Waldbrüder

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für Waldbrüder im Sinne einer mönchsartigen Einsiedelei siehe Einsiedelei
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Die Waldbrüder (estnisch metsavennad, lettisch meža brāļi, litauisch miško broliai) waren estnische, lettische und litauische Widerstandskämpfer, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Partisanen oder Guerilleros gegen den Einmarsch und die Besetzung ihrer Länder durch die Sowjetunion kämpften. Der Name Waldbrüder wurde bereits von Partisanen während der russischen Revolution von 1905 verwendet.

Okkupation

Die Sowjetunion hatte 1940 nach manipulierten Volksabstimmungen die zuvor unabhängigen Länder Estland, Lettland und Litauen annektiert. Nach einer zwischenzeitlichen Besetzung durch Deutschland (1941–1944/45) wurde die sowjetische Herrschaft wiederhergestellt. Während der folgenden Jahre verschärften sich stalinistische Unterdrückungsmaßnahmen und veranlassten mehr als 100.000 Bewohner dieser Länder, sich vor den Behörden zu verstecken, indem sie die oftmals bewaldeten oder sumpfigen abgelegenen Landesteile als natürlichen Schutzraum und Basis für den bewaffneten Widerstand gegen die Rote Armee nutzten.

Ausmaß und Art dieses Widerstands waren verschieden. Es gab sowohl unabhängig operierende Partisanen, die hauptsächlich zu ihrem eigenen Schutz handelten, wie auch große und gut organisierte Gruppen, die mehr oder weniger in der Lage waren, den Kampf mit sowjetischen Garnisonen aufzunehmen.

Logistische Unterstützung

In den späten 1940ern und frühen 1950ern wurden viele der Waldbrüder durch Nachschub, Verbindungsoffiziere und Koordinationsmaßnahmen vom britischen MI6, amerikanischen CIA und dem schwedischen Geheimdienst logistisch unterstützt. Diese Unterstützung war in den ersten Jahren für die baltische Widerstandsbewegung bestimmend. Sie ließ jedoch merklich nach, nachdem die sogenannte „Operation Jungle“ des MI6 durch Kim Philby und andere Spione in Großbritannien an die Sowjets verraten worden war, deren Informationen es dem KGB ermöglichten, viele baltische Partisaneneinheiten zu identifizieren, zu unterwandern und auszuschalten und so andere Waldbrüder von den Kontakten zu westlichen Geheimdiensten abzuschneiden.

Opfer und Erfolge, Kollaborateure und Banditen

Der Kampf zwischen den bewaffneten sowjetischen Kräften und den Waldbrüdern dauerte mehr als ein Jahrzehnt und kostete mindestens 50.000 Menschenleben. Der Widerstand war im südlichen Litauen (Dzūkija) am besten organisiert, wo Partisanengruppen bis 1949 größere Gebiete des ländlichen Raumes kontrollieren konnten. In den Städten hatten die Waldbrüder weder Einfluss noch nennenswerten Rückhalt.

Auch wenn sie sich nicht in direkte Kampfhandlungen mit der Armee oder besonderen KGB-Einheiten verwickeln ließen, verursachten sie nennenswerte Verluste und Schäden, indem sie beispielsweise sowjetische Militärstreifen aus dem Hinterhalt angriffen, die Stromversorgung unterbrachen und lokale kommunistische Parteikader, Personen, die der Kollektivierung, dem Komsomol oder der Partei nahestanden, umbrachten, mitunter auch deren Angehörige.

Die Abgrenzung zum Terrorismus fällt im Einzelfall schwer, da vielfach auch die Zivilbevölkerung auf dem Lande terrorisiert wurde. Die Versorgung mit Nahrung und Kleidung erfolgte meist gewaltsam. Als Gegenmacht gegen die als Banditen bezeichneten Waldbrüder wurden die sogenannten Stribai (nach russisch Istrebitel') installiert, die mit ähnlichen Mitteln gegenüber den Angehörigen von Partisanen oder Verdächtigen agierten. Erpressung und Denunziation waren in beide Richtungen an der Tagesordnung. Erschossene Zivilisten wurden als Banditen ausgegeben, deren Tötung von der Staatsmacht belohnt wurde.

Auf diese Weise behinderten Waldbrüder die neuen kommunistischen Behörden an der Festigung der sowjetischen Herrschaft über die besetzten baltischen Länder.

Hoffnungen

Angetrieben wurden viele der Waldbrüder von der Hoffnung auf einen Krieg zwischen der Sowjetunion und dem Westen, der früher oder später ausbrechen und zur Befreiung ihrer Heimatländer führen werde. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht und Mart Laar, dem Ministerpräsidenten von Estland (1992-1994, 1999-2002) und Autor eines Buches über den Widerstand nach dem Krieg, zufolge empfinden viele der überlebenden ehemaligen Waldbrüder immer noch Bitterkeit darüber, dass der Westen die militärische Konfrontation mit den Sowjets gescheut hat.

In den frühen 1950ern hatten die sowjetischen Truppen eindeutig die Oberhand im Kampf mit den Waldbrüdern gewonnen. Geheimdienstwissen, welches sowjetische Spione im Westen und KGB-Agenten innerhalb der Widerstandsbewegung zusammengetragen hatten, führte 1952 zu „Säuberungsaktionen“ im großen Maßstab und zur Ausschaltung der meisten übriggebliebenen Partisanengruppen.

Das Ende des Widerstands

Viele der verbliebenen Waldbrüder legten 1953 ihre Waffen nieder, als ihnen nach dem Tod Josef Stalins von den Behörden eine Amnestie gewährt wurde. Einzelne unabhängige Partisanen konnten bis in die 1970er Jahre untergetaucht bleiben und ihrer Gefangennahme entgehen.

Erst 1978 kam der vermutlich letzte estnische Waldbruder August Sabbe (1. September 1909 – 27. September 1978) beim Versuch zweier KGB-Agenten, ihn zu verhaften, ums Leben.

Erinnerungskultur

Veteranen der Waldbrüder bei einer Gedenkveranstaltung
An der Mauer der ehemaligen KGB-Zentrale in Vilnius stehen auf jedem Stein der Name und die Lebensdaten von Nationalpartisanen, die hier erschossen wurden.

Nach der „Singenden Revolution“ und der darauf folgenden Unabhängigkeit der baltischen Länder von der Sowjetunion werden die Partisanen in der dortigen Erinnerungskultur hauptsächlich als Helden gefeiert. Eine kritische Aufarbeitung, wie sie für die Résistance erfolgte, fehlt bisher. Das liegt einerseits an nationalistischen Motiven und andererseits daran, dass hauptsächlich Bewohner ländlicher Regionen, deren Stimme in den Medien wenig Gehör findet, unter den Waldbrüdern zu leiden hatten. Die Dokumentation über die Tätigkeit der Waldbrüder wird zur Zeit gesammelt und systematisiert, in Litauen beispielsweise durch das Zentrum zur Erforschung von Genozid und Widerstand und Vereine der noch lebenden Partisanen und ihrer Vertreter.

Literatur

Weblinks