Totenleuchte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Totenlaterne)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Totenleuchte im engeren Sinn wird ein im Mittelalter auf Friedhöfen errichtetes freistehende Bauwerk bezeichnet, das in seinem oberen Teil eine mehrseitig geöffnete Laterne enthält. Häufig wird der Begriff auf Lichthäuschen und Lichtnischen an Gebäuden im Kirchen- und Friedhofsbereich ausgedehnt, in die ebenfalls eine Lichtquelle eingebracht werden kann. Synonyme für beide Bauformen sind Friedhofsleuchte, Kirchhofslaterne, Armseelenleuchte und Seelenlicht. Ebenfalls bekannt ist der französische Begriff Lanternes des morts, der in einigen Reiseführern als Totenlaterne übersetzt wird.

Wie andere vergleichbare, aber meist kleinere Monumente (Wegkreuze, Hosianna-Kreuze etc.) sind die Totenleuchten sichtbarer Ausdruck des mittelalterlichen, vorwiegend ländlichen Volksglaubens, in welchem sich vor- oder gar außerchristliche Denkvorstellungen und biblisch-christliches Gedankengut untrennbar miteinander vermischen. Derartige Formen des Volksglaubens haben sich bis weit in die Neuzeit hinein gehalten.

Die Funktion der Bauten und der tatsächliche Umgang der Menschen mit ihnen sind weitgehend unklar, da keine schriftliche Überlieferung zu diesem Themen- bzw. Fragenkomplex bekannt ist.

Abgrenzung[Bearbeiten]

Gemein ist beiden Formen die Kollektivbedeutung für mehrere Verstorbene, die sie von einzelnen Grablichtern auf Friedhöfen und Gedächtnissäulen außerhalb davon zur Erinnerung an ein Unglück oder ein Gewaltverbrechen unterscheidet.

Kleinere Säulen mit Tabernakel außerhalb von Friedhöfen werden häufig ebenso wie freistehende Totenleuchten als Lichtsäulen bezeichnet. Zur Unterscheidung sollten diesen jedoch als Lichtstöcke bezeichnet werden. Aus ihnen entwickelten sich nach Franz Hula Bildstöcke, bei denen der tabernakelartige Aufsatz durch Reliefs, Bilddarstellungen und Kleinplastiken verziert und nicht mehr beleuchtet wurde. Diese beiden Formen von Kleindenkmälern wurden nebeneinander verwendet, gingen ineinander über und tauschten teilweise ihre Funktion. So wurden an Bauwerken, die nicht für eine Beleuchtung ausgelegt wurden, dennoch teilweise Kerzen platziert und Laternen montiert, z. B. am kirchlichen Feiertag Allerseelen. Daher empfahl Hula 1970 bei Unkenntnis, die Begriffe „Nischen-“ oder „Tabernakelpfeiler“ zu verwenden. Hierzu gehören Pest-, Armsünder-, Galgen- und Urteilkreuze sowie ähnliche Bauwerke vor Siechenhäusern und Leproserien.

Nachdem diese Differenzierung 1970 von Franz Hula ausgearbeitet worden war, fand sie beispielsweise Mitte der 1990er-Jahre Eingang in den Leitfaden zur Klein- und Flurdenkmaldatenbank für Niederösterreich und Salzburg.[1]

Hulas Werk zu Totenleuchten und Bildstöcken in Österreich aus dem Jahr 1948 wurde bisher nicht aktualisiert. Es wird jedoch inzwischen kritisiert, dass Hulas Systematik und Theorie zur Entstehung von Bildstöcken aus Totenleuchten nur für Bildstöcke aus dem Alpenraum, besonders aus Österreich gelte und nicht auf andere Landschaften, wie z. B. Franken, übertragen werden könne.[2]

Freistehende Totenleuchten[Bearbeiten]

Totenlaterne von Fenioux neben einer Gruft
„Totenlaterne“ von Sarlat-la-Canéda

Hula bezeichnete 1948 diese freistehenden Totenleuchten als die „älteste Form“ des Bildstocks. Er ist charaktisiert durch einen polygonalen (meist achtseitigen) Schaft, ein polygonales mehr- oder gegenseitig geöffnetes Lichtgehäuse sowie einen polygonalen Pyramidenhelm. Hula bezeichnete diese Totenleuchte auch als „französischen Typ“, da die frühesten und gleichzeitig imposantesten Spuren dieser Tradition im Westen Frankreichs zu finden sind:[3][4]

Frankreich
  • In Cellefrouin (Charente) existiert eine Totenleuchte, die wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert stammt. Die Lampe wurde über einer Tür platziert und angezündet, die sich drei Meter über der Plattform mit Ädikula befindet und an die man vermutlich nur über eine Leiter gelangen konnte.[5]
  • Das Dorf Ciron (Indre) besitzt ein besser erhaltenes Exemplar als Cellefrouin vom Ende des 12. Jahrhunderts. Im Gegensatz zur Totenleuchte von Cellefrouin, die keine Öffnung im Kopfbereich besitzt, ist der Kopf dieses Bauwerkes mit mehreren Öffnungen versehen.[5]
  • Vom Anfang des 13. Jahrhunderts datiert eine Stele in Zylinderform auf einer quadratischen Basis im Zentrum des heutigen Friedhofs des Dorfs Château-Larcher. Angezündet wurde sie mittels einer brennenden Öllampe, die über eine Seilrolle an die Spitze der Säule befördert werden konnte. Bekrönt wird sie von einem Tatzenkreuz, das sich erst seit dem Jahr 1840 an ihrer Spitze befindet. [5]
  • Mitte des 13. Jahrhunderts wurde die Totenleuchte in Antigny (Vienne) auf einer mehrstufigen Plattform errichtet. Der Grundriss ist quadratisch, die Lampe wurde über eine Seitentür an die Spitze gebracht, die vier Öffnungen besitzt und vermutlich ebenfalls mit einem Kreuz besetzt war.[5]
  • Die Totenlaterne von Fenioux (Charente-Maritime) ist eines der größten Exemplare im Poitou. Sie wurde aus elf runden Säulen erbaut, die im Kreis aufgestellt wurden. Innen befindet sich eine Wendeltreppe mit 33 Stufen, die zum Kopf führt. Auch dieser wurde aus einzelnen Säulen errichtet, die im Gegensatz zum unteren Teil Zwischenräume aufweisen, um lichtdurchlässig zu sein. Neben einem lateinischen Kreuz wurde der Helm zudem mit vier kugelbekrönten kurzen Säulen verziert.[5]
  • Die Totenleuchte von Culhat (Puy-de-Dôme) ziert sogar das Wappen der Gemeinde:
  • Das ebenfalls Lanterne des Morts genannte und ins 12. Jahrhundert datierte Gebäude auf dem ehemaligen Friedhof oberhalb der Kathedrale von Sarlat (Périgord) unterscheidet sich grundlegend von den bisher genannten Totenleuchten: Es ist ein dicker Rundturm mit einem wesentlich größeren Durchmesser als alle anderen Totenleuchten, der im Inneren einen Raum (Kapelle?) beherbergt. Das Obergeschoss hat vier kleine Öffnungen, ist also für die Aufstellung oder das Anbringen von Lichtern im Innern eher ungeeignet.
Österreich
Totenleuchte beim Friedhof der Pfarrkirche Heiliger Georg in Köttmannsdorf, Kärnten

Möglicherweise über Zisterziensermönche gelangte das Konzept der Totenleuchten nach Kärnten, wo heute noch acht Exemplare erhalten sind, so die beiden gotischen Säulen aus dem 13. Jahrhundert in Köttmannsdorf und Keutschach am See. Ein weiteres Exemplar findet sich im oberösterreichischen Lorch, einem Stadtteil von Enns. Die Tutzsäule, eine mit Reliefs aus der Leidensgeschichte Christi geschmückte Totenleuchte von 1381, findet sich vor der Stiftskirche Klosterneuburg in Niederösterreich,[6] welche Josef Dünninger 1952 jedoch als Pestkreuz bezeichnete und die damit laut Hula zwar ein Lichtstock, aber keine Totenleuchte wäre.[7] Hula beschreibt 1970, dass in einige dieser Friedhofsleuchten noch zu seiner Zeit an Allerseelen brennende Kerzen gestellt und sie daher teilweise auch als Kerzenturm bezeichnet wurden.

Wenige Exemplare aus den Anfängen der österreichischen Totenleuchtenkultur in der Mitte des 13. Jahrhunderts sind noch der Romanik zuzuordnen, der Großteil jedoch durchgänging der Gotik. Das Ende der Errichtung von Totenleuchten wird auf das frühe 17. Jahrhundert datiert.[8]

Deutschland

Die älteste Totenleuchte Deutschlands ist die 1268 im Friedhof des Zisterzienserklosters Pforta errichtete Totenleuchte.[9] Die gelegentlich ebenfalls mit diesem Titel beliehene Mordsäule für den Bischof Konrad von Querfurt beim Würzburger Dom ist laut Hula ebenfalls nur ein Lichtstock und verdient diesen Titel daher nicht.[7]

Lichthäuschen und -nischen[Bearbeiten]

Totenleuchte am Paderborner Dom

Es gibt auch Leuchten, die an der Innenwand einer Kapelle, Kirche oder eines Beinhauses angebracht waren, wie z. B. im Kreuzgang in Augsburger Dom. An der Außenwand angebrachte Totenleuchten nennt man Lichterker.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Totenleuchten auch zum Gedenken an die Kriegsopfer errichtet. Die Totenleuchte am Paderborner Dom brennt beispielsweise nur am 17. Januar, 22. März und 27. März. Dies waren die Tage der schwersten Luftangriffe auf Paderborn im Jahr 1945.[10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Totenleuchte – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Totenleuchten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Leitfaden zur Klein- und Flurdenkmaldatenbank für Niederösterreich und Salzburg, Kategorie 1520–1540, Zugriff am 10. September 2012
  2. Stefan Popp: Bildstöcke im nördlichen Landkreis Würzburg : Inventarisierung und mentalitätsgeschichtliche Studien zu religiösen Kleindenkmalen, Dissertation, Universität Würzburg, 2004, S. 43 ff.
  3. Yvonne Leiverkus: Köln: Bilder einer spätmittelalterlichen Stadt, Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-23805-8, S. 293, Vorschau in der Google-Buchsuche
  4. koettmannsdorf.at: Pfarrkirche St. Georg, abgerufen am 11. September 2012
  5. a b c d e chatel-medieval.fr: lanterne des morts, abgerufen am 11. September 2012
  6. Totenleuchte. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 15, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien 1885–1892, S. 776.
  7. a b Josef Dünninger: Bildstöcke in Franken in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 4, 1952, S. 32
  8. Leitfaden, S. 33
  9. Peter Gerlach: Die Totenleuchte von Schulpforta und die französischen Totenleuchten in: FS f. Dr. h. c. E. Tratscholdt …, Hamburg 1965
  10. diekneite-paderborn.de: Die Totenleuchte am Dom, Zugriff am 12. Mai 2012