Vizekanzler (Österreich)

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Vizekanzler
Bundeskanzleramt (Österreich) logo.svg Im Amt:
Reinhold Mitterlehner (ÖVP), Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft
Im Amt: Reinhold Mitterlehner (ÖVP), Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft
Stellung Stellvertreter des Bundeskanzlers (des Regierungschefs) der Republik Österreich
Staatsgewalt Exekutive
Gründung 1. Oktober 1920 (Bundes-Verfassungsgesetz), in Kraft getreten 10. November 1920
Sitz Wenn nicht gleichzeitig Minister: Bundeskanzleramt; derzeit BMWFW
Bestandsgarantie Art. 69 Abs 2 B-VG
Website [1]

Der Vizekanzler der Republik Österreich vertritt den Bundeskanzler während dessen Abwesenheit. In Koalitionsregierungen erhob die mandatsschwächere Partei zumeist Anspruch auf die Funktion des Vizekanzlers.

Zum Amt[Bearbeiten]

Vizekanzler nach der Bundesverfassung[Bearbeiten]

Die Vertretungsbefugnis des Vizekanzlers wird seit 10. November 1920 durch die österreichische Bundesverfassung in Art. 69 Abs. 2 des Bundes-Verfassungsgesetzes (B-VG) geregelt:

Der Vizekanzler ist zur Vertretung des Bundeskanzlers in dessen gesamtem Wirkungsbereich berufen. Sind der Bundeskanzler und der Vizekanzler gleichzeitig verhindert, so wird der Bundeskanzler durch das dienstälteste, bei gleichem Dienstalter durch das an Jahren älteste, nicht verhinderte Mitglied der Bundesregierung vertreten.

Der Vizekanzler ist, wie der Bundeskanzler, den anderen Bundesministern rechtlich gleichgestellt beziehungsweise einer der ihren.[1]

Schon in der Ersten Republik und in den ersten 25 Jahren der Zweiten Republik haben die jeweiligen Vizekanzler oft gleichzeitig Ministerien geleitet, so z. B. Ferdinand Hanusch das Sozialressort, Johann Schober das Innenministerium, Carl Vaugoin das Heeresressort und Fritz Bock das Handelsministerium. War dies in den Jahren der „großen Koalition“ nicht der Fall, leitete der Vizekanzler Teile des Bundeskanzleramts. Seit 1991 war jeder Vizekanzler gleichzeitig Ressortchef.

Vizekanzler vor der Bundesverfassung[Bearbeiten]

1918 bestand in der Staatsregierung Renner I, der ersten des neuen Staates, keine Vertretung für den Staatskanzler, da dieser anfangs als Hilfsorgan für das dreiköpfige Staatsratspräsidium fungierte; die drei Präsidenten wechselten einander wöchentlich ab, je einer führte im Haus (= Provisorische Nationalversammlung), im Rat (= Staatsrat) und im Kabinett (= Staatsregierung) den Vorsitz.

Für die Staatsregierungen Renner II und III sowie Mayr I, 1919/20, wurde von der Nationalversammlung, ihrem Gesetz über die Staatsregierung vom 14. März 1919 folgend,[2] jeweils auch ein Vizekanzler gewählt; er konnte gleichzeitig Leiter eines Ressorts sein.

In der Provisorischen Staatsregierung Renner 1945, die ohne Parlament und vor Wiederinkraftsetzung der Bundesverfassung agierte, wurde der Staatskanzler von den drei politischen, der Staatskanzlei zugeordneten Staatssekretären (so wurden in diesen Regierungen die Minister bezeichnet) vertreten; je einer kam von ÖVP, SPÖ und KPÖ. Der Titel Vizekanzler bestand hier nicht. Johann Koplenig, 1945 KPÖ-Staatssekretär im Politischen Kabinettsrat, soll sich dennoch rückblickend als ehemaligen Vizekanzler bezeichnet haben.

Vizekanzler der Republik Österreich[Bearbeiten]

Erste Republik[Bearbeiten]

von bis Tage Name Partei Anmerkung
15.03.1919 26.04.1920 0408 Jodok Fink CS Vizekanzler der Staatsregierung
07.07.1920 22.10.1920 0107 Ferdinand Hanusch SDAPÖ Staatssekretär und „Stellvertreter im Vorsitze im Kabinett“
22.10.1920 20.11.1920 0029 Eduard Heinl CS Staatssekretär und „Stellvertreter im Vorsitze im Kabinett“
20.11.1920 31.05.1922 0557 Walter Breisky CS
31.05.1922 20.11.1924 0904 Felix Frank GDVP
20.11.1924 20.10.1926 0699 Leopold Waber GDVP
20.10.1926 19.05.1927 0211 Franz Dinghofer GDVP
19.05.1927 04.05.1929 0716 Karl Hartleb Landbund
04.05.1929 26.09.1929 0145 Vinzenz Schumy Landbund
26.09.1929 30.09.1930 0369 Carl Vaugoin CS
30.09.1930 04.12.1930 0065 Richard Schmitz CS
04.12.1930 29.01.1932 0421 Johann Schober CS
29.01.1932 21.09.1933 0601 Franz Winkler Landbund seit 5. März 1933 ohne Kontrolle durch den Nationalrat
21.09.1933 01.05.1934 0222 Emil Fey Heimatblock ohne Kontrolle durch den Nationalrat, seit 12. Februar 1934 Diktatur (Ständestaat)
01.05.1934 14.05.1936 0421 Ernst Rüdiger Starhemberg Heimatblock Diktatur (Ständestaat)
14.05.1936 03.11.1936 0173 Eduard Baar-Baarenfels Heimatblock Diktatur (Ständestaat)
03.11.1936 11.03.1938 0493 Ludwig Hülgerth VF Diktatur (Ständestaat)
11.03.1938 13.03.1938 0002 Edmund Glaise-Horstenau NSDAP Diktatur („Anschluss“)

Zweite Republik[Bearbeiten]

von bis Tage Name Partei Anmerkung
27.04.1945 20.12.1945 0237 Leopold Figl
Johann Koplenig
Adolf Schärf
ÖVP
KPÖ
SPÖ
Staatssekretäre[3] ohne Portefeuille
im politischen Kabinettsrat der Provisorischen Staatsregierung von Staatskanzler Karl Renner (Renner IV)
20.12.1945 22.05.1957 3936 (4171) Adolf Schärf SPÖ
22.05.1957 19.04.1966 3254 Bruno Pittermann SPÖ ab 29. Juli 1959 betraut mit der Leitung der Agenden des Bundeskanzleramtes -
Verstaatlichte Unternehmungen (Sektion IV)
19.04.1966 19.01.1968 0640 Fritz Bock ÖVP Betraut mit der Leitung des Bundesministeriums für Handel, Gewerbe und Industrie
19.01.1968 21.04.1970 0523 Hermann Withalm ÖVP kein Ministeramt, Obmann des ÖVP-Parlamentsklubs
21.04.1970 30.09.1976 2354 Rudolf Häuser SPÖ Bundesminister für soziale Verwaltung
01.10.1976 20.01.1981 1572 Hannes Androsch SPÖ Bundesminister für Finanzen
20.01.1981 24.05.1983 0854 Fred Sinowatz SPÖ Bundesminister für Unterricht und Kunst
24.05.1983 21.01.1987 1338 Norbert Steger FPÖ Bundesminister für Handel, Gewerbe und Industrie
21.01.1987 24.04.1989 0824 Alois Mock ÖVP Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten
24.04.1989 02.07.1991 0799 Josef Riegler ÖVP Bundesminister für Föderalismus und Verwaltungsreform
02.07.1991 04.05.1995 1402 Erhard Busek ÖVP bis 1994: Bundesminister für Wissenschaft und Forschung
ab 1994: Bundesminister für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten
04.05.1995 04.02.2000 1737 Wolfgang Schüssel ÖVP Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten
04.02.2000 28.02.2003 1120 Susanne Riess-Passer FPÖ Bundesministerin für öffentliche Leistung und Sport
28.02.2003 21.10.2003 0235 Herbert Haupt FPÖ Bundesminister für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz
21.10.2003 11.01.2007 1178 Hubert Gorbach FPÖ/BZÖ1) Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie
1)bis 5. April 2005 FPÖ, ab 6. April 2005 BZÖ
11.01.2007 02.12.2008 0691 Wilhelm Molterer ÖVP Bundesminister für Finanzen
02.12.2008 21.04.2011 0870 Josef Pröll ÖVP Bundesminister für Finanzen
21.04.2011 01.09.2014 1230 Michael Spindelegger ÖVP bis 16. Dez. 2013: Bundesminister für europäische und internationale Angelegenheiten
ab 16. Dez. 2013: Bundesminister für Finanzen
01.09.2014 Reinhold Mitterlehner ÖVP Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft

Zeitleiste der Vizekanzler (seit 1945)[Bearbeiten]

Reinhold Mitterlehner Michael Spindelegger Josef Pröll Wilhelm Molterer Hubert Gorbach Hubert Gorbach Herbert Haupt Susanne Riess-Passer Wolfgang Schüssel Erhard Busek Josef Riegler Alois Mock Norbert Steger Fred Sinowatz Hannes Androsch Rudolf Häuser Hermann Withalm Fritz Bock Bruno Pittermann Adolf Schärf

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dies gilt, obwohl in der Bundesverfassung, Art. 19 Abs 1 B-VG diese beiden Regierungsämter nicht eigens genannt sind: „Die obersten Organe der Vollziehung sind der Bundespräsident, die Bundesminister und Staatssekretäre sowie die Mitglieder der Landesregierungen.“
  2. StGBl. Nr. 180 / 1919, (= S. 407 ff.)
  3. Bis 20. Dezember 1945 wurden die Ressortchefs als Staatssekretäre bezeichnet, die heutigen Staatssekretäre als Unterstaatssekretäre