Achondroplasie

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Klassifikation nach ICD-10
Q77 Osteochondrodysplasie mit Wachstumsstörungen der Röhrenknochen und der Wirbelsäule
Q77.4 Achondroplasie
ICD-10 online (WHO-Version 2016)
Das „Dackelpferd“ im Circus Busch und ein Artist um 1906

Die Achondroplasie (auch Chondrodysplasie oder Chondrodystrophia fetalis genannt) ist eine bei vielen Säugetieren – so auch beim Menschen – häufige Mutation, welche das Wachstum des Skelettsystems betrifft. Sie wird in geringerem Teil autosomal-dominant vererbt (ca. 20 %), entsteht zu weit größerem Teil aber durch Neumutation. Die Lebenserwartung und die Intelligenz sind nicht beeinträchtigt.

Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Achondroplasie ist die häufigste Form des genetisch bedingten Kleinwuchses. Sie tritt mit einer Inzidenz von 1 auf 20.000 Geburten auf.[1]

Röntgenbild Stehaufnahme der Hüften und Beine eines 10-jährigen Jungen mit Achondroplasie. (Die Hoden sind durch eine Bleitasche vor der mutagenen Röntgenstrahlung geschützt.)

Ursache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Achondroplasie ist das Resultat einer Punktmutation im Fibroblasten Wachstumsfaktor-Rezeptor Gen FGFR-3 (englisch: fibroblast growth factor receptor 3). Diese autosomal dominante Mutation führt zu einer Störung der Knorpelbildung; die Knochenwachstumszone (Epiphysenfuge) wird verfrüht verknöchert, was zur Einschränkung des Längenwachstums vor allem der Arme und Beine (Extremitäten) führt (enchondrale Ossifikation).

Etwa 80 % der Fälle sind durch Neumutationen bedingt. Ursächlich liegt in 96 % der Fälle eine G(1138)A Punktmutation im FGFR-3 Gen vor. Dadurch kommt es zu einem Aminosäureaustausch in Position 380 des Proteins (Glycin zu Arginin). In 3 % der Fälle lässt sich eine G(1138)C Punktmutation nachweisen, welche ebenfalls einen Glycin zu Arginin Austausch zur Folge hat. Embryos mit homozygoter Mutation (sowohl die väterliche als auch die mütterliche Variante des Gens sind verändert) sind nicht lebensfähig und sterben bereits im Mutterleib (intrauterin).

Allgemeine Symptome der Mutation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Achondroplasie führt zu einem disproportionierten Kleinwuchs. Da die unübliche Knorpelbildung insbesondere in den Röhrenknochen eine regelgerechte Entwicklung nicht möglich werden lässt, sind stark verkürzte Extremitäten bei normaler Rumpfgröße charakteristisch. Das Längenwachstum ist bei dagegen nahezu normalem Dickenwachstum gestört.

Weitere Symptome bei betroffenen Menschen sind:

Aufgrund ihres relativ langen Rumpfes haben von Achondroplasie betroffene Menschen eine fast normale Sitzhöhe. Ausgewachsen erreichen sie eine Körpergröße zwischen 120 und 148 cm.

Diagnose und Differentialdiagnose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klinisch zur Abgrenzung gegenüber Hypochondroplasie und Pseudoachondroplasie sind wichtige Aspekte der große Kopf mit Balkonstirn und flacher Nase, Prognathie.

Radiologische Kriterien sind:

  • Verbreiterte Metaphysen bei normalen Epiphysen
  • Überproportional verkürzter Humerus und Femur
  • Schmales Kreuzbein, breite Beckenschaufel mit horizontalem und breitem Pfannendach
  • Verschmälerter Abstand der Bogenwurzeln nach kaudal zunehmend, verkürzte Pedikel mit eventueller Spinalstenose, keilförmige Deformierung der Wirbelkörper
  • Brachydaktylie mit Dreizackhand[2]

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Therapie orientiert sich an den Symptomen. Bei funktionellen Behinderungen durch die Beinachsen- und Wirbelsäulenstellung sowie bei beginnenden Lähmungen können dekomprimierende und stabilisierende Eingriffe an der Wirbelsäule vorgenommen werden.

Derzeit befinden sich zwei Wirkstoffe in klinischen Studien zur Behandlung von Achondroplasie. Die Firma BioMarin Pharmaceutical Inc. entwickelt ein CNP Analogon (benannt Vosoritide) welches in die Wirkkaskade des FGFR3 Rezeptors eingreift und eine erhöhte Teilungsrate der Knorpelzellen zur Folge hat.[3] Die Firma BioClin Therapeutics, Inc. entwickelt einen FGFR3 Antikörper sowohl zur Behandlung von Blasenkrebs als auch zur Anwendung bei Achondroplasie.[4][5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • W. Schuster, D. Färber (Hrsg.): Kinderradiologie. Bildgebende Diagnostik. Springer, 1996, ISBN 3-540-60224-0.
  • J. W. Spranger: Bone Dysplasias. Urban & Fischer, 2002, ISBN 3-437-21430-6.

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernhard Zabel: FGFR3-Mutationen als Ursache von Skelettdysplasien der Achondroplasie-Gruppe. In: Klaus Mohnike u. a.: Achondroplasie und Hypochondroplasie. 2. Auflage. ABW Wissenschaftsverlag, 2013, ISBN 978-3-940615-41-1, S. 3.
  2. F. Hefti: Kinderorthopädie in der Praxis. Springer, 1998, ISBN 3-540-61480-X, S. 651.
  3. BioMarin Pharmaceutical BMN-111 phase-II results | Biotechnology Events. In: www.biotechnologyevents.com. Abgerufen am 20. April 2016.
  4. BioClin Therapeutics, Inc.: BioClin Therapeutics Initiates Phase 2 Clinical Trial Evaluating B-701 for Treatment of Urothelial Cell Carcinoma. In: www.prnewswire.com. Abgerufen am 20. April 2016.
  5. Science | BioClin Therapeutics. In: www.bioclintherapeutics.com. Abgerufen am 20. April 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Achondroplasia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Achondroplasie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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