Wilhelm Belibaste

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Wilhelm Belibaste, lat. Guilielmus Belibasta, okz. Guilhèm Belibaste, frz. Guillaume Bélibaste, (* um 1280 in Cubières-sur-Cinoble; † 1321 in Villerouge-Termenès) war der letzte „Perfekte“ (Wanderasket) der südfranzösischen Katharer und starb auf dem Scheiterhaufen.

Leben[Bearbeiten]

Belibaste entstammte einer wohlhabenden Bauernfamilie, deren Mitglieder alle Anhänger der Katharer waren. Um 1305 tötete er bei einem Streit den Hirten Bartholomeus Garnerii (Barthélémy Garnier) aus Villerouge (Vilaroja). Er wurde als Mörder erkannt und vom Vogt des Erzbischofs von Narbonne zum Tode verurteilt, konnte aber fliehen und ließ Frau und Kind zurück, die beide wenige Jahre später (vor 1311) verstarben. Der Besitz der Familie war vermutlich wegen Häresie eingezogen worden.

Wilhelm schloss sich den umherwandernden katharischen Asketen an. Seine Ausbildung erhielt er von den Brüdern Peter und Wilhelm Auterii (Pèire / Pierre bzw. Guilhèm / Guillaume Autier),[1] die als Perfecti[2] seit den 1290er Jahren die Reorganisation der katharischen Kirche im Untergrund betrieben und vor allem in schwer zugänglichen Gebieten im Süden des Languedoc Unterschlupf bei Unterstützern fanden. Auch den Perfectus Raimund (Raimon / Raymond) aus Castelnau hat Belibaste auf Reisen begleitet. Er selbst wurde in Rabastens von Philipp von Alayracho (Felip d'Alairac / Philippe d'Alayrac) zum Perfectus rezipiert („Rezeption“ wird der Empfang des auch als Consolamentum oder „Seelentaufe“ bezeichneten katharischen Reinheitssakraments genannt, der einen Lebenswandel in vollkommener Reinheit ohne Geschlechtsverkehr, Fleischgenuss, Lügen und Schwören erforderte, woran sich Belibaste allerdings nachweislich vor allem in späterer Zeit nicht immer hielt).

Im Frühjahr und Sommer 1309 fanden an zahlreichen Orten im Languedoc Razzien statt, bei denen Verstecke entdeckt und viele Anhänger der Häretiker eingekerkert, verhört, enteignet und zu unterschiedlichen Strafen verurteilt wurden. Im Zuge der anschließenden Fahndungen wurden fast alle verbliebenen Katharerasketen verraten und aufgegriffen.[3] Auch Philipp von Alayracho und Wilhelm Belibaste wurden gefangen genommen und in das „Mur“, das Inquisitionsgefängnis von Carcassonne, eingesperrt, aus dem ihnen jedoch Ende März die Flucht gelang. Sie setzten sich nach Katalonien ab. Am 10. August 1309 rief Bernard Gui, der Inquisitor von Toulouse, eine Suchaktion nach Peter Auterii aus, dem Führer und Ältesten (ancianus) der im Languedoc tätigen Perfecti. Es kam erneut zu Massenverhaftungen, unter anderem in dem abgelegenen Bergdorf Montaillou, wo sich die Asketen bei bestimmten Familien häufig versteckt gehalten hatten. Schon wenige Tage nach dem Aufruf wurde Peter Auterii gefasst und am 9. April 1310 in Toulouse verbrannt. Ebenfalls im August 1309 wurde Philipp von Alayracho auf dem Weg ins Donnezan erneut verhaftet und bald darauf hingerichtet. Erst im Verlauf des Jahres 1311 wurde dagegen der bis dahin noch flüchtige Wilhelm Auterii gefasst; er starb 1312 auf dem Scheiterhaufen.

Wilhelm Belibaste hielt sich unterdessen weiterhin in Spanien versteckt und ließ sich nach verschiedenen Ortswechseln 1314 im Königreich Valencia in Morella und einige Zeit später in dem nahe gelegenen Ort San Mateu nieder, wo es eine kleine Exilgemeinde okzitanischer Katharer gab. Zur besseren Tarnung führte er möglicherweise einen falschen Namen. Er übte das Handwerk des Wollkammmachers aus und unterhielt dazu eine eigene Werkstatt. Gelegentlich verdingte er sich auch als Lohnschäfer. Über reisende Hirten und Handwerker gab es vereinzelte Kontakte der exilierten Okzitanier mit im Stammland verbliebenen oder an anderen Orten untergekommenen Verwandten und katharischen Gläubigen. Äußerlich passte man sich an die Lebensgewohnheiten und religiösen Riten der Umgebung an. So holte Belibaste beim Tod eines anderen Perfectus auf einer Wanderung einen Priester, trug bei der Beerdigung den Weihwasserkessel und empfing anschließend die Hostie. Die kirchlichen und weltlichen Behörden in der Krone Aragon betrieben die Ketzerverfolgung zu dieser Zeit nur inkonsequent und ließen die Gemeinde der südfranzösischen Exilanten weitgehend unbehelligt.

In diesen Jahren lebte Belibaste mit der ebenfalls aus Okzitanien stammenden Ramunda Piquerii (Raimonda Piquer / Raymonde Piquier) und ihrer Tochter zusammen, die seinen Haushalt führten. Nach außen hin gab er Ramunda als seine Frau aus, um in der katholischen Umwelt nicht als häretischer Asket aufzufallen. Offenbar weil sie von ihm schwanger werden könnte, verheiratete er sie im Winter 1319/20 kurzzeitig mit dem katharischen Hirten Peter Maurini (Pèire Maurin / Pierre Maury), der ebenfalls im katalanischen Exil lebte, um auf diese Weise den Bruch seiner Keuschheitsverpflichtung vor den katharischen Gläubigen zu verbergen, da damit seine Stellung als Perfectus zunichtegemacht war, sodass er das katharische Sterbesakrament (Consolamentum) nicht mehr gültig spenden konnte. Vermutlich aus Eifersucht hob er diese „Ehe“ seiner Gefährtin allerdings wenige Tage nach dem Vollzug wieder auf. Ende Oktober 1320 gebar Ramunda in Morella einen Sohn, für dessen Vater sich Peter Maurini hielt, der aber wahrscheinlich von Belibaste abstammte. Das Weihnachtsfest 1320 verbrachte er zusammen mit dem Hirten Peter Maurini und einem gemeinsamen Bekannten, dem Schuster Arnald Cicredi (Arnaut / Arnaud Sicre), der aus Katharerkreisen in Okzitanien stammte und sich in Morella niedergelassen hatte. Insgeheim war Arnald allerdings ein Familiare (Dienstmann) des Bischofs von Pamiers und suchte in dessen Auftrag (offenbar motiviert durch die Hoffnung auf Rückgabe der konfiszierten Güter seiner 1309 als Ketzerin verbrannten Mutter) seit 1318 als Spitzel im aragonesischen Herrschaftsgebiet nach entwichenen Ketzern. Arnald hatte zuvor auch den Ketzerprediger Raimund von Castelnau eine Zeitlang begleitet und dann an die Inquisition verraten.[4]

Im Frühjahr 1321 ließ sich Belibaste von diesem Bekannten zu einer Reise in die Grafschaft Foix überreden, wo er angeblich einen Perfectus treffen könnte, um sich erneut rezipieren und seinen „reinen“ Zustand als katharischer Geistlicher wiederherstellen zu lassen. Zwar hatte Belibaste Zweifel, ob er Arnald trauen und das Wagnis eingehen sollte, aber obwohl ein von ihm befragter Wahrsager von der Unternehmung abriet, willigte er schließlich ein und trat die Reise nach Norden an. Im Territorium des Grafen von Foix verriet ihn der Spitzel jedoch an die Behörden, die beide zunächst im Turm der Burg von Castellbò bei Urgel festsetzten und anschließend an die Inquisition in Carcassonne auslieferten. In der Gefangenschaft schlug Wilhelm seinem Begleiter einen gemeinschaftlichen Selbstmord vor, wie dieser später berichtete, obwohl beide wussten, dass er das katharische Reinigungssakrament aufgrund seines Lebenswandels nicht gültig spenden konnte. Möglicherweise spekulierte er bei diesem für Katharer ungewöhnlichen Vorschlag darauf, dass Arnald sich dieser Lage nicht voll bewusst war. Wilhelm Belibaste wurde abgeurteilt und im Herbst desselben Jahres in Villerouge in Anwesenheit des Erzbischofs von Narbonne auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dass die Wahl des Hinrichtungsortes auf die Burg von Villerouge – Vogteisitz und Nebenresidenz des Erzbischofs – fiel, dürfte mit den in seinem Heimatbistum Narbonne gegen Wilhelm Belibaste verhängten Strafen wegen früherer Taten zusammenhängen, zumal das Opfer des von ihm begangenen Tötungsdelikts aus diesem Ort stammte.

Belibaste war der letzte katharische Asket, der im Languedoc hingerichtet wurde. Bei der Nachricht von seiner Ergreifung verließen die katharischen Exilanten in Katalonien und Valencia fluchtartig ihre Wohnsitze und tauchten andernorts unter. Ohne Perfecti, die als Wanderprediger den Gläubigen das nach katharischem Glauben für die Erlösung der Seele notwendige Consolamentum spendeten, war die katharische Religion in Okzitanien nicht überlebensfähig und starb in den folgenden Jahrzehnten unter der anhaltenden Verfolgung durch die Kirche vollends aus.

Literatur[Bearbeiten]

  • Matthias Benad: Domus und Religion in Montaillou. Katholische Kirche und Katharismus im Überlebenskampf der Familie des Pfarrers Petrus Clerici am Anfang des 14. Jahrhunderts. Tübingen 1990 (Habilitation, Universität Frankfurt/M. 1987).
  • Henri Gougaud: Die Verwandlungen des Bélibaste. Die Lebensgeschichte des letzten Katharers. Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Ilse Winter. Bad Münstereifel und Trilla: edition Tramontane, 1988.
  • Gauthier Langlois: Note sur quelques documents inédits concernant le parfait Guilhem Bélibaste et sa famille. In: Heresis, Bd. 25 (1995), S. 130-134. - Ders.: Bélibaste, l’imparfait. In: Pays Cathare, 1. Jg. (Dezemberheft 1997), S. 70f.
  • Emmanuel Le Roy Ladurie [Hrsg.]: Histoire et religiosité d'une communauté villageoise au Moyen Âge. Actes du colloque de Montaillou, 25-26-27 Août 2000 (Ergebnisband einer Tagung vom 25.-27. August 2000). L'Hydre, Castelnaud la Chapelle 2001.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Anne Brenon: Pèire Autier : (1245 - 1310) ; le dernier des cathares. Paris 2006.
  2. Als Perfectus (Plural Perfecti, lat. für ‚Vollkommene‘) bezeichnete man einen Asketenpriester der Katharer.
  3. Jean Duvernoy gibt die Zahl der verbrannten katharischen Asketen (perfecti) zwischen 1308 und 1321 mit insgesamt 25 an (Histoire des Cathares, S. 332; die Angabe referiert Jörg Oberste in: Der Kreuzzug gegen die Albigenser. Ketzerei und Machtpolitik im Mittelalter. Darmstadt 2003, S. 201 u. Anm. 2).
  4. Vgl. Gerd Schwerhoff: Gott und die Welt herausfordern. Theologische Konstruktion, rechtliche Bekämpfung und soziale Praxis der Blasphemie vom 13. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Habilitationsschrift, vorgelegt im November 1996, korrigierte und gekürzte Online-Fassung. Universität Bielefeld 2004. S. 40 u. Anm. 121.

Weblinks[Bearbeiten]