Éric Vuillard

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Eric Vuillard (2014)

Éric Vuillard (* 4. Mai 1968 in Lyon, Frankreich) ist ein französischer Autor und Filmemacher, der 2017 den Prix Goncourt gewonnen hat.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Éric Vuillard wurde während der Revolte vom Mai 1968 in Lyon geboren. Seine Familie stammt aus der Franche-Comté nahe Lons-le-Saunier. Er berichtet, dass ihm seine Mutter vom Balkon aus auf den Barrikaden seinen Vater zeigte. Vuillard besucht verschiedene Schulen bis sein Vater, ein Chirurg, beschließt, in einem verlassenen Bergdorf zu leben. Vuillard packt als Jugendlicher Villon und Rimbaud in seinen Rucksack und reist nach Spanien und Portugal. Er kehrt zurück, erlangt die Hochschulreife und besucht die Universität, wo er Recht, Politikwissenschaft, Philosophie, Anthropologie und Geschichte unter der Leitung von Jacques Derrida an der EHESS studiert. Nach seinem Abschluss geht er nach Rom. Er schreibt viel. Mit 31 Jahren veröffentlicht er seinen ersten Text. Er geht wieder auf Reisen, diesmal nach Mexiko und Peru. Conquistadors erscheint im Jahr 2009, ein großes Epos, für das er mehrfach ausgezeichnet wird. Er zieht mit seiner Frau nach Rennes in die Bretagne.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Éric Vuillard veröffentlichte seinen ersten Band mit Erzählungen im Jahre 1999, dem bis heute mehrere Poesiewerke, Romane und weitere Erzählungen folgten. Der Autor ist bekannt für seine Methode, Geschichte in kurzen Momenten zu kondensieren und neu zu erzählen.[1] So erzählte er in Conquistadors (2009) von der Eroberung des Inkareichs in Perus Anden durch Pizarro, in Congo (2012) von der Berliner Kongokonferenz (1884–1885)[2][3][4], in Tristesse de la terre (2014) von Buffalo Bill und dem Wilden Westen[5][6] und in 14 juillet (2016) von der Französischen Revolution. Im deutschsprachigen Raum wurde Vuillard insbesondere durch La Bataille d’Occident (2012) bekannt, das 2014 in Deutschland unter dem Titel Ballade vom Abendland erschien und den Ersten Weltkrieg thematisiert. Dabei werden die historisch bekannten Details zu Teilen in einem Puzzle, das neue Zugänge eröffnet. Mit atemberaubenden, musikalisch-poetisch komponierten Assoziationen verbindet Vuillard die große Politik mit dem Elend der Schützengräben.[7]

2017 erhielt Vuillard für L’ordre du jour (dt.: Die Tagesordnung) den Prix Goncourt zuerkannt. In dem Buch schildert er das Geheimtreffen Adolf Hitlers am 20. Februar 1933 mit Vertretern der deutschen Großindustrie, sowie den Anschluss Österreichs 1938 und rückt willfährige Politiker wie Kurt Schuschnigg in den Mittelpunkt.[1][8]

Neben der Arbeit als Schriftsteller schrieb Vuillard am Drehbuch zum Spielfilm Verraten und verkauft (2002) von Philippe Grandrieux mit. 2009 übernahm er Regie und Drehbuch an dem Spielfilm Mateo Falcone mit Hiam Abbass, nach der gleichnamigen Erzählung von Prosper Mérimée.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der kongolesische Choreograph und Regisseur Faustin Linyekula hat Vuillards Text Congo für sein Stück adaptiert und 2019 bei der Ruhrtriennale aufgeführt.[9]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zeitschrift Psychotherapie im Dialog schreibt unter der Rubrik Lesenswert: Das auffälligste Mittel in der Literatur der Verknappung ist das Genre der Novelle. Und wie kein Zweiter stellte der Autor Stefan Zweig – besonders in den „Sternstunden der Menschheit“ – eine einzigartige Sammlung solcher verknappten Weltereignisse zusammen. Das Werk blieb lange unübertroffen. Aber seit geraumer Zeit gibt es einen legitimen Nachfolger dieser Kunst des Erzählens und der heißt Éric Vuillard.[10]

Ob „die Geschichte … vor dem Spektakel in die Knie“ geht, fragt sich Thomas Lang zusammen mit Vuillard und kommt zu dem Schluss: Um dieses Problem kreisen in gewisser Hinsicht Vuillards Bücher. Mehr als ein Wortspektakel vermag auch er nicht aus dem überlieferten Material zu machen. So gesehen ist er selbst ein Buffalo Bill der Literatur – ein Nachinszenierer, Beleuchter, Bebilderer. Allerdings bietet er uns an, mit ihm über sein Material nachzudenken, und die Aussicht besteht, dass er sich nicht wie der alte Amerikaner in seine eigene Version der Geschichte verirrt.[11]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2010: Prix de l'inaperçu für den Roman Conquistadors.
  • 2012: Franz-Hessel-Preis[12]
  • 2013: Prix Valery-Larbaud für Kongo und Ballade vom Abendland[13]
  • 2017: Prix Goncourt für L’ordre du jour
  • 2017: Prix Alexandre-Vialatte

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2002: Verraten und verkauft (Originaltitel: La Vie nouvelle, Drehbuch)
  • 2006: L'Homme qui marche (Regie und Drehbuch)
  • 2009: Mateo Falcone (Regie und Drehbuch)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Éric Vuillard – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Dirk Fuhrig: Wichtigster französischer LiteraturpreisWer gewinnt den Prix Goncourt?, deutschlandfunkkultur.de, 6. November 2017, abgerufen am 6. November 2017.
  2. Deutschlandfunk 25. Mai 2015: Erzählung. Als Europa Afrika unter sich aufteilte
  3. Deutschlandfunk 26. Februar 2010: Auf Kosten Afrikas
  4. Neue Zürcher Zeitung 24. Juni 2015: Rhapsodie in Schwarz
  5. Bayerischer Rundfunk 11. Juli 2017: "Traurigkeit der Erde". Éric Vuillard über Buffalo Bill Cody (Memento vom 30. März 2018 im Internet Archive)
  6. literaturkritik.de 17. Oktober 2017: How the West Was Won. In „Traurigkeit der Erde“ thematisiert Éric Vuillard die massentaugliche Inszenierung des Genozids an den nordamerikanischen Indianern
  7. literaturkritik.de 18. Juli 2014: Der letzte Spaziergang auf dem Chemin des Dames. Éric Vuillard hat mit seiner „Ballade vom Abendland“ eine faszinierende Rhapsodie über den Ersten Weltkrieg geschrieben
  8. Deutschlandfunk 29. März 2018: Éric Vuillard "Die Tagesordnung". Was Hitler stark machte
  9. Anne Horstmeier: Congo: Eine Erzählung von Kummer und Wut in Duisburg. waz, 29. August 2019, abgerufen am 1. September 2019.
  10. Éric Vuillard: Die Tagesordnung. „Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.“ Psychotherapie im Dialog 04/2018, 18. April 2018, abgerufen am 10. September 2019.
  11. Das Schauspiel der Geschichte. Volltext, 8. Mai 2019, abgerufen am 10. September 2019.
  12. Zwei Vertiefer. Franz-Hessel-Preis verliehen, FAZ, 22. Januar 2013, S. 32
  13. Prix Valery-Larbaud auf ville-vichy.fr
  14. Denis in der Übersetzer-Datenbank, Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke, VdÜ, 2019
  15. Andreas Kilb: Warum können Deutsche das nicht? FAZ, 5. April 2014, S. 13. Auch als E-Book