UTZ Certified

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Utz Certified Foundation
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Zweck: Entwicklung eines Programms zur Zertifizierung von Agrarprodukten nach ökonomischen, sozialen und ökologischen Standards
Vorsitz: Richard Holland
Bestehen: seit 2002
Bilanzsumme: ca. 5,5 Mio. Euro (2011) 462
Mitarbeiterzahl: 32 (2011)
Sitz: Amsterdam, Niederlande
Website: www.utzcertified.org

kein Stifter angegeben

UTZ Certified, dt. UTZ-zertifiziert oder kurz UTZ, ist ein Programm und Gütesiegel für nachhaltigen Anbau von Agrarprodukten. Das Programm wird seit 2002 von einer gleichnamigen Stiftung mit Hauptsitz in Amsterdam betrieben. Sie unterhält nach eigenen Angaben das größte Labelprogramm für Kaffee weltweit und zertifiziert zudem Tee, Rooibos und Kakao. Voraussetzung für die Zertifizierung ist die Einhaltung eines Verhaltenskodex durch die Landwirte, der soziale Kriterien festlegt und Anforderungen an die Umweltverträglichkeit und effiziente Bewirtschaftung stellt.

Geschichte[Bearbeiten]

Der niederländische Kaffeeröster Ahold Coffee Company, Teil des Lebensmittelkonzerns Ahold, gründete 1997 in Zusammenarbeit mit guatemaltekischen Kaffeebauern das UTZ-Programm unter dem Namen Utz-Kapeh, „guter Kaffee“ in der Maya-Sprache Quiché. Das Ziel war es, verantwortungsbewusste, nachhaltige Kaffeeproduktion zu fördern, global auf dem Markt zu etablieren und Transparenz entlang der Versorgungskette herzustellen. Die erste Niederlassung gründeten sie 1999 in Guatemala-Stadt. Im Jahr 2002 wurde Utz eine eigenständige Stiftung mit Hauptniederlassung in Amsterdam und führte Utz-zertifizierten Kaffee in den Markt ein.[1][2] Im Jahr 2007 benannte sich die Organisation in Utz certified um, weil sie ihre Aktivität auch auf andere Bereiche wie Kakao und Tee ausdehnte.

Finanzierung der Stiftung[Bearbeiten]

UTZ Certified finanziert sich über Spenden und durch Verwaltungsgebühren, die bei den Käufern von zertifizierten Produkten erhoben werden. So beträgt die Gebühr für einen Kakaoeinkäufer je nach Größe des Käufers jährlich zwischen 250 € und 4000 € zuzüglich 10 € pro Tonne gekauften Kakaos, mit Rabatten für große Mengen.[3]

2011 nahm die Stiftung durch Spenden und Subventionen 1,41 Mio. Euro, durch Verwaltungsgebühren 3,88 Mio. Euro und durch weitere nicht näher spezifizierte Beiträge 0,26 Mio. Euro ein.[4]

Verhaltenskodex[Bearbeiten]

Die Kriterien von UTZ Certified gehen vom privatwirtschaftlichen Standard GlobalGAP, früher EurepGAP, für gute landwirtschaftliche Praxis aus. Das Rückverfolgbarkeits- und Transparenzsystem geht über diesen Standard hinaus. Dementsprechend konzentriert sich UTZ Certified besonders auf das Management landwirtschaftlicher Betriebe, insbesondere auch von Kleinbauern.[5] Im Gegensatz zum Fair-Trade-Siegel setzt UTZ Certified keine Mindestverkaufspreise fest, sondern überlässt die Preisbildung dem Markt. Der Vorteil gegenüber einer bloßen Einhaltung der GlobalGAP-Kriterien besteht für Produzenten und Händler vor allem darin, dass durch das Gütesiegel die Einhaltung der Kriterien den Aufkäufern und Endabnehmern sichtbar wird. Ob die Einhaltung der UTZ-Kriterien finanziell honoriert wird, hängt letztlich von der Bereitschaft der Aufkäufer ab, einen Aufpreis für zertifizierte Produkte zu bezahlen. Im Vergleich mit den Systemen der Fairtrade Labelling Organizations International und Rainforest Alliance wird es von manchen Autoren als das am stärksten marktorientierte eingeschätzt.[6]

Um zertifiziert zu werden, müssen Landwirte nicht von Anfang an alle Kriterien des jeweiligen Verhaltenskodex erfüllen. So müssen zertifizierte Betriebe z. B. erst ab dem dritten Jahr der Zertifizierung sicherstellen, dass ein in Erster Hilfe ausgebildeter Mitarbeiter dort anwesend ist. Auch müssen Produkte mit UTZ-Gütesiegel nicht zu 100 % zertifizierte Rohstoffe enthalten, im Jahr 2013 lag der erforderliche Anteil bei 60 %.[7]

Dokumentation[Bearbeiten]

Um die Nachverfolgbarkeit von UTZ-Certified-Produkten sicherzustellen, müssen zertifizierte Landwirte ihre nach den Standards der Organisation angebauten Produkte lückenlos dokumentieren und von unzertifizierten Produkten zu jedem Zeitpunkt fernhalten. Weitere Dokumentationspflichten betreffen die Einhaltung anderer Standards, z. B. muss eine Liste aller verwendeten und vorgehaltenen Düngemittel geführt werden.

Umwelt[Bearbeiten]

Anstelle fester Umweltstandards verlangt der Verhaltenskodex regelmäßig nur, dass Umweltgesichtspunkte in der Anbauplanung berücksichtigt werden. So sind im Kaffeeanbau außer ungeklärten Abwässern keine Düngemittel ausgeschlossen, die Betriebe müssen jedoch Sachkunde im Umgang mit Dünger nachweisen, einem dokumentierten Düngeplan folgen und die tatsächliche Ausbringung von Dünger dokumentieren.

Die Kodizes schließen die Verwendung genetisch veränderten Saatgutes nicht aus, sondern fordern nur Transparenz gegenüber der Stiftung und Käufern.

Soziales[Bearbeiten]

Die sozialen Kriterien orientieren sich an Konventionen der International Labour Organization. Arbeitern muss gestattet werden, sich gewerkschaftlich zu organisieren und kollektiv Tarife auszuhandeln. Zwangsarbeit und die Beschäftigung von Kindern unter 15 Jahren ist untersagt. Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren dürfen nicht in gefährlichen oder ihrer Gesundheit abträglichen Tätigkeiten eingesetzt werden. Bei der Verwendung gesundheitsschädlicher Pestizide ist Schutzkleidung zur Verfügung zu stellen.

Die „normale“ Gesamtarbeitszeit darf 48 Stunden pro Woche nicht überschreiten. Überstunden müssen vergütet werden, dürfen nicht regelmäßig verlangt werden und 12 Stunden pro Woche nicht übersteigen. Körperstrafen sind verboten.

Örtliche Mindestlöhne sind einzuhalten und gleiche Arbeit gleich zu entgelten. Darüber hinausgehende Anforderungen an die Lohnhöhe gibt es nicht.

Überprüfungen[Bearbeiten]

Um die Einhaltung aller Kriterien sicherzustellen, sieht die Stiftung jährliche Kontrollen durch unabhängige Prüfer vor.

Nachverfolgbarkeit[Bearbeiten]

Produkte mit dem UTZ-Certified-Label sind über ein internet-basiertes System vom Bauern bis zum Produzenten des fertigen Produktes (bei Kaffee der Röster) nachverfolgbar. Dieses Rückverfolgbarkeitssystem wird in Kooperation mit dem Roundtable on Sustainable Palm Oil und der Better Cotton Initiative auch für Palmöl und Baumwolle zur Verfügung gestellt.

Marktwirkungen[Bearbeiten]

Im Jahr 2008 waren nach eigenen Angaben ca. 0,8 % der weltweiten Kaffeeproduktion und 383 Produzenten UTZ-zertifiziert. Die meisten der Produzenten waren in Südamerika ansässig. Der Marktanteil war damit etwas geringer als der von FLO-zertifiziertem Kaffee. UTZ Certified ist weltweit verbreitet. Ein Drittel des in irgendeiner Form als „nachhaltig“ ausgewiesenen Kaffees ist mit dem UTZ Certified Gütesiegel versehen.[8] Im ersten Halbjahr 2012 wurden nach Angaben von UTZ Certified insgesamt 93.703 Tonnen zertifizierter Kaffee, 1.500 Tonnen zertifizierter Tee und 59.800 Tonnen zertifizierter Kakao verkauft.[9]

In Deutschland gibt es seit 2011 UTZ-zertifizierte Produkte auf dem Markt, zum Beispiel Süßwaren, Gebäck und Kaffee. Große Produzenten von Süßwaren und Gebäck sowie Discounter haben für Deutschland und die Schweiz teilweise oder ganz auf UTZ-zertifizierten Kakao und Kaffee umgestellt oder dies angekündigt.[10][11][12]

Kritik[Bearbeiten]

Im Juli 2012 veröffentlichte die Zeitschrift Ökotest einen Artikel, in dem UTZ Certified als „unfair“ deklariert wurde, weil der Standard keine Vorfinanzierung von Saatgut und keine Mindestabnahmepreise vorsieht.[13] Die Stiftung hat eine Antwort auf den Artikel veröffentlicht, in dem sie angibt, dass UTZ Certified keinen fairen Handel zertifiziere und das auch nicht behaupte, ihre Arbeit sich aber insgesamt positiv auf tropische Landwirte auswirke.[14] Zudem teilten bereits im Februar 2011 Fairtrade, die Rainforest Alliance und UTZ Certified in einer gemeinsamen Presseerklärung mit, dass sie trotz unterschiedlicher Standards insgesamt dasselbe Ziel verfolgen, nämlich die Erzeugung und Verarbeitung von Agrarprodukten weltweit zu verändern und nachhaltiger auszurichten.[15] In der investigativen TV-Dokumentation Schmutzige Schokolade II zeigt der Journalist Miki Mistrati, wie auf UTZ-zertifizierten Kakaofarmen an der Elfenbeinküste Kinder aus Burkina Faso arbeiten. Mistrati deutet hierbei an, dass diese Kinder vermutlich an die Elfenbeinküste verschleppt wurden.[16]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Entstehungsgeschichte von UTZ. Utz Certified Foundation, abgerufen am 16. April 2013.
  2.  Jason Potts, Jessica van der Meer, Jaclyn Daitchman, International Institure for Environment and Development (Hrsg.): The State of Sustainability Initiatives Review 2010: Sustainability and Transparency. November 2010.
  3. UTZ Certified Verwaltungsgebühren für Kakaoeinkäufer 2012 (PDF; 185 kB)
  4. UTZ Certified Jahresbericht 2011 (PDF; 1,9 MB)
  5. UTZ Certified. In: label-online. Die Verbraucherinitiative e.V., abgerufen am 16. April 2013.
  6.  Karen Ellis, Jodie Keane: A review of ethical standards and labels: Is there a gap in the market for a new 'Good for Development' label?. 22. Oktober 2009, ISBN 9780850038910 (Zusammenfassung).
  7.  Theresa Zimmermann: Tipps für ein faires Osterfest. In: die tageszeitung. 30. März 2013 (HTML).
  8.  Graeme Auld: Assessing Certification as Governance: Effects and Broader Consequences for Coffee. In: The Journal of Environment & Development. Nr. 19, 2010, doi:10.1177/1070496510368506 (Abstract, HTML).
  9. UTZ Certified Pressemitteilung, 26. Juli 2012
  10. Mario Brück: Balisto-Riegel wird nachhaltig. In: Wirtschaftswoche. 27. Januar 2011, abgerufen am 16. April 2013.
  11. Mario Brück: Gebäckhersteller vermeldet Rekordzahlen. In: Wochenspiegel. 5. April 2013, abgerufen am 16. April 2013.
  12. Lidl führt Kaffee mit dem Siegel von UTZ CERTIFIED ein. news aktuell presseportal, 16. April 2012, abgerufen am 16. April 2013.
  13. Ökotest (27. Juli 2012), Fairer Handel - Unfaire Geschäfte URL abgerufen am 4. Februar 2013.
  14. Antwort von UTZ Certified auf den Ökotest-Artikel vom 27. Juli 2012.
  15. Pressemitteilung der Rainforest Alliance, abgerufen am 9. Januar 2014.
  16. Mistrati, Miki, Schmutzige Schokolade II (TV-Dokumentation), Dänemark 2013