Äraname

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Der Äraname, von Sinologen eher als Regierungsdevise,[1] bezeichnet, diente zu monarchistischen Zeiten in China, Korea, Japan und Vietnam zur Jahresbestimmung durch den jeweiligen Herrscher. Das Jahr wurde gemeinhin mit diesem Äranamen benannt. So nutzten die chinesischen Kaiser zwei Jahrtausende lang dieses System, und in Japan ist es immer noch gebräuchlich. Manche Ären währten nur ein Jahr, andere mehrere Jahrzehnte. Diese wurden dann nummeriert, um die Reihenfolge der einzelnen Jahre zu erhalten. Wenn ein Herrscher seine gesamte Regierung unter einem Äranamen führte, wurde sein postumer Titel oft nach diesem Namen gebildet. Viele Herrscher sind auch unter ihrem Tempelnamen bekannt.

Äranamen in China[Bearbeiten]

Der chinesische Äraname (chinesisch 年號 / 年号Pinyin Niánhào) gibt als Regierungsperiode oder Herrschaftstitel die Jahreszählung in der Regierung eines Herrschers an und wird auch zur Benennung gewisser chinesischer Kaiser herangezogen (Dynastien Ming und Qing). Manche Kaiser riefen mehrere Ären aus, andere nur eine. Jede neue Ära begann mit dem Jahr 1 (chinesisch Pinyin Yuán). Ursprünglich war der Äraname eine Regierungsdevise, die der Kaiser proklamierte.

Geschichte und Anwendung[Bearbeiten]

Wenn der Kaiser den Thron bestieg, wählte er einen Thronnamen (ähnlich dem Papstnamen). Der Zeitraum vom Zeitpunkt der Thronbesteigung bis zum Ende des Kalenderjahres (nach dem Mond beziehungsweise der Sonne) galt als erstes Jahr seiner Regierung. Grundsätzlich endete die Ära mit dem Tod oder der Abdankung des Kaisers, und mit seinem Nachfolger begann eine neue Ära.

Kaiser Wu von Han war der erste Kaiser, der Äranamen im eigentlichen Sinne ausrief. Er war der Erste, der während all seiner Regierungsjahre Äranamen führte. Auch seine Vorgänger Wen und Jing hatten schon Äranamen verwendet, allerdings nicht durchgehend. Kaiser Wu rief etwa alle fünf Jahre eine neue Ära aus und starb in seiner elften Ära im Jahr 87 v. Chr.

Jeder Äraname hat eine gewisse programmatische Bedeutung. Die erste Ära des Kaisers Wu trug beispielsweise den Namen Jiànyuán (建元; etwa: „das Erste einrichten“). Meist sollten die Äranamen die politische, militärische oder wirtschaftliche Richtung widerspiegeln. Kaiser Huizong von Song verkündete nach seiner Thronbesteigung die Ära Jiànzhōngjìngguó (建中靖國 / 建中靖国; etwa „ein glückliches Mittel einrichten und das Land säubern“), die seinem Bestreben, die Reformströmungen der konservativen und progressiven Parteiungen am Hofe zu mäßigen, Ausdruck verleihen sollte. Der erste Äraname der Qing-Dynastie sollte die Legitimität der Nachfolge aufzeigen: „Die Mandschu haben das Mandat des Himmels.“

In der traditionellen chinesischen Geschichtsschreibung wird das Ausrufen des ersten Äranamens Jiànyuán genannt. Wenn ein Kaiser eine neue Ära ausrief, die eine alte ablöste, hieß dies Gǎiyuán (改元), „den Ersten ändern“.

Um anhand der Äranamen ein Jahr zu bestimmen, muss man nur die Jahre seit der Ausrufung der Ära zählen. So ist das dritte Jahr der Ära Jiànyuán unser Jahr 138 v. Chr., das erste Jahr unser Jahr 140 v. Chr. Wurde ein Äraname von unterschiedlichen Herrschern und Dynastien verwendet, musste der Name des Herrschers oder der Dynastie mitgenannt werden. So riefen sowohl Kaiser Wu von Han als auch Kaiser Kang von Jin die Ära Jiànyuán aus. Jiànyuán 2 der Jin-Dynastie ist unser Jahr 344 n. Chr., Jiànyuán 2 der Han-Dynastie unser Jahr 139 v. Chr.

Fast alle Äranamen bestanden aus zwei Zeichen. Eine besondere Ausnahme bilden die Äranamen der Westlichen Xia, von denen ein Fünftel aus mehr als drei Zeichen besteht. Durch Chinas großen kulturellen Einfluss in Ostasien setzte sich der Gebrauch von Äranamen auch in Japan, Korea und Vietnam durch.

Der Äraname war ein Symbol der kaiserlichen Macht. Der Kaiser sah im Äranamen einen Ausdruck seiner Überzeugung, rechtmäßiger Herrscher zu sein. Das Ausrufen einer neuen Ära während der Regierungszeit eines Kaisers wurde als Beweis großer Willensstärke angesehen. Wenn dagegen zur selben Zeit mehr als eine Ära galt, war dies ein Zeichen für politische Unruhe. Dadurch wurde die Arbeit der Geschichtsschreiber manchmal kompliziert.

Vor der chinesischen Republik konnte eine Ära nur vom Kaiser ausgerufen werden. Die Republik China wird als Ära mit der Dauer 1912–1949 angesehen und gilt noch heute in Taiwan. Die Volksrepublik China hob den Gebrauch der Äranamen auf und führte mit ihrer Gründung im Jahr 1949 die christliche Zeitrechnung ein.

Heutige Sichtweise[Bearbeiten]

Heute, im Zeitalter der Globalisierung, gerät das chinesische Ärasystem als Teil der chinesischen Kultur in der Gesellschaft und im Alltag der Republik China in Konflikt mit der „westlichen Welt“. Während das Volk der Republik China (und Japans) die geläufigen Äranamen verwendet und diese auch als Einziges von der Regierung anerkannt werden, verkehrt die Regierung mit fremden Nationen in der christlichen Zeitrechnung.

Doch auch in nicht auswärtigen Angelegenheiten ergeben sich Probleme. Abgesehen von der komplizierten Einordnung derjenigen Japaner, die in einer früheren Ära geboren wurden, lässt sich der Schalttag am 29. Februar nur mühsam zurückverfolgen, und Fehler bei der Rückkonvertierung sind nicht ausgeschlossen. Sogar die Bezeichnung künftiger Jahre ist schwierig, weil beispielsweise der Tod des japanischen Tennō und damit der Wechsel der Ära in Japan nicht berechenbar ist.

Auch der Vorwurf des europäischen Kulturimperialismus spielt hierbei eine Rolle, da die christliche Zeitrechnung in religiöser Hinsicht mit der ostasiatischen Kultur nicht vereinbar ist. Durch die fortschreitende Globalisierung wird diese Sorge jedoch zunehmend ignoriert.

Moderne Historiker geben nicht mehr viel auf die überlieferten Äranamen und untersuchen an ihnen vor allem, welche Intention den Historiker bei der Abfassung seines Werkes leitete. Immerhin bieten die Äranamen noch immer Anhaltspunkte für markante historische Ereignisse. Die meisten chinesischen Wörterbücher enthalten eine zusammengefasste Liste der Äranamen. Ausführliche und indizierte Listen sind in Bibliotheken erhältlich.

Äranamen in Japan[Bearbeiten]

Hauptartikel: Nengō

Der japanische Äraname (jap. 年号, nengō; „Jahresname“) ist das in Japan übliche kalendarische Schema, das trotz seines Ursprungs in China weitgehend unabhängig vom chinesischen Kalender ist. Es ist (abgesehen von der Republik China) das einzige System von Äranamen, das noch in Gebrauch ist. Es gilt bei den japanischen Behörden vor der christlichen Zeitrechnung als verbindlich. Die nicht offiziell gebräuchliche Kurzform der Jahresbestimmung bestehen aus dem ersten Buchstaben der Rōmaji-Schreibung und dem Jahr.

Die japanischen Äranamen basieren auf den chinesischen und wurden im Jahr 645 n. Chr. unter Tennō Kōtoku (孝徳天皇) eingeführt. Der erste Äraname lautete Taika (大化) und war den Taika-Reformen gewidmet, die damals die politische Szene radikal veränderten. Obwohl der Gebrauch der nengō in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts unterbrochen wurde, wurde er im Jahr 701 wieder aufgenommen und besteht seitdem fort. Das gegenwärtige Nengō ist seit 1989 Heisei.

Äranamen in Korea[Bearbeiten]

Koreanische Schreibweise
koreanisches Alphabet: 연호
chinesische Schriftzeichen: 年號
Revidierte Romanisierung: Yeonho
McCune-Reischauer: Yŏnho

Die koreanischen Äranamen wurden von den Königreichen Silla, Goguryeo, Balhae, Taebong, Goryeo und Joseon und von Groß-Korea verwendet. Der erste Äraname Dan-gi wird in Korea auch sprichwörtlich für die alte Zivilisation in Korea verwendet.

Liste der koreanischen Äranamen
Name Zeitraum Herrscher, Bemerkungen
Gojoseon
Dan-gi (단기) 2333 v. Chr. Von 1952 bis 1961 in Südkorea Beginn der offiziellen Zeitrechnung.
Goguryeo
Es existierten vier weitere Äranamen der Könige von Goguryeo, die aber vermutlich wiederverwendet wurden.
Yeonsu (延壽/연수) 270–290 König Seocheon
Yeon-ga (延嘉/연가) 292–300 König Bongsang
Yeonsu (延壽/연수) 331–371 König Gogugwon
Yeongnak (永樂/영락) 391–413 König Gwangaeto der Große
Geonheung (建興/건흥) 413–491 König Jangsu der Große
Yeon-ga (延嘉/연가) 531–545 König Anwon
Yeonggang (永康/영강) 545–559 König Yangwon
Hamtong (咸通/함통) 618–642 König Yeongnyu
Silla
Geonwon (건원/建元) 536–551 Könige Beopheung und Jinheung
Gaeguk (개국/開國) 551–568 König Jinheung
Daechang (대창/大昌) 568–572 König Jinheung
Hongje (홍제/鴻濟) 572–584 Könige Jinheung, Jinji und Jinpyeong
Geonbok (건복/建福) 584–634 König Jinpyeong und Königin Seondeok
Inpyeong (인평/仁平) 634–648 Königinnen Seondok und Jindeok
Taehwa (태화/太和) 648–650 Königin Jindeok
Im Jahr 650 übernahm Silla die Äranamen der Tang-Dynastie in China.
Balhae
Die postumen Titel der Könige Dae Ijin und Dae Geonhwang sind unbekannt. Deshalb werden sie hier unter ihrem Geburtsnamen geführt.
Cheontong (天統/천통) 699–718 König Go
Inan (仁安/인안) 719–736 König Mu
Daeheung (大興/대흥) 737–792 König Mun
Jungheung (中興/중흥) 794 König Seong
Jeongnyeok (正曆/정력) 795–808 König Gang
Yeongdeok (永德/영덕) 809–812 König Jeong
Jujak (朱雀/주작) 813–817 König Hui
Taesi (太始/태시) 817–818 König Gan
Geonheung (建興/건흥) 818–820 König Seon
Hamhwa (咸和/함화) 830–858 König Dae Ijin
Geonhwang (虔晃/건황) 858–926 König Dae Geonhwang
Taebong
Die Äranamen dieser Zeit stammen aus der Regierung des Königs Gung-ye (901–918).
Mutae (武泰/무태) 904–905  
Seongchaek (聖冊/성책) 905–910  
Sudeok Manse (水德萬歲/수덕만세) 911–914  
Jeonggae (政開/정개) 914–918  
Goreyo
Cheonsu (天授/천수) 918–933 König Taejo
Gwangdeok (光德/광덕) 950–951 König Gwangjong
Junpung (峻豊/준풍) 960–963 König Gwangjong
Joseon
Gaeguk (開國/개국) 1894–1897 König Gojong
Geonyang (建陽/건양) 1895–1896 König Gojong
Groß-Korea
Gwangmu (광무/光武) 1897–1907 Kaiser Gojong
Yunghui (융희/隆熙) 1907–1910 Kaiser Sunjong

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. U. Theobald, S. 6, sowie Birgit Kremer, Die „chinesische Taschenuhr”, Anm. 2

Literatur und Weblinks[Bearbeiten]