oberst

Epitaphe[Bearbeiten]

  • Anton Otto von Cloß (* 1660 in oder bei Roermond, † 26. Oktober 1737 Ingelheim), Generalwachtmeister (Gen.maj.), Gründer der Ingelheimer Jesuitenmission
  • Gerhard von Schrieck († 19. August 1757)

Glocken[Bearbeiten]

Name Masse Ton Inschrift
St. Remigius 2000 kg des Anselm und Lucas Speck giessen mich auf Nieder-Ingelheim - Anno 1789
St. Kilian 1000 kg es Anselm und Lucas Speck giessen mich auf Nieder-Ingelheim - Anno 1789
St. Maria 800 kg f Maria mit dem Kinde lieb, uns allen deinen Segen gib. 1952
Hl. Kreuz 550 kg as O Kreuz sei hoch gebenedeit! Du Hoffnung in der Leidenszeit! 1957
St. Lazarus 350 kg b St. Lazarus, schütz uns in allem Leid! 1957
150 kg e 1727 goß mich Georg Christoph Roth in Maeintz

Sehenswert[Bearbeiten]

Rest des alten Lettners
  • Kreuzigungsgruppe auf dem Kirchhof.
  • Rest des spätgotischen Lettners mit Fischblasen-Maßwerk aus der 1739 abgerissenen Kirche. Eingelassen in die Ostmauer gegenüber dem Pfarrhaus

Literatur[Bearbeiten]

  • Rauch, Christian: Die Kunstdenkmäler im Volksstaat Hessen - Kreis Bingen, Hessischer Staatsverlag, Darmstadt, 1934
  • Saalwächter, Andreas: Aus der Geschichte der Kirche und Pfarrei St. Kilian - St. Remigius in Ingelheim, kath. Kirchengemeinde St. Remigius, Ingelheim (Hrsg.), Ingelheim, 1958
  • Kath. Pfarrgemeinde St. Remigius, Ingelheim (Hrsg.): St. Remigius - Ingelheim am Rhein - in Geschichte und Gegenwart, Ingelheim, 1961

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St. Remigius (Ingelheim am Rhein) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Mainzer Bistumsnachrichten Nr. 9 vom 6. März 2013
  2. Böhmer-Ottenthal, RI I 1 n. 768
  3. http://www.stadtarchiv-heilbronn.de/de/stadtgeschichte/alpha/123/741-quelle.htm


49.9762555555568.0652138888889Koordinaten: 49° 58′ 35″ N, 8° 3′ 55″ O