Ruhrtriennale

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Symbol der Ruhrtriennale an der Jahrhunderthalle in Bochum

Die Ruhrtriennale ist ein seit 2002 stattfindendes internationales Festival für Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Performance, Konzerte und Bildende Kunst im Ruhrgebiet. Sie findet jährlich im August und September unter einer alle drei Jahre wechselnden Intendanz statt.

Spielstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schauplätze der Ruhrtriennale sind die Industriedenkmäler der Region, die größtenteils während der Internationalen Bauausstellung Emscher Park von 1989 bis 1999 in Aufführungsorte für Musik, Theater, Literatur und Film, Bildende Kunst, Tanz und Performance verwandelt wurden. Im Zentrum stehen spartenübergreifende neue Produktionen, Uraufführungen und Neuinszenierungen, die die Besonderheiten der jeweiligen Spielstätten aufgreifen: Schauspiel und Musiktheater verbinden sich in ehemaligen Maschinenhallen und Kokereien mit gegenwärtigen Entwicklungen in der Bildenden Kunst, der Pop- und Konzertmusik. Die Jahrhunderthalle in Bochum mit der angrenzenden Turbinenhalle und dem Dampfgebläsehaus bildet das Zentrum der Ruhrtriennale.

Die Jahrhunderthalle in Bochum

Weitere Spielstätten sind unter anderem:

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründungsintendant war der belgische Opern- und Theaterintendant Gerard Mortier. Er hatte die Position des Intendanten von 2002 bis 2004 inne.

Zwischen 2005 und 2007 fand die Ruhrtriennale unter der künstlerischen Leitung des deutschen Regisseurs und Intendanten Jürgen Flimm statt. Verbindendes Thema seiner ersten Spielzeit war der Zusammenhang von Industrialisierung und Romantik[1]. Auch im zweiten und dritten Jahr bildeten Epochen thematische Schwerpunkte: 2006 stand der Mensch des Barock im Zentrum[2], das Programm im Jahr 2007 beschäftigte sich mit dem Mittelalter[3].

Nach dem Tod der designierten Intendantin Marie Zimmermann im April 2007 erklärte sich Jürgen Flimm bereit, zusammen mit Jürgen Krings auch die Spielzeit 2008 zu leiten. Marie Zimmermanns Beschäftigung mit dem „Fremden“ war daher auch das Leitmotiv: „Aus der Fremde“[4].

Der deutsche Opernregisseur Willy Decker trat im Jahr 2009 die Nachfolge an. Unter seiner Leitung erforschte die Ruhrtriennale in den drei Spielzeiten die Beziehung von Kunst und Kreativität einerseits und Religion andererseits. Im Jahr 2009 richtete sich dabei der Blick auf den jüdischen Kulturkreis[5], 2010 auf die islamische[6] und schließlich 2011 auf die buddhistische Kultur[7].

Intendant der Ruhrtriennale 2012 bis 2014 war der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels[8], der vor allem durch Kompositionen und Inszenierungen im Bereich Musiktheater bekannt ist. Unter seiner Leitung führte die Ruhrtriennale den Untertitel International Festival of the Arts ein mit einer Akzentuierung auf die Bildende Kunst[9].

Für die Ruhrtriennale 2015 bis 2017 übernahm der niederländische Regisseur und Theaterintendant Johan Simons die Intendanz.[10] Er formulierte als eine seiner Programmatiken, „[...] mit allen unseren Kräften die Annäherung an die Bewohner des Ruhrgebiets [zu] suchen, an die Arbeitenden und an die Arbeitslosen.“[11]

Intendantin der Ruhrtriennale 2018 bis 2020 war die Dramaturgin Stefanie Carp, unterstützt durch den Schweizer Regisseur und Musiker Christoph Marthaler als „artiste associé“[12]. Um den ursprünglich vorgesehenen Auftritt von Achille Mbembe auf der Ruhrtriennale 2020 gab es zunächst eine Kontroverse; Mbembe wurden antisemitischer Äußerungen vorgeworfen. Wegen der COVID-19-Pandemie wurde der Auftritt schließlich abgesagt.[13][14][15]

Intendantin der Ruhrtriennale 2021 bis 2023 ist die Schweizer Regisseurin Barbara Frey.[16]

Intendanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ruhrtriennale findet seit 2002 unter einer alle drei Jahre wechselnden künstlerischen Leitung statt[17].

  1. Gerard Mortier (2002–2004)
  2. Jürgen Flimm (2005–2007, verlängert bis 2008 nach dem Tod der designierten Intendantin Marie Zimmermann)
  3. Willy Decker (2009–2011)
  4. Heiner Goebbels (2012–2014)
  5. Johan Simons (2015–2017)
  6. Stefanie Carp (2018–2020)
  7. Barbara Frey (2021–2023)[18]

Künstler:innen und Reihen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruhrtriennale 2018. –te.
Mariano Pensotti

Von 2003 bis 2010 fand die Konzertreihe Century of Song statt, in der sich internationale Songwriter mit den Traditionen des popular song auseinandersetzten. Nach acht Spielzeiten unter der Leitung von Thomas Wördehoff kam es 2010 zu einer konzeptionellen Veränderung: Der Titel blieb erhalten, aber die inhaltliche Ausrichtung rückte stärker an die Themenkreise heran, die das Festivalgeschehen jeweils bestimmen. Neuer Kurator der Konzertreihe war Christoph Gurk, bevor die Reihe 2011 eingestellt wurde. Auch ab 2012 fanden weiterhin Konzerte statt, die allerdings nicht mehr unter dem Titel Century of Song stehen.[19]

Einige Produktionen der Ruhrtriennale waren international zu sehen:

David Pountneys Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten war 2008 in New York zu sehen.

Im Januar 2009 war an der Opéra de Lyon Willy Deckers Inszenierung von Le vin herbé von Frank Martin zu sehen, mit der 2007 die Ruhrtriennale eröffnet worden war.

Christoph Schlingensiefs Fluxus-Oratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir aus dem Jahr 2008 eröffnete am 1. Mai 2009 das Berliner Theatertreffen. Außerdem gastierte diese Produktion beim Holland Festival in Amsterdam im Juni 2009.

Seit 2012 wird verstärkt Wert darauf gelegt, Eigenproduktionen der Ruhrtriennale auch an anderen Orten zu zeigen. Unter dem Titel Tourtriennale werden einige Produktionen der Spielzeiten 2012 und 2013 international gezeigt.

Höhepunkte der Ruhrtriennale (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr Produktion Mitwirkende Genre
2021 Bählamms Fest Regie: Dead Centre, Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Komposition: Olga Neuwirth, Libretto: Elfriede Jelinek Musiktheater
2021 D • I • E Regie: Anika Rutkofsky, Musikalische Leitung: Titus Engel, Komposition: Michael Wertmüller, Bild: Albert Oehlen, Text: Rainald Goetz Musiktheater
2019 Nach den letzten Tagen Regie: Christoph Marthaler, Musikalische Leitung: Ulrich Fussenegger, Texte und Komposition: Stefanie Carp Musiktheater
2018 Universe, Incomplete Regie: Christoph Marthaler, Musikalische Leitung: Titus Engel Musiktheater
2017 Pelléas et Mélisande Regie: Krzysztof Warlikowski, Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Komposition: Claude Debussy Musiktheater
2016 Urban Prayers Ruhr Regie: Johan Simons, Musikalische Leitung: Florian Helgath, Konzept und künstlerische Leitung: Björn Bicker, Malte Jelden Schauspiel
2015 Accattone Regie: Johan Simons, Musikalische Leitung: Philippe Herreweghe / Christoph Siebert, Komposition: Johann Sebastian Bach Musiktheater
2014 De Materie Regie: Heiner Goebbels, Musikalische Leitung: Peter Rundel, Komposition: Louis Andriessen Musiktheater
2013 Delusion of the Fury Regie: Heiner Goebbels, Komposition: Harry Partch Musiktheater
2008 Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir Regie: Christoph Schlingensief, Dramaturgie: Carl Hegemann Fluxus-Oratorium
2006 Die Soldaten Regie: David Pountney, Musikalische Leitung: Steven Sloane, Komposition: Bernd Alois Zimmermann Oper

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Träger der Ruhrtriennale ist die Kultur Ruhr GmbH mit Sitz in Bochum, deren Gesellschafter das Land Nordrhein-Westfalen und der Regionalverband Ruhr sind. Die Kulturstiftung des Bundes und die Kunststiftung NRW fördern darüber hinaus zahlreiche Einzelproduktionen. Die drei weiteren Programmsäulen der Kultur Ruhr GmbH, das Chorwerk Ruhr, die Tanzlandschaft Ruhr und Urbane Künste Ruhr[20], liefern neben ihrer eigentlichen programmatischen Arbeit einen regelmäßigen künstlerischen Beitrag zur Ruhrtriennale. Der Jahresetat beträgt rund 14 Millionen Euro und wird zum großen Teil vom Land Nordrhein-Westfalen bezahlt.[16]

Unter der Intendanz von Jürgen Flimm wurde ein Kuratorium eingerichtet, dem unter anderem Alfred Biolek, Dieter Gorny und Michael Vesper angehören. Seit 2005 engagiert sich unter der Leitung von Michael Vesper der 2005 gegründete Verein der Freunde und Förderer der Ruhrtriennale für die ideelle und materielle Unterstützung des Festivals.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Guido Hiß, Robin Junicke, Monika Woitas, Sarah Heppekausen (Hrsg.): Das Theater der Ruhrtriennale. Die ersten sechzehn Jahre. In: Scripta scenica. Bochumer Beiträge zur Theaterforschung. Band-Nr. 1, 2018, ISBN 978-3-7455-1008-9.
  • Johan Simons, Lukas Crepaz, Vasco Boenisch, Kultur Ruhr GmbH/Ruhrtriennale (Hrsg.): BUDE BETT BARGELD Junge Fotografie: Ruhrtriennale 2016. Meisterkurs Daniel Josefsohn. Distanz Verlag, Berlin 2016, ISBN 0: 3954761580.
  • Johan Simons, Lukas Crepaz, Vasco Boenisch, Kultur Ruhr GmbH/Ruhrtriennale (Hrsg.): Licht unserer Tage – Junge Fotografie: Ruhrtriennale 2016. Meisterkurs Julian Röder. Distanz Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-95476-158-6.
  • Diedrich Diederichsen: Das Steampunktdisneyland an der Ruhr. Heiner Goebbels letzte RuhrTriennale denkt das Musiktheater neu. In: Theater heute. 55. Jahrgang, Oktober 2014, ISSN 0040-5507, S. 6–11.
  • Schranz, Christine: Von der Dampf- zur Nebelmaschine. Szenografische Strategien zur Vergegenwärtigung von Industriegeschichte am Beispiel der Ruhrtriennale. transcript Verlag, Bielefeld Februar 2014, ISBN 978-3-8376-2693-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ruhrtriennale – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  2. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  3. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  4. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  5. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  6. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  7. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  8. Kulturministerin Ute Schäfer: Prof. Heiner Goebbels wird Intendant der Ruhrtriennale für die Spielzeit 2012 bis 2014 | Das Landesportal Wir in NRW. 24. September 2010, abgerufen am 16. Juli 2021.
  9. Ruhrtriennale-Archiv. Abgerufen am 16. Juli 2021.
  10. ruhrtriennale.de: Johan Simons wird Intendant der Ruhrtriennale 2015–2017. (Nicht mehr online verfügbar.) 27. Mai 2013, archiviert vom Original am 29. Oktober 2013; abgerufen am 20. August 2015.
  11. Grußwort Johan Simons. 21. Februar 2015, abgerufen am 16. Juli 2021.
  12. ruhrtriennale.de: Stefanie Carp wird Intendantin der Ruhrtriennale 2018–2020 mit Christoph Marthaler als Chef-Regisseur. 17. Mai 2016 (ruhrtriennale.de [abgerufen am 15. November 2017]).
  13. SZ vom 1. Mai 2020: "Kampagne"sueddeutsche.de
  14. Aufruf an Bundesminister Seehofer, dropbox.com, 30. April 2020.
  15. Aufruf: Solidarität mit Achille Mbembe (PDF) auf dropbox.com, 1. Mai 2020.
  16. a b Ruhrtriennale: Barbara Frey wird neue Intendantin. 3. Juli 2019, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 3. Juli 2019]).
  17. MIR MEDIA-Digital Agency- www.mir.de: Über die Ruhrtriennale. Abgerufen am 12. Januar 2022.
  18. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen Pressemitteilung vom 3. Juli 2019: Barbara Frey wird Intendantin der Ruhrtriennale für die Spielzeiten 2021 bis 2023. abgerufen am 7. Juli 2019.
  19. Max Kühlem: Ruhrtriennale: im Gespräch mit Heiner Goebbels. 23. Juli 2012, abgerufen am 16. Juli 2021.
  20. "Großer Gewinn für Nordrhein-Westfalen" | MFKJKS. Abgerufen am 11. Januar 2022.