Waldo Frank

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Waldo Frank

Waldo David Frank (* 25. August 1889 in Long Branch, New Jersey; † 9. Januar 1967 in White Plains, New York) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Soziologe jüdischer Herkunft. Während er mit erzählender Prosa scheiterte, nahm er als Essayist manche Erkenntnisse von Kultur- und Technikkritikern wie D. H. Lawrence, Lewis Mumford und Herbert Marcuse vorweg.[1] Einst zu den herausragenden Intellektuellen Nordamerikas gezählt, geriet er nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. Lediglich in Lateinamerika werden seine Bücher heute noch gelesen.[2]

Leben und Werk[Bearbeiten]

Franks Eltern sind wohlhabend genug, um ihren ungewöhnlich intelligenten und belesenen Sohn, nach einigen Jahren Highschool, auf ein Internat in Lausanne/Schweiz zu schicken. Er beendet seine Ausbildung 1911 mit einem M.A. in Yale. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften, darunter Seven Art; ab 1925 auch für die New Republic und den New Yorker. Sein Romandebüt gibt er 1917 mit The Unwelcome Man, dessen „Held“ vom Selbstmord Abstand nimmt, als ihm aufgeht, in geistiger Hinsicht sei er ja bereits tot. Der Erstling verrät Einflüsse von Whitman und Emerson. Franks Weltsicht braut sich in einem Tiegel aus Freud, Marx, Spinoza, fernöstlicher Mystik und nordamerikanischem Transzendentalismus zusammen. „Er ist überzeugt, viele irdische Probleme lösten sich, wenn jeder Einzelne zu einer Übereinstimmung mit dem Kosmos fände.“[2] Zur Kennzeichnung dieses eher vagen Rettungsplanes habe Frank, schreibt Edward Paynter, ausdrücklich den Begriff Unanismus des französischen Schriftstellers Jules Romains entlehnt.[1]

Nachdem er mit mehreren Romanen wenig Beachtung gefunden hat, wendet sich Frank um 1925 von der Belletristik ab, um sie erst in den 1950er Jahren wieder aufzugreifen, aber auch dann mit dürftigem Echo. Neben Artikeln schreibt er jetzt Studien und Reiseschilderungen. Für Paynter ist das erzählerische Scheitern bei einem „unanimistischen“ Konzept notwendig programmiert, da dann die (schablonenhaften) Individuen lediglich als Erfüllungsgehilfen jener sozialen oder gar kosmischen Wesenheiten fungierten, die in unanimistischer Sicht das organische Leben ausmachten. Das Konzept tauge vielleicht für prophetische Gedichte; den Romancier verurteile es jedoch zur Serienproduktion fragwürdiger philosophischer Räuberpistolen („philosophically dubious potboilers“). Dagegen habe es Franks essayistisches Schreiben kaum beeinträchtigen können. Franks durchaus bemerkenswerten „histories“ kreisten durchweg um die Frage, ob Amerika (oder „der Westen“) die geeignete Bühne sei, sich der schlechten Mitgift der Geschichte zu entledigen. Es geht Frank vor allem um die Überwindung der Vergöttlichung der Maschine und deren entfremdenden und auch sonst verheerenden Auswirkungen. Er sieht den betäubenden Rhythmus „der Maschine“ selbst in Baseball und Jazz verkörpert. Setzt er eher auf Indianer und Neger, übersieht er, dass sie gleichfalls gern frenetisch tanzen. Allerdings wimmelten seine Betrachtungen des „industriellen Dschungels“ von Widersprüchen, meint Paynter. Das sei wenig erstaunlich angesichts der widerstreitenden Tendenzen, die den Autor gebeutelt hätten: gegen die Welt, mit ihr kämpfend; weg von der Welt, in geistige Regionen flüchtend.[1]

Kleine Maschinen, großer Ruhm[Bearbeiten]

Franks Untersuchung spanischer Kultur Virgian Spain von 1926 bringt ihm zumindest in Lateinamerika viel Beifall ein.[3] Um 1930 lernt Frank das südliche Amerika auch leibhaftig, als Reisender kennen, zudem die Sowjetunion, was entsprechende Veröffentlichungen nach sich zieht. In diesen Jahren ist er verstärkt politisch aktiv; er beteiligt sich an diversen Protestveranstaltungen und Konferenzen, verständigt sich mit prominenten Kollegen wie Sherwood Anderson und Theodore Dreiser, unterstützt Parlamentskanidaten der Kommunistischen Partei.[1] Auf einer erneuten Lateinamerikareise, bei der Frank gutbesuchte Vorträge hält, macht er in Argentinien den Fehler, den nazifreundlichen Regierungskurs zu kritisieren, worauf er zur unerwünschten Person erklärt wird.[4] Diese Reise krönt er mit den Büchern South America Journey (1943) und Simon Bolivar (1951). Gleichwohl verbeißt er sich anschließend, wie bereits erwähnt, wieder (erfolglos) in die Belletristik. Für seine beiden letzten Romanmanuskripte findet er keinen Verleger. Als er (1967) mit 77 stirbt, ist Frank schon nahezu vergessen.[2]

Frank hinterließ einen Sohn aus erster Ehe (1916-1924) mit Margaret Naumburg und zwei weitere Kinder aus einer zweiten Ehe mit Alma Magoon (ab 1927). Er war befreundet mit den Schriftstellern Jean Toomer und Hart Crane. Paynter schildert den mystisch gestimmten Kulturkritiker Frank als humorlosen, dabei ausgesprochen egoistischen und geltungssüchtigen Mann, der sich nach Ruhm verzehrt habe. Zwar habe sich der 70-Jährige, auf seine ihn bitter enttäuschende „Karriere“ zurückblickend, gewissenhaft bemüht, den Gründen seines Scheiterns nachzuspüren; gleichwohl seien noch seine (erst posthum veröffentlichten) Erinnerungen mit pathetischen Selbsttäuschungen, Zitaten aus verstaubten Pressemappen und übertriebenen Behauptungen von seiner Bedeutung gespickt. Bis zum Ende sei Größe Franks „schrecklichstes Rauschmittel“ gewesen.[1]

Werke[Bearbeiten]

  • The Unwelcome Man, Roman, 1917
  • Our America, Essays, 1919
  • The Dark Mother, Roman, 1920[5]
  • City Block, Roman, 1922[6]
  • Rahab, Roman, 1922
  • Holiday, Roman, 1923[7]
  • Chalk Face, Roman, 1924
  • Virgin Spain: Scenes from the Spiritual Drama of a Great People, 1926
  • The Re-discovery of America: An Introduction to a philosophy of American Life, 1929
  • America Hispana: A Portrait and a Prospect, 1931[8]
  • Dawn in Russia: The Record of a Journey (Morgendämmerung/Morgenrot in Rußland), 1932
  • The Death and Birth of David Markand, Roman, 1934
  • In the American jungle, 1937
  • The bridegroom cometh, 1939
  • South American Journey, 1943, deutsch Südamerikanische Reise, München 1951
  • The Jew in Our Day, London 1944
  • The invaders, 1948
  • Birth of a World: Simon Bolivar in Terms of his Peoples, 1951
  • Re-discovery of Man, 1953[9]
  • Bridgehead: The Drama of Israel, 1957
  • The Prophetic Island: A Portrait of Cuba, 1961[10]
  • Memoirs, 1973 posthum

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul J. Carter: Waldo Frank, Rowman & Littlefield Pub Inc, New York 1967
  • Waldo Frank's Crusade for Latin America Literature, in: The Americas 46, 1. Juli 1989
  • Casey Nelson Blake: Beloved Community: The Cultural Criticism of Randolph Bourne, Van Wyck Brooks, Waldo Frank, and Lewis Mumford, University Of North Carolina Press, 1990
  • Michael A. Ogorzaly: Waldo Frank: Prophet of Hispanic Regeneration, Bucknell University Press / USA, 1994
  • Sebastiaan Faber: Learning from the Latins: Waldo Frank's Progressive Pan-Americanism, in: CR: The New Centennial Review, Volume 3, Nummer 1, Frühjahr 2003, Seite 257-295

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Edward Paynter, abgerufen am 25. Juli 2011
  2. a b c Uni Delaware, abgerufen am 25. Juli 2011
  3. Dagegen sei sie von Ernest Hemingway in Death in the Afternoon (1932) verhöhnt worden, ist in der englischen Wikipedia zu lesen, siehe WP en, abgerufen am 25. Juli 2011
  4. Frank A. Ninkovich: The diplomacy of ideas: U.S. foreign policy and cultural relations, 1938-1950, Cambridge University Press, 1981, Seite 44
  5. Schwarzer Jugendlicher vom Lande trifft, nach dem Tod seiner Mutter, im Zug nach New York homosexuellen Rechtsanwalt. Vor allem diskutieren sie.
  6. Aus der zeitgenössischen New Yorker Szene freidenkerischer und freizügiger Künstler. Für Paynters der „Höhepunkt“ des (verfehlten) unanimistischen Romankonzepts.
  7. Ein Fall von Lynchjustiz gegen Schwarze in den Südstaaten. Der Stil des Romans sei „modern“ und „experimentell“, meint die Uni Illinois, abgerufen am 25. Juli 2011
  8. Zeitgenössische Buchvorstellung durch Hermann Keyserling (1932), abgerufen am 25. Juli 2011
  9. Paynters sieht Parallelen zu Herbert Marcuses Eindimensionalem Menschen von 1960
  10. Für Paynters Franks schönstes Buch

Weblinks[Bearbeiten]