Unterscheidung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nuvola apps korganizer.svg Dieser Artikel wurde in der Qualitätssicherung Philosophie eingetragen. Artikel, die sich als nicht relevant genug herausstellen oder mittelfristig kein hinreichend akzeptables Niveau erreichen, können schließlich auch zur Löschung vorgeschlagen werden. Bitte hilf mit, die inhaltlichen Mängel dieses Artikels zu beseitigen, und beteilige dich bitte an der Diskussion! Bitte entferne diesen Hinweis nicht ohne Absprache!


Die Unterscheidung (distinctio, διάκρισις, διορισμός) ist eine Grundtätigkeit des Denkens. Sie besteht in der „[...] aktiven Feststellung bzw. Klarlegung von Unterschieden, Verschiedenheiten, Andersheiten.“[1] Sie ist eine Voraussetzung der Klassifikation und der Erkenntnis.

Logik[Bearbeiten]

Nach Aristoteles kommt das Unterscheidungsvermögen (κριτικόν) der Seele zu.[2] Es gibt nach Aristoteles quantitative und qualitative Unterscheidungen. [3]

Die Scholastiker, insbesondere die Scotisten, unterscheiden verschiedene Formen:

Eine distinctio realis ist eine begriffliche Unterscheidung, die mit einem sachlichen Unterschied korrespondiert. Eine distinctio rationis ist eine nur eine begriffliche Unterscheidung. Eine distinctio formalis wird durchgeführt, wo es um verschiedene formale Bestimmungen einer Sache geht.[4]

Auf Substanzen und ihre Eigenschaften bezogen bezeichnet der Begriff distinctio realis den Unterschied zwischen zwei unterschiedlichen Substanzen; dagegen bedeutet distinctio modalis einerseits den Unterschied zwischen einer Substanz und ihren Eigenschaften, andererseits den Unterschied zwischen den Eigenschaften einer Substanz.[5]

Erkenntnistheorie[Bearbeiten]

Nach Hume sind alle Vorstellungen ("ideas"), welche verschieden ("different") sind, trennbar ("separable").[6] Die distinction of reason« (gedankliche, begriffliche Unterscheidung) schließt weder eine Verschiedenheit noch eine Trennung ein. Sie beruht auf der Betrachtung eines und desselben nach verschiedenen Gesichtspunkten.[7]

Kant schreibt:

„Es ist ganz was anderes, Dinge voneinander unterscheiden, und den Unterschied der Dinge erkennen. Das letztere ist nur durch Urteilen möglich.« »Logisch unterscheiden heißt erkennen, daß ein A nicht B sei, und ist jederzeit ein verneinendes Urteil. Physisch unterscheiden heißt, durch verschiedene Vorstellungen zu verschiedenen Handlungen getrieben werden.“[8]

Psychophysik[Bearbeiten]

Das Unterscheidungsvermögen, auch als Diskriminationsvermögen bezeichnet, der Sinne ist seit den Pionierarbeiten des Leipziger Physiologen Ernst Heinrich Weber (1795-1878) und des Physikers Gustav Theodor Fechner (1801-1887) häufig untersucht worden.

E. Weber untersuchte mit psychophysikalischen Experimenten das menschliche Unterscheidungsvermögen für Gewichte und entdeckte dabei eine konstante Unterschiedsschwelle auf physikalische Reize:

"Der eben merkliche Unterschied zweier Reize (dS) steht zur absoluten Größe des Standardreizes (S) in konstantem Verhältnis (dS/S=k)"

Fechner fand für alle Sinnesqualitäten eine logarithmische Abhängigkeit der Empfindungsintensität von der Reizstärke.

Die Neurophysiologen des 20. Jahrhunderts entdeckten ein weiteres Grundphänomen der Wahrnehmung, das zur Bildung von geistigen Grenzen führt, in der Kontrastbildung. Eine automatisch-physiologische Kontrastbildung (=Grenzbildung) ist in allen Sinnesbereichen nachweisbar. Sie beruht auf einer besonderen Verschaltung innerhalb der Leitungsbahnen (Konvergenz - Divergenz), die von den Sinnesorganen zum Gehirn ziehen (Laterale Hemmung). Dieses Prinzip ist in allen Ebenen des Nervensystems wirksam, auch in der Großhirnrinde.

Radikaler Konstruktivismus[Bearbeiten]

Eine besondere Bedeutung hat die Unterscheidung in einer Forschungsrichtung, die als Radikaler Konstruktivismus bezeichnet wird. Diese Forschungsrichtung geht davon aus, dass sich uns Gegenstände nicht von selbst zeigen und dass wir Unterschiede wie zum Beispiel Farben und Formen nicht unmittelbar und ohne eigenes Zutun mit den Sinnesorganen erfassen. Alle Gegenstände und alle ihre Qualitäten entstehen allein, weil wir selbst die Unterscheidungen treffen.

Systemtheorie[Bearbeiten]

Niklas Luhmann stellt in seiner Systemtheorie die Unterscheidung ins Zentrum erkenntnistheoretischer Überlegungen. Luhmann stützt sich dabei auf die "Laws of Form" des Mathematikers George Spencer-Brown, der in seinem logischen Kalkül die Unterscheidung als Basis der Logik postuliert.

Siehe auch Differenz (Systemtheorie)

Derrida[Bearbeiten]

Siehe Différance.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Dritter Band Sci - Z. Berlin: Mittler 1910 (3. Aufl.), 1593
  2. Aristoteles: De anima III 9, 432 a 16.
  3. Aristoteles, Metaphysik V 9, 1018 a 12
  4. Peckhaus, Volker, distinctio, in: Mittelstraß (Hrsg.), Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 2. Aufl. 2005, S. 236f.
  5. Descartes, René: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Meiner 1993, Anm. S. 5.
  6. Hume, David: Treatise of Human Understanding. In: The philosophical works. Bd. 1. Edinburgh 1826, 43
  7. Hume, David: Treatise of Human Understanding. In: The philosophical works. Bd. 1. Edinburgh 1826, 43 f.
  8. Kant, Immanuel: Von der falschen Spitzfindigkeit, § 6

Literatur[Bearbeiten]

  • Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Dritter Band Sci - Z. Berlin: Mittler 1910 (3. Aufl.), 1593 - 1596

Siehe auch[Bearbeiten]